Zwölf Monate Rosen und Schornsteine – Juni

Denk an die Rosen, höre ich dich leise flüstern und nicke. Natürlich denke ich an die Rosen. Hier oben auf dem Tisch vor unserer Hütte standen sie. Es war der größte Blumenstrauß den man mir je schenkte und auch der seltsamste. Die prächtigen, blutroten, langstieligen Rosen passten nicht zu mir und der Maßkrug der als Vase diente, passte nicht zu den edlen Blumen. Dass es auch für dich nicht passte, war leicht zu erkennen. In deinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Irritation und Ärger. Das gemurmelte Idiot, ließ erahnen wer die Blumen auf den Tisch gestellt hatte. Weil ich immer behaupte, Blumen nur auf der Wiese zu mögen und mich doch über Sträuße freue, hattest du deinen Bruder gebeten, schon am Vortag einen zu besorgen und zur Hütte zu fahren. An diesem Geburtstag bekam ich zwei Blumensträuße. Dein Bruder fuhr für dich ohne mit der Wimper zu zucken eine Stunde über die Autobahn um einen Strauß Blumen im Wald abzustellen. Er nutzte aber ebenso gerne die Gelegenheit, dich seine Art von Humor spüren zu lassen. Neben den völlig übertriebenen Rosen, stand ein kleiner, wohl selbst gepflückter Strauß Wiesenblumen in einer hübschen, dezenten Vase. Daneben eine Karte: „Rosen sind für Anfänger. Alles Gute zum Geburtstag. Wenn er dir auf die Nerven geht, ruf mich an.“

Jedes Mal, an diesem Wochenende, wenn du an dem Blumensträußen vorbei gingst, zogst du die Stirn in Falten. Pfingstrosen, du hättest ihn um Pfingstrosen gebeten und nicht um diese scheußliche Perfektion. Nur selten habe ich dich nachtragender und ärgerlicher erlebt. Wenig brachte dich aus dem Konzept. Langstielige Rosen gehörten dazu.

Natürlich denke ich an die Rosen, sage ich in Gedanken zu dir und drehe mich zu dem Maßkrug um, der noch immer im Regal unserer Hütte steht. Ich mochte sie, versichere ich dir und kann mir ein Lachen nicht verkneifen, weil du weißt, dass ich sie tatsächlich nicht sonderlich schön fand. Dein Spiegelbild schüttelt den Kopf. Nicht die, sagt es, die im Rosengarten, und erinnert mich, dass ich diesmal dort kein Foto am letzten Sonntag im Monat machen kann. Stellvertretend vergrabe ich ein paar Olivenkerne auf der Waldlichtung. Nicht tief. Es ist zu heiß um zu graben. Um ehrlich zu sein, spucke ich sie einfach auf den Boden. Aber immerhin mache ich am letzten Sonntag des Monats etwas, um den Kreis zu schließen. Für die Fotos bin ich heute in den Rosengarten gegangen. Die Blütenpracht erschlägt mich etwas. Obwohl sie schön ist, gefallen mir die wilden und weniger akkuraten Ecken des Gartens besser. Zweifellos sind Rosen schön, mir aber ein bisschen zu prächtig.

Pfingstrosen, höre ich dich sagen, als ich die Fotos mache. Ich habe ihn um Pfingstrosen gebeten. Erst als ich lautlos bestätige, dass ich diese sehr gerne habe und sie eigentlich auch gar keine Rosen sind, verschwindet die Falte über deinen Augen. Dass ich Wiesenblumen besonders gern habe, erwähne ich lieber nicht.

 

Juni

Mai

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April

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März
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Februar
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Ende Juli wird der Rosengarten seinem Namen gerecht.

Das Zeilenende schrieb im Februar auf seinem Blog: „Zwölf Monate lang begleite ich ein Motiv. Es springt einmal im Monat vor die Kamera und lässt den Augenblick für die Ewigkeit gefrieren. Am letzten Sonntag im Monat werfe ich einen Blick auf das Bild: Was hat sich verändert, was bleibt gleich?“ und lädt zum  mitmachen ein.

Ich schulde einem, der es selbst nicht mehr sehen kann, die Fortsetzung einer Momentaufnahme.

Weiter Teilnehmer sind bei Zeilenende aufgelistet. Alles was ich bisher gesehen habe ist sehens-, lesens- und sogar hörenswert dank eingefügter Klangbilder.

21 Gedanken zu “Zwölf Monate Rosen und Schornsteine – Juni

  1. „Zweifellos sind Rosen schön, mir aber ein bisschen zu prächtig.“ – ich bin fast nicht mehr erstaunt, weitere von diesen kleinen, ein bisschen eigenartigen gemeinsamtkeiten zwischen uns zu finden. ich hatte am samstag pfingstrosen im brautstrauß, weil es keine ranunkeln gab und ich rosen halt einfach eben zu pompös finde.

    ich frage mich übrigens schon lange. wo ist denn sein bruder jetzt?

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    1. Wir haben wirklich den gleichen Geschmack. 🙂Ranunkeln finde ich nämlich auch sehr schön. Haben die Pfingstrosen auch noch geduftet? Ich hoffe ihr hattet einen ganz wunderschönen Tag. 😘

      Der Bruder meines Freundes war schwer krank und hat den Kampf leider verloren. Das war letztendlich der Auslöser für die Lebensmüdigkeit (das Wort beschreibt es recht gut) des anderen.

      Liebe Grüße an die Braut 💚

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      1. ja, die pfingstrosen haben toll geduftet und ja, wir hatten einen ganz wunderbaren tag ❤

        die schwere krankheite habe ich rausgelesen und auch, dass er es nicht geschafft hat 😦 dass es für den anderen so weitergegangen ist, schmerzt mich zu hören… ach 😦

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      2. das kann ich mir sehr gut vorstellen. es ist zwar etwas ganz anderes, aber als meine großmutter, die mir sehr nahestand, gestorben ist, hat mir das schreiben auch sehr geholfen.

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      3. So weit weg voneinander ist es gar nicht. Spätestens dann, wenn noch Dinge im Raum stehen, die nicht vollständig geklärt waren, ähnelt es sich. Ich erinnere mich an einen Text von dir in dem es um Erinnerungen ging. Anders, aber nicht weit weg :-*

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