Giesinger Tauschgeschäfte

„Woin´S a Zwetschgnrohrnudel?“, ob ich eine Zwetschgen Rohrnudeln wollen würde, fragte mich Herr Mu heute morgen an der Bushaltestelle. Weil ich bei dreißig Grad schon am frühen Morgen bei solchen Angeboten etwas misstrauisch bin, erkundigte ich mich, wie lange er die Zwetschgenrohrnudeln schon in den Tiefen seiner Tasche mit sich herumschleppte. Herrn Mu kann man so etwas fragen. Herr Mu ist nie beleidigt und grinste auch heute morgen. Ohne zu antworten, beugte er sich über die große Plastiktasche und teilte mir mit, dass ich gleich schlecken und juchzen würde. Die Zwetschgenrohrnudeln sein nämlich von der alten Huber. Ich kenne die alte Huber nicht, aber Zwetschgenrohrnudeln von alten Frauen sind eigentlich immer besser, als die vom Bäcker. Als Herr Mu sich wieder aufrichtete, war ich mir sogar sicher, dass die Rohrnudeln etwas besonders feines waren. Sie waren nämlich in Pergamentpapier eingeschlagen und nicht in eine lieblose Plastikdose geworfen worden. Ich nickte. Ja, so eine Zwetschgenrohrnudel nahm ich gerne. Herr Mu reichte mir eines der Prachtstücke und ich bot ihm einen Tausch an. Da er für mein Mittagessen gesorgt hatte, konnte ich ihm leicht das meine abtreten. Rohrnudel gegen Kichererbsensalat. Herr Mu verzog den Mund und schüttelte den Kopf. So etwas gesundes würde er nicht essen. Einen Mann wie Herrn Mu muss man aber nur lange genug ansehen und er knickt ein. Nach zwei Atemzügen nahm er meine lieblose Plastikdose und versprach, den Salat wenigstens einmal zu probieren. Die Dose verschwand in seiner Plastiktüte und mir fiel ein, dass ich vergessen hatte beim vietnamesischen Backshops eine Pfandflasche zurück zu geben. Eine Entscheidung die ich schnell bereute. Weiterlesen →

Alter egal – U-Bahn Gedanken

Obwohl es gestern erst den ganzen Tag geregnet hat, ist es heute schon wieder angenehm heiß. Zu heiß würden viele behaupten; angenehm italienisch warm, sage ich. Obwohl es in München im Sommer recht warm wird, gibt es nur wenige italienische Woche. Solche Wochen zeichnen sich nicht nur durch die Temperatur aus. Vielmehr erinnert sich an diesen Tagen die ganze Stadt, dass sie sich tief im Herzen dem Süden häufig verbundener fühlt als dem Norden. An solchen Tagen gehen die Münchner langsamer, schlendern mehr und bleiben noch lieber für ein Schwätzchen stehen. Die Münchnerinnen tragen schönere Kleider, höhere Schuhe und ein bisschen mehr Rouge auf den Wangen. Sie tun es, weil die Münchner Männer in jenen Tagen ihren Charme zusammen kratzen und häufiger anerkennend lächeln, wenn ein schönes Kleid an ihnen vorbei läuft. Und wenn die Münchnerin ein besonders großes Glück hat, dann trifft sie auf einen Italiener, der das ganze noch ein bisschen besser als der Münchner kann. Weiterlesen →

Fremde Männerknie – U-Bahn Gedanken

Wussten Sie, dass männliche Geschlechtsorgane gerade in der heißen Jahreszeit ordentlich viel Raum brauchen? Unter der Beinbekleidung und der hoffentlich vorhandenen Unterwäsche scheint es besonders im Sitzen schnell unangenehm warm zu werden. Hilfreich ist dann das weite Spreizen der Beine um den armen, arg eingeklemmten Organen wenigstens ein bisschen Frischluft zu gönnen. Besonders angenehm ist eine Sitzhaltung bei der Mann mit dem Hintern auch noch etwas nach vorne rutscht und so statt einem gleich dreieinhalb Plätze in Bus und Bahn in Beschlag nimmt.  Ist das so, frage ich den der nicht mehr bei mir ist in Gedanken und funkle sein Spiegelbild in der Scheibe angriffslustig an. Es verschwindet, so wie er grundsätzlich erst einmal verschwand, wenn ich angriffslustig zu funkeln begann. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in der Regel bereits so wütend, dass jede Antwort falsch ist. Es kommt nicht oft vor, dass ich so funkelnd wütend werde. Wenn ich wütend bin, bin ich durchaus noch in der Lage ein Gespräch zu führen. Beginne ich aber angriffslustig zu funkeln, dann warte ich nur darauf, dass mein Gegenüber den Mund aufmacht. Egal was es sagt, das Donnerwetter entlädt sich. Und sagt er nichts, dann fange eben ich an. Weiterlesen →

Das Kind hat sich schon übergeben

München ist bekannt für die vielen schönen Seen im Umland. Die Auswahl ist groß und gerade in den Sommermonaten zieht es ganz München gerne an ihre Ufer. Fast ganz München. Die Giesinger eher nicht. Seetechnisch gesehen, ist Giesing nämlich recht benachteiligt. Freilich könnte man sich auf das Radl schwingen und fröhlich pfeifend zum Deininger Weiher raus radeln. Bei über dreißig Grad vergeht einem das Pfeifen aber schnell. Das fröhliche. Das aus dem letzten Loch begleitet einen schon – es geht nämlich immer Isaraufwärts. Der Riemer See ist künstlich und scheußlich und zum Feringasee geht es zwar Isarabwärts, aber da denkt man ja schon an dem Heimweg und hat keine rechte Freude. Für Bewohner des Alpenvorlandes ist der Münchner im allgemeinen und der Giesinger im speziellen, nämlich recht faul. Mit der S-Bahn mag er auch nicht fahren und mit dem Auto steht man eh nur im Stau, weil ja ganz München die gleiche Idee hat und zu den Seen pilgert. Es verwundert also nicht, dass man den Giesingern schon 1847 das erste Freibad vor die Nase gesetzt hat. Vermutlich auch um ihr, in der ganzen Stadt verschrienes, hitziges Gemüt abzukühlen. Eiskalt soll es gewesen sein, erzählt man sich noch heute. Und das es anfangs herrlich ruhig war. Seit 1938 nicht mehr – ab da wurden die Gatter auch für die Frauen geöffnet. Weiterlesen →

Zwölf Monate Rosen und Schornsteine – Juli

Mein Rosengarten zeigt sich von seiner schönsten Seite. Kein einziges Regenbild bisher. Schon im Mai und Juni stand ich schwitzend an der Stelle, von der aus ich an jedem letzten Sonntag im Monat das Foto mache – heute ist es noch heißer. So heiß, dass ich schnell und fast im vorbei gehen das Foto mache und mich dann in den Schatten setze. Die Bänke sind besetzt, aber das ist egal. In einem Anflug von Wahnsinn, bin ich heute morgen in eine enge Jeans geschlüpft. Sie verträgt es, dass man sich mit ihr in den Kies setzt. Heute ist es zu heiß für Oliven. Die Kerne schlummern tief im Boden und erinnern mich heute nicht an dich. Ich stehe nicht über ihnen im Gras, sondern sitze in der hintersten Ecke des Rosengartens unter einer der schönen Trauerweiden. Es ist sogar zu heiß, um zu der Stelle zu blicken, an der die Kerne vergraben sind.  Nicht, weil ich nicht an die Kerne denken möchte, sondern weil die Sonne dort zu grell scheint. Lieber schließe ich die Augen und höre der Hitze beim Flimmern und Flirren zu. An besonders heißen Tagen kann man sie nämlich hören – die Hitze. Hier im Rosengarten vermischt sie sich mit lautem Kinderlachen, weil das Freibad nur wenige Meter entfernt ist. Und hier, unter der Trauerweide, riecht der Sommer nach Chlor, Würstchen, Eis und verdorrtem Gras. Es ist das erste Ferienwochenende. Und es hat 33 Grad. Das ist mein Stichwort. Wenn ich nicht sofort ins Wasser komme, kollabiere ich. Morgen bekommen Sie die Erzählung, die ich eigentlich heute Abend schreiben wollte. Morgen. Jetzt muss ich ins Wasser.

 

Juni

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Mai

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April

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März
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Februar
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Das Zeilenende schrieb im Februar auf seinem Blog: „Zwölf Monate lang begleite ich ein Motiv. Es springt einmal im Monat vor die Kamera und lässt den Augenblick für die Ewigkeit gefrieren. Am letzten Sonntag im Monat werfe ich einen Blick auf das Bild: Was hat sich verändert, was bleibt gleich?“ und lädt zum  mitmachen ein.

Ich schulde einem, der es selbst nicht mehr sehen kann, die Fortsetzung einer Momentaufnahme.

Weiter Teilnehmer sind bei Zeilenende aufgelistet. Alles was ich bisher gesehen habe ist sehens-, lesens- und sogar hörenswert dank eingefügter Klangbilder.

 

 

Schwindliger Beton

Immer wenn es regnet denke ich an den Innenhof des Hauses, in dem ich aufgewachsen bin. Tief im Magen spüre ich dann das schlechte Gewissen des Vorschulmädchens, von dem ein kleiner Teil nie ganz erwachsen wurde. Der winzige Rest einer Vierjährigen hat noch heute ein schlechtes Gewissen. Sehr selten, wenn es nach dem Regen, sehr heiß wird, träume ich dann, dass ich wieder ein kleines Mädchen bin. Eines, das mit seinen Stofftieren spricht und bei Sonnenschein stundenlang auf den Stufen im Treppenhaus sitzt und auf die Türe zum Hof starrt. Ich war das einzige Kind im Haus und vermute heute, dass mich die Nachbarn vielleicht für etwas zurück geblieben hielten. Für Erwachsene ist ja schwer zu verstehen, dass es sich durchaus lohnt lange Zeit auf eine geschlossene Tür zu starren. Man müsste ihnen, den Erwachsenen, erst erklären, dass sie nicht einfach starren dürfen, sondern die Augen fast vollständig zusammen kneifen müssen und nur durch einen winzigen Schlitz blinzeln dürfen. Denn nur dann brach sich das Sonnenlicht im grobkörnigen Glas der Türe zum Hof und nur dann sah man alle Farben des Regenbogens zu gleich. Wenn man dann noch gleichmäßig monoton den Kopf von einer Schulter zur anderen drehte und ab und zu ganz schnell nickte, dann wurde einem herrlich schwindlig. Als Vierjährige merkt man nicht, wenn hinter einem getuschelt wird. Sonst hätte ich es vielleicht gelassen. Meine beste Freundin, damals und heute, war zum Glück ebenfalls ein wenig verhaltensauffällig. Sie nahm den Daumen nur aus dem Mund um so schallend zu lachen, dass sich alle nach ihr umdrehten. Das konnte sie schon als Zweijährige. Sie war es auch, die den Schlachtruf „Wursti Wursti“ erfand. Auf ihr Kommando hin, schnappten wir uns das Essen, das auf unseren Tellern lag, matschten es durch die Finger und erstickten fast an unserem Lachen. Wir praktizierten das einige Jahre und ich frage mich heute manchmal, was in unserer Erziehung wohl falsch gelaufen ist.

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Flitter im Magen

Die Ski stehen in der hintersten Ecke des Kellers und klemmen zwischen alten Regalen und wuchtigen Terracottatöpfen. Die Bindungen hängen aneinander und mit jedem Zerren und Reißen verhaken sie sich mehr ineinander. Man muss sehr wütend sein, um als Frau mit einem Fußtritt einen Tontopf zu zerbrechen und ein Paar Skistöcke zu verbiegen. Leichter geht es, wenn man erfährt, dass der Mann den man zu heiraten beabsichtigte, seit über zwei Jahren eine weitere Beziehung führt. Dann räumt man einen Keller nicht aus, sondern wütet darin so energisch, dass sich die Muskelpakete des Umzugsunternehmens dezent im Hintergrund halten und sich jeden Kommentar verkneifen, wenn man sie bittet genau die Hälft des Kleiderschrankes abzubauen. Sie kennen das. Ich kannte es nicht. Ich hatte bisher nur eine Beziehung, die ich nach ihrer Beendigung als pure Zeitverschwendung empfand. Um eine solche Beziehung weint man nicht. Man zerschlägt Terracottatöpfe, schimpft sich selbst einen Idioten und hat eine solche Wut im Bauch, dass man über sich selbst erschrickt. Die kaputten Ski ließ ich damals im Keller liegen und dachte an sie nach kurzer Zeit genauso wenig, wie an den Mann, den ich zurück gelassen hatte. Sechs Jahre pure Zeitverschwendung. Toben, schreien und wüten, wie nie zu vor und dann….abhaken. Heiße Luft hinterlässt keine Erinnerungen. Nicht einmal unschöne. Weiterlesen →

Für Jules, der mutig genug ist, nach dem Anfang zu fragen.

Lieber Jules,
mein Rechner ist der wohl einzige Platz an dem eine strenge Ordnung herrscht. So war es mir ein leichtes, die gestern erwähnten anfänglichen Schreibversuche herauszusuchen. Die ersten beiden, die werde ich niemanden mehr zeigen. Selbst heute, vor fünf Minuten, sind sie mir noch peinlich. Den dritten dagegen, den mag ich noch immer. Ich widerstehe der Versuchung an ihm herumzubasteln und stelle dir das erste Kapitel so hinein, wie es war.

Du und jeder der sich ran wagt….ihr könnt froh sein, dass Herr Williams im ersten Kapitel noch nicht auftaucht. So ist es eigentlich ganz ok ;). Weiterlesen →