Flitter im Magen

Die Ski stehen in der hintersten Ecke des Kellers und klemmen zwischen alten Regalen und wuchtigen Terracottatöpfen. Die Bindungen hängen aneinander und mit jedem Zerren und Reißen verhaken sie sich mehr ineinander. Man muss sehr wütend sein, um als Frau mit einem Fußtritt einen Tontopf zu zerbrechen und ein Paar Skistöcke zu verbiegen. Leichter geht es, wenn man erfährt, dass der Mann den man zu heiraten beabsichtigte, seit über zwei Jahren eine weitere Beziehung führt. Dann räumt man einen Keller nicht aus, sondern wütet darin so energisch, dass sich die Muskelpakete des Umzugsunternehmens dezent im Hintergrund halten und sich jeden Kommentar verkneifen, wenn man sie bittet genau die Hälft des Kleiderschrankes abzubauen. Sie kennen das. Ich kannte es nicht. Ich hatte bisher nur eine Beziehung, die ich nach ihrer Beendigung als pure Zeitverschwendung empfand. Um eine solche Beziehung weint man nicht. Man zerschlägt Terracottatöpfe, schimpft sich selbst einen Idioten und hat eine solche Wut im Bauch, dass man über sich selbst erschrickt. Die kaputten Ski ließ ich damals im Keller liegen und dachte an sie nach kurzer Zeit genauso wenig, wie an den Mann, den ich zurück gelassen hatte. Sechs Jahre pure Zeitverschwendung. Toben, schreien und wüten, wie nie zu vor und dann….abhaken. Heiße Luft hinterlässt keine Erinnerungen. Nicht einmal unschöne.

Es überrascht mich noch heute, wie gleichgültig ich einem Mann gegenüber stehe, den ich einmal heiraten wollte. Nur sehr selten denke ich an ihn, kann mich besser an meine Vorschulzeit, als an ihn erinnern. Einzig die Erinnerung an eine Wut, wie ich sie zuvor nicht kannte, ist geblieben. Sie flammte auf, als ich gestern vor Konzertbeginn auf die noch leeren Reihen der Sitzplätze im Olympiastadion blicke. An diesem Abend vor elf Jahren hatte ich es schon geahnt. Damals saßen wir dort oben, weil er meinte, es sei wichtig etwas gemeinsam zu machen. Wir beide planten dort oben unsere Hochzeit, während meine Freundinnen unten auf Isomatten saßen und wie immer die erste Reihe erstürmten. Ich sei jetzt zu alt um mich morgens vor das Stadion zu setzen. Ein Nebensatz von dem, den ich heiraten wollte und ein Satz der nicht stimmte. Es war ein langweiliges Konzert. Ich verbrachte es in der Toilettenschlange und langweilte mich, während ich ahnte, dass er und ich unser Leben sicher nicht gemeinsam verbringen würden. Seltsam wie lange man dennoch noch gemeinsam durch ein Leben stolpern kann, bevor man Tontöpfe zerschlagend begreift, dass man längst nicht mehr Hand in Hand geht. Es schadet nicht, einmal im Leben so rasend vor Wut gewesen zu sein. Es ist gut zu wissen, dass man sein Leben binnen eines Monats auf den Kopf stellen kann. Und es ist unabdingbar tief im Inneren die Gewissheit zu haben, dass man alles ändern kann, wenn man muss.

Jahre später, fragte mich einer, von dem ich wusste, dass wir nicht heiraten würde, ob ich wirklich schon so alt sei, dass ich mir Sitzplatzkarten für ein Konzert kaufen würde. Er neckte mich über Wochen und zog mich mit den „Altfrauen-Karten“ noch auf, als ich mich selbst längst schwarz ärgerte auf eine Handvoll Freundinnen gehört zu haben. Ich hätte ihm den Hals umdrehen können, als er mir mitten im Konzert ein Foto schickte, das ihn selbst weit vorne zeigte und er grüßend zu den Sitzplätzen winkte. Es war eine andere Wut. Eine, die mich ihn am Abend mit Kissen bewerfen ließ und in einem Kuss endete. Heute überlege ich nicht mehr ob ich für irgendetwas zu alt sein könnte. Heute lächle ich milde, wenn Freudinnen mich auf meiner Isomatte vor dem Stadion begrüßen und erzählen, dass sie bei über dreißig Grad doch lieber noch an den See fahren würden und erst am Abend entspannt das Konzert genießen würden. Sie haben nicht unrecht, aber für mich ist es keine Alternative. Ich laufe lieber Gefahr einen Sonnenstich zu bekommen und lehne mich schwitzend an die, die weiß, warum wir hier sitzen. An den See kann ich jeden Tag. Die Bässe im Magen kribbeln spüren, nur ganz selten. Bei einem Glas Wein unterhalten, das geht immer. Auf dem Boden liegend, ungesundes Zeug in sich rein stopfen und stundenlang mit fremden Menschen Sonnencreme, Getränke und Zeitschriften teilen, das kommt nicht oft vor. Und direkt vor der Bühne stehen, die Hitze der Flammenwerfer auf der Haut spüren und den Soundtrack eines geliebten und gelebten Lebens zu hören ist eine Konstante auf die ich nicht verzichten möchte.

Kurz vor Mitternacht leert sich das Stadion und ich gehe an den Sitzplatzreihen vorbei. Für einen kurzen Moment flammt die alte Wut in mir auf. Es ist gut zu wissen, dass sie noch da ist. Wenn nötig, kann ich noch immer mein Leben binnen einiger Tage auf den Kopf stellen. Töpfe zerschlagend und mit einer Energie, die sonst verborgen ist, kann ich noch immer von vorne anfangen.  Irgendwann nach einem Neuanfang regnet es immer Flitter vom Himmel und im Magen vibrieren die Bässe. Es wäre nicht das erste Mal.

21 Gedanken zu “Flitter im Magen

    1. …mir nicht. Sie mag befreiend sein und trotzdem hoffe ich, die weiteren Jahre ohne sie auszukommen. Nur im Notfall…dann vielleicht. Ich wünsche uns positivere Emotionen und die Wut ganz hinten, nur dann wenn sie auch gut tut.

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  1. Manchmal bin ich traurig, dass ich schon so alt bin.
    Manchmal bin ich froh, das alles schon „hinter mir“ zu haben.
    Denn ich bin überzeugt, dass mir im Alter keine Ski mehr im Keller begegnen können – und außerdem bin ich ja ein Kerl. 😉

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    1. Im Bezug auf andere Dinge, geht es mir ganz ähnlich, lieber Heinrich.
      Sie meinen, Sie als Kerl hätten die Ski einfach mit einem Ruck auseinander gezogen oder in Ruhe nachgesehen, wo sie sich verhakt haben? Das kann ich nicht ganz glauben 🙂

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  2. Warum habe ich eigentlich damals vor vielen Jahren, als ich auch diese Parallelbeziehung bei dem Mann entdeckte, den ich so wahnsinnig gern heiraten wollte, nicht mit so einer Wahnsinnswut reagiert? Damals war ich noch so deppert und habe tage- und wochenlang geheult, viele Kilo abgenommen. Das war damals noch gar nicht nötig – und heute könnte mich kein Mann dazu bewegen, 10 Kilo abzunehmen.
    Das mag besser oder schlechter sein – es ist so!

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    1. Das erscheint mir eindeutig besser zu sein, Clara!
      Vielleicht braucht es einen banalen Auslöser, wie ein Paar verklemmte Ski im Keller um richtig wütend zu werden. Ich empfinde sie wie ein Sommergewitter. Man steht bis Haut durchnässt da, aber es ist nicht ganz so kalt wie andauernder Regen.
      Liebe Grüße

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  3. Ich habe den Verdacht, dass pures Wüten, die große, richtige, tief empfundene Wut ein wunderbares Ventil ist, um loszulassen. Viel besser, als zu leiden. Das ist meistens sehr langwierig.
    Dummerweise hat man das nicht immer im Griff. 😉 Es hängt wohl mit vielen Komponenten zusammen, wie man wann und worauf reagiert und ob das ein Loslassen ermöglicht oder nicht.
    Aber es ist tatsächlich gut zu wissen, was Wut für Energien freisetzen kann, die Neues erst möglich macht! 😉
    Cooles Flitterbild übrigens ….

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    1. Mit Wut kenne ich mich (leider) nicht gut genug aus. Zu selten bin ich es im richtigen Maß und der angemessenen Dosierung. Aber bei den wenigen Malen, kann ich nur bestätigen was du schreibst.
      Danke ;). Ich mag das Bild auch und konnte nicht widerstehen etwas Farbe auf den Blog zu streuen.

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      1. Ach, ich kenne mich mit Wut auch nicht so gut aus.
        Aber die Erfahrung habe ich auch gemacht: wenn sie dann mal raus kracht und sich nicht ausschließlich gegen einen selbst richtet, dann kann sie langfristig sehr konstruktiv wirken. Da wird offenbar tatsächlich etwas verbrannt! Und unter der Asche findet sich ja bekanntermaßen jede Menge fruchtbare Erde 😉

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  4. Wenn Frauen zu Furien werden, dann wehe den Beteiligten … allein deswegen sollte mann immer darauf bedacht sein, keinen Grund dafür zu liefern. Ichs timme Dir vollkommen zu: Gut, zu wissen, daß sie theoretisch rauskommen kann, aber besser, daß es keinen Grund dafür gibt – das ist ja kein Spaß.
    Rückblickend gut, daß es so endete – jemand, der einen für irgendwas für zu alt hält, mit dem stimmt doch was nicht.

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  5. …. weil Leidenschaft halt mal Leiden schafft. Töpfe oder Geschirr zerschlagen mag keine Lösung sein, befreit aber im Moment ungemein. Und den Rest macht die Zeit eh von selbst. Da muss wohl jeder durch. Ich danke für diesen Beitrag Mitzi, er hat mich nachdenklich gemacht, aber auch froh und optimistisch, nicht Aufgeben ist der Trick!

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    1. Hallo Traudl.
      Eine Lösung ist das sicher nicht und allzu oft möchte ich das nicht erleben und tobend in einem Keller stehen. Nur in den ganz wenigen Fällen, wenn zerschlagen hilft, nicht aufzugeben.
      Liebe Grüße

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  6. Sowohl in der Skii als auch Konzert Phase bin ich gerade angelangt, vermutlich ein paar Jahre zu spät für manch einen für mich genau richtig. Ich wäre nämlich vorher nie zugelassen worden 😀 In den goldenen Käfig möchte ich mich allerdings dennoch nicht wagen…

    Letztendlich muss man das Leben wie einen Kalenderspruch nehmen, selbst schlechte Erfahrungen sind Erfahrungen. Man weiß hinterher vielleicht mehr als man vorher wusste. Spätestens wenn es heißt „diese Möglichkeit will ich ebenfalls nicht“

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