Für Jules, der mutig genug ist, nach dem Anfang zu fragen.

Lieber Jules,
mein Rechner ist der wohl einzige Platz an dem eine strenge Ordnung herrscht. So war es mir ein leichtes, die gestern erwähnten anfänglichen Schreibversuche herauszusuchen. Die ersten beiden, die werde ich niemanden mehr zeigen. Selbst heute, vor fünf Minuten, sind sie mir noch peinlich. Den dritten dagegen, den mag ich noch immer. Ich widerstehe der Versuchung an ihm herumzubasteln und stelle dir das erste Kapitel so hinein, wie es war.

Du und jeder der sich ran wagt….ihr könnt froh sein, dass Herr Williams im ersten Kapitel noch nicht auftaucht. So ist es eigentlich ganz ok ;).

Unruhig sah Julie sich um. Ihr Blick glitt über die sonnige, kurvige Straße, die sich hinter ihr lang gezogen schlängelte und streifte die Hauseingänge, in denen sich die Schatten eines warmen Augustmorgens sammelten. Hinter ihr war niemand. Wäre jemand hinter ihr gewesen, hätte sie jemand im Schatten der Häuserschluchten erblickt, dann hätte sie sich wohl darüber freuen sollen und ihn in „ihrer“ Straße willkommen heißen müssen. Sie blieb stehen und lauschte in die Stille, die so undurchdringlich war, dass sie ihren Herzschlag und das Rauschen ihres Pulses in den Ohren hören konnte. Früher einmal hatte sie Ruhe und Stille gerne gemocht und sie nach einem anstrengenden Tag wie alte Bekannte Willkommen geheißen. Damals wusste sie noch nicht mit welcher Macht einen vollkommene Ruhe ins Ohr brüllen konnte und ahnte nicht, wie schnell die absolute Stille einen Menschen in den Wahnsinn treiben konnte. Anfangs hatte sie noch laut mit sich selbst gesprochen, gepfiffen und gesungen um die Stille zu durchbrechen; ganz so wie man es ängstlichen Kindern riet, wenn man sie in dunkle, feuchte Keller schickte um Kartoffeln zu holen. Die eigene Stimme war ein schlechter Gesellschafter. Höhnisch hallte sie von den Häuserwänden wider, verfing sich in den Kacheln ihres Badezimmers, kroch durch den verlassenen Hausflur und gaukelte Leben vor, wo es keines mehr gab. Noch einmal drehte sie sich um, blinzelte in das grelle Sonnenlicht und zuckte bei einem erneuten Geräusch zusammen. Eine struppige Katze sprang zwischen zwei Autos hervor und Julie lachte leise und erleichtert auf. Sie ging in die Hocke, streckte die Hand aus und lockte das Tier mit schmatzenden Geräuschen. Ein böses Fauchen ließ sie die Hand schnell wieder zurückziehen – in dieser Stadt pflegte man keine Freundschaften mehr. Traurig sah sie der Katze hinterher und richtete sich auf. Es gab nur noch wenige Tiere in der Stadt – ihnen fiel es leichter die leeren, ausgestorbenen Häuser und Straßen hinter sich zu lassen als ihr. Das große Flüchten der tausenden von Hunden und Katzen hatte schnell begonnen. Schon als die erste Welle der Verwesung über die Stadt gezogen war, waren die meisten von ihnen aus der Stadt verschwunden. Sie hatten die erbärmlichen Schreie und das traurige Winseln ihrer in verlassenen Wohnungen zurück gelassenen Artgenossen wohl nicht ertragen und ihnen instinktiv den Rücken gekehrt. Eine Woche nach dem alles begann, konnte man es riechen…Julie fasste sich an die Schläfe…nicht „man“…sie konnte es riechen. Zu diesem Zeitpunkt war sie ja schon alleine gewesen. Aus gekippten Fenstern, Briefschlitzen und Türritzen kroch der Gestank verendender Tiere, schlecht gewordener Speisen und fauligen Mülleimern. Unter der Wärme eines warmen Frühlings war der Gestank tagelang immer unerträglicher geworden bis er nach etwa zwei Wochen seinen Höhepunkt erreicht hatte und von da an wieder schwächer geworden war. Als der Geruch verschwand und die Luft durch die ersten Gewitter des Jahres klarer und frischer wurde, waren die Tiere die es geschafft hatten auszubrechen oder die sich auf der Straße befunden hatten, längst geflüchtet. Nur wenige waren geblieben oder kehrten jetzt zurück. Irgendwann würde auch sie selbst die Stadt verlassen. Noch klammerte sie sich an den letzten Rest Normalität, den ihr ihre kleine Wohnung bot. Sie war angekommen, stieg die Stufen nach oben und öffnete ihre Wohnungstüre. Leer, Ruhig und verlassen. Julie würgte. Heute würde sie nicht mehr weinen. Ihre Tränen waren vergossen und eine träge Resigniertheit war an Stelle der Verzweiflung und des Unverständnisses gerückt. Sie hatte Hunger. Sie würde essen, trinken, sich waschen und sich schlafen legen. Alleine, wie jeden Tag seit vier Monaten.

Die U-Bahn war um diese Uhrzeit brechende voll. Menschenmassen schoben sich durch die Gänge und obwohl die meisten Münder geschlossen und die Gesichter abweisende Mienen trugen, herrschte ein Geräuschpegel der es Julie schwer machte, sich auf ihre Lektüre zu konzentrieren. Genervt kramte sie nach ihrem iPod und presste sich die Knöpfe des Kopfhörers fest in die Ohren – The Doors auf Anschlag. Laut, aber melodisch genug um sich besser konzentrieren zu können. Ihre Finger fuhren unter den Zeilen ihrer Unterlagen entlang und ihre Lippen bewegten sich lautlos, während sie versuchte den Stoff für die morgige Semesterprüfung in ihr Hirn zu pressen. Wie immer war sie viel zu spät dran und bemühte jetzt krampfhaft ihr Kurzzeitgedächtnis, indem sie sogar auf dem Weg nach Hause in der U-Bahn zu lernen versuchte. Als sie sich dabei ertappte „Love me two times“ relativ laut mitzusummen, sah sie betreten auf. Niemand sah sie amüsiert oder pikiert an, wie sie es erwartet hatte. Erschrocken fuhr sie nach oben – verdammte Musik. Der Bahnsteig war leer. Er war nicht leerer, er war leer. Eilig packte Julie ihr Skript in die Tasche, stopfte Kopfhörer und iPod in die Manteltasche und lief Richtung Ausgang. Am Ende brannte es noch und sie hatte die Lautsprecherdurchsagen dank Jim Morrison nicht gehört. Die Rolltreppe stand still und sie lief die Treppe nach oben Richtung Ausgang. Oh Mann, wie lange war sie denn da gesessen? Kein Mensch war mehr zu sehen. Atemlos erreichte sie die Oberfläche und blinzelte in die noch blasse Frühlingssonne. Es war warm an diesem Morgen, aber Julie begann zu frösteln. Auch hier oben, mitten an einer der befahrensten Straße Berkleys war kein niemand zu sehen. Sie legte den Kopf schief und sah auf die dreispurige Straße, die in das Zentrum führte. Alle Autos standen still – die Motoren liefen, aber sie bewegten sich nicht mehr. Langsam ging sie durch die Reihen der Autos und sah durch die Windschutzscheiben – keiner saß in den Autos. Ihre Schritte wurden schneller, während sie zwischen den Autos und dem verwaisten Gehwegen hin und her sah – es war absolut niemand auf der Straße. Sie begann zu laufen. Erst langsam, dann immer schneller. Irgendetwas musste mit der U-Bahn sein, man hatte die Menschen evakuiert oder ähnliches. Sie rannte und verdrängte den Gedankenblitz, dass niemand von Polizei oder Feuerwehr zu sehen war, der eine derartige Evakuierung geleitet hätte. „Hallo?! Ist hier jemand? Hallo?!“ Sie lief zurück auf den Bürgersteig und riss die Türen einiger Läden auf, rief hinein, bekam keine Antwort, sah niemanden und lief weiter. Ihre Absätze hallten laut über das Pflaster des Gehweges und sie begann zu schwitzen. Sie bog in eine Seitenstraße ab, suchte mit den Augen nach Menschen, die sie fragen konnte was hier los war und wohin alle gelaufen waren. Ziellos rannte sie durch die Straßen, lief in Supermärkte, Boutiquen und Zeitungsläden, schrie sich die Seele aus dem Leib und blieb nach einer viertel Stunde keuchend stehen. Ärgerlich trat sie gegen einen Mülleimer und warf ihre Tasche auf den Boden und stemmte die Hände in die Hüften. „Verdammt noch mal! Was soll die Scheiße?! Ich hab morgen eine Prüfung und keine Zeit für so einen Mist.“ Langsam lies sie ihre Hände sinken und drehte sich im Kreis – keine Antwort und keine Menschenseele. Erst jetzt bemerkte sie wie unheimlich ruhig es geworden war. „Hallo?“ Ihre Stimme klang ängstlich und sie raufte sich die Haare um sich selbst zum Nachdenken zu bewegen. “Herrgott noch mal, in dieser Stadt leben knapp zwei Millionen Menschen und ich bin im Zentrum – wo zum Henker sind die alle?“ Sie drehte sich noch immer langsam um die eigene Achse, hörte die Motoren der Autos und das Scheppern eines Wahlplakates, das im leichten Wind gegen einen Zeitungskasten schlug. Keine Stimmen.

Mit einem lautlosen Schrei auf den Lippen wachte sie auf. Wie jede Nacht hatten ihre ruhelosen Gedanken sie an den Tag geführt, als es begonnen hatte. Auch nach vier Monaten suchte ihr Blick noch immer automatisch nach der digitalen Anzeige ihres Weckers, der ihr verriet wie spät es war. Ebenso automatisch schüttelte sie den Kopf und schalt sich einen Idioten. Ohne Strom, konnte es keinen leuchtenden Ziffern geben. Sie tastete nach dem batteriebetriebenen Wecker nahm ihn und tapste an das Fenster. Neumond und Wolken – keine Chance etwas auf dem dunklen Ziffernblatt zu erkennen. Mit angezogenen Knien setzte sie sich auf das Fenstersims und starrte in die undurchdringliche Dunkelheit vor ihrem Fenster. Schemenhaft nahm sie die Häuserzeilen und die alten Birken unter ihrem Fenster wahr und suchte grundlos und sinnlos nach einem Lichtschein, wie sie es früher getan hatte. Wann erlebte man eine Stadt in völliger Dunkelheit? Nicht einmal während des stundenlangen Stromausfalls vor fünf Jahren war es wirklich dunkel gewesen. Die Scheinwerfer zahlloser Autos hatten die Straße erleuchtet, hinter den Fenstern wurden Kerzen angezündet und Taschenlampen blinkten auf und nicht zuletzt hatten die vielen Geräusche der Menschen auf der Straße und die Laute ihrer Nachbarn die Dunkelheit auf seltsame Weise zurück gedrängt. Auch sie könnte jetzt Kerzen anzünden und die Dunkelheit vertreiben – hinter dem kreisrunden Lichtkegel und dem diffusen Kerzenlicht jedoch, würden sich die Schatten nur noch verdichten und noch zäher und beängstigender werden. Außerdem…..wollte sie wirklich, dass aus ihrem Fenster als dem einzigen in der Stadt Licht drang und weiß Gott wen oder was anlockte? Diese Frage konnte sie ohne Nachzudenken verneinen. Einsamkeit machte paranoid. Sie lehnte die Stirn auf die angezogenen Knie und schluckte die aufsteigende Panik nach unten. Es war nur eine Frage der Zeit bis sie verrückt werden würde. Die ersten Anzeichen nahm sie bereits wahr. Immer öfter ertappte sie sich dabei, wie sie mit sich selbst zu sprechen begann. Noch, tat sie es unter dem Deckmantel kindlichen Geplappers mit ihren alten Stofftieren; bald aber würde sie wie eine schrullige Alte Selbstgespräche führen und es nicht einmal merken. Wie hieß der Kinofilm mit Tom Hanks….er war auf einer einsamen Insel gestrandet und hatte Freundschaft mit einem Fußball geschlossen, dem er ein Gesicht aufgemalt hatte, dem er einen Namen gegeben hatte und mit dem er lange Gespräche geführt hatte. Vollkommen normal, befand sie jetzt – ein Mensch der unter vielen Menschen aufgewachsen ist und von hunderten zwischenmenschlichen Kontakten aller Art geprägt wurde, unternimmt vieles, bevor er beginnt sich mit Einsamkeit abzufinden und den Sprung in die Tiefen der eigenen Emotionen wagte. Tom hatte wenigstens noch die Gewissheit, dass es jenseits seiner Insel noch Menschen gab. Menschen deren Leben wie bisher weiter lief und nur er eben die Arschkarte gezogen hatte. Schnell stand sie auf und holte ihren Teddybären um sich in die Illusion einer Umarmung zu flüchten – der Gedanke, dass es wirklich niemanden mehr geben sollte, dass sie die einzige…. Sie würgte – nein, bevor sie diesen Gedanken zu Ende denken würde, würde noch viel Zeit vergehen. Während ihre Finger ein abgewetztes Ohr aus Plüsch streichelten und ihre Lippen einem alten Teddybären versicherten, dass er keine Angst haben musste, starrten ihre Augen in den Himmel und füllten sich mit Tränen. Der Himmel war wunderschön. Tausende und Abertausende Sterne funkelten am schwarzen Firmament und die Milchstraße – jenes weiße Band dass über den Lichtern einer modernen Großstadt so blass und verschwommen war, dass es seinen Namen nicht verdiente – sah wirklich wie ausgegossene Milch aus. Dicht an dicht funkelten die Sterne und sendeten ihr Trost spendendes Licht zu ihr nach unten, wenn die Wolken eine Lücke ließen. Die Sterne und Galaxien waren schon immer fern und unerreichbar gewesen, dass sie es jetzt noch immer waren, vermittelte ein seltsam beruhigendes Gefühl der Normalität. Sie schloss die schweren Vorhänge vor dem Fenster, kroch zurück unter die Bettdecke und hoffte wieder einschlafen zu können. Die Tage waren leichter zu ertragen als die Nächte.

Die ersten Tage war sie noch jeden Tag durch die Stadt gelaufen, hatte Straße um Straße auf der Suche nach Menschen durchkämt, war in Geschäfte und Wohnungen gelaufen und hatte laut rufend gehofft jemanden zu finden der ihr erklären konnte, was geschehen war. Sie hatte Hunde, die an der Leine vor Geschäften angehängt waren losgelassen und sich in an das flüchtige, dankbare Lecken ihrer Hand geklammert und war in Tränen ausgebrochen wenn die Hunde wenig später wie von der Tarantel gestochen davon liefen. Sie hatte versucht in die Wohnungen einzudringen hinter deren Türen sie ein klägliches Miauen oder ein verzweifeltes Bellen gehört hatte. Aber nur in so wenigen Fällen hatte sie Glück gehabt und eine Türe aufbekommen, dass sie bei den Geräuschen nur nicht die Straßenseite wechselte, weil sie Angst hatte ein schreiendes Baby zu überhören. Ein Baby oder ein Kind hatte sie nie gehört und sie lernte schnell das Sterben der Tiere zu ignorieren, auch wenn es sich in ihrem Unterbewusstsein einbrannte – zu viele Fenster standen offen, als das man es hätte überhören können. Rückwirkend wusste Julie nicht mehr wie sie die ersten Tage überstanden hatte. Es gab keinen Strom mehr und somit keine Möglichkeit, die zur Gewohnheit gewordenen Informationsquellen wie Internet, Radio und Fernsehen zu nutze. Ein batteriebetriebenes Radio brachte nur Rauschen zustande und sie erinnerte sich, wie sie weinend, schreiend und völlig aufgelöst das Suchrad der Frequenzen stundenlang bemüht hatte und nicht verstehen konnte, wie es möglich sein konnte das auf keinem Kanal mehr etwas gesendet wurde. Am selben Tag hatte sie panisch und kurz davor vollkommen durchzudrehen in einem Kiosk gewütet. Auf der Straße im Dreck kniend hatte sie eine Zeitung nach der anderen überflogen, die Seiten beim hektischen umblättern eingerissen und sich die Knie und Ellbogen aufgeschürft während sie eine Tageszeitung nach der anderen nach Hinweisen durchforstet. Als die Sonne unterging war sie in einem Wust aus Papier noch immer auf der Straße und blätterte mit zittrigen Fingern durch alles was ihr in die Finger gefallen war, ohne auch nur den kleinsten Anhaltspunkt zu finden. Die hereinbrechende Dunkelheit hatte sie überrascht während sie weinend, zitternd und suchend auf dem Boden gekauerte und die Zeitungen vor Wut und Verzweiflung zerriss. Als sie aufsah, waren Stunden vergangen und der letzte helle Streifen am Horizont verschwand. Sie musste die letzte halbe Stunde in der Dämmerung gekniet haben ohne die gedruckten Worte im diffusen Licht noch gesehen zu haben. An diesem Abend lernte Julie kennen, was wirkliche Panik bedeutete. Unfähig nach Hause in die schützenden vier Wände zu laufen, verbrachte sie die Nacht zusammengekauert in dem kleinen Kiosk. Die Beine eng an den Körper gezogen, das Gesicht in den Armen vergraben saß sie in einer Ecke und wiegte sich monoton hin und her, während ihr Kopf und ihre Gedanken verrückt spielten. Sie sah in jeder Ecke sich bewegende Schatten und obwohl sie wusste, dass dort nichts war zitterte sie vor Angst und starrte auf die vermeintliche Gefahr. Das gleichmäßige Ticken einer Uhr, hörte sich in ihrem Kopf wie das Hämmern auf Stahl an und ihr eigner Atem schien von den Wänden wider zu hallen. Sie kratzte sich ihre Oberarme blutig, weil sie sich selbst umarmte und die Hände in die Arme krallte und ihre Augen waren am nächsten Morgen trocken und rot unterlaufen, weil sie stundenlang in die Dunkelheit gestarrt hatte und jeden Albtraum den sie je geträumt hatte noch einmal durchlief.

Die Wochen darauf hatte sie sich in ihrer Wohnung bzw. dem Haus in dem diese sich befand eingegraben. Noch heute wunderte es sie, dass sie damals nicht verrückt geworden war, das die plötzliche Stille sie nicht hatte durchdrehen lassen und das die brutale Einsamkeit nicht dazu geführt hatte, dass ein paar Synapsen zuviel in ihrem Kopf durchbrannten. Ein Mensch ist wohl anpassungsfähiger als sie dachte und sie überlebte die ersten Wochen indem sie sich krampfhaft an eine Art Rhythmus hielt, der sie vom nachdenken und hinterfragen abhielt. Sie putzte, lernte für eine längst vergangene Prüfung, versorgte sich in den umliegenden Läden mit den nötigsten Lebensmitteln und verbrachte Tage damit in ihrem Bett zu liegen und an die Decke zu starren. Sie begann ihre Lieblingsbücher zu lesen und zwang sich bis zur letzten Seite nicht aufzuhören und nicht den Blick zu heben, bis ihre Augen tränten und ihr Kopf schmerzte. Ihr Kopf blendete sie und ihre Situation aus und sie flüchtete sich in die Geschichten von Rhett und Scarlett und all den anderen Romanfiguren in ihrem Bücherregal. Ihr Kopf weigerte sich weiter als bis zu dem Punkt der Nahrungsversorgung zu denken und obwohl sie spürte das sie sich auf einem schmalen Grad zum Wahnsinn bewegte, war sie nicht fähig ihren grotesken Tagesablauf aus essen, trinken, schlafen, manischem putzen und zwanghaftem Lesen zu durchbrechen. Sie verließ das Haus nur um Lebensmittel aus dem Laden an der Ecke zu besorgen und um ihren Wasservorrat aufzufüllen. Kistenweise schleppte sie die Wasserflaschen in den dritten Stock, wo sie nicht nur zum trinken gebraucht wurden, sondern auch das fließende Wasser in Dusche und Toilette ersetzten. Sie verbrauchte zu viel Wasser und das Lager in dem kleinen Supermarkt an der Ecke begann sich viel zu schnell zu leeren. Auch diesen Gedanken blendete Julie aus – sie blendete alles aus, was eine Akzeptanz ihrer Situation bedeutet hätte.

An diesem Morgen schruppte sie gerade die Fliesen ihrer Küchenzeile als ihr Blick auf den Kalender an der Wand fiel. Sie unterbrach ihr wildes scheuern und ließ den Schwamm in die Spüle fallen. Wie jeden Morgen hatte sie ein Kalenderblatt abgerissen und es sorgfältig auf den Stapel Altpapier gelegt. Das kleine graue Blatt vor ihren Augen zeigte das heutige Datum an. 15. August, Sonntag. Sie erkannte ihre eigene Handschrift darunter und schlug die Hand vor den Mund als sie die Worte las, die sie selbst darunter geschrieben hatte. „Mama und Papa – Silberhochzeit“. Sie stand lange vor dem Kalenderblatt, starrte es an und schluckte trocken bevor sie den verdammten Schwamm in die Ecke warf und ohne eine Sekunde nachzudenken aus ihrer Wohnung lief. Sie rannte die vertrauten Straßen hinunter, schlängelte sich durch die Autos, deren Motoren schon lange verstummt waren und hatte zwang sich keinen Blick auf die ausgestorbenen Häuserblöcke zu werfen. Sie hastete durch die halbe Stadt, bis ihre Füße schmerzten, ihre Lunge brannte und sie das Blut in den Ohren rauschen hörte. Auch wenn ihre Füße sie zwangen langsamer zu laufen – sie blieb nicht stehen bevor sie das Haus erreicht hatte, in dessen Erdgeschoss ihre Eltern wohnten. Den Kopf in den Nacken gelegt, die Hände in die Hüften gestützt, stand sie keuchend vor dem Haus und schloss die Augen. Sie wusste nicht worauf sie gehofft hatte. Auf ein Aufwachen aus einem bösen Traum, auf eine strahlende Mutter, die ihr die Tür öffnete oder darauf, das dunkle Lachen ihres Vaters aus dem gekippten Fenster dringen zu hören – nichts von alledem geschah und während sie vor dem Fenster stand und wartete das etwas geschah, wurde ihr klar warum sie in all den Wochen nicht hier her gekommen war. Es war eine Sache zu vermuten, dass auch ihre Eltern und ihre Geschwister nicht mehr hier waren – es zu wissen und zu begreifen war eine ganz andere Sache. Sie ersparte es sich, das Fenster einzuschlagen um in die Wohnung zu gelangen und beschränkte sich darauf, die zweite Nacht außerhalb ihrer eigenen vier Wände vor der Wohnungstür ihrer Eltern zu sitzen und alle paar Minuten nach ihnen zu rufen und gegen die Tür zu klopfen.

Seit der Nacht, die Julie vor der Wohnungstür ihrer Eltern verbracht hatte, wurde es besser. Sie zwang sich ihre Routine Stück für Stück zu durchbrechen, kümmerte sich wieder um frische Klamotten und wusch die getragenen notdürftig im Waschbecken mit Evian Wasser aus Flaschen, was sie zum schmunzeln brachte. Sie sortierte ihre Vorräte an Lebensmitteln nach dem Haltbarkeitsdatum und begann sich halbwegs ausgewogen und nicht mehr nur von Süßkram und Knäckebrot zu ernähren. Widerwillig ging sie ab und zu auch einfach so nach draußen, um ein paar Minuten in der Sonne zu sitzen und in den wärmenden Strahlen etwas wie Hoffnung und Zuversicht zu finden. Noch immer sperrte sie Nachts ihre Wohnungstür ab und sie schaffte es nicht bei offenem Fenster zu schlafen, aber die Nächte in denen sie durchschlief und am Morgen traumlos erwachte häuften sich. Es schien als hätte ihr Geist es aufgegeben nachts das Unfassbare zu verarbeiten und sie fühlte sich weniger aufgewühlt und weniger rastlos als zuvor. Ihre Selbstgespräche führte sie nun tonlos ohne die Lippen zu bewegen und über ihr Denken und Fühlen legte sich eine barmherzige Abgestumpftheit, die es ihr ermöglichte weiter zu funktionieren. Auf dem Küchentisch lag der Stadtplan von Berkley und sie erkundete regelmäßig einen Straßenzug, ein Viertel oder einen Wohnblock. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass Niemand auf ihr Rufen antwortete und es wurde zu einem mechanischen Reflex, alle paar Meter laut und deutlich „Hallo“ zu rufen. Wahrscheinlich hätte sie der Schlag getroffen, wenn sie urplötzlich eine Antwort bekommen hätte. Einen Tag lief sie durch die Stadt auf der Suche nach Überlebenden, einen Tag kümmerte sie sich um Essen, Trinken und um ihre Wohnung, die ihre Insel geworden war – immer abwechselnd, immer gleichmäßig wechselten sich ihre Tage ab. Wer einmal Leintücher in der Badwanne mit der Hand gewaschen hatte und das Wasser dazu aus den Spülkästen von Restauranttoiletten, aus vor dem Haus aufgestellten Eimern in denen man das Regenwasser sammelte und Wasser aus einem zwei Kilometer entfernten Teich heranschleppte, der konnte gut nachvollziehen, dass so etwas gut und gerne einen halben Tag dauerte. Julie wusste, dass zumindest die Spülkästen vollkommen schwachsinnig waren, aber sie litt unter der Vorstellung, dass ihr nur das in Flaschen abgefüllte Wasser als Trinkwasser zur Verfügung stehen würde…für wer weiß wie lange. Sie begann sparsamer mit dem Wasser umzugehen und gleichzeitig bereitete ihr das aufgedruckte Haltbarkeitsdatum Magenschmerzen. Irgendwann würde sie die Stadt verlassen müssen, sie würde sich davon überzeugen müssen, dass es auch außerhalb ihrer vertrauten Umgebung niemanden mehr gab und spätestens wenn auch die Lebensmittel in Dosen abgelaufen und schlecht waren, würde sie raus auf das Land müssen. Bei diesem Gedanken begann sie hysterisch zu lachen. Das war in fünf Jahren…fünf Jahre alleine in dieser Gottverdammten Stadt? Nie im Leben würde sie fünf Jahre…ihr Lachen verstummte so plötzlich wie es aufgetreten war und sie presste die Hände an die Schläfen. Sie, Julie, würde weder fünf Jahre hier alleine klar kommen noch würde sie irgendwann die Stadt verlassen. Sie hasste das Land, hasste die weiten Felder und Wälder hatten ihr schon immer eine Gänsehaut beschert – sie war durch und durch ein Stadtmensch. Der Druck ihrer Finger an ihren Schläfen verstärkte sich. Nein, sie würde nicht von hier weggehen. Irgendwann kämen sie alle wieder zurück und würden sie holen, alles würde wieder so wie früher werden. Dass zu diesem Zeitpunkt irgendwo außerhalb der Stadt Menschen sein sollten, ging nicht in ihren Kopf hinein. Sie waren alle von einer Minute zur anderen verschwunden. Würden außerhalb noch Menschen sein…sie wären doch bestimmt in die Stadt gekommen um zu suchen oder vielleicht auch um zu plündern. Sie zuckte zusammen als ihre Fingernägel die Haut an ihrer Stirn einritzten und sah überrascht auf ihre Finger. Im Traum blutete man nicht – und doch! Irgendwann würde sie aufwachen und dann wäre wieder alles so wie früher. Sie musste nur bis dahin durchhalten…und nicht verrückt werden. Energisch stand sie auf und wischte mit einem Stück Toilettenpapier über den Kratzer an ihrer Stirn und klebte ein Pflaster darauf – zuviel Dreck und Müll in der Stadt, es durfte sich nicht entzünden – bevor sie nach draußen ging um die Vorräte in dem nahe gelegenen Supermarkt zu sortieren.

Julie sah auf das eng beschriebene Blatt Papier in ihrer Hand. „Mein Name ist Julie Burnes. Sie kennen mich vielleicht vom sehen. Ich kaufe seit zwei Jahren jeden Samstag bei Ihnen ein. Sie sind nicht mehr hier um meine Einkäufe zu kassieren, deshalb habe ich alles aufgeschrieben und werde es später begleichen. Die Tür stand offen und ich musste mir etwas nehmen. Ich werde später bezahlen, versprochen.“ Es folgte eine lange Liste an Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Kerzen und Batterien die sie sich im Laufe der letzten Wochen und Monate aus dem Laden „geborgt“ hatte um sich zu versorgen. Der Zettel war lächerlich, niemand würde in nächster Zeit wieder hinter dieser Kasse stehen. Mit einem heiseren Lachen knüllte sie ihn zusammen und warf ihn auf den Boden, wo er sich in einer schleimigen, stinkenden Pfütze voll sog. Verdammt, sie hätte den Landen viel früher ausräumen müssen und hätte das, was nicht verdarb an einen anderen Ort schaffen müssen. Der Gestank der sich im inneren angesammelt hatte raubte ihr den Atem und sie hielt sich ein Taschentuch vor das Gesicht. Alles Frische aus der Obst- und Gemüsetheke war längst vergammelt und verwest und sie machte einen großen Bogen um diesen Teil des Marktes. Es roch nicht nach Kompost, sondern nach Tod und Ekel. Zusammen mit dem ausgelaufenen Wasser aus den Gefriertruhen hatte sich ein widerlicher, klebriger Film auf dem Boden gebildet und es wimmelte von Ungeziefer. Julie ging noch einmal zum Ausgang, öffnete die beiden Flügeltüren weit und hakte sie ein, damit sie nicht wieder zufielen. So wie es aussah, würde sich an ihrer Situation so schnell nichts ändern, es war an der Zeit sich damit abzufinden und zu sehen wie sie das Beste daraus machen konnte. Verbissen schleppte sie Konservendosen, Knäckebrot, Zwieback, Nudeln und alles was lange haltbar war hinaus an die Luft und stapelte es an der Hauswand. Später würde sie es mit einem Einkaufswagen in den Keller ihres Hauses schaffen und morgen die Bestände an Kerzen, Batterien und allem was sie sonst noch gebrauchen konnte nachholen. In diesem Dreckloch würde sie sich nichts mehr zu essen holen, alleine der Gedanke an die Maden und Würmer die noch immer an dem längst zersetzten Fleisch der Kühlungen hingen, ließ sie würden. Während sie schwitzend und keuchend die Regale ausräumte, begann sie in Gedanken eine Liste zu schreiben und notierte all die Dinge die sie sich in den nächsten Tagen besorgen musste. Mit einem Campingkocher aus dem Kaufhaus, konnte sie wieder warm zu Abend essen und es gab bestimmt noch CD Player die mit Batterien liefen – sie würden die Stille vertreiben. Hörspiele! Unbedingt wollte sie Hörspiele haben um wieder menschliche Stimmen zu hören und ganz wichtig, sie musste in einer der Apotheken ein umfangreiches Sortiment an Medikamenten zusammensuchen. Völlig gefangen in ihren Gedanken und voller Tatendrang schob sie eine Kiste an das Regal mit den Konserven, stieg darauf, stellte sich auf die Zehenspitzen um an die hintersten Gläser mit Kompott zu kommen. Kompott war gut und wichtig – wenn schon kein frisches Obst, dann eben eingelegte wie von Großmuttern. „Na komm schon…“ Sie streckte sich und verlagerte ihr Gewicht. Im gleichen Moment, indem die Kiste auf dem glitschigen Boden unter ihren Füßen zu rutschen begann, wurde ihr bewusste wie bescheuert und leichtsinnig diese Aktion gerade war. Die Kiste rutschte nach hinten, ihre Hände fanden keinen Halt und sie knallte mit einem dumpfen Knall auf den Boden. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Knöchel und sie schnappte keuchend nach Luft. Mühsam rappelte sie sich auf und Tränen liefen vor Schmerz liefen über ihre Wange. Sie kniff die Augen zusammen und tastete über den Knöchel. „Bitte sei nicht gebrochen. Bitte sei nicht gebrochen. Sei bitte, bitte, bitte nicht gebrochen.“

9 Gedanken zu “Für Jules, der mutig genug ist, nach dem Anfang zu fragen.

  1. Herzlichen Dank für den Einblick, liebe Mitzi, habs gerne gelesen und brauchte keinen Funken Mut dazu. Der Plot gefällt mir, und du hast überzeugend entwickelt wie es wäre, der letzte Mensch zu sein, oder der vorletzte? Ich nehme an, Robbie Williams ist auch noch da, oder? Der Plot erinnert mich an Herbert Rosendorfers Roman: „Großes Solo für Anton“ Auch da sind alle Menschen verschwunden.
    Wie geht es weiter in deinem apokalyptischen Roman? ? Julie trifft auf Robbie, der natürlich auch froh ist, nicht alleine übrig zu sein. Als Neuauflage von Adam und Eva sichern sie den Bestand der Menschheit und Julie bringt eine ganze Reihe Synchrontänzer zur Welt? Ich kann mir vorstellen, dass du mit deinem Roman großen Erfolg hättest haben können, als Robbie Williams noch Teeny-Schwarm war. Jede hätte sich zu gern in Julies Rolle versetzt, vorausgesetzt, in deinem Roman gibt es sowas wie ein Happy-End. Wer ist eigentlich heute Teeny-Schwarm? Vielleicht müsstest du nur den Namen austauschen. Sonst würde ich aber nichts ändern. Es ist gut so.

    Gefällt 1 Person

    1. Der Plot ist nicht neu. Von der Vorstellung der letzte Mensch zu sein, erzählte mir schon mein Vater als ich ein Kind war und später las ich Marlen Haushofers „Die Wand“. Ich glaube es ist ein Thema das viele fasziniert. Bei mir waren es zwei Menschen. Wie du vermutest, tauchte Robbie Williams auf. Damals übernahm ich das Äußere und machte ihn ansonsten zu einem Handwerker, der das Gegenteil der ängstlichen Protagonistin war. Die unvermeidliche Liebesgeschichte würde ich heute ganz anders schreiben – sie war schon sehr kitschig und in weiten Teilen überflüssig. Ihren Weg durch die Einsamkeit und das Ende, die Begründung warum es letztendlich geschah, würde ich lassen. Irgendwann möchte ich es umschreiben, da mir diese Geschichte auch nach all den Jahren noch am Herzen liegt.
      Die heutigen Teeny-Idole kenne ich nicht mehr. Es würde mir auch schwer fallen dazu etwas zu schreiben ;).
      Liebe Grüße

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    1. Hallo Luna,
      ich freu mich, dass dir der Anfang gefällt. Von den alten Geschichten ist es noch immer meine Liebste und ich will das Thema schon seit Jahren noch einmal aufgreifen, Herrn Williams rausschmeißen und es überarbeiten. Vielleicht stell ich es noch einmal hier oder irgendwo online.
      Liebe Grüße

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