Die fette Taube

Letzte Woche fing mich Herr Meier vor dem Haus ab und drückte mir einen  Meisenknödel in die Hand. Normalerweise bekomme ich von Herrn Meier nur Nüsse geschenkt. Ich war irritiert. Herr Meier auch. Weil ich nichts sagte und das selten bei mir vorkommt. Für die Taube, erklärte er mir und ich sagte noch immer nichts. Für die Tauben, murmelte ich irgendwann und er schüttelte ungeduldig den Kopf. Nicht für die Tauben, sondern für die Taube. DIE Taube, verstehst?, fragte er mich und ich verstand ihn nicht. Er nahm meine Hand. Wir würden jetzt hoch gehen und er würde den Meisenknödel an meinem Balkon anbringen. Ein Brett hätte er schon im Treppenhaus stehen. Langsam erkannte ich die Zusammenhänge. Der alte Meier wurde senil.  Mitte der Woche hatte ich ihn schon dabei beobachtet, wie er ein Brett an der Brüstung seines Balkons angebracht hatte und mich gewundert, was er mit dem scheußlichen Ding bezweckte. Am nächsten Tag befestigte er einen Ast und garnierte ihn mit Meisenknödeln. Im Hochsommer. Der arme alte Mann. Ich sah ihn mitleidig an und tätschlte seine Hand, in der er immer noch die meine hielt. Unwirsch schob er meine Hand weg und schubste mich stattdessen Richtung Haustür. Hopp hopp, er hätte nicht den ganzen Tag Zeit. Auch bei den Iwanows müsse er die Landebahn noch anbringen, deren Balkon grenze schließlich an die Zweige des Ahorns. Ich nickte verständig obwohl ich nichts verstand, weil ihm das bestimmt gut tat. Ein solches verständiges Lächeln.

Mit Senioren kenne ich mich nämlich aus. Ab einem gewissen Alter werden sie seltsam. Seit mein Vater in Rente ist, spricht er von anderen Rentnern zum Beispiel als „die Alten“ und weigert sich an der Skiliftkasse seinen Ausweis vorzuzeigen. Den Rabatt für Senioren will er nicht. Der ist für die Alten. Oder meine Nachbarin Frau Obst zum Beispiel. Die lächelt mich seit sie ihren 75igsten gefeiert hat, ab und zu an. Das hat sie früher nie gemacht. Altersbedingt vergisst sie in letzter Zeit, dass sie ihre Mitmenschen verabscheut. Und der Meier…mei, der baut halt jetzt Landebahnen für Vögel und füttert sie im Hochsommer mit Meisenknödeln. Gegen Spatzen und Meisen hätte ich ja nichts, aber mit einer solchen Fütterung lockt er auch die ganzen Tauben an und das muss nun wirklich nicht sein. Vorsichtig und langsam sprechend, weil ich noch nicht einschätzen konnte, wie senil er über Nacht geworden ist, erklärte ich ihm, dass das Futter wohl von den Tauben gefressen werden wird. Wir waren vor dem Lift, als er mich als dummes Ding bezeichnete und darauf hinwies, dass es doch eben genau dafür ist. Für die Taube. Die Behinderte. Obwohl ich mit alten Menschen sehr geduldig bin, wurde es mir, als er mich in den Lift schieben wollte, zu dumm. Ich hatte keine Zeit und schob zurück. Erstaunlich klar erklärte mir Herr Meier dann was er eigentlich vor hat und endlich verstand ich ihn. Seit einigen Tagen landet auf unseren Balkonen eine Taube. Genauer gesagt pflatscht sie auf den Boden, in die Blumenkästen oder schlittert über die Brüstung. Das Tier hinkt ein wenig, wirkt aber ansonsten recht agil. Es gurrt, kackt und fliegt. Nur mit dem Landen hat es seine Probleme. Und genau das erweckte wohl das Mitleid meines Nachbarn. Er könne das Pflatschen und Schlittern nicht mehr mit ansehen und würde dem armen Viech deswegen eine Landebahn bauen. Ich nickte. Aber nur kurz. Dann schüttelte ich den Kopf. Nicht auf meinem Balkon. Herr Meier öffnete den Mund und ich unterbrach ihn. Da er wohl doch nicht senil, sondern schlicht wahnsinnig war, machte ich das sehr konsequent. Auf meinem Balkon werden sicher keine Tauben gefüttert.  Diese Ratten der Lüfte.

Mein Nachbar Paul kam die Treppen herunter, sah Meier und seine Bretter und grinste. Das solle er sich sparen, das Grinsen, polterte der Meier und fuchtelte wütend mit den Fingern vor Pauls Gesicht. Einen so hartherzigen Menschen wie ihn hätte er noch gar nie nicht erlebt. Ein armes Lebewesen verhungern zu lassen, sei grausam.  Bei Paul war Herr Meier also auch schon. Bevor eine Taube zum Nachbarschaftsstreit führt, versuchte ich zu deeskalieren. Ob er sich den pflatschenden Vogel mal angesehen hätte, fragte ich ihn. Fett sei er, so fett, dass man ihn sicher nicht noch füttern müsse. Leider hält Paul nichts von Deeskalation und warf noch immer grinsend ein, dass die Taube möglichweise nicht fett sei, sondern ihr Bäuchlein vor Hunger aufgebläht ist. Herr Meier beschimpfte jetzt Paul und unterstellte ihm, ihn zu verarschen und überhaupt grundsätzlich nur Schmarrn zu reden. Erst als Paul mir zuzwinkerte verstand ich. Das war meine Chance abzuhauen und Herrn Meier zu entwischen. Manchmal ist Paul ein Schatz. Am Abend sah ich Herrn Meier auf Pauls Balkon. Er lehnte an der Brüstung, die jetzt eine Taubenlandebahn hatte, und hielt ein Bier in der Hand.  Paul nickte mir zu, zuckte mit den Schultern stieß mit Herrn Meier an.

Auch auf meinem Balkon befindet sich nun ein Brett (die Landebahn) und Vogelfutter. Alles für die fette behinderte Taube, die nach wie vor jedoch lieber in meinen Blumenkästen landet. Ihre gefühlten 80 Freundinnen aber, schätzen das reichhaltige Futterangebot unseres Hauses sehr. Bis heute weiß ich nicht, was Herrn Meier dazu bewegt, sich so für diese seltsame Taube einzusetzen. Vielleicht war er irgendwann als kleines Kind krank und hat über Wochen ein Taube auf dem Fensterbrett beobachtet. Ich weiß es nicht. Aber es rührte mich. Trotzdem kann es so nicht weitergehen. Die Nachbarn von der anderen Straßenseite beginnen bereits mit ersten Protesten. Ich halte mich raus. Es wird sich von alleine erledigen. Die Nachbarn aus dem Hinterhaus fangen an Paul Zettel in den Briefkasten zu werfen und fordern die sofortige Demontage sämtlicher Landebahnen. Auch im Vorderhaus rumort es. Frau Obst überlegt bereits ein Netz an ihrem Balkon anzubringen und am schwarzen Brett mehren sich die Hinweise auf von Tauben übertragene Krankheitserreger. Herrn Meier spricht niemand an. Es ist Paul der die Zettel beantwortet und die Kommunikation am schwarzen Brett übernommen hat. Wir sind uns nämlich noch nicht ganz sicher, ob der Meier nicht doch langsam zu spinnen anfängt.

 

28 Gedanken zu “Die fette Taube

  1. Liebe Mitzi!
    Ihren letzten Satz könnte man dem Inhalt des Textes entsprechend vielleicht auch ein wenig anders formulieren und ganz simpel sagen: „Herr Meier hat einen Vogel!“
    Ein Bild Ihrer Blumenkästen die als Landeplatz fungieren, würde mich im Übrigen auch sehr interessieren 🙂
    Herzliche Grüße ins Vogelhaus
    Mallybeau

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    1. Liebe Mallybeau, Sie haben mich ertappt. Ich habe die Landebahn bereits wieder entfernt. Der Zwischenfall liegt schon zwei Wochen zurück. Aber die Taube, die habe ich erst heute morgen fotografiert. Sie ist schwer zu erkennen und hat sich hinter den Rosen versteckt.
      Herzliche Grüße
      Mitzi

      Gefällt 1 Person

  2. Meine Bewerbung als Seniorenbeauftrager bei WordPress ist schon fast fertig, ich übernehme nur noch rasch ein paar Zitate aus vorstehenden dem rentner- und vogelfeindlichen Text, vorher allerdings muss ich noch kurz raus, die Tauben füttern.

    Gefällt 4 Personen

    1. Lieber Manfred, ist es zu spät um zu deeskalieren? Eigentlich sind wir ja fast ein Alter. Und Sie, Heinrich und Jules nun wirklich keine Senioren im herkömmlichen Sinne. Also keine senilen.
      Tauben füttern? Sie machen das wirklich? Schon immer oder erst in den letzten Jahren? Von Meisenknödeln rate ich ab. Aber Müsli mögen die Viecher.

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  3. Ich bin ja nun auch in einem Alter, in dem die Senilität oder gar Demenz nicht mehr lange auf sich warten lässt. Was mir keine Ruhe lässt, ich kann mir so manche Macken gar nicht vorstellen und würde so furchtbar gerne wissen, mit welchen Blödheiten ich dann meine Umwelt beglücke.
    Es muss doch etwas sein, was schon tief in einem Menschen schlummert und erst ausbricht, wenn alle Hemmschwellen gefallen sind.
    Ich finde es so schade, dass ich das letzte Fensterviertel meines Joharifensters nicht klar putzen kann. 😦 ….. oder vielleicht ist es besser so?!?
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich,
      mit dem Erwarten erster Ausfälle teilen wir wohl das gleiche Schicksal.
      Bei mir haben sich die Ausfälle bisher nur aufs Haupthaar beschränkt.
      Die anderen, befürchteten Macken scheinen wohl nur von Dritten bemerkt zu werden.
      Bei der Fensterwahl wären Sie mit Velux besser gefahren: Joharifenster sind für ihre blinden Flecken bekannt. Aber wer blickt da schon durch?
      Liebe Grüße!
      Lo
      auch nicht unbefleckt.

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      1. Lieber Lo,
        was wir hier treiben, hält die blinden Flecken in Grenzen, weil wir uns immer schön „Feeedback“ geben. Darum macht Kommunikation nicht nur Freude, sondern hilft auch bei Selbsterkenntnis.
        Ob es letzendlich was nütz, werden uns die jungen Menschen sagen, wenn wir mit Taubenlandebahnen durch’s Treppenhaus laufen. 😉
        Gruß Heinrich

        P.S. ich meine, Paul und Mitzi hätten nicht „nachgeben“ sollen. Das Endergebnis lässt sich sowieso nicht vermeiden – so war es nur der Weg des geringsten Widerstandes, die Verantwortung an den Protest anderer abzugeben.

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    2. Lieber Heinrich, von Senilität und Demenz lassen Sie bitte schön die Finger. Dummheiten machen doch nur Spaß wenn man sie bewusst erlebt. Bleiben Sie fit und munter. Aber das werden Sie – vermutlich mindestens so lange wie ich. Und das müssen Sie. Ohne Sie hätte ich nicht vom Joharifenster erfahren.
      Herzliche Grüße
      Mitzi (die sich nochmals beim zukünftigen Seniorenbeauftragten Manfred entschuldigt)

      Gefällt 3 Personen

      1. Ich gestehe, auch durch Herrn Heinrichs Beitrag nachgeschaut zu haben, was ein Joharifenster ist, und weiss nun, dass an einem solchen Fenster keine dicken Tauben landen können.

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  4. Meine Katzen würden dem Leiden dieser fetten Taube schnell eine Ende setzen. Ansonsten würde ich aber auch eher dazu neigen dem Tierchen ein Pläsierchen zukommen zu lassen. Herzlich gelacht habe ich wieder einmal über deine humorvolle Beschreibung deiner Rentnerkommune 🙂

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  5. Vielleicht ist die Taube auch ein Bastard zwischen Taube und Albatros, die haben doch auch so Probleme mit dem Landen. Zumal wir dann gleich noch eine psychologische Note des Minderwertigkeitskomplexes hätten, denn die Arme musste sich seit Kindheitstagen immer gegenüber der anderen Tauben beweisen. Schließlich ist sie keine Reinbluttaube… oder sie ist der Kopf der gefährlichen Taubenfuttermafia….

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