Aufgehoben und verschoben

Ob er schnell noch bei mir duschen könne, fragt er in einer SMS, die weder Begrüßung noch Verabschiedung enthält. Halb acht würde er schaffen. Der klügste meiner Freunde, muss sich nicht mit getippten Höflichkeitsfloskeln aufhalten. Nach all den Jahren sind sie unnötig. Respektvoll, höflich und liebevoll gehen wir seit einem Vierteljahrhundert dann miteinander um, wenn wir uns gegenüber sitzen. Das Telefon ist nur Mittel zum Zweck um eine Uhrzeit zu fixieren. Ich antworte ebenso knapp, ja natürlich und komme nicht auf die Idee, das Bad noch zu putzen. Er würde es nicht bemerken, auch wenn es seit drei Wochen nicht gewischt worden wäre. Dass ich mich freue, ihn zu sehen, auch wenn wir uns erst vor ein paar Tagen gesehen haben, schreibe ich nicht. Nettes, herzliches und warmherziges sage ich ihm, wenn ich ihn dabei anlächeln kann.

Zuerst braucht er etwas zu essen, bittet er mich, während er mich flüchtig umarmt, die Nachbarin grüßt und sich an mir vorbei in die Wohnung schiebt. Und etwas zu trinken, bitte, er war den ganzen Tag in der Sonne und ist ausgedörrt. Er nimmt es sich selbst, während ich ein paar Teller auf den Balkon trage und einen Arm voll Kissen auf den Holzboden werfe. Es ist schön, wenn ein Freund kommt, der so vertraut wie das Mobiliar ist. Mein Rechner ist langsam, erwähne ich zwischen zwei Bissen Roter Beete und er steht auf um ihn hochzufahren. Das Kennwort quittiert er mit einem, besser als nichts, lädt etwas herunter und steht immer wieder auf, während wir das Champions League Endspiel ansehen. Dass er es mit mir ansieht ist schön. Ich habe nicht viel Ahnung, aber ich merke mir Dinge, wenn sie interessant formuliert sind und ich mag es, wenn jemand mit Leidenschaft und Freude von etwas erzählt, dass mich eigentlich nicht interessiert. Wir sind für Dortmund, stellt er fest und ich nicke. Seit er mir einen Abend lang vom lächerlichen Foulspiel Real Madrids erzählt hat, weiß ich warum. Ich orakle die ersten beiden Tore und er bittet mich das jetzt nicht mehr zu tun. Die Vorhersage war richtig, aber nicht das was wir wollten.

Später sitzen wir auf dem Balkon. Es ist warm. Die Gäste der Kneipe im Erdgeschoss analysieren noch das Spiel, während er mir erzählt, was er gerade liest. Über die alten römischen und griechischen Sagen der Antike. Troja, sagt er und sieht mich an, bis ich nicke. Und ich nicke, obwohl mir dazu nicht viel mehr einfällt als die Geschichte mit dem Pferd. Es ist leicht einfach zu nicken. Ich muss nicht sagen, dass mir nur das Pferd einfällt. Wenn der klügste meiner Freunde, nur ein Wort in den Raum wirft, dann ist das meist nur der Auftakt. Zeus und Hera bevölkern wenig später meinen Balkon. Homer verlässt seine Frau für viele Jahre und ich erfahre weit mehr über Troja und kann nach einer Stunde einen Großteil der Götternamen in die richtige Beziehung zueinander setzen. Er wird es sich merken, das was er gelesen hat. Und ich bin sicher, er wird es irgendwann seinen Töchtern erzählen und sie werden ihm ebenso gerne zuhören wie ich. Das größte Talent, des klügsten meiner Freunde, ist zu erzählen und zu erklären. Er plaudert, hält kurzweilige Monologe und stellt Fragen, auf die er keine Antwort erwartet. Ich liege auf dem Balkon oder sitze neben ihm auf der Bank unserer Hütte in den Bergen und höre zu. Und immer, denke ich mir an einem Punkt: Ach so! Dann habe ich etwas verstanden. Warum Ronaldo, obwohl wir das nicht wollen, der derzeit beste Fußballer ist; was es mit der Krümmung der Zeit auf sich hat und auch worum es bei der Diskussion um Xavier Naidoo und den Reichsbürgern geht.

Mein Rechner ist jetzt wieder flotter. Die Odyssee von Homer liegt auf meinem Nachttisch, denn jetzt will ich sie auch fertig lesen, und in einem Kühlschrank steht noch eine angebrochene Flasche Cola. Sie bleibt noch etwas dort stehen. Obwohl ich ihn sicher bald wieder sehe, erinnert sie mich an letzte Woche. An den Sommerabend und den Exkurs auf den Olymp. Sie erinnert mich auch daran eine Neue zu kaufen. Ich werde ihn mit „Warm heute. Balkon?“ zu mir locken. Wenn wir gegessen habe, werde ich nur ein Wort sagen. Herodot. Dann lege ich mich zurück und höre zu. Ich kann es nicht lesen. Es quält mich. Aber ich will wissen was darin steht. Nicht alles. Er wird es für mich filtern, der klügste meiner Freunde. Als Entschädigung erzähle ich ihm, wie das Brautkleid von Manuel Neuers Frau ausgesehen hat. Heute war ein Foto in der Bunten.

 

19 Gedanken zu “Aufgehoben und verschoben

  1. Liebe Mitzi!
    So wie Ihr Freund scheinbar wunderbar erklären und erzählen kann, haben Sie eindeutig das Talent, Ihre Leser mit herrlichen Geschichten zu verzaubern. Ich glaube, da stehen Sie Ihrem Bekannten in nichts nach. Besonders gefällt mir die bildliche Vorstellung, dass die vielseitige Odyssee von Homer auf einem Nachttisch liegen kann und eine Colaflasche angebrochen sein kann, also mit einem richtig kaputten Knacks und doch gefüllt …
    Vielen Dank für diese wunderbaren Bilder! Gut, dass Sie das mit dem Brautkleid nicht weiter ausgeführt haben, das hätte mich weniger interessiert 🙂
    Herzliche Grüße und einen schönen Sommerabend
    Mallybeau

    Gefällt 4 Personen

    1. Liebe Mallybau,
      ich danke Ihnen sehr herzlich für das feine Kompliment und freue mich, dass Sie kein größeres Interesse am Brautkleid zeigen. Obwohl ich es gesehen habe, ist die Erinnerung schon wieder verblasst.
      Liebe Grüße von Ihrer Mitzi, die die Nase gerade in die herrlich frische Morgenluft streckt und sich vorstellt, dass diese auf der Alm noch viel schöner ist.

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Mitzi,
    Sie haben es endlich geschafft!
    Sie haben es geschafft, einen wunderbaren Beitrag zu schreiben, zu dem ich keinen Kommentar habe. Naja, ich hätte einen, der wäre aber nicht klug – sogar unpassend.
    Und ich möchte nicht die schöne Stimmung verderben, die Sie beim Besuch des klügsten Ihrer Freunde haben. Es soll einfach so bleiben oder werden, wie Sie es sich wünschen. Dann ist es gut!
    Ich vermute allerdings, dass ihre anderen Freunde ebenfalls klug sind – jeder auf eine andere Art!
    Gruß Heinrich

    Gefällt 5 Personen

    1. Lieber Heinrich,
      Sie haben es erraten – sie sind alle ganz wunderbar. Das muss man von seinen Freunden auch sagen können, sonst wären es wohl keine Freunde. Trotzdem habe ich ein besonderes Glück, diese Menschen um mich zu haben.
      Ihr Kommentar, von dem Sie sagen, er sei keiner, ist besonders schön. Er enthält einen feinen Wunsch für mich, der mich freut und von dem ich weiß….wenn Heinrich sagt, es soll so bleiben, dann tut es das auch.
      Herzliche Grüße
      Mitzi

      Gefällt 2 Personen

  3. Deine Geschichte ist ein Schmeichellob für eine feine Freundschaft / unkompliziert lebhaft und womöglich tiefer wie so manch andere mit viel Knigge und Vorsätzen.
    Gefällt mir sehr.

    Gefällt 4 Personen

  4. Ganz rasch ein „schöner Moment aus Manuel Neuers Hochzeitsfeier“, den Titanic aufgeschrieben hat: „Der Moment, in dem Manuel Neuer die Frage des Pfarrers gekonnt mit einem ‚Ja gut, äh, ich sag mal‘ pariert.“ Guter Mann, der klügste deiner Freunde.

    Was ich alllerdings gar nicht kann, die von dir „Höflichkeitsfloskeln“ genannten Wendungen wegzulassen, liebe Mitzi.“Floskel“ klingt zu negativ. Diese Formeln verschönern das Miteinander, und wenn ich es auch schon hundertmal getan habe, schicke ich dir einen lieben Gruß!

    Gefällt 1 Person

    1. Auch ich schätze sie, lieber Jules, die Begrüßungen und die Höflichkeit, die einer Nachricht den nötigen Schliff verleihen. Nur selten…eben bei besagtem Beispiel, da vermisse ich sie tatsächlich nicht.
      Ich weiß gar nicht wie Manuel Neuer spricht. Nach dem Titanic Auszug habe ich eine grobe Vorstellung 🙂

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