Männerelend

Ich könne froh sein, kein Mann zu sein, sagte der geduldigste meiner Freunde mit einem kaum merklichen Augenverdrehen und nahm mir einen Sack Blumenerde aus den Armen. Ächzend warf er ihn über seine Schulter und setzte sich in Bewegung. Wortlos stimmte ich ihm zu. Ich war in der Tat erleichtert. Weniger wegen der zwanzig Liter Erde. Die hätte ich auch alleine in den dritten Stock bekommen. Wirklich froh, kein Mann zu sein, war ich, weil mir so die Blödheit erspart blieb, den Ehrgeiz zu entwickeln alle Einkäufe auf einmal durch das Treppenhaus zu schleppen, um nur ja kein zweites Mal gehen zu müssen. Zufrieden mit der Zuteilung meines Geschlechtes trug ich den Rest – ein einzelnes, zartes Tomatenpflänzchen – nach oben und sorgte mich um den Puls des schnaubenden Mannes vor mir. Ebenfalls froh, kein Mann zu sein, bin ich wenn ich mit Freunden auf unserer Hütte bin und das Feuer angezündet werden muss. Als Frau kann ich mich entspannt nach hinten lehnen und bei einem Glas Rotwein interessiert beobachten, wie sie es ein ums andere Mal versauen. Mein Glas ist meist schon leer, wenn die geballte Männlichkeit im Haus verschwindet und nach einer halben Stunde beginnt nach Grillanzündern zu suchen. Während sie fluchend und schimpfend das Haus auf den Kopf stellen, mache ich das Feuer an. Ohne Grillanzünder und ohne viel Tamtam. Vermutlich gelingt mir das nur, weil mir nicht so viel Testosteron an den Fingern klebt. Durch Erfahrung klug geworden, lasse ich sie in dem glauben, dass Reste ihrer groben Holzscheite in ihrer Abwesenheit ganz zufällig doch noch in Brand geraten ist. Zu Wort melde ich mich nur, wenn einer von ihnen die Flasche Brennspiritus im Keller entdeckt. Seit das Krankenhaus im Ort vor zwanzig Jahren geschlossen wurde bin ich vorsichtig geworden.

Dass ich wirklich froh sei, kein Mann zu sein, teilte ich heute Nachmittag auch meinem Nachbarn Paul mit. Der stand nämlich seit über einer halben Stunde vor den Briefkästen und versuchte einen von ihnen mit einer Nagelfeile, einer Büroklammer und einem Schraubenzieher zu öffnen. Seine aktuelle Freundin hatte den Schlüssel abgebrochen. Ich sah es als ich vorhin zur Post ging und fand das Gezeter und die Versicherungen, dass der Schlüssel wohl morsch gewesen war, als etwas albern. Ab und zu kann man ruhig zugeben, dass man sich einfach blöd angestellt hat. Paul hätte das sicher nicht überrascht, er kennt sie ja schon. Ich kenne seine Freundin auch. Letzte Woche stand sie im Waschkeller und war kurz vorm weinen, weil sich die Türe des Trockners nicht öffnen lies und in der hintersten Ecke eine Spinne hockte. Damals wie auch heute, bewunderte ich die Geduld meines Nachbarn mit der er den leicht hysterischen Anfall seiner Geliebten gelassen über sich ergehen lies.  Als ich von der Post zurück kam, war Paul nicht mehr ganz so gelassen. Er fluchte bereits und hatte Schweißperlen auf der Stirn. Schon blöd, dass mal als Mann nicht einfach den Hausmeister anrufen kann, damit er das Briefkastenschloss auswechselt. So wie ich meinen Nachbarn kenne, hatte er selbst auch schon mit diesem Gedanken gespielt, wurde aber vom bewundernden Blick seiner Freundin daran gehindert. Diese stand neben ihm und versicherte immer wieder wie schön sie es fände, wenn Männer sich selbst zu helfen wissen. Man müsse ja nicht für jede Lappalie einen Handwerker rufen. Ich glaube Paul sah das anders, den die kleine Ader an seinem Hals war schon etwas angeschwollen. Als ich meine Wäsche nach oben holte stand Paul noch immer vor den Briefkästen. Mittlerweile eingekreist von einem Gesandten der Studenten WG aus dem Hinterhaus und Herrn Iwanow. Man diskutierte den Einsatz einer Bohrmaschine.

Als die Herren in ihren jeweiligen Kellern verschwanden um das schwere Gerät zu holen, nahm ich Pauls Hand. Nicht um ihm Trost zu spenden, sondern um sie sanft in den Briefkastenschlitz einzuführen. Mein eigener Schlüssel ist vor drei Jahren abgebrochen. Nicht weil er morsch war, sondern weil ich auf hohen Schuhen stolperte und mich blöd anstellte. Das ist aber egal. Die Briefkästenschlitze in unserem Haus sind groß genug um problemlos ein via Amazon geschicktes Packet mit der Taschenbuch Ausgabe von „Krieg und Frieden“ zu schlucken. Auch für Männerhände ist es möglich die Post herauszufischen ohne den Briefkasten aufzusperren.

Im Treppenhaus ist es laut geworden und ich höre Herrn Iwanow nach seiner Frau rufen. Da wir bei den Briefkästen keine Steckdose haben wird nun eine Leitung mittels Verlängerungskabel aus dem Küchenfenster der Iwanows verlegt. Ich bin wirklich froh kein Mann zu sein. Manchmal tun mir die nämlich wirklich leid.

 

25 Gedanken zu “Männerelend

  1. Liebe Mitzi!

    Es gibt doch nichts Schöneres, als ein Feuer zu entzünden! Ich liebe es, im Qualm zu stehen und den Geruch der archaisch duftenden Holzscheite einzuatmen. Ganz im Gegensatz zu Zigarettengestank, den ich einfach nur wiederlich und abstossend finde.
    Und was das Männerelend angeht, da sind wir wohl alle ein wenig Schuld, wenn wir uns gegenseitig in derlei Schubladen stecken. Mich stört es gar nicht, wenn ein Mann weint oder um Hilfe bittet oder ob eine Frau Fußball spielt und gut Auto fahren kann. Ist schließlich alles nur menschlich, wir sind eben alle individuell verschieden 🙂
    Aber wenn in Ihrem Haus nur eitel Sonnenschein walten und keinerlei Probleme herrschen würden, hätten Sie ja auch keine so schönen Geschichten mehr zu berichten. Also freue ich mich mit Ihnen, dass Sie sich freuen, kein Mann zu sein und wünsche ein wunderschönes Wochenende 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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    1. Liebe Mallybeau, auch ich bevorzuge de Rauch eines schönen Feuers. Selbst wenn er in den Augen brennt und sich in der Kleidung festsetzt….er gehört zu meinen Lieblingsgerüchen.
      Die Schubladen sind albern und ich bin ganz bei dir. Ob Mann oder Frau spielt letztendlich keine Rolle und all die pauschalen Aussagen sind Blödsinn. Die Schubladen und Klischees eigenen sich nur dazu, das andere Geschlecht ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Allerdings auch nur dann, wenn man das eigene ebenfalls mit einem Augenzwinkern betrachtet.
      Herzliche Grüße und einen schönen Sonntagabend.

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  2. Ist „Männerelend“ nicht eigentlich eine Tautologie? 😉
    Allerdings wechselt das elende Elend auch manchmal die Seiten… 😀

    [Bestimmt ist es für Männerhände keine Kunst, die Post herauszufischen ohne den Briefkasten aufzusperren. Die Frage ist: kann man den Briefkasten hinterher noch benutzen? Da kommt die Kunst ins Spiel.]

    Gefällt 3 Personen

    1. Böse, böse…der Hinweis auf die Tautologie ;).
      Bei unseren Briefkästen würde sich die Kunst in Grenzen halten. Aus Sicht meiner Nachbarn ist die Kunst jedoch ganz eindeutig die, ein Stromkabel quer durch das Treppenhaus zu verlegen.

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      1. Mnja, allzu realitätsferne Nettigkeiten liegen mir leider nicht. 😉
        Ach, so. Die Briefkästen unter Strom setzen. Der Postler kann keine Post mehr einwerfen, ergo braucht man seinen Briefkasten gar nicht mehr zu öffnen, ergo gibt es auch keine abgebrochenen Schlüssel mehr. Genial! 💫💫💫

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      2. Bring meine Nachbarn nicht auf solche Ideen. Die Studenten aus dem Hinterhaus könnten daran gefallen finden und unser Briefträger fände es womöglich auch praktisch, die Post einfach in die Ecke zu werfen.

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  3. Nachdem ich deine hübsche Geschichte gelesen und mich amüsiert habe, liebe Mitzi, will ich deine Überschrift „Männerelend“ letztlich doch nicht gelten lassen. Es ist vielleicht das Elend der in der Geschichte auftretenden Männer. Die von dir eingenommene Fraurolle hängt unmittelbar damit zusammen. Es ist wenn überhaupt ein wechselseitiges Elend, aber eigentlich gar kein Elend, sondern für beide Seiten mit einem gewissen Lustgewinn verbunden..

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    1. Ich stimme dir zu, lieber Jules. Ein wirkliches Elend ist es nicht. Das wäre zu einfach und ich bin heilfroh, dass etwa 50 Prozent der Menschen dann doch Männer sind. Und die sind wahrscheinlich heilfroh keine Frau zu sein ;):

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