Dummheiten

Er sei sich nicht sicher, was er von einer Frau halten würde, die Oliven auf eine so seltsame Art essen würde. Das war ein dummer Gedanke, denn ich war bereits nicht nur eine, sondern seine Frau und ich sagte ihm, dass es längst zu spät war, diese Tatsache in Frage zu stellen. Er wollte wissen, wann es zu einer Tatsache geworden war, da er sich nicht daran erinnern konnte, jemals eine Entscheidung getroffen zu haben. Auch das war dumm gedacht, erklärte ich geduldig zwischen zwei Oliven. Eine Bindung zwischen zwei Menschen wurde nicht durch eine rationale Entscheidung der Beteiligten geschaffen. Sie wurde einem in den Bauch gepflanzt und verhielt sich so lange still, bis man sein Gegenstück traf und sich dann für den Rest des Lebens nicht mehr trennte. Beim „Rest des Lebens“ verschluckte er sich und machte einen albernen Scherz ob er mich nun wirklich nie wieder loswerden würde. Weil ich nicht lachte, hörte auch er auf und sah mich ruhig an. Das konnte er besser als ich. Jemanden ruhig in die Augen sehen und dem Blick nicht ausweichen. Irgendwann nickte er. Gut, dann hätte die Suche ja nun ein Ende und er hätte die Frau seines Lebens gefunden. Nur der Zeitpunkt sei etwas unglücklich, da er sich bereits in einer Beziehung befand. Wieder lachte er. Ich nicht. Er war wirklich dumm.

Am Abend lernte ich seinen Bruder kennen. Er stellte mich als die Frau vor, mit der er den Rest seines Lebens verbringen würde. Ob er etwas versäumt hatte, wollte der irritiert wissen und ich schüttelte den Kopf. Nur die erste Woche. Die sei jedoch unspektakulär gewesen. Aus der Küche hörte man den, mit dem ich für den Rest meines Lebens verbunden bleiben würde, rufen, dass er mich noch nicht einmal geküsst, geschweige denn angefasst hätte, ich mir aber anscheinend so sicher sei, dass er sich nicht zu widersprechen traute. Auch das ein dummer Scherz. Er wäre der Letzte gewesen, der nicht widersprochen hätte. An diesem Abend aß ich die Oliven auf einem Balkon so wie es sich gehörte. Der, der bei mir bleiben würde, bestand darauf. Er könne sich ein solches Geknabbere nicht für den Rest seines Lebens ansehen. Man muss auch Kompromisse eingehen und ich aß sie anständig. Auch, weil ich meine Oliven nur dann knabbere, wenn mir niemand oder eben nur er dabei zusieht. Vor der Freundin des Mannes, der mein Mann werden würde, wäre es mir unangenehm gewesen. Genauso unangenehm wie ihr zu sagen, dass ich ihrem Freund am Nachmittag mitgeteilt hatte, dass ich ab jetzt zu ihm gehören würde. Im nächsten Leben erkundige ich mich bei potentiellen Seelenverwandten vorher nach dem aktuellen Beziehungsstatus. 

Nach diesem Mai, kam der Juni. Das tut er ja immer. Und mit ihm eine neue Freundin. Sie blieb ein paar Monate und verschwand genauso schnell wie ihre Nachfolgerin. Es ist sinnlos einem dummen Mann zu sagen, dass die Wechsel ein wenig zu inflationär waren. Ebenso sinnlos wie etwas voranzutreiben, dessen Zeit noch nicht gekommen war. Er und ich verbrachten die Mittagspausen miteinander. Jede Woche fünf mal dreißig Minuten. Sonst sahen wir uns kaum. Solange er scherzte, wenn er mich mit „Hallo, Frau meines Lebens“ begrüßte, reichten hundertfünfzig Minuten in der Woche.

In einem anderen Mai, denn es war bei uns ja immer der Mai,  scherzte er nicht als er mich begrüßte. Wortlos nahm er in diesem Mai meine Hand und hielt sie unschlüssig in der seinen. So unbeholfen wie an diesem Tag hielt er meine Hand danach nie wieder. Es war normal, denn er kannte sie ja noch nicht. Meine Hand. Du und ich, fragte er. Und wie es enden würde. Diesmal lachte ich. In einer Katastrophe, sagte ich und lachte ihm ins Gesicht. Es würde in einer Katastrophe enden.  Ich war wirklich dumm in diesem Mai. 
Am Abend gab es auf dem Balkon keine Oliven sondern Erdbeeren. Ich knabberte sie. Es gab niemanden mehr vor dem es mir unangenehm hätte sein müssen. Nur einen, der mein Knabbern noch nicht kannte. Sein Bruder stand an die Brüstung gelehnt und verzog das Gesicht. Von wegen perfekt, sagte er, schau mal wie die isst. Man müsse Kompromisse eingehen, meinte der meine und erinnerte sich nicht mehr daran, dass er genau diesen Kompromiss vor zwei Jahren von mir gefordert hatte.

 

 

 

28 Gedanken zu “Dummheiten

  1. Langsam enthüllt sich die Geschichte deines Lebens, liebe Mitzi. Hier bist du an den Anfang gegangen. Spezielle Essgewohnheiten können in der Dämmerung einer Beziehung ein Grund sein, den Partner zu hassen, wie ich von welchen weiß, die sich zum böden Ende nicht mal mehr atmen hören konnten, ohne aggressiv zu werden. Am Anfang einer Beziehung mag man gar nicht glauben, dass es so weit kommen könnte. Besser, es nicht zu erleben.

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    1. Ein schöne Ausdruck, lieber Jules….in der Dämmerung einer Beziehung. Ist dieser Zustand erreicht, dann ist es ganz wie du schreibst….das pure Atmen des Anderen treibt einen in den Wahnsinn.
      Einer der wenigen Vorteile, wenn man vorschnell aus Beziehungen gerissen wird. Das Ende erspart einem den (möglichen) langsamen Tod der Liebe.

      Gefällt 2 Personen

  2. Da ich keine Frau kenne, die eine Olive nicht unablässig drehend bis zum Erscheinen des blanken Kerns abknabbern würde, habe ich immer gedacht, Frauen, Oliven und das entsprechend drehende Abknabbern gehören untrennbar zusammen und es wäre eine Art Ritual, welches sich die Natur mit den Frauen und den Oliven ausgedacht hat, um die Aufmerksamkeit der Männerwelt subtil auf jenen Vorgang zu lenken, der nun, wie es scheint, doch bei so manchem Herrn Irritationen hervorzurufen droht … 🙂

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  3. Alles was ich über das Knabbern von Oliven sagen wollte, ist schon gesagt worden. Und zwar viel besser, als ich es zum Ausdruck hätte bringen können.
    Mich stimmt allerdings sehr nachdenklich, dass es neulich bei uns Oliven gab.
    Nur stimmt hier scheinbar etwas grundsätzlich nicht!
    ICH habe die Oliven gegessen und nicht meine Liebste. Außerdem hatten die Oliven keine Kerne, sondern Paprikafüllung. Darüber hinaus wurde mein Olivenverzehr kommentarlos „hingenommen“.
    Ich befürchte nun, dass meine Art Oliven zu essen so unspektakulär, ja sogar stinklangweilig ist. So wie der ganze Kerl! 😦

    Heinrich mit Grübelfalten

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    1. Es ist alles in Ordnung, lieber Heinrich. Obwohl ich nur einen kleinen Teil Ihres Wesens kenne – das was Sie durch Ihre Beiträge und Kommentare erkennen lassen – bin ich mir sicher, dass Sie weder unspektakulär, noch langweilig sind. Welche Eigenarten auch immer Sie besitzen, Ihre Liebste wird sie schätzen.
      Grübeln Sie nicht weiter, das gibt nur Falten 😉

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  4. Danke liebe Mitzi,
    nun bin ich beruhigt und meine kleine Welt ist wieder in Ordnung!
    Das war wohl nicht immer so bei mir, dass ich ein gewisses Maß an Spektakularität bzw Spekularität hatte. Man wächst ja mit seinen Aufgaben. Da meine Aufgaben aber auch reduziert sind, seit ich Rentner bin (nur die virtuellen Aufgaben haben sich vermehrt), kann es jetzt nur noch an meinem Umgang liegen, der mich geformt und vielseitiger gemacht hat. Gerade die Bekanntschaft mit Ihnen, die ich, frech wie ich bin, schon als Internetfreundschaft bezeichnen möchte, hat nicht nur meinen Horizont erweitert, sondern mich auch feinfühliger und umgänglicher gemacht. Das macht einfach Ihr guter Einfluss!
    So streckt sich meine kleine Welt, über die virtuelle Welt, nun bis ins Universum! 😉

    Gruß Heinrich

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    1. Das klingt sehr schön, lieber Heinrich.
      Man schimpft so viel über den inflationäre des Gebrauch des Wortes „Freundschaft“ im Internet, ist die in der realen Welt doch etwas ganz anderes. Trotzdem empfinde ich es ganz genauso. Es ist eine internetfreundschaft und das ist etwas ganz besonderes.
      Danke, dass Sie mich ab und an in Ihre kleine, bis zum Universum reichende, Welt mitnehmen.

      Herzliche Grüße

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