Zum Abschied ein Winken

Bevor meine Großmutter starb, winkte sie mir ein letztes Mal zu. Ich war zwölf Jahre alt und besuchte sie mit meinen Eltern im Krankenhaus. Weder an diesen, noch an die vorangegangenen Besuche kann ich mich heute noch erinnern. Als sie in die Klinik eingeliefert wurde ging es ihr schlecht und die fahle, matte Gestalt in dem weißen Bett hatte nichts mit dem Menschen zu tun, den ich Oma nannte. Beim letzten Mal, das erzählte man mir, war sie nicht mehr ansprechbar.  Ich selbst erinnere mich nicht. Nur das aller letzte Bild von ihr ist in meiner Erinnerung haften geblieben. Zum Abschied drehte ich mich noch einmal um und sah durch den Spalt, der sich bereits schließenden Tür, dass sie die Hand hob, mir winkte und mich ansah. Ob sie lächelte weiß ich nicht. Es ist nicht wichtig. Meine Oma hat sich verabschiedet und meinem Mädchen-Ich ein schönes letztes Bild geschenkt. Es ist ein versöhnliches Bild. Eines, das man für den Rest seines Lebens im Herzen tragen kann und das mit den Jahren an Schönheit gewinnt. Weiterlesen

Gefundene Sätze #34

 

„Wir nannten deine Tante das kranke Eichhörnchen.“
„Wie süß! Das kleine Eichhörnchen?“
„Das kranke, nicht kleine. Das mussten wir ihr sagen, weil sie nicht auf die Bäume hoch kam.“

Lieber großer Bruder, irgendwann in diesem Leben werden wir noch einmal vor diesem Baum stehen und dann……dann komm ich da hoch! Deine Töchter sind jetzt alt genug, um selbständig den Krankwagen zu rufen.

 

Männerelend

Ich könne froh sein, kein Mann zu sein, sagte der geduldigste meiner Freunde mit einem kaum merklichen Augenverdrehen und nahm mir einen Sack Blumenerde aus den Armen. Ächzend warf er ihn über seine Schulter und setzte sich in Bewegung. Wortlos stimmte ich ihm zu. Ich war in der Tat erleichtert. Weniger wegen der zwanzig Liter Erde. Die hätte ich auch alleine in den dritten Stock bekommen. Wirklich froh, kein Mann zu sein, war ich, weil mir so die Blödheit erspart blieb, den Ehrgeiz zu entwickeln alle Einkäufe auf einmal durch das Treppenhaus zu schleppen, um nur ja kein zweites Mal gehen zu müssen. Zufrieden mit der Zuteilung meines Geschlechtes trug ich den Rest – ein einzelnes, zartes Tomatenpflänzchen – nach oben und sorgte mich um den Puls des schnaubenden Mannes vor mir. Weiterlesen

Mamertus lacht

Für unsere Fahrt nach Italien müsse ich mir bezüglich unserer Sicherheit keine Sorgen machen, teilte man mir Anfang der Woche mit. Die Winterreifen seien noch nicht abgenommen und mit ihnen würden wir problemlos jedem Schneesturm trotzen. Da wir unsere Reise bereits am 19. Mai antreten war ich sehr erleichtert das zu hören. Als Münchnerin weiß ich, dass ein Reifenwechsel vor Ende Juni ein überaus leichtsinniges und geradezu fahrlässiges Unterfangen ist. Dem Wetter zwischen Donau und Trient ist es nämlich völlig egal, wann der ADAC einen Reifenwechsel empfiehlt. Mehr noch – ich bin sogar fest davon überzeugt, dass die Eisheiligen irgendwo in den Alpen hocken und sich einen Spaß daraus machen auf die ersten Idioten mit Sommerreifen  zu warten. Allen voran die kalte Sophie, die jedes Jahr scheinheilig grinst, wenn sie hört wie Bauernregeln zitiert werden. Nur noch wenigen ist bewusst, dass ihr Gedenktag ohne dem Wechsel zum gregorianischen Kalender dieses Jahr zum Beispiel erst am 23. und nicht schon am 15. Mai liegen würde. Obwohl es ihr vermutlich auch herzlich egal ist. Sie kümmert sich nicht um den Kalender sondern wartet wie die anderen Eismänner auf den Reifenwechsel der Bayern und schlägt dann noch einmal genüsslich zu. Weiterlesen

Mitzi aus dem Vorderhaus, 2. Stock

Vor einiger Zeit bat ich zwischen Taubennestern und Mettbrötchen um Hilfe. Wenn Sie sich noch daran erinnern, dann wissen Sie dass ich eher verzweifelt flehte als bat. Geschrien habe ich auch. Angeschrien. Aber nicht Sie. Angeschrien habe ich meinen altersschwachen Rechner, der sich einen Spaß daraus machte, immer dann abzustürzen, wenn ich gerade meine Texte umsortiert aber noch nicht gespeichert hatte. Unser Verhältnis kann man mittlerweile als dauerhaft zerrüttet beschreiben und nur weil ich gute Freunde mit technisch einwandfreien Equipment in der Hinterhand hatte, haben wir es bis heute geschafft.

Unser Verhältnis – das meine zu Ihnen – ist noch immer ein ganz besonderes. Ich muss Ihnen nicht sagen, wie wohl ich mich mit Ihnen fühle und dass meine anfängliche Arroganz dem Bloggen gegenüber, sich nach dem zweiten Beitrag in eine innige und leidenschaftliche Liebe verwandelt hat. Und den Geliebten kann man ruhig auch mal um Rat fragen. Zum Beispiel wenn es um den Titel geht. Sie erinnern sich. Und ähnlich wie bei einem Geliebten möchte man dann gerne eine Bestätigung hören. Alla „Steht mir das Kleid? Hervorragend!“ Und – um im Bild zu bleiben – zeigt sich schnell wie gefestigt eine Beziehung schon ist. Die oberflächliche Bekanntschaft bestätigt freundlich lächelnd ohne näher darauf einzugehen und würde Kritik kaum riskieren. Sie und ich aber, stehen uns schon so nahe, dass Ihre Kommentare wichtig und wertvoll waren. Jene, die mir sagten, dass sie es gut fanden und deren Urteil ich trauen konnte und vor allem auch jene, die verbal den Kopf schüttelten und mir erklärten, warum sie „Münchner Kuriositäten“ als nicht passend empfanden. An diesem Abend schüttelte auch ich den Kopf und sagte nur einem und nur ganz leise, dass Ehrlichkeit doch nun wirklich blöd ist. Er lachte, nahm mir das Weinglas weg und schubste mich zurück an den Tisch und mein Notizbuch. Zum Nachdenken, wie er sagte. Ich wusste ja selbst, dass sie, die Ehrlichkeit, nicht blöd sondern elementar, wichtig und verdammt nützlich sein kann. Und war. Die Kuriositäten sind zurück in ihrem Kabinett und ich bin das, was ich tatsächlich bin. Mitzi aus dem Vorderhaus, 2. Stock. Im echten Leben und jetzt auch gedruckt auf Papier oder als E-Book. Dafür danke ich Ihnen von Herzen.

Das Ergebnis sehen Sie unten. Und auch das habe ich gelernt. Eine Coveridee ist etwas feines. Noch feiner ist es aber, wenn Sie jemanden kennen, der Kreativität und Handwerk vereint und Ihnen viel mehr als eine bloße Idee zaubert. Mira Alexander hat meinen Erzählungen ein Bild gegeben, das für mich perfekt passt. Ein Klingelschild, eine Hauswand, der Bezug zum Blog durch die Beitragsbilder…..

Da ich Sie nun schon zu meinem Geliebten gemacht habe, bin ich zu Ihnen ähnlich ehrlich und direkt wie zu ihm.
Obwohl ich mich unbändig freue, wenn sich jemand das Büchlein kauft oder das E-Book herunter lädt….Sie kennen die meisten Texte bereits. Wenn Sie aber jemanden kennen, der nicht online ist, Blogs doof findet oder Lust haben eine Bewertung zu schreiben …… Und stopp. Das war es mit Werbung in eigener Sache. Drei Zeilen, mehr aber auch nicht. Denn das hier ist ein Blog. Hier geht es um das Schreiben, das Lesen und den werbefreien (soweit WordPress es zulässt) und kostenfreien Genuss von Worten, Bildern und Gedanken.

Es grüßt
Mitzi aus dem Vorderhaus, 2. Stock. Die weiter gerne von Herrn Meier, Paul und den anderen berichtet.

P.S. Ihre Elly Seidl Pralinen sind nicht vergessen. Ich habe eine lange Liste und wenn Sie nicht mehr damit rechnen bekommen Sie Post. Oder eine E-Mail, wenn Ihr Impressum vermuten lässt, dass ich dorthin lieber nichts schicke ;).

12 Monate Rosen und Schornsteine – April

Hier im Münchner Rosengarten, stellte der, der nicht mehr bei mir ist, seine Liebe zu mir in Frage. Es war April, ein Tag ähnlich dem heutigen, und der Flieder blühte. Ich frage mich warum, ich dich liebe, sagte der, den ich mehr als mich selbst liebte, und blickte mit gesenktem Kopf auf den Boden. Es ist kein gutes Zeichen, wenn der Geliebte neben einem sitzt, sich mit Daumen und Zeigfinger die Nasenwurzel massiert und diese Frage in den Raum stellt. Dann hängt sie irgendwo im Flieder fest und man atmet den faden Beigeschmack mit jedem Atemzug ein. Mit jedem Luftholen atmet man den grausamen Satz ein und spürt wie er wächst, denn atmen muss man ja. Anfangs hält man vielleicht noch die Luft an und hofft, dass ein anderer Satz den bitteren ein wenig verwässern möge. Aber dann, wenn keiner kommt, dann schnappt man nach Luft und senkt ebenfalls den Kopf. Man atmet die Zweifel des anderen ein und sie sickern durch die Lunge und den Magen bis ganz tief in den Bauch und nisten sich dort ein. Zweifel und Liebe vertragen sich nicht. Eine Weile mögen sie still und ruhig nebeneinander existieren, früher oder später aber, gewinnt einer von ihnen. Selten ist es die Liebe. Weiterlesen

Cassini und ich

Cassini. So ein schöner Name für eine kleine Sonde, die nun am Ende ihres Weges angelangt ist. Zwanzig Jahre war die Nasa-Raumsonde unterwegs und kreist seit nunmehr dreizehn Jahren in der Umlaufbahn des Saturns. Zum großen Finale ihrer Reise wird sie die Ringe des Saturns einige Male durchfliegen und dann kontrolliert in den Planeten stürzten. Egal wie kontrolliert das sein wird, ich finde, dass „in den Planeten stürzten“ überhaupt nicht kontrolliert klingt. In meinen Ohren klingt das nach einem überaus unschönen Ende und ich würde mir lieber vorstellen, dass die kleine Sonde mit dem hübschen Namen auf alle Zeit ein Teil der Ringe des Saturns wird. Weiterlesen

Erbsen im Frühling

Es heißt, dass die Menschen in Vollmondnächten durchdrehen. Angeblich geschehen dann mehr Unfälle, mehr Gewaltverbrechen und auch mehr Morde. Von Tötungs-delikten in meiner Nachbarschaft ist mir nichts bekannt. Weder bei Vollmond noch sonst. Mit Gewaltverbrechen können wir aber dienen. Oder wie würden Sie es nennen, wenn Sie von einer alten Frau mit Tiefkühlerbsen fast erschlagen werden? Bei uns hat das allerdings wenig mit dem Vollmond zu tun. In meinem Viertel drehen die Bewohner überwiegend an Tagen mit besonders schönem und eigentlich friedlich stimmenden Wetter durch. An Tagen wie heute zum Beispiel. Weiterlesen

Im Bmpf wird gegrillt – U-Bahn Gedanken

Im Bmpf verschwinden Dinge. Die Dinge werden entweder versehentlich geklaut, oder jemand, dem sie nicht gehören, hat sie mitgenommen. Ich vermute, dass Dinge die mitgenommen werden und die einem nicht gehören, ebenfalls geklaut werden. Wie man etwas versehentlich klaut, weiß ich leider nicht. Ich würde den, der gerade vom versehentlichen Klauen berichtet, gerne danach fragen, wie so etwas funktioniert, aber ich möchte sein Telefonat nicht unterbrechen. Er redet mit so lauter und klarer Stimme, dass man ihn unmöglich stören darf. Wer mit einer solchen Stimme ganze acht Reihen in einem Bus unterhält, berichtet ganz offensichtlich etwas von großer Wichtigkeit. Weiterlesen