Im Bmpf wird gegrillt – U-Bahn Gedanken

Im Bmpf verschwinden Dinge. Die Dinge werden entweder versehentlich geklaut, oder jemand, dem sie nicht gehören, hat sie mitgenommen. Ich vermute, dass Dinge die mitgenommen werden und die einem nicht gehören, ebenfalls geklaut werden. Wie man etwas versehentlich klaut, weiß ich leider nicht. Ich würde den, der gerade vom versehentlichen Klauen berichtet, gerne danach fragen, wie so etwas funktioniert, aber ich möchte sein Telefonat nicht unterbrechen. Er redet mit so lauter und klarer Stimme, dass man ihn unmöglich stören darf. Wer mit einer solchen Stimme ganze acht Reihen in einem Bus unterhält, berichtet ganz offensichtlich etwas von großer Wichtigkeit. Unwichtig ist dagegen, dass die Dinge abhanden gekommen sind. Fragen Sie mich bitte nicht, um welche Dinge es sich handelt – das habe ich noch nicht ganz verstanden. Geheimnisvoll werden sie nur als „Zeug“, als „du weißt schon“ oder „die Dinge“ bezeichnet. Jetzt sind sie wohl weg, was aber auch egal ist, denn das muss nun eben der Anwalt regeln. Für den, dessen Dinge verschwunden sind, ist das in Ordnung. Seine Mutter sei genauso geldig wie seine. Also die, von dem, der mit klarer Stimme telefoniert. Wenn Sie nicht ganz mitbekommen worum es eigentlich geht, dann sind sie nicht alleine. Mir geht es genauso. Ich sitze im Bus einige Reihen hinter dem Telefonier-enden und lausche gebannt, weil mir die Stimme so gut gefällt. Und weil ich es faszinierend finde, dass der Sprechende reden und gleichzeitig trinken kann. In einer Zeitspanne von nur fünf Haltestellen hat er eine ganze Flasche Augustiner Helles geleert. Und nicht einmal aufgestoßen oder Schluckauf bekommen. Bier trinken, zugleich mit lauter Stimme sprechen, eine Mütze immer wieder aus der Stirn schieben und mit beiden Händen gestikulieren…das ist männliches Multitasking.

Das Bmpf kenne ich übrigens nicht.  Ich glaube es handelt sich um einen Club oder eine Bar. Es ist nicht wichtig. Auch nicht, dass dort geklaut wird, denn das Bmpf schließt heute Abend. Nächste Woche wird es abgerissen, erfahre ich. Mit ihm verschwindet für mich wahrscheinlich auch der Unterschied zwischen versehentlich geklauten Dingen und Dingen die von jemanden mitgenommen werden, dem sie nicht gehören. Ich akzeptiere das einfach mal. Wobei, ganz einfach ist es nicht. Es ist Samstag und wer kann schon mit Sicherheit sagen, dass es mich heute, am letzten Abend des Bmpf, nicht ganz zufällig doch dorthin verschlägt. Ich kenne es zwar nicht, aber heute ist Samstag und an einem Samstagabend kann viel passieren. Und dann würde ich schon gerne wissen ob ich dort Gefahr laufe  versehentlich etwas geklaut zu bekommen. Ich nehme meine Tasche und der setze mich direkt dem Telefonierenden gegenüber und sehe ihn aufmunternd an. Ein aufmunterndes Lächeln, das bedeutet, er möge doch sein Telefonat beenden und mir meine Fragen beantworten. Er missdeutet es, prostet mit mir mit einer Bierflasche zu, grinst und wechsel das Thema. Bevor es am Abend in besagtes Bmpf geht, wird gegrillt. Die Planung dieses Vorspiels ist nun Inhalt des Telefonates. Als interessierter Zuhörer nenne ich den Telefonierenden ab jetzt Gustl. Sie wissen schon….wegen des Augustiner Biers in seiner Hand und weil er irgendwie nach einem Gustl aussieht.

Gustel ist mit seinen Mitte Zwanzig eigentlich zu jung für diesen Namen, aber er hat ihn sicher von seinem Großvater geerbt. Solche Traditionen mag ich und Gustl wird mir sympathisch. So sympathisch, dass ich ihn mit einer ausladenden Geste auf den Dauerregen vor dem Busfenster aufmerksam mache. Kann ja sein, dass er das bei der Planung des Grillabends übersehen hat. Er nickt und teilt seinem Gesprächspartner mit, dass es regnet. Zwei Stationen lang wird über die mögliche wasserabweisende Schicht von Sonnenschirmen diskutiert und diese kurz hinter dem Ostbahnhof als ausreichend befunden. Ich zucke mit den Schultern und bezweifle das nonverbal durch ein Stirnrunzeln. Gustel meint jetzt auch, dass es wohl nicht klappt. Sie besprechen ihren Treffpunkt und ich muss erneut eingreifen, denn Gustel behauptet, dass er in einer halben Stunde in Obermenzing sein könne. Ich tippe auf seinen Oberschenkel und schüttle den Kopf. Geduldig warte ich, bis er das Telefon von Ohr nimmt und erkläre ihm dann, dass das nicht zu schaffen ist. Mit der S-Bahn nach Moosach ginge ja noch, aber der Bus danach zuckelt doch so und wenn ich die Adresse richtig verstanden habe, dann ist der anschließende Fußweg  kaum unter einer Viertelstunde zu bewältigen. Gustel verzieht das Gesicht und sieht mich an. Er sieht mich so lange an, bis ich mich sehr langsam wieder zurück lehne und nicht mehr ihn ansehe sondern konzentriert in den Regen starre. 

Für einen kurzen Moment habe ich vergessen, dass ich ja gar nicht eingeladen bin. Sollte es mich heute Abend in das Bmpf verschlagen und mir dort versehentlich etwas geklaut werden, dann halte ich trotzdem nach ihm Ausschau. Er kennt dort nämlich alle und könne solche Dinge klären. Hat er mir im Bus erzählt.

 

 

7 Gedanken zu “Im Bmpf wird gegrillt – U-Bahn Gedanken

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