Cassini und ich

Cassini. So ein schöner Name für eine kleine Sonde, die nun am Ende ihres Weges angelangt ist. Zwanzig Jahre war die Nasa-Raumsonde unterwegs und kreist seit nunmehr dreizehn Jahren in der Umlaufbahn des Saturns. Zum großen Finale ihrer Reise wird sie die Ringe des Saturns einige Male durchfliegen und dann kontrolliert in den Planeten stürzten. Egal wie kontrolliert das sein wird, ich finde, dass „in den Planeten stürzten“ überhaupt nicht kontrolliert klingt. In meinen Ohren klingt das nach einem überaus unschönen Ende und ich würde mir lieber vorstellen, dass die kleine Sonde mit dem hübschen Namen auf alle Zeit ein Teil der Ringe des Saturns wird. Es tröstet mich, dass noch nie ein Raumschiff oder ein anderes Objekt durch diese Region geflogen ist und die kleine, mutige Cassini diesen Weg sicher tapfer beschreiten wird. Und bevor sie überlegen ob Sie an meinem Verstand zweifeln sollen, weil ich einer Sonde Charaktereigenschaften wie Tapferkeit zuschreibe…. zweifeln sie ruhig. Ich neige dazu, technische Objekte zu vermenschlichen. Für mich ist es besser das Roboterzeitalter nicht zu erleben. Ich könnte mir nicht einmal einen Staubsauger-Roboter zulegen, weil es mir doch sehr leid täte, wenn das arme Ding sich immer wieder an meinen Möbeln stoßen würde, bevor es den Weg neu berechnet. Für jemanden, der seinem Handy einen Namen gibt, ist solcher moderner Schnick Schnack nichts. Nicht für jemanden, der sich bei seinem Navi entschuldigt, wenn dieses die Route neu berechnen muss.

Ich wünsche der Sonde Cassini spektakuläre Eindrücke, bevor sie auf dem Saturn einschlägt und hoffe bis zuletzt, dass man sich womöglich doch verrechnet hat und ein ewiges Kreises – oder ein Jahrhunderte langes – möglich ist. Ein faszinierender Gedanke. Überhaupt fasziniert mich alles, was mit dem Weltall zu tun hat. Oder mit Naturwissen-schaften überhaupt. Von keiner dieser Wissenschaften habe ich Ahnung. Weder von Mathematik, noch von Physik und von Quantendingens erst recht nicht. Aber ich finde es überaus faszinierend und nutze jede Gelegenheit mir davon berichten zu lassen. Der Mathematiker, der eine langjährige Beziehung mit mir führte, ist seit er mich kennen lernte zu einem überaus guten Erklärer geworden und dem Architekten mit Hang zur Astronomie verdanke ich es, elementare physische Zusammenhänge wenigstens ein wenig verstanden zu haben. Ein Physiker würde an mir wahrscheinlich verzweifeln oder hätte seine Lebensaufgabe gefunden.

Angefangen hat alles unter einer blauen Decke auf dem Sofa. Unter der lag ich als kleines Mädchen und war davon überzeugt, dass meine Mutter nicht wissen würde, dass mich mein Vater darunter versteckt hielt. Manchmal durfte ich mich dicht vor ihn legen und er erlaubte mir länger aufzubleiben als sonst. Dann lag ich unter der Decke, lugte durch einen kleinen Spalt und sah mit ihm gemeinsam Erwachsenenfilme an. Dabei handelte es sich zum Beispiel um einen Western oder um die Vorabendserie „Ein Colt für alle Fälle.“ Ich vermute, dass meine Mutter ganz genau wusste, dass ich unter der Decke lag. In einer Drei-Zimmer-Wohnung vermisst man sein Vierjähriges Kind recht schnell. Damals aber glaubte ich, dass ich dort unter der Decke unsichtbar bin. An einem Abend sah ich durch den Deckenspalt einen Science Fiction Film. Es muss ein sehr alter gewesen sein und ich glaube heute, dass es „Odyssee im Weltraum“ war. Etwas das ich nicht verstand, das aber meine Faszination für schwarze Löcher weckte. Wenn ich mich richtig erinnere geht es in dem Kubrik Film nicht direkt darum sondern um den endlosen Fall in einen Monolithen der den Protagonisten in eine andere Welt katapultierte. Als ich aber einige Jahre später – wieder mit meinem Vater – einen ähnlichen Film sah, ging es um ein schwarzes Loch und ich verband es mit den frühen Erinnerungen des endlosen Falls und dem Erwachen in einer anderen Welt. Während des Abspanns – seltsam, dass ich mich daran noch so gut erinnere – beschloss ich, dass ich, sollte ich je die Chance bekommen in eine schwarzes Loch zu fliegen, es auch tun würde. Egal was dahinter kommt. Ich würde mich mutig hinein stürzen. Lange Jahre meiner Kindheit wünschte ich mir inbrünstig, die Gelegenheit zu erhalten in ein schwarzes Loch zu fallen.  

Schon vor dem Mathematiker wusste ich irgendwann, dass das keine besonders gute Idee war. Ich hatte großes Glück, dass mir dieser Kindheitstraum nicht erfüllt wurde. Sonst würde ich nicht hier sitzen und sehr wahrscheinlich nicht im Besitz eines Bewusstseins sein – ganz zu schweigen von Fingern. Und trotzdem. Ein kleiner Teil von mir, wünscht sich auch heute, in der Sonde Cassini zu sitzen und mir ihr durch die Ringe des Saturns zu fliegen. Was für ein Ausblick, das sein muss. Und was für ein Gefühl, der erste Mensch zu sein, der das sieht. Kommen Sie mir nicht mit Einwänden…es wäre unglaublich und fantastisch. Und wenn jetzt in diesem Moment eine Fee kommen würde … dann …. ja dann würde ich es wahrscheinlich sogar in Kauf nehmen, im September kontrolliert in den Planeten zu stürzen.

Es grüßt Sie Mitzi, die doch recht froh ist, dass keine Fee vorbei kommt. Es wäre mein Ende. So oder so.

 

 

 

39 Gedanken zu “Cassini und ich

  1. Liebe Mitzi,
    ich kann Sie beruhigen!
    Cassini wird nicht auf den Saturn „stürzen“ und dabei kaputt gehen!
    Cassini wird weich landen. So ist es geplant.
    Es soll nur nicht jeder wissen! (SIe erzählen es auch BITTE nicht weiter!)
    Cassini hat sehr viele gute Seelen an Board, die sich auf dem Saturn vorbereiten, in einer Fortm inkarniert zu werden, die nicht auf Mutter Erde angewiesen ist und mit Menschen schon gar nichts zu tun hat. Wenn Menschen das erfahren würden, ist die Mission mehr als gefährdet.
    Cassini legt also den Grundstein für eine neue Welt! Eine friedliche, schöne Welt.
    Wenn ich herausfinde wie unsere Seelen mit der nächsten Cassini (oder auf DIREKTEM Wege) dort teilnehmen können, sage ich Ihnen SOFORT Bescheid. Ich würde mich riesig freuen, Sie dort wiederzutreffen! Leider muss ich ja noch bis 2058 auf der Erde bleiben (bin vertraglich gebunden)
    Das gefällt mir aber bis dahin sehr gut, da meine Liebste ja auch noch hier ist. Sie verhält sich aber etwas zögerlich, was eine konkrete Terminierung angeht, wie ich sie für mich in die Wege geleitet habe.
    Aber wie gesagt, machen Sie sich keine Sorgen! Alles wird gut!

    Gruß Heinrich

    Gefällt 4 Personen

    1. Lieber Heinrich,
      Sie ahnen es vielleicht….ich habe meine Hoffnung, dass Cassini ein gutes Ende findet, auch deshalb formuliert, damit Sie es mir bestätigen. Was für ein schöner Gedanke. Ich werde mich mit Ihnen bis 2058 gedulden und bin gespannt was uns dann erwartet. Die Zeit sollte ausreichen, um die Terminierung auch mit Ihrer Liebsten noch zu klären.
      Bis dahin werde ich den Nachthimmel zufrieden beobachten und mich an dem Gedanken einer sanft gelandeten kleinen Sonde erfreuen. Und jetzt bin ich still und verspreche Ihnen Stillschweigen zu bewahren.
      Es grüßt Sie – dankbar und sehr beruhigt –
      Ihre Mitzi (noch auf der Erde).

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      1. Liebe Mitzi,
        wenn Sie den Nachthimmel beobachten, ist es egal, welchen Stern Sie sich aussuchen! ALLE Sterne reflektieren Gedanken, die andere Menschen mit der gleichen Wellenlänge aussenden. So ist es oft Zufall, welche Ideen und Inspirationen man empfängt. Aber das macht die Sache ja so spannend! 😉
        Gruß Heinrich
        P.S. Eine Frau, die sich bei ihrem Navi entschuldigt, dass es die Route neu berechnen muss, ist ausgesprochen liebenswert! 🙂

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      2. Lieber Heinrich,
        als ich Ihren ersten Satz eben las, musste ich an die wunderschöne Stelle im „kleinen Prinzen“ denken. Auch dort ist der Blick in den Sternenhimmel ein hoffnungsfroher. Ihre Sätze werde ich gedanklich neben jene legen, denn sie sind ausgesprochen schön und zugleich ist es – wie Sie sagen – überaus spannend. Es wird Zeit, dass es warm wird und ich wieder öfter in den Nachthimmel sehen kann ohne dabei erbärmlich zu frieren.
        Herzliche Grüße

        Gefällt 1 Person

  2. Ach liebe Mitzi, das ist wieder so ein herzerwärmend guter Text, der mich sofort mit Dir ins weite All katapultiert hat. Merkwürdig, wie man es als Kind ganz fest für möglich hielt, dass man einst in den Weltraum fliegen könnte, weil dies, bis man erwachsen würde, längst zur Normalität gehört. Statt Malediven oder Malle eben mal Mars, Mond oder wahlweise Saturn. Das ist für mich auch ein Sinnbild dafür, wie weit einem damals die Zeitspanne bis zum Erwachsensein erschien. 20 Jahre oder selbst zehn waren endlos. Eine Ewigkeit. Was konnte bis dahin alles möglich sein. Nun, da ich feststelle, dass an so einem Jahr immer weniger dran ist, trotzdem es fast genauso viele Tage hat wie das vorhergehende, freunde ich mich langsam, aber immer noch zögernd, mit dem Gedanken an, dass ich wohl nie in den Weltraum fliegen werde. Aber immerhin, war ich nun dank Dir ein Stückchen mit Cassini unterwegs. Und wie schön auch, dass man aus Phantasiereisen immer aussteigen kann, bevor man mehr oder weniger kontrolliert in einen Planeten stürzen muss.

    Gefällt 2 Personen

    1. WordPress schafft mich. Schon das dritte mal versuche ich auf deinen Kommentar zu antworten und jedes mal verschwindet er. Noch ein Versuch.
      Ich freu mich, dass ich dich mitnehmen konnte…zu Cassini und in die Gedankenwelt meiner Kindheit. Wie schön du die Gedanken als Kind beschrieben hast und wie ähnlich es mir geht, wenn ich an das Rennen der Zeit denke. Es ist schwerer geworden, sie anzuhalten, sie als noch immer großen Vorrat zu empfinden und auch sich noch immer über die Dinge zu Wundern und alles für möglich zu halten. Umso wichtiger und schöner sind die Momente, in denen es doch gelingt. Gerade bei deinen Fotografien, die ihren ganz eigenen Zauber haben, erinnere ich manchmal an den Blick den ich als Kind hatte. Schwer zu erklären, aber ich meine es als großes von Herzen kommendes Kompliment.
      Liebe Grüße

      …und jetzt bemerke ich, dass ich müde vom Tag, wohl zwei Mal auf „Antwort abbrechen“ geklickt habe. WP ist unschuldig 😉

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      1. Lieben Dank Dir Mitzi für das Kompliment. Dem Wunder immer wieder die Hände hinhalten, bewusst sehen, das Schöne sehen und dafür dankbar sein, dass man es sieht und fühlt – ist mir wichtig geworden. Auch wenn die Bilder eigentlich nur zur Dekoration der Texte dienen… Wünsch Dir einen ganz schönen Samstag!

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  3. ❤ ich hätte den dir fehlenden physiker im sortiment. aber ich finde, diese naturwissenschaftler dürfen sich ruhig im erklären üben. ihnen erschließt sich eine welt, die vor so vielen verschlossen bleibt. da können sie schon ein bisschen was davon versuchen zu teilen 🙂

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    1. Ich kann dir nicht widersprechen. So ein schwarzes Loch ist sicherlich das erfolgreichste Versteck. Ein bisschen zu endgültig…aber das weiß man als Kind ja nicht. Wobei….so ganz sicher wissen wir es heute ja auch nicht. Es fehlt der Beweis ;).

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  4. also von quantendingens habe ich auch keinen plan … nur große füße hab ich und als held natürlich einen guten draht zu dem netten fliegenden herrn in strumpfhose und umhang …

    so werde ich Clark von deinem anliegen berichten und ihm das versprechen abnehmen … dass er kurz da hoch fliegt … um dafür zu sorgen … dass Cassini sanft landet …

    das ding heißt auch noch so ähnlich … wie tochters lieblingszossen … also noch ein grund … es sanft landen zu lassen …

    by the way … auch wenn ich lesen musste … dass es tatsächlich männer vor mir in deinem leben gab … also zumindest mathematiker … und ähnlich lustige gesellen … habe ich beschlossen dir weiterhin innig verbunden zu bleiben …

    irgendwie kann ich wohl auch gar nicht anders

    lg André

    (der held … für die bessere welt)

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