Biologisches Unkraut

Was ist das wohl sein könne beginnt eine drei Minuten lange Sprachnachricht meiner Freundin Mimi. Detailliert beschreibt sie mir einen Pilz. Von den Lamellen bis zum Stiel schildert sie mir sein Aussehen und endet mit der erneuten Frage, was das wohl sein könne. Ein Pilz, tippe ich, an der Supermarktkasse stehend, in das Handy und beschließe den Redeschwall nicht weiter zu kommentieren. Ja, schon, ein Pilz, höre ich wenig später in einer weiteren Sprachnachrichtund schichte meine Einkäufe in die den Korb. Es stelle sich aber die Frage, welcher genau es sein könne. Mimi beschreibt die Kappe und ich rufe sie an um ihr zu sagen, dass ich erstens, das Brot für unseren Grillabend vergessen habe und sie doch bitte zweitens, einfach den Verkäufer am Marktstand oder im Supermarkt fragen soll. Ich schlage es vor, obwohl ich bereits ahne, dass meine Freundin sich weder am Vikualienmarkt noch an einem anderen Gemüsemarkt befindet. Meine Ahnung bestätigt sich, als sie mir ein Foto schickt. Mimi kniet auf dem feuchten Waldboden und beäugt einen einzelnen Pilz. Weiterlesen →

Rückkehr ungewiss

Mit Sabine Bohlmann, Tanja Mairhofer & Petra Lewi.

Dass ich mich kurz fasse, sind Sie von mir nicht gewohnt. Sehen Sie es mir bitte nach, ich bin arg eingespannt. Der einzige Obstbaum auf unserer Lichtung im Wald trägt so viele Äpfel, dass ich mich gezwungen sehe, das Wachstum im Auge zu behalten. Wie man weiß, kann das dauern.

Auch die Wolken muss ich beobachten. Sie wissen ja, dass sich ein Sommerhimmel schnell ändert und man Gefahr läuft etwas zu verpassen. Das tue ich eh, denn ich schlafe ständig ein. Die wenigen Wanderer die hier vorbei kommen sind schon ganz besorgt. Es könne, allein im Wald, so viel passieren. Eine dumme Sorge, den jeder weiß, dass man kaum an einem Ort so unbesorgt wie in einem Wald schlafen kann. Besonders mit den herrlichen Träumen die hier kommen.

Wenn ich die Augen offen habe, träume ich noch etwas vom der Lesung am Donnerstag. Die war nämlich wirklich ein Traum.

Wenn ich mit all dem fertig bin, dann komm ich zurück in die Stadt und zu Ihnen. Ein bisschen noch. Nur bis die Äpfel reif sind…..

Postkarten Ersatz

Kontrastprogramme mag ich. Deshalb bin ich direkt nach der Lesung im Hofspielhaus zu unsere Hütte in die Berge gefahren.

Herrlich. Nur dass ich die Milch vergessen habe ist blöd. Um die zu holen musste ich gerade zurück ins Dorf und bevor ich mich wieder an den Aufstieg mache winke ich Ihnen und schreibe diese „Karte“.

Bis bald, Ihre Mitzi

P. S. Das Reh heißt Agnes. Wir haben uns auf dem Weg nach unten angefreundet.

Verplappert

Mein Nachbar Paul ist gekränkt und ich bin schuld daran. Behauptet er. Eigentlich ist er nur beleidigt und hat überhaupt keinen Grund gekränkt zu sein. Behaupte ich. Es wird ja wohl noch erlaubt sein, einem erwachsenen Mann objektiv und gelassen seine Meinung zu sagen. Ebenso muss es erlaubt sein, einem in sich ruhenden Mann zu sagen, dass man sein Angebot dankend ablehnt. Wir sind doch erwachsen. Da kann man doch auch mal nicht einer Meinung sein. In unserem Falle nicht. Ich vermute es liegt daran, dass Paul alles andere als ein in sich ruhender Mann ist und ich beileibe weder objektiv und in wachem Zustand nie gelassen bin. So war ich auch , als wir uns vorhin im Lift trafen trotz des bevorstehenden Wochenendes nicht gelassen, sondern leicht panisch. Das wären Sie auch, wenn Ihnen wie mir plötzlich klar geworden ist, dass der hübsche Sessel, den sie am Donnerstag unbedingt brauchen, völlig unbrauchbar ist. Nach 15 Jahren hat man manche Möbelstücke weit hübscher in Erinnerung als sie eigentlich sind. Noch vor ein paar Stunden war ich überzeugt davon, dass der Sessel, den ich mit Anfang zwanzig für meine erste Wohnung am Sperrmüll gefunden hatte, ein 1a Vintage Stück ist. In meinem dunklen Kellerabteil steht er seit einer Ewigkeit und obwohl ich ihn dank vieler Kartons seit Jahren mehr gesehen hatte, hatte ich ihn hübsch in Erinnerung. Das ist er nicht.  Er ist scheußlich. Ich war also gestresst und nicht gelassen, als ich Paul im Lift fragte ob er mir nicht zufällig am Donnerstag einen Sessel borgen könne. Paul nickte. Klar, kein Problem. Er hätte mehr als einen und es sei eh an der Zeit, dass ich ihn einmal besuchen würde.  Weiterlesen →

Bleibst du, ja?!? oder Fußball? Genau meines.

Sie wussten es vielleicht nicht, aber ich bin Fußballfan. Hardcore. Während der Welt- und Europameisterschaften bin ich für Deutschland und komme was wolle, ich muss das Spiel sehen. Das jedenfalls vermuten man und wenn ich ehrlich bin, dann versteh ich nicht ganz, wie man auf diesen Gedanken überhaupt kommen kann. Weder besitze ich ein Trikot noch male ich mir die Landesflagge ins Gesicht. Als Kind bestückte ich keine Pannini-Sammelalben und als Erwachsene lasse ich mir von meinem Fünfjährigen Patenkind erklären, wer die Männer sind, die dort bei der Deutschen Nationalmannschaft abgebildet sind. Torwarte angeblich. Außer Neuer kenne ich keinen, aber ich ließ mir sagen, dass man wohl ein bis zwei weitere in Reserve mitnimmt, falls einer den Ball gegen das Hirn bekommt oder wegen Dreharbeiten zum neuen Cola-Werbespot spontan verhindert ist. Ich habe wirklich wenig Ahnung und lege ein ausgesprochenes Desinteresse an den Tag. Innerlich. Äußerlich muss ich mich zurück halten und vorgeben dass ich mich sehr wohl interessiere. Ich habe mir sagen lassen, dass sich das so gehört. Als Deutsche.
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Florale Peinlichkeit

Wenn du darüber etwas auf deinem Blog schreibst, wird sie dir die Freundschaft kündigen, sagte Alex, einer meiner ältesten Freunde und deutete mit ausladender Geste  in einen über und über mit Rosen dekorierten Schlossgarten, den Schauplatz einer Hochzeit zu der wir beide geladen waren. Eine Hochzeit zu der wir aus Kostengründen – wie das Brautpaar ungeschönt in die Einladung schrieb – ohne Partner eingeladen waren und ziemlich verloren und blöd herum standen, weil wir sonst niemanden kannten. Das wird sie sowieso, versicherte ich ihm, nachdem ich kurz überschlagen hatte, dass mein Geschenk für das Brautpaar angesichts dieser pompösen Feier eine lächerlich geringe Anzahl von Scheinen enthielt. Bei uns ist es üblich, das eigentliche Geschenk durch das „Mahlgeld“ zu ergänzen – einige Geldscheine im Kuvert, die in etwa dem entsprechen, was man an diesem Tag konsumiert. Ein für das Brautpaar praktischer Brauch, denn bayerische Hochzeiten zeichnen sich oft durch viele Gäste und bis zu drei Mahlzeiten aus. Da möchte man das Brautpaar ja nicht schon in den Anfangstagen der Ehe finanziell ruinieren. Wieviel, fragt mich Alex, über den Rand der Bierflasche,  ich zucke mit den Schultern und weil er nicht locker lässt, nenne ich ihm den Betrag in Höhe von 75 Euro. Er zuckt zusammen. Ohne Mahlgeld will er wissen und ich verneinen. Es könne doch keine ahnen, dass die hier schon nach der Kirche mit Lachs und Kaviar anfangen und den Champus raushauen als wäre es Wasser. Von letzterem sollte ich dann besser die Finger lassen, werde ich schmunzelnd angewiesen. Der sei bei meinen 75 Euro nun wirklich nicht mit drin. Ich nicke und nehme ihm die Bierflasche aus der Hand. Bevor er protestieren kann lege ich los. Weiterlesen →

Uiuiui

Man sagt, dass es wichtig ist über sich selbst lachen zu können. Mag sein. Viel wichtiger aber ist es, sich seiner eigenen Blödheit bewusst zu sein, denn das ist lebensrettend. Im Ernst, Sie ahnen gar nicht, wie leicht es ist sich selbst umzubringen. Ohne jeden Vorsatz, einfach nur, weil man sich so saudumm angestellt hat, dass man sich fragt – sofern man überlebt – wie blöd man eigentlich sein kann. Ich selbst unterstreiche besonders dumme Aktionen gerne mit einem gemurmelten „uiuiui“. Bis vor einigen Jahren dachte ich, dass ich dieses Geräusch von mir gebe, wenn ich urplötzlich in eine brenzliche, mit etwas Glück aber zu überstehende Situation gerate. Zum Beispiel, wenn man bei leichtem Nebel etwas zu schnell – oder wie mein Vater sagen würde, völlig hirnlos – einen Skipiste nach unten brettert und aufgrund der schlechten Sicht versehentlich in die Buckelpiste abbiegt. Das ist ein „uiuiui-Moment“. Andere brüllen „Fuck“ ich murmle uiuiui und lache hysterisch wenn ich stehend unten ankomme. Uiuiui sage ich auch, wenn es mal eng wird. Beim Autofahren zum Beispiel. Da gibt’s schmalen Straßen, die richtig eng werden wenn noch ein LKW am Rand steht. Ich fahre dann langsam durch, hoffe das beste und murmle leise mein Mantra. Das zumindest dachte ich lange. Bis vor ein paar Jahren mein Freund neben mir saß, als es eng wurde. Ich murmelte und als ich ihn das nächste Mal ansah war er weiß im Gesicht und sagte betont ruhig, dass ich unverzüglich rechts ranfahren soll. Weiterlesen →

Sommerräume

Mein Balkon und mein Laubengang sind mir heilig. Ich habe sie so gern wie meine Wohnung und betrachte sie von Frühling bis Herbst als zwei weitere, besonders schöne Räume. Öffentliche Räume, denn egal ob man will oder nicht, als Geheimnisträger eignen sich die Sommerräume nicht. Von allen Balkonen im Haus ist meiner der Wilde. Man sieht es von unten wenn man den Kopf in den Nacken legt und die Hausfront hinauf blickt. Bei mir ist nichts ordentlich, aber alles üppig. Schlampig nennt ihn Frau Obst, die den Kopf nicht in den Nacken legt, sondern sich täglich einmal gefährlich weit über die Brüstung lehnt um zu kontrollieren ob es vielleicht ordentlicher geworden ist.

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Weiß nicht was

Der Mann, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, kommt nicht vorbei. Er ist, er weiß nicht was. Das ist ungewöhnlich. Ich kenne ihn wütend – kurz und heftig wie ein Gewitter. Dauerhaft bewölkt kenne ich ihn nicht. Ich kenne ihn lachend und kenne ihn ruhig, weil er selten mehr als nötig sagt. Sich Worte verkneifend kenne ich ihn nicht. Ich kenne ihn eine Antwort rigoros verweigernd und schmunzelnd den Kopf schütteln. Linkisch mit den Schultern zuckend, kenne ich ihn nicht. Ich kenne ihn angefressen und weiß, dass er es heute nicht ist. Heute ist er, er weiß nicht was und das ist ungewöhnlich.

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