Sommerfilter

Mein Lieblingsmensch mochte keine Fotos. Einen billigen Abklatsch der Wirklichkeit nannte er sie und hatte doch eines von mir auf seinem Handy gespeichert. Eines, von dem er behauptete, dass es echt sei. Und eines das mir gar nicht gefiel. Ich beiße mir darauf auf die Unterlippe, funkle ein bisschen genervt in die Kamera, bin ungeschminkt, von Sommersprossen übersäht und meine Haare sind zerzaust und nass, weil mich die Hitze eines Julitages in die Isar getrieben hatte. Er mochte es wegen des leuchtenden Grün meiner Augen und dem Wassertropfen der sich in den Wimpern verfangen hat.  Und wegen des genervten Gesichtsausdrucks, der – wie er sagte – an eine bockige Dreijährige erinnerte. Mein Lieblingsmensch fand mich immer dann am schönsten, wenn ich mich gar nicht mochte. Man müsse wenigstens einen Filter darüber legen, forderte ich und setzte mich durch. Der bockige Gesichtsausdruck blieb, der Rest wirkte seltsam weichgewaschen. Man könnte keine zwei Filter übereinander legen, meinte mein Lieblingsmensch und löschte das Bild. Ohne die Sommersprossen hatte es für ihn den Reiz verloren.

Ich habe das Bild auch auf meinem Handy und längst den Filter wieder runter genommen. Er hatte recht. Einer reicht. Man bekommt ihn umsonst und kann ihn nur schwer auf Fotos einfangen. Leichter ist es ihn zu spüren. Wenn es mindestens eine Woche am Stück unerträglich heiß und schwül war, dann kommt er und legt sich über die Stadt. Als ich heute morgen aufwachte, spürte ich ihn. Die Luft war frisch, weil es in den frühen Morgenstunden ein Gewitter mit ein wenig Regen gegeben hatte und die Sonne zwischen den Ritzen des Vorhanges war klar und noch nicht heiß. Und obwohl es noch angenehm frisch ist, spürt man schon, dass es ein heißer Tag werden wird. An solchen Tagen atmet es sich um halb sieben in der Früh am besten. Es riecht nach Sommer und hier in München, riecht es wie in Italien. Eine Mischung aus Kaffee, süßem Gebäck und den Kräutern die auf allen Balkonen stehen und dank der Hitze ihren Duft ausdünsten. An solchen Tagen fahre ich nicht mit der U-Bahn, sondern mit dem Bus in die Arbeit. Sommer-Filter-Luft an einem 4. Junimorgen ist zu kostbar, als das ich mich unter die Erde begeben würde. Im Bus ändert sich der Filter ein bisschen. Er wird leicht rosa. Das liegt am Deo, mit dem sich alle doppelt und dreifach einsprühen und sich gegen die kommende Hitze wappnen. Erst an der S-Bahn Station wechselt der Filter wieder ins bläuliche. Hier am Bahnsteig bei den vielen Bäumen kann man jetzt kann noch in der Sonne stehen und sich die Zehen von den warmen Strahlen wärmen lassen. Später, wenn der Filter zu blenden beginnt, ist es im Schatten angenehmer.

Jetzt am Abend ist die Stadt in ein weicheres Licht gehüllt. Noch ist es  viel zu warm um sich auf den Laubengang, der Richtung Westen liegt, zu setzen. Das Licht aber beginnt sich schon vom Tag zu verabschieden. Wenn der Filter den Dächern und Bäumen einen goldenen Anstrich gibt, setzte ich mich raus und lese mein Buch zu ende. Vielleicht beobachte ich auch nur meine Zehen oder ein paar Käfer die zwischen den Thymian und den Salbeistöcken die Flügel in die Luft halten. Zuvor aber suche ich das Bild mit den Wassertropfen Wimpern, das ich vor langem ausgedruckt habe. Auch auf Papier ist der Filter des Sommertages nicht verschwunden. Ich pinne es an die Wand über meinen Schreibtisch und sehe mich so wie mich einer am liebsten mochte. Stur wie eine Dreijährige schauend, zerzaust und mit Sommersprossen auf der Nase. Ich kann ihm nicht mehr sagen, dass ich mich selbst so am liebsten mag. Nicht sehen mag, aber fühlen mag. Zerzaust, auf der Unterlippe kauend und an einem Hochsommertag klatschnass in die Sonne blinzelnd,  den Sommerfilter über der Stadt fühlend.

Von ihm gibt es kein Foto. Meine Hände waren zu nass und es wäre eh sinnlos gewesen. Ich musste es mir merken. An Tagen mit Filter in der Luft ist es leicht sich zu erinnern. An feine dunkele Härchen im Nacken, die in der Sommersonne blond geworden sind und an Wassertropfen die sich auf der tiefbrauen Haut zwischen den Schulterblättern sammeln und über den Rücken rollen. Unmöglich etwas so schönes zu fotografieren.

28 Gedanken zu “Sommerfilter

    1. Entgegen meines Textes mag ich Fotos sehr. Manches kann nicht eingefangen werden. Dein Beispiel aber zeigt, dass es wunderschöne Bilder gibt die ein Leben lang als Erinnerung etwas ganz feines sind.

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  1. was kann ich dazu nur schreiben? O.o wieder ein text, der so diffuse erinnerungssehnsucht in meinem herzen weckt. was du schreibst, über die stadt, diese filter, die so synästhetisch metaphern und assoziationen erzeugen, JA. das ist nämlich genau das, was ich verloren habe, was ich seit ein paar jahren versuche wiederzufinden und was mir in den letzten drei Jahren auch immer ein Stückchen mehr gelingt.

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    1. Es fällt mir schwer das zu glauben, wenn ich deine wunderbaren Bilder sehe. Beim Betrachten ist für mich immer ein Filter (jenseits von dem, der von dir darüber gelegt wurde).
      Aber ich weiß was du meinst. Manchmal gehen sie einem verloren und die Suche dauert eine Weile. Ich bin sicher, du holst ihn dir zurück :-*

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      1. so ist das leider. seit ich arbeite und der wecker läutet überwiegt grade im sommer oft die grantelnde alte, die ich vorher schon erwähnt habe. viele sommerbilder sind ja von den reisen, da ist das anders 🙂 ich habe aber ein klein wenig berechtigte hoffnung auf besserung in diesem jahr. drücke mir die daumen, denn ich vermisse diese sommer.
        trotzdem sind sie nicht mehr wie damals. vielleicht bin ich deswegen traurig. es gab ein damals und zu dieser zeit war vieles anders. vor allem ich, wahrscheinlich.

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      2. Auf Reisen ist es leichter. Der Kopf ist leer, der Alltag weiter weg.
        Trotzdem glaube ich, dass mit deinem Jahresmotto sicher vieles zurück kommt. Vielleicht nicht der Sommer von früher, dafür eine neue, nicht minder schöne Art von Sommer. :-*
        Wir sind anders als damals. Das trifft es. Vielleicht müssen wir erst bei unserem jetzigen Ich ankommen.

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      3. ja, da bin ich sicher. man sieht halt meistens mehr das, was nicht mehr so ist und weniger das, was besser geworden ist. auch so eine unart 😉 vor einigen jahren habe ich mal den gedanken gelesen „every summer has its story“ und das für sehr wahr befunden. jeder sommer hat seine eigene geschichte, aber diese geschichten verändern sich – natürlich. und die in der erinnerung bekommen gern mehr glanz. obwohl zwei monate ferien einfach noch mehr möglichkeiten eröffnen als ein vollzeitjobsommer, da hilft wohl alles nix.

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      4. Unerträglich der Gedanke, dass wir erst im hohen Alter wieder solche endlosen Sommer haben werden.
        Wenn es tröstet – meine Mutter genießt. Jedes Jahr und hält es auch mit 72 noch immer nicht für alltäglich. Sie liebt ihre Sommerferien (dann wenn die Volkshochschulkurse pausieren) 🙂

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    1. Bisher habe ich das Wort auch nicht genutzt. Seltsam, dass es plötzlich auftaucht. Manchmal passt es wohl einfach.
      Frage nicht…ich hab zwei Paar angehabt 😉 Aber man kann ja nie wissen…

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