Friss mich nicht – U-Bahn Gedanken

In der U-Bahn sitzt mir einer gegenüber. Unheimlich, irrer Blick und Speichelfäden in den Mundwinkeln. Ohne zu zögern könnte man ihm eine Rolle im Tatort als Massenmörder anbieten. Würde man sich trauen ihn anzusprechen. Keiner sitzt bei ihm. Ich nur, wenn ich muss. Er macht mich nervös. Rucksäcke, Attentatsgedanken und Burkas nicht. Er schon. „Du magst mich nicht.“, sagt er an einem Morgen. Sagt es so plötzlich, dass ich vergesse nicht zu antworten und es versäume schnell aufzustehen und zu gehen. „Ja,“ wenn es zu spät ist kann man ehrlich sein, „Sie sehen aus, als würden Sie mich gleich fressen.“ Er schnaubt. „Ich fresse niemanden auf. Muss ich nicht. Es frisst sie auf. Das Böse. Von ganz alleine.“ Er sieht mich an. Wischt sich mit dem Handrücken über den Mund. „Dich nicht.“

Mich nicht. Immerhin. Seit diesem Morgen hat er nichts mehr gesagt. Ich auch nicht. Er ist mir unheimlich. Sein Blick, die kleinen Spuckereste im Mundwinkel und das Gefühl, dass er gerne jemanden auffressen würde. Kleinkind-Albtraum-Ängste vor einem Mann, der nur ein wenig wilder als die anderen aussieht. Kleinkind-Ängste, weil man als Erwachsener schon weiß, dass das Böse auf den ersten Blick meist harmlos aussieht. So wie die lächelnden Fratzen auf Afd Plakaten  oder die Nestlé-Vorstände, die sanft lächelnd denen den Hahn abdrehen, die eh schon nichts haben. Mich nicht, sagte er und ich bezweifle, dass er recht hat. Wir alle fressen uns selbst auf. Nicht unbedingt, weil wir selbst etwas böses tun, sondern vermutlich einfach, weil wir gar nichts tun. Er ist mir unheimlich. Kleinkind-unheimlich. Trotz des wilden Blickes und der Spuckefäden ist er harmlos.

So harmlos wie der Bullterrier in unserer Nachbarschaft. Mit einem Schäferhund bin ich aufgewachsen und unter dem Tisch habe ich mit einem Dobermann gespielt während meine Eltern Karten spielten. Doggen mag ich weil sie größer sind als ich und auf das Konto eines vor Liebe und Zuneigung überschäumenden Bernhardiner gehen die Hälfte meiner blauen Flecken in den endlosen großen Ferien der Kindheit. Nur bei einem Bullterrier wechsle ich die Straßenseite. Er ist mir unheimlich. Geht mir nur bis ans Knie und doch wirkt der eiförmige Kopf mit den winzigen Augen so böse, dass ich ausweiche. Ich mag dich nicht, dachte ich ein ums andere mal und fürchtete ihn mit kindlicher Angst. Bis er mir die Finger ableckte und sich vor meinen Füßen auf den Rücken warf.

Tschuko, der Hund meiner Tante interessiert sich kaum für andere Hunde. Gibt es unter den Rassen Stoiker – der Husky ist es. Selten sah ich Interesse und nur einmal begann er mit dem Schwanz zu wedeln. Der Bullterrier hatte es ihm angetan. Sie rannten eine Weile über die Wiese und kamen dann beide zu mir. Tschuko gelassen, der Bullterrier freudig und den Bauch zum Streicheln präsentierend. So plötzlich, dass ich nicht ausweichen konnte. Vor ihm hockend, flüsterte ich, dass ich ihn nicht mochte und Hunde so etwas doch sicher spüren würden. Ich weiß nicht was er spürte, aber er leckte mir die Finger ab und sein einförmiger Kopf sah auf einmal gar nicht mehr wild aus.

Die Bullterrierdame heißt Sissi und sieht nur wild aus. Wenn wir uns heute auf der Straße treffen grüßt sie mich und ich weiche ihr nicht mehr aus. Der wilde Mann in der U-Bahn hat einen Namen den ich nicht kenne. Auch ihm weiche ich nicht mehr aus. Genauso wenig wie Sissi wird er mich fressen. Das was wild aussieht ist selten böse.

18 Gedanken zu “Friss mich nicht – U-Bahn Gedanken

  1. Ich kann dich bei dem Hund noch besser verstehen als bei dem Mann. Als Kind – so falsch erzogen – hatte ich vor jedem Hund Angst. Jetzt vor fast keinem mehr – außer eben diesen Kampfhunden. Doch die sind ja keineswegs schlimmer als ihr Besitzer – den müsste man sich also nur ansehen und dann vielleicht wissen, was einen erwartet.

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    1. Das denke ich auch. Und die Chance einen falsch erzogenen beim Spaziergang zu treffen ist zu gering, als das man alle in Sippenhaft nehmen sollte.
      Mit Kindern wäre ich vorsichtig, als Erwachsene aber wechsle ich nicht mehr die Straßenseite.

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  2. Ja, es ist schon komisch: man sieht jemanden, und hat sofort ein Urteil. Und das bleibt so lange fest in einem, bis sich vielleicht eine Situation, ein kleiner Dialog ergibt. Der/die andere spricht, und man ist überrascht, weil allein schon ein paar Worte ganz viel vom anderen preisgeben – und sich augenblicklich das erste Urteil über ihn als falsch erweist.
    Ich glaube, das passiert jedem ein Leben lang. Im Positiven als auch umgekehrt.
    Ersteres ist schöner.
    Liebe Grüße!

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  3. „hunde die bellen, beißen nicht“. angeblich. obwohl ich bei hunden schon auch vorsichtig bin, meistens versuche ich den besitzer ausfindig zu machen, dann weiß man eh schon, was man vom hund halten kann. hübsch finde ich die bullterrier auch nicht, aber sie haben von natur aus angeblich einen tollen charakter, wenn man sie nicht emotional kaputt macht und sie tun mir immer arg leid, weil so viele menschen schlecht auf sie reagieren und ich habe dann immer das gefühl, dass sie das traurig macht. ich tu mir viel leichter, über unheimliches aussehen von hunden ihinwegzusehen als bei menschen. überhaupt mag ich hunde gern, menschen (die fremd sind) weniger. dabei ist mir meistens recht egal, wie sie aussehen, ob sie männlich, weiblich, nackt oder verhüllt sind. Viele finde ich vor allem dann unheimlich, wenn sie den mund aufmachen.

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    1. Dein letzter Satz beinhaltet (leider) ganz viel Wahrheit. Die Gedankengänge zu den Bullterriern sind meinen ähnlich. Seit ich Sissi kenne und von ihrer Besitzerin einiges über diese Rasse gehört habe, tut mir das Misstrauen auch leid. Es ist, wie bei den meisten Rassen, fast ausschließlich die Schuld derer die die Hunde erziehen. Manchmal muss man sich nicht wundern, wenn so ein Kerl dann durchdreht. Natürlich wäre ich mit Kindern auch vorsichtig, ich selbst möchte mich aber durch einige wenige Ausnahmen nicht bange machen lassen.
      Im Fall der Bullterrier ist es wohl tatsächlich so – ich habe ein bisschen gelesen – das es eigentlich Hunde sind, die richtig gut in eine Familie passen.
      Jedenfalls…seit ich die Schweinsäuglein von Sissi aus der Nähe kenne, bin ich bei Bullterriern kuriert.

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      1. 🙂 das ist schön! und ja, mit kindern ist es einfach nochmal was anderes, obwohl kinder oft auf der anderen seite soviel „normaler“ auf tiere zugehen, dass die interaktion von haus aus weniger kritisch ist. trotzdem ist in dem fall vorsicht sicher besser als nachsicht, denn es reicht ja einer, der durchdreht.

        ich hatte aber mal vor langer zeit so eine erfahrung mit einem staffordshire terrier, vor denen ich auch einen gewissen respekt habe, die mich da aber auch verändert hat. ich war mit meinem papa unterwegs und bin an einem obdachlosen vorbeigekommen, der hatte mitsamt seiner hündin sein lager auf der mariahilferstraße aufgeschlagen. mein papa hat ihm ein bisschen geld gegeben und hat ja einen totalen draht zu hunden und sie hat sich gleich sehr bereitwillig den kopf streicheln lassen. mein papa meinte dann so im scherz, na, die ist aber auch kein guter wachhund (oder sowas) und er hat gelacht und gesagt, nein, ich sag ihr jeden tag, dass sie theoretisch ein kampfhund ist, aber sie glaubt mir nicht. das war so süß irgendwie dass ich die hunde seither mit völlig anderen augen sehe.

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  4. Es ist schon ein paar Jahre her: Ich saß an meinem Schalter und gab Leuten Auskunft zu allen Fragen, zu denen sie Auskunft haben wollten, da schrie ein junger Mann vier Meter entfernt: „Sie mögen mich nicht!“, und als ich hinschaute, blickte ich in zwei wilde Augen in einem wutverzerrten Gesicht – er meinte mich. Kurz vorher hatte ich ihn ermahnt, er möge doch etwas leiser sein, da noch andere Leute da seien, was zuerst auch den erwünschten Erfolg hatte. Ich war perplex, stand dann auf, ging zu ihm hin, sah ihm fest in die Augen – ich wußte, daß das wichtig war, in Wirklichkeit war ich völlig angespannt angesichts der Aggression – und sagte ihm, daß ich gar nichts gegen ihn hätte, aber daß er bitte! leiser sein sollte, ging zurück zu meinem Stuhl und widmete mich wieder den Leuten am Schalter – darauf hoffend, daß mein Zittern nicht allzusehr auffiel. Aus dem Augenwinkel sah ich, daß er mich noch eine zeitlang anstarrte, dann verzog er sich. Puh – ich war heilfroh, daß er nicht eine Knarre zog, um mich über den Haufen zu schießen. Du hast natürlich recht, die kalt lächelnden Nestlé-Vorstände sind viel gefährlicher. Aber der Umgang mit solchen – harmlosen – Halbirren kann einen schon sehr mitnehmen.

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    1. Gruselig. Ich kann mir vorstellen wie viel Überwindung es dich gekostet hat ruhig auf ihn zuzugehen. Das Gefühl äußerlicher Ruhe und innerlicher Angespanntheit gepaart mit der Unsicherheit ob der nun ausflippt oder nicht….man mag solche Begegnungen nicht und sie hängen einem nach.

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  5. Die Ausstrahlung von Menschen kann teilweise sehr deutlich sein, genauso wie die Körpersprache.
    Ich habe es mehrmals aus den zwei Perspektiven erfahren. Zum einen wollten Menschen definitiv nichts mit mir zu tun haben auf der anderen Seite habe ich ähnliches zu einem anderen Zeitpunkt signalisiert.

    Ich bewundere den Mann für seine Ehrlichkeit. Ähnlich sieht es bei den Menschen aus, die sich freiwillig auf die Straße stellen um Menschen davon zu überzeugen zu spenden, Greenpeace beizutreten oder, oder, oder. Ich möchte nicht wissen wie oft die abgestraft werden.

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