Tomatensaft und Minzbonbons (aus dem Archiv 21.07.2015)

Google muss besoffen gewesen sein, als es folgendes zur Suchanfragen „Tipps fürs erste Date“ mit an den ersten Stellen lieferte…

„Männern gefällt es, wenn eine Frau ihre Wünsche vorausahnt, selbst wenn es nur unbedeutende Details sind. Reichen sie ihm das Salz, bevor er danach fragt.“ – Aber das Fleisch können sich die Herrn der Schöpfung noch selbst kleinschneiden?

„Ich finde es fantastisch, wenn mich eine Frau am Nachmittag zu einem Tee einlädt. Das ist mal was anderes als immer das klassische Glas Wein – oder Bier – am Abend. Zumal ich ohnehin keinen Alkohol trinke.“ – Ein Leben ohne Wein? Sorry, ich bin raus.

„Ich mag Herausforderungen! Also, meine Damen: Seid mysteriös, um mich zu verführen!“ – Ne, danke. Ich lass mich lieber verführen. Und glaubt mir, liebe Männer, das wird euch genug fordern…auch heraus. Weiterlesen →

Perfekte erste Nachricht

Noch heute, fast fünf Jahre später, nickt mein Umfeld verständnisvoll, wenn ich den Namen von Dr. X erwähne. Ich rechne es ihm hoch an, dass es nicht die Augen verdreht oder an meinem Verstand zweifelt. Weder meine Freunde, noch meine Kollegen haben X je zu Gesicht bekommen und doch gibt es keinen, der nicht mindestens einmal die ganze Geschichte von mir erzählt bekommen hat. Die meisten mehrfach und immer mit der nötigen Portion Pathos um die innewohnende Dramatik gebührend zu unterstreichen. Eine Dramatik, die sich wohl nur mir selbst erschließt. Objektiv betrachtet waren es nur zweieinhalb Treffen. Aber wer ist schon objektiv, wenn es um den EINEN geht, den EINEN den man ohne nachzudenken heiraten würde und von dem man weiß, dass er das perfekte Gegenstück zu einem selbst ist. Wie man das nach nur zweieinhalb Treffen zu wissen glaubt? Ganz einfach. Man kneift die Augen zu und schaltet den Verstand aus. Der Mann hat später absolut alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Keine kleinen Patzer, er hat so richtig in die Vollen gegriffen und mir verbal eins über geknüppelt. Aber ich fand ihn immer noch toll. Schuld war die perfekte erste Nachricht und ein sehr klug ausgefülltes Profil auf dem Dating Portal. Weiterlesen →

Meine Füße, mein Mann

Ein neues Profilbild muss her, sagt meine Freundin und beißt herzhaft in einen Schnitz Wassermelone. Hilfsbereit wie ich bin, schieße ich augenblicklich ein Foto und schicke es ihr. Das Bild ist perfekt. Profilbilder müssen natürlich und authentisch sein, so kann man es auf diversen Internetseiten nachlesen. Am besten nimmt man ein Bild, das spontan von einer nahestehenden Person geschossen wurde. Das bin ich und das Foto ist im Kasten. Meine Freundin ist verfressen. Wer sie kennt weiß das. Wer sie noch nicht kennt, ahnt es bei diesem Foto. Nur wenige Frauen stürzen sich so hingebungsvoll auf ein Stück Wassermelone wie sie. Authentizität erkläre ich und weiter, dass ein Profilbild das Naturell und den Charakter einfangen sollte. Auch das tut es. Beim Essen dreht sie sich deutlich sichtbar zur Seite, weicht der Kamera aus und vermittelt so – überaus zutreffend – den Eindruck, dass sie bereit wäre, um dieses Stück Wassermelone zu kämpfen. Stärke, erkläre ich ihr, dieses Bild strahlt Stärke und eisernen Willen aus. Es sei etwas zu authentisch murmelt sie mit vollem Mund und tippt mit klebrigen Fingern auf das Display des Handys. Hier im Mundwinkel ist Melonensaftsabber zu sehen. Das stimmt und das ist gut so. Der durchschnittliche Online-Dating-Mann stellt sich dann vor, dass ihr der am Hals nach unten und in den Ausschnitt rinnt. Wir haben das perfekte Bild. Mit dem spitzen Schulterblatt, das eine Größe 36 erahnen lässt und den Surfbrettern im Hintergrund erfüllt es alles, was sich ein paarungswilliger Mann erträumt. Dass die Bretter nicht uns, sondern zwei fünfzehnjährigen Jungs gehören, spielt keine Rolle. Beim Online-Dating hat man Authentizität vorzutäuschen und dabei zu lügen, dass sich die Balken biegen. Ich klatsche noch drei Filter über das Bild und versehe es mit dem Hashtag #nofilter.  Weiterlesen →

Deutsch-italienischer Serotoninspiegel

Ich kann mich nicht bewegen – es ist zu heiß. Müde und schläfrig sitze ich auf einer Decke im Hinterhof und bemühe mich nicht einzuschlafen. Das darf ich nicht, weil ich auf zwei fünfjährige Zwillinge aufpasse. Denen macht die Hitze nichts aus. Sie rennen zwischen den Büchen hin und her und entern mit einer mir unbegreiflichen Energie immer wieder die Klettergerüste. Wahrscheinlich sind sie Hitze gewöhnt. Sie sind erst vor kurzem aus Süditalien nach München gezogen und ich bin der Babysitter weil ich italienisch spreche. Sagt zumindest ihre Mutter Alba, die mich vor einer Woche am Balkon auf italienische telefonieren gehört hat. Ich mach es ja gerne, nur heute ist es wirklich zu warm für zwei neapolitanische Energiebündel. Frau Hinteranger, meine Nachbarin lässt sich neben mir auf eine Bank fallen. Sehr monoton, raunt sie mir zu und deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung der Balkone des Hinterhauses. Im grellen Sommerlicht welken auf den Balkonen ein paar müde Pflanzen vor sich hin und fünfunddreißig Grad warme Luft lässt vergessene Wäsche auf den Ständern erstarren. Ja, sehr monoton, stimme ich ihr zu und lehne mich mit geschlossenen Augen wieder zurück.  Nicht „sehr monoton“ sagt die Hinteranger und würgt den letzten Bissen ihrer Nussschnecke hinunter. Serotonin, wiederholt sie klarer und deutet jetzt präziser auf einen der Balkone, auf dem ein Wäscheständer rhythmisch wackelt und hinter dem leises Stöhnen bis in den Hof getragen wird. Das ist das Serotonin, erklärt sie, das macht die Mannsbilder geil. Stand heut erst in der Zeitung und da hat man es schon. Der eigebildete Gockel, grinst sie noch und macht sich dann daran, ihre Einkäufe zu erledigen. Ich bin mir nicht sicher um wen ich mich mehr sorgen soll. Um Frau Hinteranger, die mit ihren achtzig Jahren beschließt in der Mittagshitze Wasserflaschen durch die Gegend zu schleppen oder um mein Verhältnis zu Paul, das ich zu hinterfragen bereit wäre, wenn dieser tatsächlich seinen Serotoninspiegel am Balkon liegend, unter einem Wäscheständer regulieren würde. Leise stöhnt es im dritten Stock und ich beschließe mit den Kindern rein zu gehen, damit ich ihnen am Ende nicht noch erklären muss, was da los ist. Weiterlesen →

Sommerloch und Winterkrater

Wie schaffen Sie es nur bei diesen Temperaturen etwas auf’s Papier zu bringen?

Ich ziehe meinen Hut vor Ihnen und danke herzlich für das Füllen des Sommerlochs. Gerne übernehme ich dann die Herbstkrater und Winterschluchten.

Bis dahin finden Sie mich im Plantschbecken der Nachbarskinder. Netterweise hat man mir noch diverse Boote und Plastikfische zur Verfügung gestellt.

Genießen Sie den Sommer. Er ist herrlich nicht wahr?

Ganz einfach

Wir holen dich um sieben ab, schreiben sie und fragen mich nicht, ob ich abgeholt werden möchte. Sie hat Geburtstag, er einen neuen Job. Grund genug, die Nacht zum Tag zu machen und mal wieder alle zusammen zu feiern. Alle, erkundige ich mich und möchte gar nicht wissen, wer das sein soll, weil ich eh nur ihn kenne und weiß, dass er im Kreis seiner Freunde anders ist, als wenn wir uns alleine treffen. Oberflächlicher, uninteressanter und austauschbarer. Er ist ein Vier-Augen- Freund. Einer den ich seit dem Kindergarten kenne und den ich noch immer gern habe, auf den ich aber verzichten kann, wenn er mit anderen Freunden zu einem Karrieretypen mit Haus, Auto und Vorzeigefrau wird. Ich bin müde, schreibe ich zurück und lese die folgenden Nachrichten nicht. Am Wochenende hat man nicht müde zu sein, da lebt man, schreibt eine die ebenfalls eingeladen ist und ich frage mich, was das für ein begrenztes Leben ist, das keinen Raum für Müdigkeit lässt. Weiterlesen →

Mond I

Ob ich mir wirklich den Mond ansehen möchte, fragt er.
Ich sage ja und weil er so kritisch schaut, klatsche ich nicht vor lauter Vorfreude in die Hände, juchze nur in Gedanken und springe nicht „ja, ja, ja“ schreiend auf und ab.
Seinetwegen, aber bitte entspannt und ohne alberne Vorbereitung.
Sicher, nicke ich und werfe meine Jacke über den Picknickkorb, mit Essen, Wein, Decken und Fernglas, damit er ihn  nicht sieht.
Bitte nicht an einem der Hotspots zwischen vielen Menschen.
Ist in Ordnung, stimme ich zu. Mein Onkel ist Bauer und es gibt eine ruhige Weide mit friedlichen Kälbern. Passt das? Der junge Stier ist etwas impulsiv, aber wenigstens keine Menschen.

Vielleicht doch lieber im Wald. So ein Mond leuchtet ja auch zwischen den Bäumen.
NEIN!

Vielleicht muss er doch noch in die Klinik, sagt er. Papierkram, Patienten und überhaupt… die nächste so herrliche Mondfinsternis ist schon in 123 Jahren.
Vielleicht sollte er doch in die Klinik. Papierkram, Patienten und überhaupt. Ich boxe ihn in die Rippen.

Das Geheimnis einer guten Beziehung liegt darin NICHT alles gemeinsam zu machen, schreibt er mir später.

Das Geheimnis einer guten Beziehung ist, die Mondanheulende Frau später zwei Stunden lang an der Isar zu suchen, weil ihr Akku nach der SMS: „Schön hier. Ich unterhalte mich mit einem Obdachlosen. Der ist interessant, also seine Geschichte, aber irgendwie ist er etwas seltsam “ den Geist aufgab.

Der Obdachlose war übrigens sehr zuvorkommend und hatte gar keinen irren Blick. Er schielte nur.

Sendlinger Wahnsinn

Kennen Sie das Sendlinger Tor in München? Es handelt sich hierbei um das südliche Stadttor der historischen Altstadt und wenn Sie München als Tourist besucht haben, dann sind Sie sicher daran vorbei gekommen. Das erste Mal im Jahr 1319 als Ausgangspunkt für den Weg nach Italien urkundlich erwähnt, steht es vermutlich schon um einiges länger. Es ist auch heute noch hübsch anzusehen und bietet mit seinem breiten Torbogen einen angenehmen Schutz vor Sommergewittern oder Schneestürmen. Sogar den zweiten Weltkrieg hat es kaum beschädigt überstanden und wurde in den 1980iger Jahren generalsaniert. Es liegt zwischen der Fußgänger Zone und dem Verkehrsreichen Sendlinger-Tor-Platz. Dort befindet sich auch der U-Bahnhof „Sendlinger Tor“ mit ganzen sechs U-Bahn Linien und fünf Trambahnlinien. Sie können sich also vorstellen, dass an diesem schönen Ort Münchner Stadtgeschichte abends und morgens der Bär steppt. Wer in München mit den Öffentlichen unterwegs ist, der landet früher oder später am Sendlinger Tor. Weiterlesen →

U-Bahn-Gedanken Nummer gesucht

Konzentriert tippt der alte Mann in der U-Bahn auf das Display seines Handys. Wacklig liegt das moderne Gerät auf seinen Knien, wo er es vor einigen Minuten abgelegt hat um mit zwei Fingern der einen Hand das zu lesende vergrößern und mit dem Finger der anderen Hand etwas anzuklicken. Es dauert und ich höre ihn leise stöhnen. Ein Stöhnen, das man versteht, wenn man schon einmal einen Menschen dabei beobachtet hat, die simpelsten Funktionen auszuführen und  ahnt, dass dieser vermutlich vor dem Smartphone wenige ähnliche Geräte in den Händen hatte. Selbsterklärend sind diese Dinge nur, wenn man mit ihnen aufgewachsen ist oder sich langsam an die immer präsentere Technik gewöhnt hat. Manchem der älteren Generation macht es Freude, diesem nicht. Kein Wunder. Seine Hände sind zu groß für das kleine Telefon und die dicken, schwieligen Finger können es nur schwer bedienen. Schöne Hände sind es. Alte Männerhände, die in ihrem Leben wohl hart und viel gearbeitet haben. Man sieht es an den Fingern. Handwerkerfinger. Im Alltag so oft viel nützlicher als filigrane und zarte Akademikerhände. Hände, die notfalls eine Brennnessel ohne Handschuhe heraus reißen und es trotzdem spielend schaffen einem kleinen Kind sanft über die Wange zu streichen. Solch grobe Hände sind manchmal die zärtlichsten. Ob es die seinen sind, weiß ich nicht. Ich kenne ihn ja nicht und sitze ihm nur zufällig gegenüber. Beobachte wie er über das Display fährt und ungläubig den Kopf schüttelt wenn er versehentlich eine App öffnet. Weiterlesen →