Geputz

Ich putze gerne. Im Gegensatz zu vielen anderen Tätigkeiten sind Putzen und Aufräumen sinnvolle Beschäftigungen. Im Gegensatz zu einem Date zum Beispiel, hat man immer und ausnahmslos ein sofortiges Erfolgserlebnis und kann dabei seine Gedanken ganz wunderbar sortieren.

Die besten Ideen  hingegen kommen mir grundsätzlich beim Abstauben meines Bücherregals. Dort sind so viele Leben, Geschichten, Wissen und Erzählungen auf engem Raum vereint, dass ich selbst bei einer banalen Tätigkeit wie Staubwischen inspiriert werde. Hinterfrage ich mein eigenes Veralten in einer Beziehung, dann reicht zum Beispiel ein Blick auf den Einband von Madame Bovary und ich weiß, dass noch viel Luft nach oben ist, bevor ich mich sorgen muss. Brauche ich einen Hinweis wie ich mit meinen Nachbarn Paul umgehen soll, dann sehe ich mir „Vom Winde verweht“ an und ermahne mich…nicht wie Scarlett, nicht wie Scarlett. Weiterlesen

Um 06:05 Uhr – große Ferien

Grausam früh klingelt dieser Tage mein Wecker. So früh, dass mich noch keine Sonnenstrahlen wecken und ich den Kaffee in der Küche unter dem sanften Licht der Dunstabzugshaube zubereiten muss. Um kurz nach fünf bin ich zu müde für das grelle Deckenlicht und mache alles im Halbdunkel. Wenn ich noch schnell die Blumen auf dem Balkon gieße, erinnert mich die Dämmerung daran, dass der Herbst bereits vor der Türe steht. So war es in den großen Ferien immer. Uns Münchner Kinder hat man solange ich denken kann, stets erst mit dem August entlassen. Wenn endlich die freie Zeit begann, hatten wir den Sommer im Nacken und rannten mit bereits gebräunten Armen und Beinen und mit neuen Sommersprossen auf den Nasenspitzen in die endlos erscheinende Freiheit. Kaum waren die ersten Wochen vorbei, begann es bereits nach dem Herbst zu riechen. Wir rochen nichts, weil unsere Nasen vom vielen Chlor in den Freibädern, abgestumpft und verstopft waren. Aber unsere Mütter, die hörten wir sagen, dass man das Ende des Sommers bereits riechen konnte. Sie zeigten uns die ersten welken Blätter der Kastanien und sprachen von kürzer werdenden Tagen. Wir merkten davon nichts. Wer den ganzen Tag draußen verbrachte und um acht Uhr abends ins Bett geschickt wurde, der bemerkte das früher Dämmerlicht nicht. Es hätte uns auch nicht interessiert – wir befanden uns in den großen Ferien und unsere Körper waren bis unter die Haarspitzen voll mit Sommer.

Heute rieche ich es. Ich rieche den Herbst und sehe die Blätter, die noch grün und saftig sind, sich aber schon bereit machen, zu welken. Besonders früh morgens an der Tankstelle an der ich im Stehen einen Espresso trinke, um den Arbeitsbeginn noch ein klein wenig hinauszuzögern, so wie ich früher einmal um das Schulgebäude herum gelaufen bin, bevor ich mich schweren Herzens hinein begeben habe. Immer die Letzte vor dem Achtuhr-Läuten, bin ich heute im Büro die Erste. Ich mag die Ruhe des Morgens und ich stelle fest, dass ich seit einigen Tagen nach dem Sechs-Uhr-Morgens-Tankstellengeruch süchtig geworden bin. An jedem einzelnen Tag möchte ich, dem mutigsten meiner Freunde schreiben, dass es jetzt in diesem Moment so sehr nach Italien riecht, dass ich mich ganz seltsam fühle. Ich tue es nicht. Ich würde ihn wecken und ich weiß nicht ob er sich noch an den Geruch nach Italien erinnert und begreifen würde wovon ich spreche. Er lebt schon so lange in Italien, dass er womöglich vergessen hat, wie das deutsche Italien riecht. Es würde mir schwer fallen, es ihm zu erklären. Es riecht nach den großen Ferien, die wir nie Sommer-, sondern immer nur die großen Ferien genannt haben. Es riecht nach Spätsommer. Spätsommer, morgens um sechs Uhr, wenn die Luft noch kühl ist, man die Hitze, die der Tag mit sich bringt, aber schon erahnen kann. Ein Hauch, bereits welker Blätter und Gras, das vom Sommer schon erschöpft und nicht mehr saftig ist. Und – das ist das wichtigste, würde ich ihm erklären – man riecht es nur an einer Tankstelle. Das deutsche Italien riecht nach Benzin mit einer feinen, kaum wahrnehmbaren Kaffeenote. Kein guter Kaffee – Tankstellenkaffee.

So riecht es, weil es der Geruch unserer Kindheit ist. Wir alle sind in den großen Ferien zu nachtschlafender Zeit von unseren Eltern halb getragen, halb geschoben in ein bis unter das Dach vollgepacktes Auto gesetzt worden und mit ihnen gemeinsam in Richtung Süden aufgebrochen. Die erste Pause, meist wurden wir dann erst richtig wach, fand gegen sechs Uhr morgens statt. Übermüdete Väter, verschlafene Mütter und Kinder die an einer Tankstelle aus dem Auto krochen. Und dann, dann roch es eben genau so. Dann roch es nach Italien. Selbst wenn wir, wegen eines Staus noch in Österreich waren oder unser Ziel nicht Italien sondern Jugoslawien (damals noch ein Land) oder gar Griechenland war. Ich erinnere mich, dass meine Mutter spätestens bei der zweiten Pause behauptete, bereits das Meer riechen zu können. Vielleicht, würde es für sie um sechs Uhr morgens an meiner Tankstelle auch nach Meer riechen. Das könnte gut sein, weil Gerüche so subjektiv empfunden werden, wie Erinnerungen.

Bei Gelegenheit werde ich den mutigsten meiner Freunde fragen ob er weiß, was ich meine. Ich denke, er kennt den Geruch noch. Schließlich hat er ihn mit mir gemeinsam auch einige Male gerochen und wir waren in diesen Momenten genauso aufgeregt, zappelig und ungeduldig wie Achtjährige gewesen. Mit ihm roch ich den Duft der großen Ferien auf dem Weg nach Elba. Auch an einer Tankstelle unterhalb von Rom und auf dem Heimweg von Salerno. Morgen früh vielleicht, werde ich ihn fragen. Wenn er sich nicht erinnert, dann werde ich ihm sagen, dass er unbedingt nach München kommen muss. Ein Tag reicht – wichtig ist nur, dass die Sonne scheint und der Tag heiß wird. Das sollte er unbedingt, denn morgens um sechs im August an einer Tankstelle, da riecht es so sehr nach den großen Ferien, dass man heulen könnte vor tief empfundenen Glück. Ganz so wie damals, als endlich die Tore der Schule aufgingen und man raus konnte. Raus in einen endlosen Sommer.

Man darf nur nicht daran denken, dass man eigentlich ins Büro muss. Ich gebe mir noch drei Tage an der Tankstelle. Dann bin ich soweit und fahre nicht in die Arbeit sondern direkt weiter auf die Autobahn, über den Brenner und nach Italien. Oder Kroatien. Vielleicht auch nach Griechenland. Es könnte mir niemand verübeln – es ist August, da hat man große Ferien.

Gefundene Sätze #48

„Wem kann ich erzählen, dass die Iljas mich langweilt?“

Christa Wolf

Ach, Christa Wolf, mir hätten Sie das erzählen können. Dann hätte ich an diesem Wochenende vielleicht nicht den achten Anlauf genommen.
Die Iljas wird nun eines der wenigen Bücher, das ungelesen in meinem Regal steht. Frühestens in 20 Jahren werde ich es noch einmal in die Hand nehmen. Die Zeit war und ist einfach noch nicht reif.

Lachen – nur mit ihr

Wir kennen uns nicht gut. Wir kennen uns eigentlich überhaupt nicht und weder sie noch ich würden unsere Beziehung als Freundschaft bezeichnen. Freunde kennen sich, gehen gemeinsam einen Weg und vertrauen sich. Wir gingen nur zufällig zeitgleich die Stufen einer Bar hinunter und standen gemeinsam in der Schlange vor der Toilette. Unsere Namen kannten wir nur, weil wir einander ein paar Stunden zuvor vorgestellt wurden. Einer der mit mir in der gleichen Straßen aufwuchs hatte mit dem Bruder ihres Mannes Abitur gemacht, glaube ich mich zu erinnern. Vielleicht war sie aber auch die, mit deren Schwester er einen Sommer lang zusammen war. Es interessierte mich nicht und ihr war mein Interesse nicht wichtig. Wir standen nur nebeneinander in der Kloschlange, hatten beide zu wenig getrunken, um das Alkohlgeschwängerte Geplapper einer Dritten zu ignorieren. Und doch umarme ich sie, wenn ich sie zufällig am Rande meines Freundeskreises sehe. Mitten im Satz unterbreche ich mich dann, stehe auf und umarme eine mir fremde Frau, die ihrerseits ihre Arme um mich legt. Es fühlt sich seltsam an, weil wir beide nicht zu den Menschen gehören, die flüchtigen Bekannten um den Hals fallen und peinlich berührt, lösen wir uns schnell wieder voneinander. Und doch, wenn wir uns zufällig ein oder zwei Mal im Jahr sehen, sind wir uns für einen kurzen, einen sehr kurzen Moment vertraut. Weiterlesen

2X=0 (aus dem Archiv 03.08.2015)

Zwei Tage vor Weihnachten stand ich mit einer monströsen Fichte an der Trambahnhaltestelle und ignorierte die etwas irritierten Blicke der restlichen Fahrgäste. Das ich in Weihnachtsstimmung war, wusste ich, dass ich noch immer in X verliebt war, erst als seine SMS kam. „Wir sollten mal wieder knutschen.“ Das was er da geschrieben hatte war einfallslos und dumm. Das was er wenig später am Telefon sagte nicht. Ich mag Worte im Allgemeinen und ich mochte ganz besonders das was er sagte. Über eine Stunde stand ich an der Haltestellte, den Baum umklammert und hörte ihm zu. Nichts besonderes. Was so in den letzten Monaten passiert war. Kann jemand gut erzählen, sind die Inhalte zweitrangig. Ich lachte mit ihm, schickte ihm ein Foto der Fichte und ließ eine Bahn nach der anderen an mir vorbei fahren. Er hörte nicht auf zu reden, bis ich am Abend mit dem Handy in der Hand vor seiner Wohnung stand. Den Baum hatte ich zuvor noch nach Hause gebracht. Weiterlesen

Paul parkt draußen

Googel sagt, dass die Liebe zum Auto bei Männern wie eine Kombination aus Sex und Drogen wirken kann. Wenn das stimmt, dann möchte ich nicht wissen, auf welchem Trip sich der Besitzer dieses Autos vor einigen Jahren befunden hat. Obwohl es mich nicht interessiert, muss ich darüber nachdenken. Warum um alles in der Welt, fährt man eine Mausefalle im Kofferraum durch die Gegend. Ich frage nicht nach, weil ich weiß, dass die Liebesbeziehung eines Mannes zu seinem Auto, den zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen häufig sehr ähnlich ist. Meine Freundin erkundigt sich ebenfalls nicht weiter, sondern lächelt nur. Es wäre sicher eine schöne Geschichte, überlegt sie und ich nicke. Ja, eine jener Geschichten, die man besser nicht weiter erzählt. Obwohl….ein Mann der gleich acht statt der vier vorgeschriebenen Rettungswesten im Kofferraum transportiert, für den Notfall zwei Abschleppseile und zwei Startkabel im Fußraum liegen hat, der muss ein sehr fürsorglicher Mann sein. Einer der mitdenkt und praktisch veranlagt ist. Doch, ich muss mich korrigieren, die Geschichte der Mausefalle im Kofferraum würde mich sehr interessieren. Ganz ohne Zweifel kann so eine Geschichte nur zu einem Mann gehören, den ich mögen würde. So wie ich sein Auto schon jetzt mag. Es ist solide und ohne Schnickschnack. Ein bisschen wie ich. Tief im Inneren versteckt sich etwas großartiges. Etwas, das man erst erkennt, wenn man ganz genau hinsieht. Auf den ersten Blick sind das Auto und ich unscheinbar. Mehr noch, wir sind schrecklich schlicht und einfach. Den Zugang zu uns, den muss man erst einmal finden.   Weiterlesen

Tomatensaft und Minzbonbons (aus dem Archiv 21.07.2015)

Google muss besoffen gewesen sein, als es folgendes zur Suchanfragen „Tipps fürs erste Date“ mit an den ersten Stellen lieferte…

„Männern gefällt es, wenn eine Frau ihre Wünsche vorausahnt, selbst wenn es nur unbedeutende Details sind. Reichen sie ihm das Salz, bevor er danach fragt.“ – Aber das Fleisch können sich die Herrn der Schöpfung noch selbst kleinschneiden?

„Ich finde es fantastisch, wenn mich eine Frau am Nachmittag zu einem Tee einlädt. Das ist mal was anderes als immer das klassische Glas Wein – oder Bier – am Abend. Zumal ich ohnehin keinen Alkohol trinke.“ – Ein Leben ohne Wein? Sorry, ich bin raus.

„Ich mag Herausforderungen! Also, meine Damen: Seid mysteriös, um mich zu verführen!“ – Ne, danke. Ich lass mich lieber verführen. Und glaubt mir, liebe Männer, das wird euch genug fordern…auch heraus. Weiterlesen

Perfekte erste Nachricht

Noch heute, fast fünf Jahre später, nickt mein Umfeld verständnisvoll, wenn ich den Namen von Dr. X erwähne. Ich rechne es ihm hoch an, dass es nicht die Augen verdreht oder an meinem Verstand zweifelt. Weder meine Freunde, noch meine Kollegen haben X je zu Gesicht bekommen und doch gibt es keinen, der nicht mindestens einmal die ganze Geschichte von mir erzählt bekommen hat. Die meisten mehrfach und immer mit der nötigen Portion Pathos um die innewohnende Dramatik gebührend zu unterstreichen. Eine Dramatik, die sich wohl nur mir selbst erschließt. Objektiv betrachtet waren es nur zweieinhalb Treffen. Aber wer ist schon objektiv, wenn es um den EINEN geht, den EINEN den man ohne nachzudenken heiraten würde und von dem man weiß, dass er das perfekte Gegenstück zu einem selbst ist. Wie man das nach nur zweieinhalb Treffen zu wissen glaubt? Ganz einfach. Man kneift die Augen zu und schaltet den Verstand aus. Der Mann hat später absolut alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Keine kleinen Patzer, er hat so richtig in die Vollen gegriffen und mir verbal eins über geknüppelt. Aber ich fand ihn immer noch toll. Schuld war die perfekte erste Nachricht und ein sehr klug ausgefülltes Profil auf dem Dating Portal. Weiterlesen

Meine Füße, mein Mann

Ein neues Profilbild muss her, sagt meine Freundin und beißt herzhaft in einen Schnitz Wassermelone. Hilfsbereit wie ich bin, schieße ich augenblicklich ein Foto und schicke es ihr. Das Bild ist perfekt. Profilbilder müssen natürlich und authentisch sein, so kann man es auf diversen Internetseiten nachlesen. Am besten nimmt man ein Bild, das spontan von einer nahestehenden Person geschossen wurde. Das bin ich und das Foto ist im Kasten. Meine Freundin ist verfressen. Wer sie kennt weiß das. Wer sie noch nicht kennt, ahnt es bei diesem Foto. Nur wenige Frauen stürzen sich so hingebungsvoll auf ein Stück Wassermelone wie sie. Authentizität erkläre ich und weiter, dass ein Profilbild das Naturell und den Charakter einfangen sollte. Auch das tut es. Beim Essen dreht sie sich deutlich sichtbar zur Seite, weicht der Kamera aus und vermittelt so – überaus zutreffend – den Eindruck, dass sie bereit wäre, um dieses Stück Wassermelone zu kämpfen. Stärke, erkläre ich ihr, dieses Bild strahlt Stärke und eisernen Willen aus. Es sei etwas zu authentisch murmelt sie mit vollem Mund und tippt mit klebrigen Fingern auf das Display des Handys. Hier im Mundwinkel ist Melonensaftsabber zu sehen. Das stimmt und das ist gut so. Der durchschnittliche Online-Dating-Mann stellt sich dann vor, dass ihr der am Hals nach unten und in den Ausschnitt rinnt. Wir haben das perfekte Bild. Mit dem spitzen Schulterblatt, das eine Größe 36 erahnen lässt und den Surfbrettern im Hintergrund erfüllt es alles, was sich ein paarungswilliger Mann erträumt. Dass die Bretter nicht uns, sondern zwei fünfzehnjährigen Jungs gehören, spielt keine Rolle. Beim Online-Dating hat man Authentizität vorzutäuschen und dabei zu lügen, dass sich die Balken biegen. Ich klatsche noch drei Filter über das Bild und versehe es mit dem Hashtag #nofilter.  Weiterlesen

Deutsch-italienischer Serotoninspiegel

Ich kann mich nicht bewegen – es ist zu heiß. Müde und schläfrig sitze ich auf einer Decke im Hinterhof und bemühe mich nicht einzuschlafen. Das darf ich nicht, weil ich auf zwei fünfjährige Zwillinge aufpasse. Denen macht die Hitze nichts aus. Sie rennen zwischen den Büchen hin und her und entern mit einer mir unbegreiflichen Energie immer wieder die Klettergerüste. Wahrscheinlich sind sie Hitze gewöhnt. Sie sind erst vor kurzem aus Süditalien nach München gezogen und ich bin der Babysitter weil ich italienisch spreche. Sagt zumindest ihre Mutter Alba, die mich vor einer Woche am Balkon auf italienische telefonieren gehört hat. Ich mach es ja gerne, nur heute ist es wirklich zu warm für zwei neapolitanische Energiebündel. Frau Hinteranger, meine Nachbarin lässt sich neben mir auf eine Bank fallen. Sehr monoton, raunt sie mir zu und deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung der Balkone des Hinterhauses. Im grellen Sommerlicht welken auf den Balkonen ein paar müde Pflanzen vor sich hin und fünfunddreißig Grad warme Luft lässt vergessene Wäsche auf den Ständern erstarren. Ja, sehr monoton, stimme ich ihr zu und lehne mich mit geschlossenen Augen wieder zurück.  Nicht „sehr monoton“ sagt die Hinteranger und würgt den letzten Bissen ihrer Nussschnecke hinunter. Serotonin, wiederholt sie klarer und deutet jetzt präziser auf einen der Balkone, auf dem ein Wäscheständer rhythmisch wackelt und hinter dem leises Stöhnen bis in den Hof getragen wird. Das ist das Serotonin, erklärt sie, das macht die Mannsbilder geil. Stand heut erst in der Zeitung und da hat man es schon. Der eigebildete Gockel, grinst sie noch und macht sich dann daran, ihre Einkäufe zu erledigen. Ich bin mir nicht sicher um wen ich mich mehr sorgen soll. Um Frau Hinteranger, die mit ihren achtzig Jahren beschließt in der Mittagshitze Wasserflaschen durch die Gegend zu schleppen oder um mein Verhältnis zu Paul, das ich zu hinterfragen bereit wäre, wenn dieser tatsächlich seinen Serotoninspiegel am Balkon liegend, unter einem Wäscheständer regulieren würde. Leise stöhnt es im dritten Stock und ich beschließe mit den Kindern rein zu gehen, damit ich ihnen am Ende nicht noch erklären muss, was da los ist. Weiterlesen