2X=0 (aus dem Archiv 03.08.2015)

Zwei Tage vor Weihnachten stand ich mit einer monströsen Fichte an der Trambahnhaltestelle und ignorierte die etwas irritierten Blicke der restlichen Fahrgäste. Das ich in Weihnachtsstimmung war, wusste ich, dass ich noch immer in X verliebt war, erst als seine SMS kam. „Wir sollten mal wieder knutschen.“ Das was er da geschrieben hatte war einfallslos und dumm. Das was er wenig später am Telefon sagte nicht. Ich mag Worte im Allgemeinen und ich mochte ganz besonders das was er sagte. Über eine Stunde stand ich an der Haltestellte, den Baum umklammert und hörte ihm zu. Nichts besonderes. Was so in den letzten Monaten passiert war. Kann jemand gut erzählen, sind die Inhalte zweitrangig. Ich lachte mit ihm, schickte ihm ein Foto der Fichte und ließ eine Bahn nach der anderen an mir vorbei fahren. Er hörte nicht auf zu reden, bis ich am Abend mit dem Handy in der Hand vor seiner Wohnung stand. Den Baum hatte ich zuvor noch nach Hause gebracht.

Es sind Kleinigkeiten, die mir in Erinnerung geblieben sind. Die Bücherstapel in seinem Arbeitszimmer, seine gestreifte H&M Pyjamahose, der winzige Balkon, auf dem er im Sommer Jagd auf die Tauben gemacht hatte und die Musik von Johnny Cash. Obwohl es Dezember war, saßen wir in dicke Jacken eingepackt auf dem Balkon und beobachteten seine Nachbarn durch die erleuchteten Fenster auf der anderen Straßenseite. Während er mir von der Frau erzählte, die ihre drei Katzen auf dem Tisch fütterte, teilten wir uns eine Tafel Schokolade. Er saß hinter mir und hielt mich umarmt, als wir beobachteten wie ein Paar gegenüber stritt. Als sie die Vorhänge zuzogen küsste er meinen Hals und als die ersten Lichter in den umliegenden Fenstern ausgingen saßen wir längst nicht mehr auf dem Balkon.

Es war nicht die Nacht mit ihm, die dazu führte, dass ich mehr wollte. Es war das Gefühl, das ich hatte, als ich am nächsten Morgen nach Hause ging. Die Überzeugung, dass er der ist, zu dem ich gehöre. Ich brauche Zeit, bis ich mich in einer fremden Umgebung wohlfühle und entwickle Freundschaften und Vertrauen nur langsam. Hätte X mich aber in dieser Nacht gefragt ob ich den Rest meines Lebens mit ihm und in dieser Wohnung verbringen möchte, ich hätte ohne nachzudenken ja gesagt. Ich verstehe bis heute nicht, was genau es gewesen war. Die Art wie er mich ansah, die Art wie er mit dem Daumen über die Innenseite meines Handgelenkes strich, sein Geruch, seine zerzausten Haare? Sein trockener Humor, der beißende Sarkasmus und sein kluger Kopf? Die schönen Worte,  im Winter auf dem Balkon Wein zu trinken? Das alles ist zu banal um mich so aus der Bahn zu werfen.
Er war der Eine und ich habe es instinktiv erkannt. Ich habe mich selten in meinem Leben vorher oder nachher so geborgen, geliebt, begehrt und glücklich gefühlt wie damals. Nicht in dieser Kombination und Vollkommenheit.

So klar, wie ich erkannte, dass ich genau diesen einen Mann haben wollte, erkannte ich auch, dass er mich nicht wollte. Er musste es nicht sagen. Sein erster Korb war deutlich gewesen und ich klug genug mir keinen zweiten zu holen. Außerdem wollte ich es nicht hören. Ich wollte das Perfekte und das Vollkommene dieses Abends haben. Um jeden Preis. Bekommen habe ich es nicht. Stattdessen kaufte ich mir am nächsten Tag genau die gleiche Männer Pyjamahose und für fast 200 Euro die Lampe, die in seinem Schlafzimmer stand. In meiner Erinnerung war das Licht sanft und weich gewesen und die Form originell und nicht alltäglich. Auf meinem Nachttisch ähnelte das Ding einem futuristischen Ei mit grelloranger Zeitanzeige und verbreitete kaltes, hartes Licht. 200 Euro für eine Lampe, deren Funktion darin bestand, durch Vogelgezwitscher und der Simulation eines Sonnenaufgangs, sanft zu wecken. Völlig sinnlos für mich. Mein Schlafzimmer liegt auf der Ostseite und ich wache grundsätzlich um täglich Punkt sechs Uhr auf. Nicht sanft, sondern durch das plärrende Radio meiner Nachbarin.

Weihnachten war grausam. Irgendwie habe ich den Familienteil hinter mich gebracht, die Freunde getroffen, die jedes Jahr nur über die Feiertage in der Stadt waren und nur auf den 26.12 gewartet. Dann waren alle Besuche und alle Feiern erledigt und ich konnte mich ins Bett legen und heulen. Mit Lampe und Pyjama. Es war das erste Mal, dass ich als Erwachsener stundenlang weinte und nicht aufhören konnte. Noch heute kann ich die Gefühle von damals sofort abrufen. Das wunderschöne Gefühl und das schreckliche auch. Die Kombination von Schmetterlingen im Bauch und einem Messer im Herzen ist nicht zu empfehlen. Daran scheiterte sogar der Beste. Er sagte damals nichts.

Bei den Pyjama Hosen bin ich geblieben. Größe S in der Männerabteilung bei H&M – unschlagbar bequem. Die Lampe habe ich kurz nach den Feiertagen weggeschmissen. Mit Schwung in die Tonne. Für einen kurzen Moment  hat es sich gut angefühlt. Etwa 30 Sekunden lang. Danach bin ich wieder ins Bett und habe weiter geheult. So etwa bis zum Sommer.

Die Temperaturen sind nicht mehr so unerträglich heiß und ich mit den Sommerloch-Füllern durch und der dreiteiligen Erzählung durch.
Nach diesem Weihnachten kam lange, lange nichts mehr. Bis er irgendwann mit einer Flasche Wein vor meiner Tür stand ;).

21 Gedanken zu “2X=0 (aus dem Archiv 03.08.2015)

  1. Fulminantfulminant / eine Weihnachtsliebgeschichte während die Sonne meine Glatze bräunt & aufgeworfene Wolkenbilder Richtung Italien ziehen. Sogar der Gedanke an Lebkuchen kommt auf / nur für den Fichtenduft ist es noch zu früh. So bestaune ich wiederholt deine Art zu schreiben und hoffe von dieser einzig wahren Liebe sind nicht zu viele Narben in deinem Leben geblieben. Oder alles war frei erfunden und die Autoren lacht sich ins Fäustchen ob ihrer herrlichen Begabung den Leser im Sommer an die Fichtenliebe zu fesseln.
    So oder so.
    Bitte mehr davon……

    Gefällt 2 Personen

    1. Mein Lieber, keine Narben. Kleine Kratzer, die wir alle mit uns herum tragen und die – davon bin ich überzeugt – auch wichtig sind, um die Dinge richtig einzuordnen. Ich freue mich, dass ich es im August schaffte ein wenig Weihnachten unter die sonnengebräunte Glatze zu schmuggeln.

      Herzliche Grüße an den See.

      Gefällt 1 Person

  2. Ah! – der mit der Flasche Wein vor Deiner Tür … Als ich als Kind endlich Fahrrad fahren konnte, gab’s für mich kein Halten mehr: Wann immer meine Mutter nicht aufpaßte, stieg ich auf’s Rad (ein Damenrad, auf dem ich nicht sitzen konnte, weil ich noch zu klein war) und erkundete die Straßen der Kleinstadt, in der ich aufwuchs. Ich fuhr mal in die eine, dann in die andere Richtung, am nächsten Tag in die dritte – nie sehr weit, weil ich Angst hatte, nicht mehr zurückzufinden. Mit der Zeit wurde ich mutiger, ich fuhr eine Querstraße – und landete an einer Kreuzung, die ich schon kannte, aber aus einer anderen Perspektive, und vor meinem inneren Auge entstand überraschend der Straßenplan von zwei für mich bis dahin unabhängigen Gebieten. Damals ein sensationelles Aha-Erlebnis. Nicht sensationell, aber auch ein Aha-Erlebnis (als Kenner Deiner Geschichten) ist Dein letzter Satz.:-)
    Der mit der Flasche Wein vor Deiner Tür also. Also nicht optimal gelaufen, schmerzlich zu Anfang – aber auch nicht ganz schlecht im weiteren Verlauf, oder? Keiner, den Du missen möchtest.

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    1. Eine schöne Erinnerung und ein echtes Aha-Erlebnis. Ich kann es mir gut vorstellen. An manche kindliche Erkenntnisse kann ich mich auch noch erinnern. Auf einmal ist alles klar. Schön auch deine Überleitung ;). Der also, genau. Ein unmöglicher Kerl. Ein Idiot. Und etwas ganz besonders feines auch.

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