Lachen – nur mit ihr

Wir kennen uns nicht gut. Wir kennen uns eigentlich überhaupt nicht und weder sie noch ich würden unsere Beziehung als Freundschaft bezeichnen. Freunde kennen sich, gehen gemeinsam einen Weg und vertrauen sich. Wir gingen nur zufällig zeitgleich die Stufen einer Bar hinunter und standen gemeinsam in der Schlange vor der Toilette. Unsere Namen kannten wir nur, weil wir einander ein paar Stunden zuvor vorgestellt wurden. Einer der mit mir in der gleichen Straßen aufwuchs hatte mit dem Bruder ihres Mannes Abitur gemacht, glaube ich mich zu erinnern. Vielleicht war sie aber auch die, mit deren Schwester er einen Sommer lang zusammen war. Es interessierte mich nicht und ihr war mein Interesse nicht wichtig. Wir standen nur nebeneinander in der Kloschlange, hatten beide zu wenig getrunken, um das Alkohlgeschwängerte Geplapper einer Dritten zu ignorieren. Und doch umarme ich sie, wenn ich sie zufällig am Rande meines Freundeskreises sehe. Mitten im Satz unterbreche ich mich dann, stehe auf und umarme eine mir fremde Frau, die ihrerseits ihre Arme um mich legt. Es fühlt sich seltsam an, weil wir beide nicht zu den Menschen gehören, die flüchtigen Bekannten um den Hals fallen und peinlich berührt, lösen wir uns schnell wieder voneinander. Und doch, wenn wir uns zufällig ein oder zwei Mal im Jahr sehen, sind wir uns für einen kurzen, einen sehr kurzen Moment vertraut.

Sie war es, die mir vor Jahren die Hand auf den Arm legte, als alle anderen vor mir zurück wichen. In einer Schlange vor der Toilette stehend brüllte ich vor langer Zeit flüchtige Bekannte und alte Freunde an, dass sie mich in Ruhe lassen sollen. Dass sie es nicht wagen sollten, mich je wieder mit ihrem banalen Scheiß zu belästigen und sich doch bitte einfach alle verpissen sollten. Ich schrie Worte, die nicht zu meinem Vokabular gehörten, in Gesichter, die mich betreten ansahen und hätte keinem von ihnen erklären können, warum ich es tat. Genauso wenig wie ich hätte erklären können, warum ich an diesem Abend, als alles noch frisch war, überhaupt auf die Geburtstagsfeier gegangen war. Ich hätte nicht einmal erklären können, ob ich mit dem Rad oder mit dem Bus gekommen war. Es war egal, weil mich niemand fragte und ich mit ihr, der Schwester von irgendwem, alleine auf den Stufen saß, als alle verschwunden waren. Wir unterhielten uns damals nicht. Wir sahen uns nicht einmal an. Wir taten gar nichts. Mein Freund ist tot, sagte ich irgendwann, um zu hören, wie es ausgesprochen klingt. Sie nickte und sagte, meiner ist noch zu Hause. Auch scheiße?, wollte ich wissen und wieder nickte sie. Dann lachten wir. Es war nicht lustig, aber wir lachten lange an diesem Abend.

Es gibt Momente, in denen einen nur das Lachen rettet. Einen Grund braucht es dazu nicht. Es reichen zwei Menschen, die gerade nicht rund laufen und die lachen müssen, um wieder frei atmen zu können. Ein bitteres Lachen, eines das weh tut und weit mehr schmerz als heulen. Ein solches Lachen befreit weder Kopf noch Herz, aber wenigstens die Lungen. Wenn wir uns sehen, reden wir nicht viel. Besser, fragt sie und ich nicke. Besser, frage auch ich und sie schüttelt den Kopf. Schon vor langem habe ich ihr meine Telefonnummer gegeben. Gestern rief sie an. Lange saß sie neben mir auf dem Balkon, sah mich nicht an und sagte nichts. Erst als dunkel war und ich erklärte, dass die Steckdose draußen nicht geht, weil irgendwas darin steckt und ich es aus Angst vor einem elektrischen Schlag nicht rauspfriemeln möchte, da drehte sie den Kopf zu mir. Vielleicht sollte sie ihren Mann fragen, ob er das nicht machen möchte. Wir lachten. Es war nicht lustig. Es war bitterböse, aber wir lachten lange.

Sie ist meine Freundin. Die Freundin, die ich nicht kenne. Mit der ich keinen Weg gemeinsam gehe, von der ich nichts weiß und mit der ich kaum spreche. Aber ich lache mit ihr. Wir lachen, wenn es uns zum heulen zu schlecht geht. Solche Freunde sind wichtig.

27 Gedanken zu “Lachen – nur mit ihr

  1. Mitunter die wichtigsten. Wie schön dass ihr euch habt, auch wenn die Gründe nicht schön sind, dass ihr einander braucht…
    Wieder einmal ein Text von dir über Gefühle von denen ich nicht einmal gewusst habe dass ich sie habe…

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  2. Schweigen ist manchmal doch Gold, aber noch viel besser ist Lachen auch wenn es bitter böse ist. Letztendlich zählt glaube ich einfach nur, dass jemand in dem Moment für dich da ist egal wer (nicht völlig egal, aber du weiß was ich meine 😉 )

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  3. Während wir Männer einfach drauf los pieseln, weil wir keine Kloschlange zu befürchten haben, in denen Umarmungen und Geschrei stattfinden könnten, denn ein Platz an der Rinne ist immer frei … äh … ich bitte, neu ansetzen zu dürfen. Also, irgendetwas über die Kommunikationsarmut auf den Pissoiren wollte ich nun sagen, falls die Herren nicht völlig angetrunken sind. Doch jetzt mir fehlen die entsprechenden Worte … 😉

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