Bleibst du, ja?!? oder Fußball? Genau meines.

Sie wussten es vielleicht nicht, aber ich bin Fußballfan. Hardcore. Während der Welt- und Europameisterschaften bin ich für Deutschland und komme was wolle, ich muss das Spiel sehen. Das jedenfalls vermuten man und wenn ich ehrlich bin, dann versteh ich nicht ganz, wie man auf diesen Gedanken überhaupt kommen kann. Weder besitze ich ein Trikot noch male ich mir die Landesflagge ins Gesicht. Als Kind bestückte ich keine Pannini-Sammelalben und als Erwachsene lasse ich mir von meinem Fünfjährigen Patenkind erklären, wer die Männer sind, die dort bei der Deutschen Nationalmannschaft abgebildet sind. Torwarte angeblich. Außer Neuer kenne ich keinen, aber ich ließ mir sagen, dass man wohl ein bis zwei weitere in Reserve mitnimmt, falls einer den Ball gegen das Hirn bekommt oder wegen Dreharbeiten zum neuen Cola-Werbespot spontan verhindert ist. Ich habe wirklich wenig Ahnung und lege ein ausgesprochenes Desinteresse an den Tag. Innerlich. Äußerlich muss ich mich zurück halten und vorgeben dass ich mich sehr wohl interessiere. Ich habe mir sagen lassen, dass sich das so gehört. Als Deutsche.

Letzteres sagt einem natürlich kein Deutscher. Jedenfalls nicht die, die ich zu meinen Freunden zählen. Das sagen einem italienische Freunde und Arbeitskollegen. Die setzen es voraus und sorgen dafür, dass sich die Deutsche während der Meisterschaften in ihrem Land auch wohlfühlen. 2002 zum Beispiel schied Italien im Achtelfinale aus und ich war heilfroh, dass der Fernseher in unserem Büro künftig keine Fußballspiele mehr übertragen würde und ich wieder in Ruhe arbeiten konnte. Leider kam Deutschland ins Finale und ich musste mir alle Spiele ansehen. Alleine. Die Italiener trauerten, aber mich setzte man auf einen Stuhl direkt vor dem Fernseher und ich musste 90 Minuten lang Freude und Spannung heucheln. Falls Sie sich fragen ob ich nicht einfach….nein, nicht in einem italienischen Büro. Da müssen Sie für Ihr Land fiebern, besonders wenn einem zu jedem Spiel ein, extra im Feinkosthandel besorgtes, Weißbier in die Hand gedrückt wird und sich die Belegschaft aus Solidarität geschlossen eine Deutschlandfahne ans Auto hängt. Dann müssen Sie Fan sein. Als Deutscher.

Ich muss es auch sein, wenn ich meinen Geburtstag feiere und das nicht alleine tun will. Dann muss ich bei der Einladung lügen und enthusiastisch behaupten, dass wir natürlich selbstverständlich das Spiel gemeinsam ansehen werden. (Unnötig zu erwähnen, dass Deutschland immer an meinem Geburtstag oder am Samstag danach spielt. IMMER). Ich heuchle Freude und sage, dass es mir absolut nichts ausmacht, mich um einen Fernseher zu kümmern, damit ich nicht alleine feiern muss. Ist auch kein Problem. Ich feiere ja meist in einer Hütte, die hübsch gelegen auf einer Waldlichtung auf einem Berg liegt. Da kann man schon mal über 300 Meter ein  Antennenkabel quer durch den Wald zum nächsten Bauern verlegen, weil der eigene Anschluss seit dem letzten Sturm nicht mehr funktioniert. Und weil man seine Freunde gern hat, nimmt man sie dann alle zum besagten Bauern mit, weil das Zusammenstecken der Kabel über diese Entfernung natürlich nicht funktioniert. Mach ich alles gerne.

Ich juble auch gerne. Und wenn Deutschland nicht spielt, dann eben für die Mannschaft mit den hübschesten Spielern. Etwas das man nicht unbedingt machen sollte, wenn man sich das EM Finale Italien-Frankreich ansieht und die Franzosen für deutlich attraktiver hält. Nicht, wenn man sich in einer Kneipe auf Elba befindet. Mein damaliger Freund, der mir gegenüber meist einen ausgesprochen liebevollen Tonfall an den Tag legte, sagte in der Nachspielzeit nur noch, ich möge doch bitte endlich meinen Mund halten. Genau genommen wählte er andere, etwas deutlichere Worte und bugsierte mich beim 2:1 für Frankreich in der 103 Spielminute wortlos, hastig und etwas grob aus der Kneipe hinaus. Vermutlich hat er uns damit den Hintern gerettet.

Den Hintern hat mir heute meine eigene Schludrigkeit gerettet. Papa und ich nehmen an einem Tippspiel teil. Ich muss online für uns beide tippen, weil Papa und App noch nicht funktionieren. Vorhin beim Anpfiff sah ich, dass ich für ihn versehentlich 3:1 für Südkorea und nicht für Deutschland eingegeben hatte. Die ganze erste Halbzeit über habe ich überschlagen wie lange er wohl nicht mehr mit mir reden wird. Jetzt bin ich wieder entspannt. Dank mir hat Papa nun drei Punkte gut gemacht. Falls Sie es noch nicht wissen, Südkorea…ich sag es ganz leise und mit echtem Bedauern…hat gerade gewonnen. Ich hab es live mitbekommen. Im Bus. Kurz vor der zweiten Halbzeit stieg ich ein und wurde vom Busfahrer gebeten, ihm via Handy live über das Spiel zu informieren. Als echter Fußballfan und weil er mehrfach mit schönem türkischem Akzent und echter Begeisterung „Bleibst du, ja?!“ gebettelt hat, bin ich eine extra Runde mit ihm gefahren und habe den live Ticker vorgelesen. Außer uns war niemand im Bus und der Fahrer konnte ganz ungezwungen fluchen und schimpfen. Wir sind jetzt per du. Unter Fußballbegeisterten ist das so.

Nur für mich…wir sind jetzt durch, oder? Das war´s und wir können wieder zur Normalität zurück kehren, ja?

 

56 Gedanken zu “Bleibst du, ja?!? oder Fußball? Genau meines.

  1. Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag! 🌾….und ja, wir sind wohl durch. Phase 2: die Analyse beginnt gerade. Das ist sicher nicht minder anstrengend.

    Ich netflixe jetzt in Ruhe weiter , da ist Fussball noch nicht angekommen und meines Wissens auch kein Nationalstolz.

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  2. Mit dem Busfahrer noch eine Extrarunde drehen, um gemeinsam das Fussball Spiel zu verfolgen. Mitzi, Du bist wirklich großartig. Dank Dir sind meine Tränen grade getrocknet, die ich unfreiwillig über das doofe Spiel vergossen hatte….. Danke für diesen launigen, wunderbar herzwärmenden Text.

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  3. Dein Vater wird Dich für ein Fußball-Genie halten. Natürlich wird er nun von Dir erwarten, daß Du allwöchentlich mit ihm zusammen die Spiele der Bundesliga anschaust und mit klugen Kommentaren glänzt. Oh je – da kommt was auf Dich zu. Der 1. FC Köln spielt ab nächster Saison in der 2. Liga, da war wohl in der 1. nicht mehr genug Platz oder was … keine Ahnung, mit mehr Informationen kann ich Dir leider auch nicht helfen.

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  4. Ich „kenne“ nur eine liebenswerte Frau, die mit einem Busfahrer noch eine Extrarunde fährt, um ihm Fußball live zu übertragen.
    Liebe Mitzi, ich bin froh, Ihnen „begegnet“ zu sein. Sie machen diese Welt einfach zu einer besseren Welt. Das schaffen nicht viele Menschen! 😉
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, das bin ich auch. Froh, Ihnen hier zu begegnen und Sie zu meinen Blogfreunden zählen zu dürfen.
      Sie schreiben so nett, dass ich sehr, sehr oft lächelnd vor dem Rechner sitze und mich ganz unbändig über Ihre warmen Worte freue.
      Danke!!!

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  5. Liebe Mitzi,

    mangels eines eigenen Teams, dass sich qualifiziert hätte, werfen wir Österreicher unser Augenmerk auf die deutsche Mannschaft. Ob wir nun voller Bedauern sind oder doch etwas Schadenfreude verspüren, kommt dabei nicht so ganz klar heraus. Ich werde von den Kollegen am Laufenden gehalten.

    Meine Männer teilen sich den Fernseher für das ein oder andere Fussballspiel (mein Mann) und die Playstation (die Jungs), ich habe den Rest des Hauses für mich allein und könnte genau genommen ungestört putzen, kochen, herumkramen.

    Allerdings stand da schon wieder so ein Glas Amaretto-Kirschen und lockte mit süßer Verführung …

    Liebe Grüße, Veronika

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    1. Liebe Vor, ich weiß nun auch nicht mehr für wen ich sein kann. Sonst bin ich meist für Italien oder Deutschland und wenn das nicht geht, dann halt für die Nachbarn. Nachdem die beiden sich dieses Jahr aber aus dem Staub gemacht haben und wir nun auch abgetreten sind, ist es mir egal :).
      Ich werde jetzt auch – als Trost – auf Amaretto Kirschen umsteigen.

      Viele Grüße
      Mitzi

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  6. Hihihi – sehr schön 😀 Ich selbst interessiere mich tatsächlich für Fussball, verstehe auch ein bisschen was davon (also nicht weniger als die vielen selbsternannten Experten jedenfalls) und bin – immer – für die Gegner Deutschlands. Woran das liegt, kann ich nicht sagen. Ich bin zu einem Viertel italienisch, und daher kann man vielleicht noch ein bisschen nachvollziehen, dass ich es im Zweifel mit den Italienern halte. Aber wie gesagt, auch die anderen Gegner Deutschlands, egal wer das jeweils ist, wird von mir favorisiert. Dazu stehe ich auch immer, wenn WM /EM etc ist, natürlich versuche ich, nicht allzusehr für die anderen zu jubeln, aus Sicherheitsgründen 😉
    Ab jetzt jedenfalls wird die WM für mich total entpannt. Deutschland raus, Italien gar nicht erst drin (obwohl, DAS war hart), jetzt bin ich für und gegen alle 🙂

    P.S. Mit meiner Cousine stelle ich übrigens derzeit eine internationale Mannschaft zusammen – die mit den unserer Meinung nach schönsten Spielern 😉 Und das Team mit den lustigsten Frisuren wählen wir auch 😀

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    1. Das haben wir auch schon im Freundeskreis gemacht – eigene Teams nach unterschiedlichsten Kriterien zusammen gestellt. Obwohl ich keine Ahnung von Fußball habe, schaue ich es mir ab und an ganz gerne an. Besonders dann, wenn mir einer ein bisschen was darüber erzählt. Mein bester Freund kann das sehr gut. Selbst schauen und mich mit Hintergrundinfos über Mannschaft und Spieler versorgen.

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  7. Ich war gestern Abend auf dem Unicampus und meine Güte, die Studenten hatten es sich dort wirklich nett gemacht. Nur waren die alle so begeisterungsfähig. Ich habe mich gleichzeitig total beliebt gemacht, in dem ich mal glatt vor dem Beamer vorbei gegangen bin. Hätte Deutschland in dem Moment ein Tor geschoßen, ich glaube ich hätte echt rennen müssen. Meine Parameter für den Weltmeistertitel sind beste Metalband und hübscheste Flagge. Spanien und Schweden stehen da sehr hoch im Kurs 😀

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    1. Ob ich heute von dir gehört hätte, wenn du im falschen Moment vor den Beamer gelaufen wärst…ich glaube nein :).
      Weiß der Henker warum, aber ich will immer sehen wie der Trainer aussieht und wie er am Spielfeldrand rumrennt.

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  8. Die auf Effizienz getrimmten österreichischen Fußballer wollten den Fans die WM durch ein vorzeitiges Ausscheiden nicht vermiesen und unnötige Reisekosten im Vorfeld sparen. Gesagt getan.
    Verpasste Quali = unnötiges Zittern vermieden und eigenen Urlaub verlängert.
    So geht Profifußball heute … 😉

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  9. Mitzi, ich habe so das Gefühl, dass dein zweiter Vorname Clara sein muss, denn meine Begeisterung hält sich in ähnlich eng gesteckten Grenzen. – Ich sah auf einem Spaziergang, dass jemand eine ca. 6 qm große Fahne am Balkon hatte. Schade um das Geld – zumindest in diesem Jahr. 🙂
    Lieben Gruß

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