Verplappert

Mein Nachbar Paul ist gekränkt und ich bin schuld daran. Behauptet er. Eigentlich ist er nur beleidigt und hat überhaupt keinen Grund gekränkt zu sein. Behaupte ich. Es wird ja wohl noch erlaubt sein, einem erwachsenen Mann objektiv und gelassen seine Meinung zu sagen. Ebenso muss es erlaubt sein, einem in sich ruhenden Mann zu sagen, dass man sein Angebot dankend ablehnt. Wir sind doch erwachsen. Da kann man doch auch mal nicht einer Meinung sein. In unserem Falle nicht. Ich vermute es liegt daran, dass Paul alles andere als ein in sich ruhender Mann ist und ich beileibe weder objektiv und in wachem Zustand nie gelassen bin. So war ich auch , als wir uns vorhin im Lift trafen trotz des bevorstehenden Wochenendes nicht gelassen, sondern leicht panisch. Das wären Sie auch, wenn Ihnen wie mir plötzlich klar geworden ist, dass der hübsche Sessel, den sie am Donnerstag unbedingt brauchen, völlig unbrauchbar ist. Nach 15 Jahren hat man manche Möbelstücke weit hübscher in Erinnerung als sie eigentlich sind. Noch vor ein paar Stunden war ich überzeugt davon, dass der Sessel, den ich mit Anfang zwanzig für meine erste Wohnung am Sperrmüll gefunden hatte, ein 1a Vintage Stück ist. In meinem dunklen Kellerabteil steht er seit einer Ewigkeit und obwohl ich ihn dank vieler Kartons seit Jahren mehr gesehen hatte, hatte ich ihn hübsch in Erinnerung. Das ist er nicht.  Er ist scheußlich. Ich war also gestresst und nicht gelassen, als ich Paul im Lift fragte ob er mir nicht zufällig am Donnerstag einen Sessel borgen könne. Paul nickte. Klar, kein Problem. Er hätte mehr als einen und es sei eh an der Zeit, dass ich ihn einmal besuchen würde. 

„Kaffee?“ bot er mir einige Minuten später an und ich schüttelte stumm den Kopf. In Pauls Wohnzimmer vor den Sesseln stehend, hatte es mir die Sprache verschlagen. Welchen ich denn nun wolle, erkundigte er sich und ich schüttelte noch einmal den Kopf. Da ich wie bereits erwähnt ein wenig angespannt war, antwortete ich ohne mir zuvor die Worte zurecht zu legen. Lass mal, sagte ich, die sind genauso scheußlich wie der meine, aber danke. Paul war gekränkt. Scheußlich, wiederholte er und sah mich mit gerunzelter Stirn an. Nein, sie seien schon ok, versuchte ich zu deeskalieren. Sie würden jedenfalls zum Rest der Einrichtung passen. Sie sehen…mit der Deeskalation habe ich es nicht so. Paul sah es auch und ich erklärte ihm, dass ich am Donnerstag aus meinem Buch lesen würde. In einem wunderbaren Theater, mit wunderbaren Autorinnen, Musik und Gesang und überhaupt so viel wunderbaren, dass ich jetzt keine bessere Entschuldigung zu Stande bringen würde weil ich wirklich im Stress sei und einen Sessel organisieren müsse. Buch? Dass ich Autorin sei, wüsste er ja gar nicht. Das sei cool. Viel cooler als die BWL Tussi für die er mich gehalten hätte. Ja, cool, sagte ich und versuchte ihn, bereits rückwärts zur Türe gehend, abzuwürgen.  Ich hatte es wirklich eilig und antwortete auf seine Frage wo man es kaufen könne etwas unfreundlich und ohne nachzudemnken mit „überall“.

Mangelndes Interesse an meiner Person kann man Paul nicht unterstellen. Neunzig Minuten später stand er vor meiner Tür. In der Hand mein Buch, das er gerade in der Buchhandlung, unten an der Isar gekauft hatte. Ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte, polterte er los und mir wurde schlecht. Obwohl man mein Buch tatsächlich überall kaufen kann, hatte ich bisher aus gutem Grund vermieden, meinen Nachbarn davon zu erzählen. Von Herrn Meier, Paul und den anderen, zitierte er den Klappentext. Ob ich völlig verrückt sei ein Buch über ihn zu schreiben und es ihm nicht einmal zu sagen. Fiktiv, murmle ich und er lachte leicht hysterisch. Fiktiv? Ich hätte ihm nicht einmal einen anderen Namen gegeben. So nicht, rief er noch und zog ab. Vom Küchenfenster aus sah ich ihn lesend auf seinem Balkon in der Sonne sitzen und recherchierte die Kündigungsfrist meiner Wohnung. Als die Sonne unterging bin ich zu ihm rüber. Paul lachte. Besser gesagt er grinste und erkundigte sich, ob ich sein Lächeln wirklich genauso hübsch wie das von Rhett Buttler finde. Ich nickte. Wir sind jetzt wieder gut.

Sind wir doch nicht. Paul stand gerade vor meine Türe und fragte mich ob ich noch ganz sauber sei. Seine Exfreundin sei viel älter gewesen als ich geschrieben habe und er hätte noch nie Satinbettwäsche besessen.

Paul beruhigte sich wieder. Gerade rief er an. Das mit dem DHL Boten hätte ihn zum Lachen gebracht. Er schlug vor die Tage gemeinsam Essen zu gehen. Die Rechnung würde er übernehmen. Ich hätte wirklich Talent.

Eine Stunde später will er nicht mehr. Er nimmt mir die Erzählung mit dem Versuch sein Karma zu verbessern übel und fordert, dass ich die nächsten sechs Monate seine Hemden bügle. Als Entschudligung. Bevor ich vom Küchenfenster aus den Kopf schütteln kann, hält er auf dem Balkon stehend mein Buch hoch. Sechs Monate oder er würde es persönlich, mit Randnotizen versehen zu unserem Hausdrachen Frau Obst bringen. Ich habe zugestimmt und werde Bügeln.

40 Seiten hat er noch. Während er die liest kann ich weiter nach einem Sessel suchen. Ich frage bei Judith. Das ist sicherer – die kennt das Buch und die versteckt mich, wenn Paul beginnt im Internet zu recherchieren, meinen Blog entdeckt oder auf Twitter den Hashtag #meinNachbarPaul eingibt.

Falls Sie wissen wollen, was ich mit dem Sessel eigentlich will und was der mit der Lesung zu tun hat, kommen Sie am 05.07.2018 ins Hofspielhaus in München. Da erzähle ich es Ihnen. Dann kann ich Ihnen auch Paul vorstellen. Er hat mir eben mitgeteilt, dass er sich eine Karte gekauft hat und mir den Hals umdreht, wenn ich das mit dem Karma vorlese.

27 Gedanken zu “Verplappert

  1. 🙂

    Paul soll sich nicht so anstellen, sondern froh sein, eine Figur der Weltliteratur zu sein, das schafft nicht jeder. Außerdem mögen wir ihn alle, ohne ihm je tatsächlich begegnet zu sein – die Zuneigung kann sich allerdings schnell in ihr Gegenteil verwandeln, wenn er Dich mit weiteren Erpressungsversuchen vom Schreiben abhält. Sei gewarnt, Paul!

    Gefällt 8 Personen

  2. Dein Herr Paul muss vorsichtig sein – immerhin kann alles und nichts hier literarisch ausgeschlachtet werden.
    So sieht das auch mein bester Kollege, der zuerst dachte, dass ihn ohnehin niemand kennt, dann feststellen musste, dass dem nicht so ist. Nach einer ernsteren Verstimmung teile ich ihm nun mit, wenn ich von ihm schreibe. Obwohl er ja eh nicht gerne liest, weil ich ja so geschraubt schreibe, wie er meint. Aber sicher ist sicher.
    Und dann sind da noch die gelegentlichen Entschädigungszahlungen. In Naturalien. Hin und wieder eine Esterhazy-Torte an den Besten und den Besten vom Besten, dann sind sie wieder ganz lieb. Die Forderung, dass ich die Woche für Woche zu leisten hätte, habe ich gerade noch abgeschmettert.

    Schade, dass München so weit weg ist. Ich hätte mir sonst auch eine Karte gekauft. Ganz sicher! Und das nicht nur wegen Paul!

    Herzlichste Grüße,
    Veronika

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    1. Du schreibst geschraubt? Na, das empfinde ich anders ;). Entschädigungen verteile ich aber auch ab und zu. Als Dankeschön für die vielen Vorlagen, die mir mein Umfeld bietet :).
      Ich hätte dich auch sehr gerne bei einer der Lesungen begrüßt. (Und dir Paul – sofern er tatsächlich auftaucht – vorgestellt).

      Liebe Grüße
      Mitzi

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  3. Liebe Mitzi,
    wer so oft und wunderschön plappert wie Sie, kann sich selbstverständlich auch mal VERplappern.
    Geplappert ist schnell mal, aber richtig schön plappern ist gar nicht so einfach!
    Sie können das jedenfalls prima!
    Gruß Heinrich

    Gefällt 1 Person

  4. So, liebe Mitzi, jetzt habe ich mich endlich beim Nachlesen aller verpassten Artikel bis zu dir durchgekämpft. – Lange nicht so gelacht. Männer können aber auch übelnehmerisch sein. – Und bi-polar ist er auch – mal findet er alles gut über sich, mal nicht.
    Mir wäre es leider auch zu weit – außerdem habe ich momentan keine Reiselust – woran das bloß liegen mag?
    Beste Grüße von mir!

    Gefällt 1 Person

  5. Sehr gute Werbung für deinen Auftritt, liebe Mitzi. Du weißt, dass ich käme, wenns nicht so weit weg stattfände. Dass Paul real ins Spiel kommt, ist hübsch. Ich hatte mich längst schon gefragt, was passieren würde, wenn ein Akteur/eine Akteurin deines Panoptikums mal erfährt, dass er/sie zum Ensemble gehört. Weil Paul ganz gut wegkommt in deinen Texten, ist er quasi zum Stillschweigen verpflichtet.
    Ich wünsche viel Erfolg für deine Lesung!

    Gefällt 1 Person

  6. Ich hab mich schon gewundert wie es möglich ist, dass keiner deiner Nachbarn noch einen Kommentar darüber abgegeben hat, was du über sie geschrieben hast 🙂 wie schön, dass es grade Paul ist. Fiktion oder nicht, die Vorstellung gefällt mir!

    Gefällt 2 Personen

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