Weiß nicht was

Der Mann, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, kommt nicht vorbei. Er ist, er weiß nicht was. Das ist ungewöhnlich. Ich kenne ihn wütend – kurz und heftig wie ein Gewitter. Dauerhaft bewölkt kenne ich ihn nicht. Ich kenne ihn lachend und kenne ihn ruhig, weil er selten mehr als nötig sagt. Sich Worte verkneifend kenne ich ihn nicht. Ich kenne ihn eine Antwort rigoros verweigernd und schmunzelnd den Kopf schütteln. Linkisch mit den Schultern zuckend, kenne ich ihn nicht. Ich kenne ihn angefressen und weiß, dass er es heute nicht ist. Heute ist er, er weiß nicht was und das ist ungewöhnlich.

Er ist es wegen mir. Nur bei mir scheint er nicht zu wissen ob er sich ein Lächeln abringen soll, als ich – ungewöhnlich auch das – mit einer Flasche Wein vor seiner Tür stehe, oder ob er mich weiter, er weiß nicht wie ansehen soll. Unentschlossen kenne ich ihn nicht. Es fühlt sich, ich weiß nicht wie an. Trotz der Flasche Wein in meiner Hand bleibt er in der offenen Tür stehen. Den Arm auf meiner Augenhöhe an den Türrahmen gelehnt. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise hebt sich der Arm und ich schlüpfe unter ihm durch in die Wohnung. Passt grad nicht, sagt der Mund, der zu dem Arm gehört und ich nicke. Auch ungewöhnlich, aber mehr noch unschön, unheimlich und ungut. Sein Mund kann noch lächeln, nur lächelt er nicht mich an, sondern unverbindlich eine, die im Treppenhaus an uns vorbei geht. Heute passt es nicht, wiederholt er und schließt die Tür, während ich noch davor stehe. Das tut weh. Ich sage der Tür, dass es mir leid tut. Auch das ist neu, weil ich es sonst ihm sage, wenn ich es empfinde und es gestern nicht konnte. Es wäre wichtig gewesen. Ich weiß, sage ich dem Wein und lasse ihn neben der Tür stehen.

Ich kenne mich wütend, wie einen Gewittersturm, grundlos lachend und mit dem Kopf in den Wolken. Im Nebel stehend kenne ich mich nicht. Ich kenne mich zu viel und zu schnell redend und kenne mich plappernd. Nach Worten suchend kenne ich mich nicht. Ich kenne mich über das Ziel hinausschießend und bereuend. Mich nicht entschuldigen könnend, kenne ich mich nicht. Drei Tage kenne ich weder mich noch ihn.

Er steht vor meiner Tür und seine Hände sind leer. Statt des Weines hat er ein paar Sätze dabei. Der erste, dass doch bitte der, der den Karren in den Dreck gefahren hat, ihn wieder herausziehen möge. Kindergartenscheiße auf die er keine Lust hat. Zu alt, zu vernünftig und zu leck mich doch, warum würde er jetzt wieder hier stehen. Wenn man kommt um sich zu entschuldigen, dann hat man es zu machen und wenn es einem vor der Tür zu unbequem ist, dann könne man vielleicht darüber nachdenken, warum sich eine Tür nicht öffnet und hätte ein „passt gerade nicht“ zu akzeptieren. Dumm, kindisch und idiotisch sei es, dann nicht mehr an sein Handy zu gehen und wenn ich glaubte, dass er  nun hier stünde, dann hätte ich mich getäuscht. Es ist still. Bis er sich korrigiert. Und jetzt stünde er wieder hier. Und das kotzt ihn an. Er steht nur hier, weil ich von Deeskalation anscheinend noch nicht gehört habe. Sagt es und bleibt vor der Türe stehen. Und während er, er weiß nicht was ist, bin ich vieles. Stur, eigensinnig und unangenehm verschlossen, sagt er. Er kennt es nicht, er mag es nicht.

Als er Luft holt, atme ich aus. Er sei er weiß nicht was? Ich kann ihm helfen. Unangenehm verschlossen auch er. Sturer, eigensinniger und arroganter als ich. Türen schließend, Lächeln verweigernd und überhaupt. Während draußen die Sonne scheint, donnert es bei uns. Zur Freude der Nachbarn bleiben wir vor der Wohnungstür stehen und schleudern Wortblitze und Hagelwörter. Nicht zu wissen was er und ich und wir sind, ist anstrengend. Streiten leichter. Viel leichter. Ignorant mein letztes Wort. Ernsthaft, ignorant? Er stockt im Satz zu dem er eben ansetzte. Ich auch. Nein, ignorant eigentlich nicht. Mir fiel nur nichts mehr ein. Ihm auch nicht.

Draußen klatscht ein Nachbar. Ein Streit reinigt die Luft, ruft er. Seine Frau tritt zu ihm und widerspricht. Er wüsste doch gar nicht mehr was ein Streit ist und er, der Klatschende, würde seinen Mund doch nie aufbekommen. Unter ihnen streiten auch zwei. Über die Handyrechnung. Sie tun es jeden Monat. Wir sind fertig. Nicht miteinander, sondern mit unserem Streit.

Alles gut, frage ich und er nickt. Heute kein Wein. Wir müssen uns noch etwas besser kennen lernen. Heute und in den nächsten 45 Jahren. Es hört ja nie auf.

25 Gedanken zu “Weiß nicht was

  1. Meine Güte, was für ein Konflikt! Es ist aber schon ein starkes Stück, eine Besucherin wie dich, nicht in die Wohnung zu lassen, eigentlich nur zu erklären, wenn er bereits Besuch hatte. Aber das kann man erklären, finde ich. Hoffe für euch, dass sich alles wieder einrenkt, liebe Mitzi.

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    1. Danke für die guten Wünsche, lieber Jules. Alles in bester Ordnung.
      Bei diesem Text war es kein realer Streit. Die Sätze sind das Ergebnis von vielen großen und kleinen Streiten, die man als Erwachsener schon hat und wohl noch haben wird. Ich denke, man kann mich auch mal vor der Tür stehen lassen. Vielleicht ist das manchmal sogar besser, als sich in Moment zu großer Emotionalität noch tiefer in Rage zu reden.
      Ein schönes Wochenende für dich.

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  2. „Im Nebel stehend kenne ich mich nicht.“

    Diese freie Assoziation dazu aus Umberto Eco, Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana, Hanser, München 2004:

    „War ich jemals in der toten Stadt Brügge gewesen? Wo der Nebel zwischen den Türmen wabert wie der träumende Weihrauch? Eine graue Stadt, traurig wie ein chrysanthemenbekränztes Grab, wo der Nebel zerschlissen wie ein alter Wandteppich an den Fassaden hängt … (Seite 7)

    Der Nebel kam wieder, die Stimmen im Nebel, die Stimmen, die über den Nebel redeten. Seltsam, im Nebel zu wandern! Mir schien, ich schwamm in einem Meer, ich war nahe am Strand, aber ich konnte ihn nicht erreichen. Niemand sah mich, und die Flut trug mich wieder hinaus. … (Seite 8)

    Möge sich der Nebel wieder auflösen.
    Herzlich, Bernd

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      1. Wie gut, wenn sich der Nebel aufklärt. Deine Resonanz zu Umberto Eco lässt mich nochmal nachblättern. Auch im Baudolino gab es diese Nebelszene im 1. Kapitel, Ausgabe Hanser, München 2001, Seite 12.

        Bereits vorher schrieb er über den Nebel in Alessandria: „Den Nebel verstehen“:

        „… Der Nebel ist gut und belohnt diejenigen, die ihn kennen und lieben. Im Nebel zu gehen ist schöner, als durch den Schnee zu stapfen und ihn mit den Schuhen niederzutreten, denn der Nebel bestärkt dich nicht nur von unten, sondern auch von oben, du besudelst ihn nicht, du zerstörst ihn nicht, er umstreicht dich liebevoll und fügt sich wieder zusammen, wenn du weitergegangen bist, er füllt die die Lungen wie guter Tabak, er hat einen starken und gesunden Geruch, er streicht dir über die Wangen und schiebt sich zwischen Kragen und Kinn, um dich am Hals zu kratzen, er läßt dich von weitem Gespenster sehen, die sich auflösen, wenn du näher kommst, oder er konfrontiert dich plötzlich mit vielleicht realen Gestalten, die dir jedoch ausweichen und im Nichts verschwinden. Leider müßte immerzu Krieg und Verdunkelung sein, denn nur in jenen Zeiten gab der Nebel sein Bestes, aber man kann nicht immer alles haben. Im Nebel bist du in Sicherheit vor der äußeren Welt, auf du und du mit deinem Innenleben. Nebulat, ergo cogito. …“

        Statt eines Nachwortes: Das Wunder von San Baudolino, in: Umberto Eco, Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge. Aus dem Italienischen von Günter Memmert und Burkart Kroeber, Hanser, München 1993, S. 185.

        Nach all dem fehlt mir noch Ecos letzter Roman „Nullnummer“.

        Herzlichst, Bernd

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  3. Ganz nah dran und sehr intensiv – großartig beschrieben. Aber sowas möchte man eigentlich nicht erleben. Männer und Frauen – oh je. Sturheit ist kein guter Berater. Immerhin, wenn man sich berappeln kann, hat man was dazugelernt für die Zukunft – hoffentlich.

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    1. Danke, dir.
      Der Text basiert nicht auf einem einzelnen Streit sondern eher der Erinnerung an viele mit ganz unterschiedlichen Protagonisten. An die Vorlage kann ich mich aber noch gut erinnern und ja…wir haben jedes mal dazu gelernt.
      Ein schönes Wochenende.

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  4. Liebe Mitzi,
    ich kann zu diesem Text nichts sagen. Ich denke, ich habe nie gelernt, mich „richtig“ zu streiten.
    Mit „richtig“ meine ich angemessen, sachlich und mit Emotionen, die zu dem aktuellen Streitthema gehören und nicht zu ollen Kamellen. Meine penetrante Absicht, Streit um jeden Preis zu vermeiden, treibt Menschen in meiner Nähe oft zur Verzweiflung. Ich betrachte das nicht als gute Eigenschaft von mir, und bin kein guter Streitratgeber! 😉
    Gruß Heinrich

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    1. Ich habe es eben bei Paleica schon geschrieben. Auch ich kann nur sehr schwer streiten und mag es überhaupt nicht. Liebe ziehe ich den Kopf ein (auch nicht immer gut) oder gebe nach oder sage gar nichts (das nervt den anderen).
      Manchmal aber tue ich es mittlerweile. Vorsichtig und sehr darauf nicht zu verletzen. Oder ich sage etwas und erschrecke selbst über mich. Ich glaube mit 80 habe ich gelernt zu streiten. Oder auch nicht.
      Ach, wissen Sie was, Heinrich? Ich kanns ja auch nicht ;). Ich tue es und hoffe, dass danach alles gut und im besten Fall auch besser ist. Aber einmal pro Dekade würde mir auch völlig reichen.

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  5. ich war nie gut darin, stur und eigensinnig zu sein, was manchmal ganz und gar nicht gut ist. es ist eine angst, die ganz hinten in meinem kopf sitzt, irgendwo da, wo es eine verbindung zum magen zu geben scheint, wo diese angst sehr schnell hinrutschten kann, dass dann etwas kaputt geht, beim anderen, das sich nicht mehr richten lässt. da nehme ich manchmal dann in kauf, dass bei mir etwas kaputt geht. das ist nicht gut. es ist besser, stur zu sein, wenn man es muss.

    und egal wie gut man jemanden kennt, manchmal kennt man ihn ganz und gar nicht. und das ist auch gar nicht schlimm. manchmal kennt man sich ja auch selbst nicht. man muss sich dann halt irgendwie doch wieder kennenlernen.

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    1. Mhm…ich weiß was du meinst. Ich kann nur mit sehr wenigen Menschen streiten und auch da habe ich genau die gleichen Ängste und Sorgen. Gelernt habe ich das Stursein bei Dingen, die man nicht durch Kompromisse lösen kann und die einen irgendwann einholen. Bei sehr vielen anderen möchte ich noch immer kein Risiko eingehen und bei Kleinigkeiten finde ich manchmal sogar besser nachzugeben, weil es schlicht keinen Streit wert ist und mir die Harmonie viel wichtiger ist.
      Dem letzten Absatz habe ich nickend gelesen. 🙂

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