Achtung, heulende Frau

Es ist ganz still um mich herum. An die Alltagsgeräusche, die aus den anderen Wohnungen und von der Straße bis zu mir klingen, habe ich mich längst so gewöhnt, dass ich sie kaum noch als Geräusche wahrnehme. Es still, aber viel zu laut. Noch in Mantel und Stiefel laufe ich ins Wohnzimmer, knipse im vorbei gehen das Licht an und lasse mich mit Schal und Mütze auf das Sofa fallen. Meine Finger sind noch viel zu kalt um den Stift anständig zu führen und doch schreibe ich sofort los. Es ist still hier auf meinem Sofa und um mich herum. In meinem Kopf ist es nicht still. Er explodiert und etwas brüllt mich an. Etwas, dass ich eben aus dem Lift mit hier rein geschleppt habe und das nicht hier sein sollte.

Morgens vor dem Kalender stehend, erlaube ich mir die bereits vergangenen Tage zu zählen, weil ich begriffen habe, dass ich die Zahl eh nicht vergessen kann. Auch Abends wenn ich im Bett liege, habe ich mich daran gewöhnt, dass du für ein paar Minuten auftauchst. Es ist ja schön, dich noch bei mir zu haben. Aber nicht unvorbereitet. Du kannst nicht plötzlich im Lift neben mir stehen und mich von hinten umarmen. Man hält mich für völlig bekloppt, wenn ich zwischen Erdgeschoss und erstem Stock Vordergebäude in Tränen ausbreche, nur weil es plötzlich nach dir riecht. Runter mit Schal und Mütze. Es geht schon wieder. Ich wusste nur nicht mehr, wie du riechst. Jetzt weiß ich es wieder und der Typ von ganz oben glaubt, dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe. Er war es nicht. Ein anderer vor ihm muss dein After Shave benutzt haben. Niemand sollte  nach dir riechen. Nicht seit mein Bad morgens nur noch nach mir riecht. Zu warm im Mantel und die nassen Schuhe hinterlassen Flecken auf dem Teppich. Nun also auch noch im Lift. Ein fairer Tausch. Besser als im Büro der Kollegen. Seit einiger Zeit lasse ich die Finger von ihrem Kalender.

Ich bin gerade in den Keller gefahren. Dann nach ganz oben und wieder runter zu mir. Dein Geruch in meinem Lift. Schön und abscheulich zugleich. Auf den Treppenhausstufen schreibt es sich schlecht. Ein bisschen kalt und das Licht geht immer aus. Die Nachbarn denken sich ihren Teil. Es soll mir egal sein. Ich kann diesen Geruch nicht noch einmal mit rein nehmen, das wäre dumm. Stell dir nur vor, er hängt sich fest. 7 von 86.400 Sekunden gehören dir. Mehr nicht. Eigentlich. Heute ein paar mehr. Ich fahre noch einmal in den Keller um die Flaschen ins Altglas zu werfen. Und um zu schnuppern und dich zu riechen.

Liebe ist nichts für Anfänger. Sie haut dich auch dann noch um, wenn sie längst nicht mehr da ist. Im Treppenhaus hängt ein Zettel: „DHL-Päckchen vermisst….“ Ich habe „Herzensmensch – auch vermisst“ darunter geschrieben. Und eine Warnung in den Lift geklebt.  Herr Meier hat mich beobachtet.

26 Gedanken zu “Achtung, heulende Frau

  1. In einer ähnlichen Situation habe ich das geschrieben:

    Da bist du ja schon wieder, Schmerz!

    Na, dann setz dich wenigstens auf die Ofenbank und
    renn mir nicht vor den Füßen rum, ich habe zu tun.

    (… und wenn ich Glück habe, wird ihm auf der Ofenbank schön warm, und der Schmerz pennt ein. Was will man machen, man kann einen alten Bettelmann doch nicht einfach vor die Tür setzen …)

    Fühl dich digital gedrückt, liebe Mitzi.

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      1. Du hast das Beste aus der Situation gemacht. Wir sehen dich die Zeile „Achtung, heulende Frau “ schreiben, sie ausschneiden und an die Schalttafel des Aufzugs kleben, ein Foto machen, es hochladen und den Text schreiben. So wird aus Schmerz Literatur. Manche sagen, dass überhaupt nur echte Kunst bzw. Literatur entstehen kann, wenn stark erlebte Gefühle den Antrieb geben. Darin unterscheidet sich der passiv erlebende und der produktiv schöpferische Mensch. Beim ersteren steht Schmerz vulgo Liebeskummer im Weg rum, die schöpferische Mitzi wandelt ihn um in einen Text, der viele berührt.
        Danke auch dem Verursacher.

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      2. Ich teile deine Meinung. Kreative Prozesse werden oft durch Emotionen ausgelöst. Schöne wie schlechte oder traurige. Und mit etwas Glück helfen diese Prozesse beim „aus dem Weg räumen“ oder im positiven Fall, das schöne und das Glück ein bisschen zu konservieren.
        Ich selbst muss Abstand zum erlebten haben, bevor ich es aufleben lassen kann. Einen akuten Wutanfall oder auch einen kurzen, heftigen Heulkrampf kann ich hier reinklatschen und teilen. Dinge, die in Luft hängen, gehören mir. Die könnte oder wollte ich nicht teilen. Dafür gibt es dann Tagebücher und im Notfall gewählte Telefonnummern. Dir einen schönen Abend, lieber Jules.

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  2. Das gute an der Traurigkeit ist, wenn man sie zulässt dann geht sie leise wieder. Nur wenn meine Tochter weint weil der Papa nächstes Wochenende endgültig auszieht dann ist das schlimmer als die eigene Traurigkeit. Aber auch die lassen wir zu um danach wieder zu lachen und fröhlich zu sein .. und das werden wir immer öfter! 😀

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  3. Sehnsuchtsstark!!
    Der Text zeigt schön, wie sehr auch Gerüche unsere Empfindungen, die wir fein im Keller unseres Unbewussten ablegten, aufspüren und wieder hervorholen, damit wir sie erneut empfinden als wären sie gar nicht weggelegt worden.

    Lieben Gruß,
    Silbia

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