Ich bin ich! Bin ich Ich? Was weiß denn ich!

Mira Lobe schrieb 1972 das Kinderbuch „Das kleine Ich bin ich“. Kennen Sie es? Nein? Das ist schade. Als ich klein war, wuchsen wir mit der Geschichte des kleinen bunten Tierchens auf. Es wollte in keine Gattung so recht passen und fragte sich traurig, wer oder was es denn eigentlich sei. Das Tierchen war glücklich, bis es eines Tages gefragt wurde, wer es denn sei. Es begann sich zu fragen:

„… ich bin, ich weiß nicht, wer,
dreh mich hin und dreh mich her,
dreh mich her und dreh mich hin,
möchte wissen, wer ich bin.“

Nach einer langen Reise auf der ihm alle sagten „es sei Keiner, nur ein kleiner Irgendwer….“ fragte es sich „Ob´s mich etwa gar nicht gibt?“ Es geht gut aus, mit dem kleinen Tierchen. Eines Tages bleibt es plötzlich stehen und sagt ganz laut zu sich: „Sicherlich gibt es mich: Ich bin ich!“

Als ich vier Jahre alt war, haben wir das Ich bin ich im Kindergarten nach der im Buch abgedruckten Anleitung gebastelt. Ein jeder das seine. Noch heute sitzt es in meinem Bücherregal. Neben Platon, Sartre und Senaca. Es passt gut zu diesen Denkern, die sich lange vor ihm die gleiche Frage gestellt haben. Fällt mein Blick beim Abstauben der Bücher auf das kleine Ich bin ich, summe ich ganz automatisch „…dreh mich her und dreh mich hin, möchte wissen, wer ich bin.“ Eine wirkliche Antwort habe ich nicht.

Ich bin Helene. Manchmal. Bei einem meiner Freunde bin ich Helene. Natürlich kennt er meinen Namen. Dennoch nennt er mich nur selten so. Ich bin gerne Helene. Helene lacht gerne und viel. Ist albern, verzettelt sich beim sprechen und sprudelt über. Helene steht für Freundschaft.  Auf der schönsten aller Hochzeiten auf der ich war, stand auf meiner Platzkarte Helene. Seit dem  steht der Name auch für Liebe. Die, die ich noch suche und die, die ich bei einigen wenigen beobachten kann. Zu wissen, dass es sie gibt macht nicht eifersüchtig, sondern glücklich.

Ich bin Schlabilu. Nur meine Vater nennt mich so. Früher häufig, heute nur noch ganz selten. Er behauptet, dass es mein erstes Wort war. Meine Mutter ist da anderer Meinung, aber ich glaube ihm. Wahrscheinlich habe ich es damals ganz leise und nur zu ihm gesagt. Das bin ich besonders gerne. Schlabilu und Papas Tochter. Ob ich so wirklich bin? Natürlich nicht. Er soll sich doch keine Sorgen machen. Er erlebt mich glücklich, wütend und auch Liebeskummer-traurig. Aber nie verzweifelt. Das kann ich ihm nicht zumuten. Gegen Verzweiflung wäre er machtlos. Er braucht das Gefühl etwas tun zu können. Und er macht es gut. Wenn Schlabilu verstummt, fängt er an zu reden. Das tut er so lange, bis seine Witze albern werden und ich ihm lächelnd sage, dass es wieder gut ist. Schlabilu steht für die Geborgenheit bei meinem Lieblingsmenschen.

Für einen bin ich Herzi. Er blieb dabei auch als unsere Herzen aus dem Takt gekommen waren. Nur unter vier Augen nennt er mich so. Betrunken rutschte es ihm einmal heraus und ich bat ihm dabei zu bleiben. Es brauchte  viel Überzeugungsarbeit. Kosenamen zu vergeben, passt nicht zu ihm. Deshalb mag ich es besonders. Auch das er es mit einem herrlich sarkastischen Unterton sagt, wenn ich zum Beispiel eine Delle in sein Auto gefahren habe.  Es klingt dann so: „Was soll ich sagen….Herzi….das war eine verdammt große Parklücke. Hast du versucht mit geschlossenen Augen reinzukommen? Das ist schon fast wieder großartig.“ Sein Kosename steht für die Sonne und Wärme Italiens. Für das wunderbare Gefühl aufzubrechen, wegzugehen und alles hinter sich zu lassen. Und für das Gefühl wieder nach Hause zu kommen.

Ich bin auch Thai. Mein erster Neffe nannte mich so, als er sprechen lernte. Er blieb dabei und stellte mich so seinen kleinen Geschwistern, die nach und nach kamen vor. Auch meine Schwestern und die anderen Kinder in der Familie nennen mich seit langem so. „Mei Thai“ ein bayerisches „Meine Thai“ und zugleich ein alkoholisches Getränk. Ich mag es sehr. Es klingt warm und wenn ich es höre wird mir warm. Es steht für die Umarmungen der Kinder, die Katze auf dem Schoß, den warmen Atem des Hundes im Nacken, dem Geruch nach Stall und Heimat.

In Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ sagt Inès: „Du kannst alles sein was du willst: Quellwasser, Dreckwasser, du wirst dich am Grund meiner Augen so wiederfinden, wie du sein willst.“ Alle meine Namen gaben mir Menschen, die nur einen Teil von mir sehen. Nur einen Teil sehen dürfen. Ich entscheide was und wie viel sie sehen dürfen. Es ist unzumutbar, einem Menschen alles von sich zu zeigen. Kaum einer erträgt es. Nicht unbedingt weil es eine schwere Last ist. Ich vermute eher, dass man seine Mitmenschen zu Tode langweilen würde.

Wenn es eine Antwort gibt, dann die: Ich bin Mitzi Irsaj. Die Frage wer oder was genau das ist, stelle ich mir nicht mehr. Sie langweilt mich und für Langeweile habe ich keine Zeit und Muse. Ich bin ich. Anders als mit vier oder mit vierundzwanzig Jahren und hoffentlich wieder anders mit vierundvierzig Jahren. Mit etwas Glück  aber noch immer Thai, Helene, Herzi und vor allem Schlabilu.

Wer auch immer Sie sind, ich wünsche Ihnen von Herzen einen schönen zweiten Advent.

 

 

 

 

 

 

26 Gedanken zu “Ich bin ich! Bin ich Ich? Was weiß denn ich!

  1. So jetzt hast du es endlich geschafft, obwohl ich eigentlich schon ganz wo anders sein sollte schreibe ich den ersten Kommentar.
    Mit Tränen in den Augen und der Gewissheit das du „mei Thai“ niemals los wirst. Ätsch!

    Gefällt 5 Personen

    1. Ha! Da bist du ja endlich 😉
      Wisch dir die Tränen ab – mich wirst du doch nicht mehr los. Blut und Wasser und so….du weißt schon. Fühl dich umarmt, meine Große. Hab dich lieb und spätestens am 25 sehen wir uns im familiären, innig geliebten Wahnsinn.

      Gefällt 2 Personen

  2. Sage mir deinen Namen und ich sage dir wie du heißt 😉 . Dass unsere Mitmenschen je nach sozialem Kontext immer nur einen Teilaspekt unserer Persönlichkeit wahrnehmen und entsprechend bezeichnen, hast du hier wunderschön an Beispielen gezeigt. Mir gefällt natürlich Mitzi am besten, weil mich diese ungwöhnliche Koseform auf deine Texte aufmerksam gemacht hat. Helene passt aber auch sehr gut, denn Helene bedeutet die Strahlende, die Schöne, die Sonnenhaft. Wenn auch der visuelle Aspekt hier im Blog durch dein Avatarbild nur angedeutet wird, verstehst du es
    durch deine Kommentare die Sonne aufgehen zu lassen, also durch innere Schönheit zu glänzen.
    Hab noch einen schönen Abend, liebe Thai, Mitzi, Helene,
    Jules

    Gefällt 5 Personen

  3. Ich dachte schon, kein Mensch kennt mehr das kleine Ichbinich. Viele Jahre ist es her (ich las es mit meiner Tochter) und ich muss immer wieder dran denken, wenn irgendwo gesagt wird: „Ich bin wie ich bin“ .. oder ähnlich. Wir sind die Summe aus mehreren „Rollen“, die wir spielen. Das kommt im Beitrag schön rüber.
    Habe ich gern gelesen und geschmunzelt! 😉

    Gruß,
    Silbia

    Gefällt 1 Person

  4. Ach, Mitzi. So schön geschrieben. Dein Text zeigt, dass Kosenamen tatsächlich zu unrecht ein schlechter Ruf anhaftet. Schatz und Hasi, das langweilt und sagt sich leicht dahin. Herzi und Schlabilu hingegen heben die Besonderheit unserer Person hervor und können die Verbindung zu jemandem unterstreichen. Dann knüpft sich ein besonderes Band…Herzi und Schlabilu bleiben für immer. Wirklich schön 🙂
    Mich langweilt die Frage nach dem ich „zwar“ nicht. Ich bin eher fasziniert davon aber ich verstehe, was du meinst. Ein exaktes „ich“, das gibt es nicht. Wir sind viele. 😉
    Fühl dich herzlich umarmt.
    Ich hoffe der Nikolaus hat dir einen schönen Tag bereitet.

    Gefällt 2 Personen

  5. Wieder toll geschrieben… Was ich faszinierend finde, ist, dass wir im Laufe der Zeit immer wieder ein anderer Mensch sind, oder eben zur gleichen Zeit verschiedene Menschen ein ganz unterschiedliches Bild von einem haben… Wünsche allen eine schöne Vorweihnachtszeit, Nessy von den happinessygirls.com

    Gefällt 1 Person

  6. So lange lese ich dich noch gar nicht aber ich glaube ich wurde an einen Text ohne Unterschrift schon erkennen können das es einen von Mitzi ist.

    *Sind wir nicht alle ein bisschen Multiple Persönlichkeiten* (Das war jetzt ein Witz)

    Gefällt 2 Personen

  7. Liebende Mitzi

    auf die Gefahr hin Dich zu langweilen
    Weil Du nicht mehr fragst wer Du bist
    Ist die ungelöste Frage nach der Identität des Menschen die Gegenwartskatastrophe der Welt
    Ein Ego ist die Überzeugung das die Angst mehr Macht hat als die Liebe Kraft
    Mein Ich ist die gelebte Gewissheit das Lieben mehr Kraft hat als die Angst Macht
    Das Ich ein Kosmisches Wesen bin beseelt und begeistert in dem gliehenen Körper der
    jüngeren Brüder der Tiere und das Göttliche und kein Alter Bartgott Mein Quell und Meer ist
    gefällt Mir sehr. Da bin Ich selbstbewusst und zugleich demütig und die Engel schauen lächelnd
    manchmal weinend zu

    danke
    Dir Joachim von Herzen

    Gefällt 1 Person

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