Walnüsse von Herrn Meier

Seit einiger Zeit liegen in meinem Briefkasten regelmäßig ein paar Walnüsse. Meistens sind es nur zwei oder drei Stück. An guten Tagen auch einmal fünf. Da mein Briefkasten nur noch selten handgeschrieben Briefe oder Postkarten für mich bereit hält, sind diese Nüsse ein großes Glück. Herr Meier steckt sie durch den schmalen Schlitz und lässt sie zu den Rechnungen und den Broschüren meiner Krankenkasse fallen. Rechnungen mag niemand. Broschüren über die Wechseljahre nur Frauen die über Nacht und ohne Vorwarnung in diesem Zustand gerutscht sind. Dann fragen sie sich, ähnlich wie bei der ersten Menstruation, was der Scheiß den nun wieder soll und sind froh um einen Ratgeber. Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich bin eine Frau, die Nachts noch keine Hitzewallungen hat und die sich nicht aufgrund des lauten Tickens ihrer inneren Uhr schlaflos im Bett wälzt. Wenn ich nicht vom penetranten Geschepper eines Windspiels um den Schlaf gebracht werde,  gehöre ich zu den Menschen, die tief und fest schlafen, noch bevor ihr Kopf einen Abdruck im Kissen hinterlassen kann.

Wenig hält mich wach. Auch das ist, wie die Nüsse von Herrn Meier, ein großes Glück. Bevor ich die Nüsse bekam, hielt mich ab und zu mein damaliger Freund wach. Dann konnte es zu Hitzewallungen und wälzen ohne Schlaf kommen. Nach Rücksprache mit meiner Krankenkasse, war das aber völlig normal. Alles andere als normal war das Windspiel meines Nachbarn. Herr Meier  wartete mit der Befestigung des blechernen Dings bis der Wetterbericht die ersten heftigen Herbststürme ankündigte. Es sollte sich wohl die ganze Nachbarschaft am sanften Klang erfreuen. Ich weiß nicht wie es die anderen Hausbewohner sahen, aber mich erfreute Herr Meier  damit nicht. Im Gegenteil. Schon in der dritten Nacht überlegte ich, ob ich mich mit dem Besen in der Hand weit genug über den Balkon lehnen könnte, um das Ding wie einen Eiszapfen einfach abzuschlagen. Falls man sich fragt, warum ich nicht einfach bei Herrn Meier geläutet habe – es war nach Mitternacht und um diese Uhrzeit läute ich nur ungern bei meinen Nachbarn. Es könnte ja sein, dass sie bereits schlafen und ich lege Wert auf einen rücksichtsvollen Umgang.

Mein Freund nahm mir den Besen aus der Hand und meinte das sei wohl ein wenig überzogen. Weil er Recht hatte, aber nicht Recht haben durfte, stellte ich den Besen wieder in den Schrank und hielt statt dessen auch ihn vom Schlafen ab. Schlief er ein, weckte ich ihn um ihm mitzuteilen, dass ich bei dem Krach nicht schlafen könne. Mein Freund ist ein geduldiger Mann. So geduldig ein Mann eben ist, wenn er im Abstand von 30 Minuten aus dem Schlaf gerissen wird. Er war also nicht geduldig sondern von mir, dem Windspiel und Herrn Meier hochgradig genervt. Eigentlich war er nur von mir genervt. Weil ich ihn nach unten zu Herrn Meier schickte. Er ging. Im Pyjama. Der Pyjama meines Freundes bestand in der Regel aus einer Boxershorts mit fragwürdiger Farbgebung und schwarzen Socken. So stand er kurz vor Mitternacht vor Herrn Meiers Tür. Das folgende Gespräch konnte ich durch das hellhörige Treppenhaus und dem hübschen Hall, der jedes Geräusch verstärkt, deutlich mit verfolgen. Die restlichen 20 Parteien vermutlich auch.

„Guten Abend. Ich bin Benjamin. Meine Freundin wohnt schräg über ihnen und ich möchte mit ihr schlafen.“ An dieser Aussage war nichts falsch. Ich fragte mich allerdings, warum er das Herrn Meier und nicht mir sagte. Herr Meier wunderte sich auch. Das weitere Gespräch verlief wie folgt:

„Nein, sie verstehen nicht. Ich möchte, dass meine Freundin schläft. Dann kann ich auch schlafen.“
„Sie möchten nicht mir ihrer Freundin schlafen?“
„Nein. Doch. Aber nicht jetzt. Jetzt, möchte ich einfach nur neben ihr schlafen.“
„Sagen sie ihr, dass sie Kopfschmerzen haben.“
„Warum?“
„Dann lässt sie sie in Ruhe. Wenn sie Glück haben.“
„Mir wäre es recht, wenn sie einfach schlafen würde.“
„Hat ihre Freundin Probleme mit dem Einschlafen?“
„Ja! Warum steh ich den sonst hier?“

Das fragte sich Herr Meier wohl auch. Vom lärmenden Windspiel hatte mein übermüdeter Freund bisher nämlich noch kein Wort gesagt. Im Halbschlaf hatte er vergessen es zu erwähnen.

Einige Zeit später kam mein Freund zurück. Etwas verstört und mit einer Handvoll Walnüsse. Herr Meier hatte sie ihm für mich mit gegeben. Drei Stück vor dem zu Bett gehen gegessen, würden beim Einschlafen helfen.

Benjamin schläft mittlerweile nicht mehr bei mir. Herr Meier aber, wirft mir immer noch regelmäßig die Walnüsse aus dem Garten seiner Tochter in den Briefkasten. Wir reden nicht viel miteinander, grüßen uns aber herzlich. Mir ist es etwas peinlich, dass Herr Meier noch immer denkt, dass mein Freund nachts, vor meinen Avancen flüchtend, durch das Treppenhaus irrte. Dass ich den Zeitpunkt den Irrtum aufzuklären verpasst habe, wurde mir klar, als er mir im Aufzug einmal vertraulich zuzwinkerte und murmelte: „Sein sie froh, dass sie ihn los sind. Ein junger Mann der nicht….hm, sie wissen schon….Seltsamer Kerl.“

Walnüsse sind übrigens tatsächlich eine gute Quelle für Melatonin.  Wenn Walnüsse konsumiert werden, steigt der Melatonin-Blutspiegel um das Dreifache an. Gute Nacht!

Ach ja, das Eichhörnchen…fragen Sie doch Herrn Meier, warum die bei uns in der Straße so fett und schläfrig sind.

 

 

27 Gedanken zu “Walnüsse von Herrn Meier

  1. Ach welch eine feine erzählweise du doch hast. Eine herrlich verdrehte charmante und ebenso lesefreudige warm prosaische Story. Drei skurrile Geister/ Walnüsse und feines Schmunzeln. Lesevergnügen in einer leichten Form und dennoch mit Hinterhalt. Danke.

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  2. Jetzt musste ich ja auch den Beitrag * Lesen sie das nicht!!!!* doch lesen damit ich deinen Eintrag hier verstehe.(War aber keine große Qual)..

    Kannst du das Dingen nicht mit eine Steinschleuder zum schweigen bringen?
    Vielleicht mit eine Wallnuss?

    War wieder schön zu lesen.

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    1. So viele „!“ waren da gar nicht!!!!
      Mit ner Walnuss… das könnte gehen. Aber seit er mir Nüsse schenkt mag ich Herrn Meier und hab mich an das Scheppern gewöhnt. Nuss gegen Scheppern, der Deal ist ok, oder?

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