Lesen Sie das nicht!

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Windspiele an Balkonen in der Stadt aufgehängt werden? Möchte sich der Besitzer am zarten Klang erfreuen oder hat er eine diebische Freude daran, seine Nachbarn mit dem penetranten Geschepper in den Wahnsinn zu treiben? Ich habe mich das gestern Abend gefragt. Da schrieb ich auf der Heimfahrt in der Bahn „das dumme Windspiel, die ungeöffnete Flasche Wein, das bekloppte Eichhörnchen und Herr Meier  von nebenan“ in mein Notizbuch. Es ist das achte in der Reihe meiner kleinen schwarzen Moleskine Notizbücher. Sieben vollgeschriebene liegen in der untersten Schublade meines Schreibtisches. Um ehrlich zu bleiben, sie liegen in einem Karton der ganz unten in einem meiner Bücherregale steht. Ich besitze nämlich leider keinen Schreibtisch mehr. Ich schreibe an einem großen, massiven Holztisch und sitze dabei mit untergeschlagenen Beinen auf einer ebenso massiven Bank. Der Tisch ist schön. Die Bank ist es auch. Aber er lenkt mich ab – der Tisch. Er steht mitten im Raum. Und weil er so groß ist, ist er die Heimat von vielem. Fünf bis fünfzehn Bücher. Ich kann Bücher, selbst geschlossen, nicht ansehen ohne abzuschweifen. Gefährlich nahe an den Büchern steht eine brennende Kerze. Minutenlang kann ich in die Flamme blicken und mich an ihrem wilden Tanz (es zieht, weil ich in der Küche gerade lüfte) erfreuen. Auch ein Apfel ist in Sichtweite – er muss da liegen, Jules hat ihn mir geschenkt. Ein Schälchen mit Nüssen, die mir Nachbar Meier in den Briefkasten geworfen hat steht neben dem Rechner und unter meiner Handtasche begraben liegt mein Notizbuch.

Sie merken es, ja? Ich hab Sie gewarnt. Sie hätten sich besser gar nicht bis hier her gequält Es wird auch heute nichts mit der hübschen Geschichte über das Windspiel und der ungeöffneten Flasche Wein, von der ich Ihnen schon gestern erzählen wollte.  Gestern war mein Kopf in den Wolken und in meinem Wasserglas tobte ein Sturm. Heute ist es ruhiger. Das passt mir auch nicht. Jetzt ist es zu ruhig, denn ich höre das penetrante Scheppern des Windspiels von Herrn Meier nicht mehr. Bevor ich mich dazu hinreißen lasse Ihnen von einem bekloppten Eichhörnchen zu erzählen, öffne ich lieber die Weinflasche und esse Nachbars Nüsse.

Nüsse naschend streiche ich „ungeöffnet“ und „das bekloppte Eichhörnchen und Herr Meier  von nebenan“ in meinem Notizbuch durch. Plappernd, als würden Sie neben mir sitzen, habe ich die Dinge in einem Beitrag verramscht, den Sie nun wirklich nicht lesen müssen. Wenn Sie jetzt noch bei mir sind, dann will ich Ihnen wenigstens versprechen, dass ich die Geschichte vom Windspiel noch erzählen werde. Das schulde ich Herrn Meier. Das und fünf Euro für die Nüsse.

 

24 Gedanken zu “Lesen Sie das nicht!

  1. Hallo Mitzi,
    der Text ist genauso quirlig wie die Tags, die ja in einer ganz anderen Reihenfolge erscheinen, guck mal selbst *grins* …sehr geil. Und das Windspiel? …letzterer Grund, ganz eindeutig !

    Schöne Abendgrüße

    Achso…ich hab meinen Tisch heute früh aufgeräumt…ist schon wieder halbvoll ..pffff.

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  2. Schon seltsam, wie ich in Zeiten (am Abend, müde) in denen ich eigentlich nichts mehr lesen will nur ob der Überschrift trotzdem zu lesen anfange. Wenn du mich damit fangen wolltest (wolltest du?) hast du es geschafft. Und Erwartungen an dieses dumme Windspiel geweckt. Hm.
    🙂

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  3. Es gibt Texte, die liest und liebt man, weil sie genau das nicht enthalten, was drüber steht. Dieser dein Text der freien Assoziationen ist so einer, liebe Mitzi. Ich habe mich darin verloren und bald vergessen, was versprochen war. Und dann liegt da noch ein imaginärer Apfel, den ich nun wirklich nicht erwartet habe. Dass ein Moleskinebüchlein sozusagen der Quellgrund deiner Texte ist, gefällt mir gut. Wenn auch vieles den Weg aus der Handschrift nicht in deine Blog-Texte findet, merkt man, dass mehr da ist als da steht. Das macht den Reiz guten Schreibens aus. Immer etwas mehr zu haben als man gibt. Ich höre jetzt auf, dich zu loben, obwohl noch manches zu sagen wäre.

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  4. Och – mach Dir keine Sorgen, irgenwann wirst Du schon Lust haben, von “das dumme Windspiel, die ungeöffnete Flasche Wein, das bekloppte Eichhörnchen und Herr Meier von nebenan” zu erzählen.

    (das ist jetzt etwas hinterhältig von mir, denn ich will nun unbedingt wissen, was es damit auf sich hat, aber natürlich darf ich Dich auch keinen Fall drängen, Erwartung erzeugt Druck und hat oft genug die gegenteilige Wirkung … ach was, interessiert mich überhaupt nicht, mach, was Du für richtig hältst *flöt*;-)

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  5. ich war gestern bei einer dieser alljährlichen Präventionsuntersuchungen, die ich so gar nicht mag. Die Ärztin sagte zu mir, ich solle entspannen. Doch mein Gehirn ordnete meinem Körper das Gegenteil an, da ist es völlig lernresistent. Deshalb fiel es heute auch auf Deinen Trick mit dem „nicht“ herein. Das tat aber gar nicht weh. Ganz im Gegenteil bereitete es mir ein köstliches Lesevergnügen.

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    1. Ach, herrje.
      Es gibt hier einen Spamordner für Kommentare. Gerade entdeckt – und dich und deine Kommentare darin. Wie konnte das passieren :(. Jetzt bist du daraus befreit und ich kann mich für deinen Kommentar bedanken. Danke! Auf Knopfdruck entspannen funktioniert bei mir leider auch nicht. So leicht lässt sich der Kopf nicht austricksen.

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  6. Ja, so ists mir auch schon gegangen… und dann sah ich nach einigen Stunden, ein paar netten Bildchen und 28 Revisionen, dass die bei mir dann zugegeben etwas verpeilte Geschichte ganz ok ist und ich eigentlich nur die Überschrift ein wenig abändern mußte… Aber Deine ist deshalb so genial, weil jetzt jeder wissen möchte, wie Deinen eigentliche Geschichte – die mit dem Eichhörnchen, dem Nachbarn, dem Windspiel und den Nüssen… ging! Wünsch´Dir eine ideenreiche Vorweihnachtszeit, Nessy von den happinessygirls

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