Stadt Atem

Den Herzschlag eines geliebten Menschen spürt man nicht, wenn man neben ihm sitzt. Man hört seinen Atem nicht, wenn man sich angeregt unterhält und nimmt den feinen, ganz eigenen Duft von Haut und Haaren nicht mehr wahr, wenn man ihn zu oft schon gerochen hat. Auch den Puls einer geliebten Stadt spürt man nicht immer. Man nimmt den Herzschlag als gegeben hin und ähnlich wie bei einem Menschen, muss man sich manchmal ein Stück entfernen und zurück kommen, um es wieder zu spüren. Den Atem, das Schlagen des Herzens und den ganz  besonderen Duft, der nach Heimat riecht. Weiterlesen →

Halloween? Doch nicht heute! 

Halloween kommt mir immer etwas ungelegen. Es liegt einfach blöd. Gerade heute, passt es mir gar nicht. Früher war das egal, da gab es Halloween bei uns noch gar nicht. Da ist am 31.10. eh nicht ausgegangen, weil der darauffolgende Feiertag ein „stiller Feiertag“ ist und man nun wirklich keine zehn Mark Eintritt bezahlt hat, nur damit man miterleben konnte, dass die Musik um Mitternacht abgestellt wurde. Es kam mir also schon immer gelegen, dass der 31.10. bei uns zum Geburtstag meines Vaters erklärt wurde. Meine Großmutter hat Weitsicht bewiesen und ihren Sohn so zur Welt gebracht, dass er ein Leben lang am Tag nach seinem Geburtstag nicht in die Schule und nicht zur Arbeit musste. Noch besser wäre Ende April gewesen, dann hätte man den darauffolgenden Tag ausschlafen können und hätte sich nicht an den Gräbern die Beine in den Bauch stehen müssen. Vermutlich haben ihr die wenigen Hafturlaube meines Großvaters einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mein Vater wurde Ende Oktober geboren und daran ändert auch Halloween nichts. Weiterlesen →

Googeln Sie mich besser nicht

Dass Google ein mieser Verräter ist, habe ich Ihnen mit meinem allerersten Text bereits verraten. Man muss vorsichtig sein, was die Mutter aller Suchmaschinen dem gemeinen Volk als Wahrheit präsentiert. Von Zeit zu Zeit überprüfe ich daher, was im Internet über mich geschrieben steht. Es könnte ja sein, dass ich eine Karriere mache, von der ich nichts weiß. Lange Zeit fand sich auf Platz eins der Suchergebnisse eine Anwesenheitsliste des Philosophie Wahlfaches der Hochschule München. Ich stand auf Platz eins. Mit den Fehltagen – aber immerhin. Wenn das über zehn Jahre lang der Top Treffer ist, dann darf man einen gewissen Stolz empfinden. Weiterlesen →

Nicht aussteigen 

Das leise streitende Paar in der Straßenbahn sollte noch nicht aussteigen. Nicht solange sie noch streiten und nicht solange nicht mindestens einer von ihnen wieder lächelt. Einer reicht, höre ich dich sagen und nicke. Natürlich reicht einer. Einem Lächelnden kann man schwerer böse sein und ein Lächeln lässt Streitmauern immer ein kleines Stück bröckeln. Es erinnert mich daran, dass ich dir böse bin. Du hast Geburtstag und ich mag dich heute nicht. Ich empfinde es als Zumutung an die Geburtstage von Menschen denken zu müssen, die nicht mehr hier sind, um ihn zu feiern. Wenn die Zahl der Geburtstage, die nicht mehr gemeinsam gefeiert werden können, die Zahl der Geburtstage, die man gemeinsam verbracht hat, übersteigen, dann wird das Datum scheußlich. Weiterlesen →

Lernen Sie zu erzählen, oder schweigen Sie! U-Bahn Gedanken

Jeden morgen steigt sie mit mir in den Bus. Die Frau, die gerne telefoniert, wenn andere zuhören. Die letzte Reihe ist ihre Bühne. Dort ist sie die Königin. Eine etwas zerrupfte Monarchin, die ihrem Volk gerne im vorbei gehen den Schal oder die langen Haare ins Gesicht schleudert. Sie schleudert gerne. Erst die Haare, dann die Worte. Letztere brüllt sie in ihr Telefon und verdammt das Volk ihr zuzuhören. Man kommt ihr nicht aus. Jeden morgen ist sie es, die den ganzen Bus unterhält und einem gesichtslosen Zuhörer von ihren Amouresken  berichtet. Leider gleichen ihre Erzählungen, ihrem Äußern. Eigentlich ganz hübsch, aber man darf nicht zu genau hinsehen oder -hören. Die dunkelbraunen Strähnen wirken unter dem Neonlicht des Busses etwas stumpf und ein paar Bürstenstriche mehr hätten ihnen gut getan. Auch ihr Schal, der einmal weich und flauschig war, sieht aus als würde er jeden Abend achtlos auf einem nicht ganz sauberen Boden landen. Ihre Geschichten wirken ganz ähnlich auf mich. Sie wären hübsch anzuhören, wenn sie nur ein wenig gepflegter erzählt werden würden. Vielleicht würde es schon reichen, wenn sie jemanden erzählt werden würden, der sie hören möchte. Weiterlesen →

Herr Mu sorgt vor, die Kollegin zerknüllt

Mit einem achtlosen Blick reißt meine Lieblingskollegin das gestrige Blatt von ihrem doofen Sprüchekalender und schimpft über den Schrott der da geschrieben steht. Oft schaue ich über ihre Schulter und empfinde die Sprüche auch als Zumutung. Möchtegern tiefgängiger Schrott. Weiß der Henker, warum sie das Ding trotzdem seit über zehn Monaten auf dem Schreibtisch stehen hat. Wahrscheinlich weil es uns amüsiert und wir beide wissen, dass die echten Weisheiten nicht im Kalender, sondern vor der Türe zu finden sind. „Und auf den Fluren laß die Winde los…“, zitiert sie und zerknüllt das Blatt. Sie hat Rilke zerknüllt. Die Wahnsinnige hat Rilke zerknüllt! Schande über sie! Fassungslos höre ich sie etwas über  Flatulenzen auf dem Büroflur murmeln und erwäge, sie mit dem Locher nieder zu schlagen. Rilkes Herbsttag ist es wert, dass man zu drastischen Mitteln greift. Weiterlesen →

Berni verteilt Herzen

Gehören Sie zu den Menschen, die bei der „Merci“ Werbung zum heulen anfangen? Müssen Sie nicht zugeben. Ich gehöre natürlich auch nicht zu jenen seltsamen Exemplaren. Aber an manchen Tagen (die Herren, sparen sich bitte unbedingt jegliche Witze) da bin ich nah am Wasser gebaut und denk mir, dass das eigentlich ziemlich schön ist. Einfach mal danke sagen. Die Packung Billig-Pralinen kann dabei allerdings gerne weggelassen werden.

Noch schöner ist es aber, etwas liebes zu sagen, wenn es gar keinen Grund gibt. Und die Königsdisziplin ist es etwas Schönes in einem ganz fremden Menschen zu sehen und ihm das dann auch zu sagen.

Wenn Sie gerade einen Moment Zeit haben, dann schauen Sie doch mal hier bei  Berni´s Rummel. Es gibt so viel dämliche Hashtags. Das ist ein schöner. Ein ganz besonders schöner und ich werde mir ein paar der Herzen, die unter #DuBistSchön ins Leben gerufen wurden  in die Tasche stecken. Drücken Sie mir die Daumen, dass der Hashtag bis dahin bekannt ist.