Der letzte Erste

Ich mag Dinge die zusammen gehören. Anfang und Ende zum Beispiel. Oder das Erste und das Letzte. Die erste und letzte Seite eines Buches oder die erste und letzte Praline aus einer Schachtel. Das was dazwischen liegt kann durchaus genussvolle Freude sein, aber nie Premiere oder Abschluss. Besonders gerne mag ich den ersten Christbaum des Jahres. Den ersten echten Baum. Nicht die Dekoration in den Schaufenstern. Der erste Baum steht plötzlich an einer Kreuzung, bei einem Nachbarn auf dem Balkon oder wie heute vor dem Eingang zu meiner Firma. Mit meiner Freude über diesen ersten Christbaum habe ich meine Kollegen heute in den Wahnsinn getrieben. Weiterlesen →

Eine Unverschämtheit

Wenn Frau Obst sich in den Waschkeller begibt, dann ist sie auf Krawall gebürstet. Eigentlich hätte sie hier unten nämlich nichts zu suchen. Sie besitzt sowohl eine Waschmaschine als auch Trockner in ihrer Wohnung. Das weiß ich, weil sie beides mit Vorliebe am frühen Samstagmorgen laufen lässt und mich gerne daran erinnert, dass nur faule Menschen am Samstag ausschlafen. Ausschlafen ist allenfalls am Sonntag erlaubt – sofern man den Kirchgang am Vorabend bereits hinter sich gebracht hat. Frau Obst ist in dieser Beziehung eine klasse Theoretikerin. Praktisch ist sie schon vor Jahren, nach einem Disput mit dem Chorleiter ihrer Gemeinde aus der katholischen Kirche ausgetreten. Der Herrgott würde es ihr nachsehen, erzählte sie. Er, mit dem sie recht eng verbunden ist, hätte zweifellos Verständnis dafür, dass sie unmöglich an einem Gottesdienst teilnehmen könne, der musikalisch von einem Kinderchor untermalt wird, der von einem geschiedenen Mann geleitet wird. Sodom und Gomorra. Der Besuch der anderen nur eine Trambahnstation entfernten Kirche ist selbstverständlich keine Alternative. Wenn Frau Obst also den Waschkeller aufsucht, dann nur weil sie schlechte Laune hat und ein Opfer sucht, an dem sie selbige auslassen kann. Weiterlesen →

Frisch gewaschene Träume

Paul, der wie Rhett Butler lächelt, wohnt im Hinterhaus. Will er in den Waschkeller, muss er erst ein halbes Stockwerk nach oben steigen, um ins Vorderhaus zu gelangen und von dort drei Stockwerke nach unten in den Keller laufen. Ob ihn das nicht wahnsinnig macht, frage ich ihn als wir uns vor den Waschmaschinen treffen. Paul hat schlechte Laune. Ich hätte sie auch, wenn ich wie er versuchen würde, altes eingetrocknetes Waschpulver mit einem Wattestäbchen aus dem Einfüll-Schub zu kratzen. Ja, es macht ihn wahnsinnig, sagt er und meint die Sauerei an der Maschine und nicht unser verschlungenes Treppenhaus. Anderen Menschen beim arbeiten zuzusehen und sie dabei zu unterhalten mache ich sehr gerne. Sehr schön ist es zum Beispiel, wenn im Sommer einer Holz hackt und ich dabei zusehen und vor mich hin plappern kann. Einer der sich endlich erbarmt die Waschmaschinen zu putzen ist aber auch schön. Fast wäre mir an diesem Sonntag langweilig geworden, jetzt kann ich Paul zusehen und habe später eine saubere Maschine. Weiterlesen →

Wer ich bin? Suchen Sie sich etwas aus.

Wer bist du? Soweit ich mich erinnern kann, hat mir diese Frage bisher außer dir noch niemand gestellt. Niemand, der damit mehr meinte, als die Angabe des Namens, des Alters und irgendeiner, unwichtigen Zugehörigkeit. Es ist fast immer eine harmlose Frage, die man ohne nachzudenken schnell beantworten kann. Mitzi, aus der 8c. Mitzi, die Freundin von Nicky oder Mitzi, ich kenn den Bräutigam. Zu irgendeiner Gruppe gehört man immer und wenn man besonders originell sein will, dann stellt man sich blöd und antwortet nur mit dem Namen. Garniert mir einem vielsagenden, leicht tiefgründigen, meist aber dämlichen Lächeln. Zum Glück gibt es die Gruppen, sonst müsste man sich am Ende noch Gedanken machen, wer man wirklich ist. Weiterlesen →

Iljana, die Sonne geht auf!

Iljana, komm raus, forderte der alte Säufer mit kratziger, aufgeregter Stimme. Iljana, die mazedonische Aushilfe unseres vietnamesischen Backshops lächelte nur und schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich hat sie den Alten nicht verstanden. Morgens ist er noch nüchtern, da versteht man ihn noch schlechter. Iljana sowieso. Die versteht nämlich kein Deutsch, braucht es bei der Selbstbedienung im Backshop auch nicht. Iljana, komm, fordert er mit Nachdruck durch die offene Tür und lässt sich dann auf das kleine Mäuerchen an der Tiefgarage sinken. Der Start in den Tag fällt ihm im Winter noch etwas schwerer als sonst. Zwischen den rauen Fingern eine Zigarette und der erste Schluck aus einer kleinen Flasche Jägermeister. Was man eben so braucht, um wach zu werden. Weiterlesen →

Herr Meier und die Afd

Es muss viel passieren, damit Herr Meier im Nieselregen auf offener Straße stehen bleibt. Bei schlechtem Wetter verlässt er das Haus für gewöhnlich gar nicht und wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann eilt er grußlos und mit hochgeschlagenem Mantelkragen an seinen Mitmenschen vorbei. Dass er bei Wind und Regen zwischen Post und Telekomladen stehen bleibt und drei Männern beim Aufbau ihres Informationsstandes zusieht, ist mehr als ungewöhnlich. Sein Schal flattert in einer Böe, als ich vom einkaufen zurück komme und ihn noch immer an der gleichen Stelle stehen sehe. Mittlerweile erkennt man auch wer die Giesinger heute informieren möchte. Unter den durchnässten Sonnenschirmen steht ein drei Mann starkes Kompetenzteam der Afd. Weiterlesen →

Frau Grüners Knie und ein Glasengel

Die Ludmillastraße in München kennen Sie sicher nicht. Vielleicht waren Sie einmal in der Nähe, in den Isarauen oder sind auf dem Weg zum Tierpark an ihr vorbei gefahren. Eingebogen in sind Sie in die kleine Straße aber sicher nicht. Es gibt nicht viel in dieser Straße. In die Ludmillastraße geht und ging man nur, wenn man dort wohnte oder jemanden besuchen wollten. Mich zum Beispiel. Dann bog man ein und klingelte am ersten Haus an der Nummer 13 rechts bei Irsaj. Wenn es draußen kühler und die Tage kürzer wurden, dann konnte es aber sein, dass ich gar nicht Zuhause sondern im Schreibwarenladen gegenüber war. Weiterlesen →

Realismus? Ich bitte Sie!

Heute ist ein besonderer Tag. Heute werde ich im Lotto gewinnen. Wenn nicht heute, dann am Mittwoch. Der freundliche ältere Herr am Kiosk hat mich überzeugt, dass ich gleich für beide Tage einen Schein abgeben soll. Erst wollte ich nicht, denn Glücksspiel ist eigentlich nicht so das meine. Aber der ältere Herr wusste, wie man mich zu nehmen hat. Zum Beispiel mit dem Hinweis, dass zwei Mal sechs Richtige noch schöner wären, als nur einmal. Ich werde also heute und am Mittwoch im Lotto gewinnen und nicht enttäuscht sein, wenn es nur an einem der beiden Tagen so ist. Weiterlesen →