Iljana, die Sonne geht auf!

Iljana, komm raus, forderte der alte Säufer mit kratziger, aufgeregter Stimme. Iljana, die mazedonische Aushilfe unseres vietnamesischen Backshops lächelte nur und schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich hat sie den Alten nicht verstanden. Morgens ist er noch nüchtern, da versteht man ihn noch schlechter. Iljana sowieso. Die versteht nämlich kein Deutsch, braucht es bei der Selbstbedienung im Backshop auch nicht. Iljana, komm, fordert er mit Nachdruck durch die offene Tür und lässt sich dann auf das kleine Mäuerchen an der Tiefgarage sinken. Der Start in den Tag fällt ihm im Winter noch etwas schwerer als sonst. Zwischen den rauen Fingern eine Zigarette und der erste Schluck aus einer kleinen Flasche Jägermeister. Was man eben so braucht, um wach zu werden. Weiterlesen

Herr Meier und die Afd

Es muss viel passieren, damit Herr Meier im Nieselregen auf offener Straße stehen bleibt. Bei schlechtem Wetter verlässt er das Haus für gewöhnlich gar nicht und wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann eilt er grußlos und mit hochgeschlagenem Mantelkragen an seinen Mitmenschen vorbei. Dass er bei Wind und Regen zwischen Post und Telekomladen stehen bleibt und drei Männern beim Aufbau ihres Informationsstandes zusieht, ist mehr als ungewöhnlich. Sein Schal flattert in einer Böe, als ich vom einkaufen zurück komme und ihn noch immer an der gleichen Stelle stehen sehe. Mittlerweile erkennt man auch wer die Giesinger heute informieren möchte. Unter den durchnässten Sonnenschirmen steht ein drei Mann starkes Kompetenzteam der Afd. Weiterlesen

Frau Grüners Knie und ein Glasengel

Die Ludmillastraße in München kennen Sie sicher nicht. Vielleicht waren Sie einmal in der Nähe, in den Isarauen oder sind auf dem Weg zum Tierpark an ihr vorbei gefahren. Eingebogen in sind Sie in die kleine Straße aber sicher nicht. Es gibt nicht viel in dieser Straße. In die Ludmillastraße geht und ging man nur, wenn man dort wohnte oder jemanden besuchen wollten. Mich zum Beispiel. Dann bog man ein und klingelte am ersten Haus an der Nummer 13 rechts bei Irsaj. Wenn es draußen kühler und die Tage kürzer wurden, dann konnte es aber sein, dass ich gar nicht Zuhause sondern im Schreibwarenladen gegenüber war. Weiterlesen

Realismus? Ich bitte Sie!

Heute ist ein besonderer Tag. Heute werde ich im Lotto gewinnen. Wenn nicht heute, dann am Mittwoch. Der freundliche ältere Herr am Kiosk hat mich überzeugt, dass ich gleich für beide Tage einen Schein abgeben soll. Erst wollte ich nicht, denn Glücksspiel ist eigentlich nicht so das meine. Aber der ältere Herr wusste, wie man mich zu nehmen hat. Zum Beispiel mit dem Hinweis, dass zwei Mal sechs Richtige noch schöner wären, als nur einmal. Ich werde also heute und am Mittwoch im Lotto gewinnen und nicht enttäuscht sein, wenn es nur an einem der beiden Tagen so ist. Weiterlesen

Stadt Atem

Den Herzschlag eines geliebten Menschen spürt man nicht, wenn man neben ihm sitzt. Man hört seinen Atem nicht, wenn man sich angeregt unterhält und nimmt den feinen, ganz eigenen Duft von Haut und Haaren nicht mehr wahr, wenn man ihn zu oft schon gerochen hat. Auch den Puls einer geliebten Stadt spürt man nicht immer. Man nimmt den Herzschlag als gegeben hin und ähnlich wie bei einem Menschen, muss man sich manchmal ein Stück entfernen und zurück kommen, um es wieder zu spüren. Den Atem, das Schlagen des Herzens und den ganz  besonderen Duft, der nach Heimat riecht. Weiterlesen

Halloween? Doch nicht heute! 

Halloween kommt mir immer etwas ungelegen. Es liegt einfach blöd. Gerade heute, passt es mir gar nicht. Früher war das egal, da gab es Halloween bei uns noch gar nicht. Da ist am 31.10. eh nicht ausgegangen, weil der darauffolgende Feiertag ein „stiller Feiertag“ ist und man nun wirklich keine zehn Mark Eintritt bezahlt hat, nur damit man miterleben konnte, dass die Musik um Mitternacht abgestellt wurde. Es kam mir also schon immer gelegen, dass der 31.10. bei uns zum Geburtstag meines Vaters erklärt wurde. Meine Großmutter hat Weitsicht bewiesen und ihren Sohn so zur Welt gebracht, dass er ein Leben lang am Tag nach seinem Geburtstag nicht in die Schule und nicht zur Arbeit musste. Noch besser wäre Ende April gewesen, dann hätte man den darauffolgenden Tag ausschlafen können und hätte sich nicht an den Gräbern die Beine in den Bauch stehen müssen. Vermutlich haben ihr die wenigen Hafturlaube meines Großvaters einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mein Vater wurde Ende Oktober geboren und daran ändert auch Halloween nichts. Weiterlesen

Googeln Sie mich besser nicht

Dass Google ein mieser Verräter ist, habe ich Ihnen mit meinem allerersten Text bereits verraten. Man muss vorsichtig sein, was die Mutter aller Suchmaschinen dem gemeinen Volk als Wahrheit präsentiert. Von Zeit zu Zeit überprüfe ich daher, was im Internet über mich geschrieben steht. Es könnte ja sein, dass ich eine Karriere mache, von der ich nichts weiß. Lange Zeit fand sich auf Platz eins der Suchergebnisse eine Anwesenheitsliste des Philosophie Wahlfaches der Hochschule München. Ich stand auf Platz eins. Mit den Fehltagen – aber immerhin. Wenn das über zehn Jahre lang der Top Treffer ist, dann darf man einen gewissen Stolz empfinden. Weiterlesen