Herr Meier und die Afd

Es muss viel passieren, damit Herr Meier im Nieselregen auf offener Straße stehen bleibt. Bei schlechtem Wetter verlässt er das Haus für gewöhnlich gar nicht und wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann eilt er grußlos und mit hochgeschlagenem Mantelkragen an seinen Mitmenschen vorbei. Dass er bei Wind und Regen zwischen Post und Telekomladen stehen bleibt und drei Männern beim Aufbau ihres Informationsstandes zusieht, ist mehr als ungewöhnlich. Sein Schal flattert in einer Böe, als ich vom einkaufen zurück komme und ihn noch immer an der gleichen Stelle stehen sehe. Mittlerweile erkennt man auch wer die Giesinger heute informieren möchte. Unter den durchnässten Sonnenschirmen steht ein drei Mann starkes Kompetenzteam der Afd.

Herr Meier hat geduldig gewartet, bis sie den Aufbau abgeschlossen hatten und ist dann mit einer Handvoll Informationsmaterial gegangen. Der Meier und die Afd, das passt nicht. CSU ist wahrscheinlich, SPD würde mich wundern und die Grünen würde ich nicht ausschließen, weil er Herr Meier mich schon öfter überrascht hat. Obwohl Herr Meier der einzige Wutbürger ist, den ich persönlich kenne, irritiert mich sein Interesse. Ich habe wohl zu lange darüber nachgedacht und bin zu lange im Radius des Infostandes gestanden. Ein dummer Fehler, den ich eigentlich zu vermeiden weiß und jetzt trotzdem einen Flyer in der Hand halte. Frühsexualisierung und Gender Mainstream. Kann man sich mit befassen, muss man aber nicht. Mich erinnert es an die Läden meiner Kindheit, zu deren Erinnerung Jules vor kurzem aufrief. Nicht an einen Laden, aber an eine Kneipe. Eine, die in München als Boazen beschrieben wird und die es in meinem Viertel an jeder Ecke gab. Neben Frau Grüners Schreibwarenladen war das Flößerstüberl. Eine Kneipe in der Freitags der Lohn versoffen wurde, Schlägereien an der Tagesordnung waren und mein Vater nur ein einziges Mal war. Als er sich ausgesperrt hatte und auf die Toilette musste. Er hat es mir gerade am Telefon erzählt. Ich konnte mich daran nicht erinnern. Für mich war es eine gewöhnliche Kneipe, in die ich regelmäßig ging um mir ein Eis zu kaufen. Mit 50 Pfennig in der Hand schob ich den Vorhang aus bunten Plastikstreifen zur Seite und tauchte in das nach Bier und Rauch riechende Dunkel ein. Tagsüber saßen nur ein paar Männer an den Tischen, trotzdem kaum der Ort an dem man eine fünfjährige Eis kaufen lässt. Dass ich es dennoch durfte lag an Margot.

Margot war die Wirtin der Kneipe und wie der Name vermuten lässt eine Frau. Für mich war Margot aber ein Mann. Raspelkurze  Haare, bekleidet mit Jeans und ausnahmslos immer mit einem Holzfällerhemd aus Flanell. Ganz klar ein Mann. Das der Mann Margot hieß, irritierte mich nicht. Das er das Klischee einer Kampflesbe zu hundert Prozent erfüllte, auch nicht. Margot war ein Mann. Der liebste überhaupt. Ich habe schon als Kind so viel und so gerne geplappert wie heute und habe mich oft bei Margot herum getrieben. Sie sorgte schon dafür, dass wir uns eher vor der Kneipe als darin unterhielten und wahrscheinlich hatte auch meine Mutter vom Küchenfenster aus einen Blick auf mich. Ich selbst liebte diese Kneipe und finde, dass sie es absolut verdient hat, zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen zu zählen. Nicht nur wegen des Minimilk oder Flutschfingers – der bevorzugten und finanziell erschwinglichen Eissorten. An Margot denke ich beim Blick auf den Zettel mit Frühsexualisierung. Ne, ich sehe da keine Gefahr. Mein liebster erwachsener Freund mit fünf war eine Lesbe die ich für einen Mann hielt und es hat mich nicht geprägt. Auch nicht die enge Freundin, die eine Freundin hatte und die wir nie als Lesbe bezeichnet hätten, weil es viel zu normal war, als das man dafür einen anderen Begriff gebraucht hätte. Heute ist sie ein Mann und auch das hat nicht dazu geführt, dass ich auch nur eine Sekunde über meine eigene Sexualität nachgedacht hätte. Vielleicht hätte ich auch noch über Gender Mainstream nachgedacht, aber dafür war es erstens zu ungemütlich und zweitens war mir die vermeintliche Kompetenz der Afd bzw deren heutigen Vertreter zu blöd. Ich hörte was sie einem anderen auf Nachfrage zu erklären versuchten und bin weiter gegangen. Wer Flyer verteilt, sollte doch wenigstens wissen, was die Schlagworte darauf für ihre Partei bedeuten und nicht bloß platte Parolen nachplappern.

Im Hausflur stand Herr Meier und hatte sein Fahrrad vor dem Lift aufgebockt und kratzt den Dreck aus dem Profil der Fahrradreifen. Mein liebster Wutbürger wird bald die geballte Wut unseres Hausmeisters zu spüren bekommen. Dass Herr Meier für diese Drecksarbeit den zuvor abgeholten Flyer der Afd benutzt, rückt mein Bild seiner politischen Gesinnung wieder dahin wo ich sie vermutet habe. Ich schiebe mich an ihm vorbei zum Lift, bleibe mit den Taschen am Hinterrad hängen und werde angeschnauzt. Jetzt ist er wieder ganz der alte.

18 Gedanken zu “Herr Meier und die Afd

  1. Ich glaube wir haben großes Glück, das wir mit „de / dea is hoid so“ aufgewachsen sind. Oder wie die Dritte sagt : „Das Leben ist bunt“.

    Wie immer eine wunderbare Verbindung von gerade erlebten Situationen mit Erinnerungen.
    Bin stolz auf dich mei Thai!

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  2. Liebe Mitzi!

    Ich glaube, Herr Meier wird Sie, wie bereits beschrieben, überraschen und Sie damit konfrontieren, dass er keine der genannten Parteien wählt, sondern eine eigene gründet. Die „MPFA“ – Die Meier-Partei-Für-Alle. Sie werden sehen, bald werden die ersten Werbeplakate Ihren Hausflur zieren 🙂

    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau

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  3. Bisher ist mir noch kein Wähler dieser Partei begegnet, das scheint ein gutes Zeichen für mein Umfeld zu sein. Ich hatte immer Freunde/innen die gleichgeschlechtlich liebten, das war für mich nie ein Thema. Auf einen Rückwärtsgang in der Geschichte verzichte ich auch liebend gerne.

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  4. Liebe Mitzi,
    Sie haben wieder eine prima Geschichte geschrieben, aber dieses Mal habe ich nichts verstanden.
    Ich verstehe weder etwas von Frühsexualisierung und Gender Mainstream, noch von Parteien oder Politik.
    Ich wollte das zum Anlass nehmen, meine politische Bildung wenigsten auf ein Mindestmaß anzuheben, indem ich mich über aktuelle politische Ereignisse informiere. Dann könnte ich bei einem Smalltalk am Käsestand oder an der Supermarktkasse wenigstens die nächsten Tage überstehen, falls dort solche Themen hochkommen sollten. Man weiß ja nie, wo man hinein gerät, wenn man auf Menschen trifft, die sich über Politik unterhalten.
    Also habe ich mir einen Spickzettel zurechtgelegt und einen Artikel durchgearbeitet, in dem es um Wahlen und Wahlergebnisse in den USA ging.
    Ich habe sehr schnell gemerkt, das da was nicht stimmen kann, dass da irgendetwas nicht vernünftig läuft.
    Darum möchte ich Sie bitten, ob Sie nicht den politisch interessierten Herrn Meier, der laut Mallybeau Mauswohn demnächst sowieso eine Partei gründen will, fragen könnten, ob er nicht lieber amerikanischer Präsident werden möchte.
    Irgendwie würde ich mich dann sicherer fühlen. Vor allem, da Sie dann auch ein Auge darauf haben könnten, was er so treibt.
    (Ich glaube, hier in Deutschland wird auch noch ein Bundespräsident gesucht. Präsident scheint ein Beruf zu sein, für den es zur Zeit keine geeigneten Kandidaten gibt?!?

    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich,
      Ihren Wunsch politisch beim Smalltalk mithalten zu können, kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich selbst habe aufgegeben – ich versteh es einfach nicht mehr und plaudere jetzt lieber wieder über das Wetter. Keine Lösung, aber kurzfristige Resignation.
      Herrn Meier kann ich nicht abgeben. Er würde hier fehlen und ich fürchte auch, er würde in den USA einen nicht auszudenkenden Schaden anrichten. Versehentlich und ohne bösen Hintergedanken. Der Bundespräsident, ja richtig….mir graut ein wenig vor den möglichen Kandidaten, aber blicken wir positiv in die Zukunft.
      Herr Meier kandidiert aktuell für das Amt des Schriftführers der Eigentümerversammlung. Leider bin ich kein Eigentümer. Ich hätte zu gerne Mäuschen gespielt. Herr Meier ist nämlich auch keiner.

      Liebe Grüße
      Mitzi

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  5. Liebe Mitzi,

    mir gefällt wie souverän du en passant mal eben die AfD und ihre Ideen abfertigst, wie dich einige Schlagworte aber zu Erinnerungen anregen und du mal wieder sehr schön erzählst. Das liest man und bekommt gleichzeitig treffende Argumente an die Hand, mit denen sich von der AfD geschürte Ängste widerlegen lassen. Die androgyne Margot ist eine weitere starke Persönlichkeit aus dem kindlichen Mitzi-Kosmos. Der gegenwärtige Herr Meier ist eine starke literarische Figur, den man erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe.
    Habs mal wieder gern gelesen.
    Schönen Sonntag,
    Jules

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    1. Der Meier ist klasse, nicht wahr? Ich freu mich immer wieder über das Glück ihn dieser Nachbarschaft. Nicht unbedingt dann, wenn ich angeraunzt werde, aber kurz danach, weil man alles von diesem Mann „verarbeiten“ kann.
      Einen schönen Sonntag, lieber Jules.

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  6. das lieblingsbuch meiner teenagerzeit und der ursprung meines nicknames war „die mitte der welt“ von andreas steinhöfel. dass es sich um eine „homosexuelle liebesgeschichte“ handelte, wurde mir erst jetzt bewusst, als ich seit dem kinofilm ständig daran erinnert wurde. für mich war es eben einfach eine geschichte, in der ein mensch einen anderen liebte und das waren halt zufällig beides jungs.

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    1. Genau so sollte es sein. Es ist wohl dann endlich normal, wenn man es nicht mehr als exotisch betrachtet. Für sich selbst, kann man es ruhig ausschließen – jeder hat ja seine Sexualität, nur die der anderen sollte nicht mehr in Frage gestellt werden.
      Dein Beispiel ist gut. Warum sollen Kinder nicht mit all den möglichen Ausprägungen konfrontiert werden. Negative Beeinflussung kann ich mir nicht vorstellen.

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      1. ich mir auch nicht. aber bei diesem wie bei vielen anderen themen denke ich: das beste wäre, es eben einfach als normal zu kommunizieren. das gibt es, seit es die menschheit gibt. von dem her fehlt mir irgendwo der zugang, warum da jemand ein problem damit hat.

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      2. Es mir zu doof verstehen zu wollen, worum es der Partei an sich geht. Die haben sich leider zu oft mit Aussagen für mich ins aus geschossen.
        Normal…..ja, vielleicht kommen wir da irgendwann hin.

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