Frau Grüners Knie und ein Glasengel

Die Ludmillastraße in München kennen Sie sicher nicht. Vielleicht waren Sie einmal in der Nähe, in den Isarauen oder sind auf dem Weg zum Tierpark an ihr vorbei gefahren. Eingebogen in sind Sie in die kleine Straße aber sicher nicht. Es gibt nicht viel in dieser Straße. In die Ludmillastraße geht und ging man nur, wenn man dort wohnte oder jemanden besuchen wollten. Mich zum Beispiel. Dann bog man ein und klingelte am ersten Haus an der Nummer 13 rechts bei Irsaj. Wenn es draußen kühler und die Tage kürzer wurden, dann konnte es aber sein, dass ich gar nicht Zuhause sondern im Schreibwarenladen gegenüber war.

Der Laden gehörte Frau Grüner, die meine Eltern aber immer nur „die Grüner“ nannten. Für mich als Kind wäre Frau Grüner eine Frau wie jede andere gewesen, hätte die Stimme meiner Mutter nicht immer ein leicht abschätzigen Tonfall angenommen, wenn sie von „der Grüner“ sprach. Ich glaub es lang an Frau Grüners Schuhen. Seit Mama mich einmal darauf hinwies, dass die Grüner auf ihren hohen Absätzen eigentlich gar nicht laufen konnte und die Knie so seltsam nach vorne schob, dass die Hüfte nicht hinterher kam, machte ich mir Sorgen um Frau Grüners Beine. Noch heute bemerke ich Frauen, die auf hohen Schuhen nicht laufen können, alleine am Klang ihrer Absätze. Neue, hohe Schuhe teste ich auf einer Straße mit Kopfsteinpflaster. Wenn ich nicht so klinge wie Frau Grüner, wenn sie durch die Ludmillastraße stöckelte, dann passen die Schuhe und ich kann darin laufen. In ihrem Laden hörte man Frau Grüners Schuhe nicht. Da stand sie unbeweglich hinter dem Tresen. Der Laden war 47 Wochen im Jahr recht langweilig. Interessant wurde es nur, wenn man einmal im Jahr das Geschäft betrat und die Sachen für das neue Schuljahr kaufen durfte. Dann arbeitete meine Mutter ein lange Liste ab und immer mehr bunte Utensillien breiteten sich vor mir auf. Schulhefte habe ich schon immer geliebt. Wenn sie neu waren. Das Papier noch ganz weich, die Seiten nicht verknittert und das Namensschild auf dem Einband noch unbeschriftet. Anfang September freute ich mich noch auf die Schule und vor allem auf die bunten Einbände. Geschichte war lila, Mathe rot und Deutsch hellblau. Ich neigte dazu all meine Schulsachen binnen eines Monats einzusauen. Eselsohren, durchgestrichene Worte und Honigflecken auf dem einst so schönem Papier. Aber am Tag des Einkaufens war alles noch neu.
Und es gab so viel Neues in diesem Laden. Unzählige Stifte in allen Farben. Lineale, Zirkel, Geodreiecke und glitzernde Bleistifte. Glitzernde Stifte! Damit konnte man mich glücklich machen. Es gab auch einen Buntstift, dessen Miene alle Regenbogenfarben beinhaltete. Noch heute mag ich Schreibwarengeschäfte. Seit ich mir aber alles kaufen kann, ist der Zauber verflogen. Damals aber umkreiste ich wochenlang die Regale und musste lange sparen, bis mir Frau Grüner einen Stift auf den Tresen legte. Es kam selten vor. Viel öfter war ich dort um Bettbezüge abzugeben, weil der Laden auch Reinigungen anbot. Die in Papier gewickelten Pakete lagerten ganz oben über dem Tresen und ich wunderte mich immer wie schwer Bettlaken im Paket waren, wo sie im Bett doch so leicht verrutschen konnten.  Nie bin ich einfach nur rein um etwas zu abzuholen. Immer stand ich lange vor den Regalen und hätte eine Inventur aus dem Kopf machen können. Die Postkarten kannte ich alle und hatte auch jedes einzelne Geschenkpapier bereits einmal in Händen gehabt und vorsichtig ausgebreitet. Bastschnüre, die ich nie brauchte, fand ich besonders hübsch und das bunte Tonpapier reizte mich immer, obwohl ich nicht gerne bastelte. Später wurden die Zeitungen interessant. Wenn Frau Grüner nach draußen zum rauchen ging, blätterte ich die Schmuddelzeitungen durch und las die BRAVO von der meine Mutter behauptete, dass ich zu jung für sie sei. Frau Grüner sah das anders. Ich durfte sogar einen Einmerker hineinlegen, wenn ich nach dem Supermarkt noch mal kam und weiterlesen wollte. Und während ich stand und blätterte, kamen die Bewohner unserer Straße zum ratschen. Ich stand still in der Ecke und hörte ihnen zu. Gespräche und Tratsch eines Münchner Viertels, die ich neugierig belauschte und meistens nicht wirklich verstand. Aber ich wusste, dass Frau Grüner einen Hausfreund hatte. Zu was so ein Hausfreund gut war, interessierte mich allerdings nicht.

Am schönsten war es aber in der Weihnachtszeit. Da hatte Frau Grüner immer ein alte, weißhaarige Aushilfe, deren Namen ich längst vergessen hatte. Bei der blieb ich stundenlang. Dort wo Frau Grüner mich duldete, unterhielt sie sich mit mir. Ich war in einem glitzernden Wunderland und durfte alles anfassen und ansehen. Die alte Verkäuferin lies mich die Weihnachtskarten aus dem Ständer holen und wir breiteten sie gemeinsam auf dem Tresen aus und überlegten für welchen Menschen, welche Karte passen könnte. Auch den Christbaumschmuck durfte ich anfassen und ich weiß noch heute, wie schön die Glasengel funkelten, wenn man sie gegen das Licht im Schaufenster hielt. Mit am schönsten war die Vorfreude, wieder in den Laden gehen zu dürfen. Oft saß ich am Küchenfenster und schaute nach draußen. Wenn es schon dunkel war und dicke Schneeflocken fielen, dann leuchtete auf den anderen Straßenseite Frau Grüners Laden und strahlte einen Zauber aus, der ein kleines Mädchen sehr glücklich machte. Im Schaufenster stand ein kleiner Christbaum und wenn ich den Kopf schief legte und die Augen zusammen kniff, dann funkelte er. Ich wartete, bis meiner Mutter die Zigaretten ausgingen. Dann durfte ich rüber laufen. Meistens blieb ich bis er schloss. Die Zigaretten Lord Extra hatte ich längst vergessen, wenn ich wieder nach Hause lief und mich noch einmal auf Küchenbank setzte um das Bäumchen funkeln zu sehn.

Lieber Jules, ich danke dir für die schönen Erinnerungen die ich gerade durchleben durfte. Wie gerne würde ich dich an der Hand nehmen und mir dir in diesen Laden gehen. Der Glasengel würde dir bestimmt gefallen und wir würden uns buntes Tonpapier kaufen. Einfach nur, weil die Farben so hübsch sind.

Die Läden meiner Kindheit – Ein Erzählprojekt im Teestübchen Trithemius.

 

31 Gedanken zu “Frau Grüners Knie und ein Glasengel

  1. Liebe Mitzi!

    Das haben Sie erneut sehr schön geschrieben.
    Die werte Frau Grüner hätte mit ihren Schuhen sicherlich eine gute Figur in einem meiner Filme abgegeben. Ich sollte wohl mal in Schreibwarengeschäften nach kamerareifen Beinen Ausschau halten 🙂 Ich danke Ihnen für diese Inspiration!

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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  2. Jules hatte da wirklich eine fantastische Idee und ihr beide habt es so unterschiedlich und zugleich beruehrend dargestellt.
    Lustigerweise war mein Lieblingsladen frueher auch ein Schreibwarenladen….und auch ich liebte den 1. Schultag mit sauberen Heften und Ordnern und jedes Jahr nahm ich mir vor, sie nur ordentlich zu behandeln….tja selbst die Studienjahre haben nicht gereicht! Liebe Gruesse 😉

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    1. Ich hab es im Studium auch noch nicht geschafft. 😉
      Ein Wunder, dass meine Notizbücher heute ein gepflegtes Chaos haben.
      Jules Idee war wirklich toll. Ich hab beim Lesen schon an die Läden in meiner Kindheit zurück denken müssen und gleichzeitig den Ausflug in „seinen“ Laden genossen.

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  3. Ach, so ein Papiergeschäft gab es in meiner KIndheit auch. Die Besitzerin war die Papiertante und sie hat mir viele schöne Dinge geschenkt. Vermutlich hat meine Mutter auch viele Dinge gekauft 🙂 Der Mann der Papiertante war Heurigenmusiker …… Danke für den Anstoß zu einer schönen Erinnerung

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  4. Meine liebe Mitzi, dass du innerhalb so kurzer Zeit eine so wunderschöne Erinnerung aufschreiben kannst – und das nach einem vermutlich anstrengenden Arbeitstag, ist phänomenal. Vielen herzlichen Dank dafür. Sehr gern ließe und ließ ich mich von dir durch den Laden von Frau Gruner führen, denn Schreibwarenläden haben mich immer fasziniert, ob Stifte, Tonpapiere oder Schreinhefte, bevor sich alles ins Digitale verflüchtigt hat.
    Der kleinen MItzi in dieses Reich zu folgen, hat etwas Magisches. Deine Schreibkunst lässt uns Leser das tun und diesen Laden in der Ludmillastraße vor uns auferstehen. Eine hübsche Wendung ist mir zudem aufgefallen, das du einen „Einmerker einlegen“ durftest in die Zeitschrift, in der du geblättert hattest. Da spiegelt sich der Zauber dieses Ladens und seiner kleinen Kundin. Eine würdigere Chronistin als die nun erwachsene Mitzi hätten Frau Gruners Laden, ihr Knie und ihr Glasengel nicht finden können. Dankeschön, dass du dich am Projekt beteiligt hast. Gerne mehr.

    Beste Grüße,
    dein Jules

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    1. Ich habe zu danken, Jules. Das Schreiben macht mir besonders nach einem anstrengenden Tag Freude und ist ein schöner Tagesabschluss. Allerdings nur, wenn ich mir keine Gedanken über ein Thema machen muss. Das hast ja heute du für mich übernommen.
      Die Einmerker habe ich schon als Kind großzügig verteilt. Ich erinnerte mich erst beim Schreiben wieder daran.
      Und jetzt kommt das Glas Wein, das ich ursprünglich geplant hatte ;).

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  5. Oh wie gern hätte ich jetzt einen kleinen schnuggeligen Schreibwarenladen vor meinem Fenster, der gerne schon jetzt unter der ersten Schneedecke weihnachtlich glänzen und leuchten darf! Mein kleines Romantikerherz schmilzt dahin. Dein liebevoll zärtlicher Schreibstil tut sein übriges. Wunderbar!

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  6. Nachdem du schon Einblicke in deine Krimskrams-Schublade gewährt hast, an die ich mich noch erinnern kann, mit der Vergebung für den Umzug deiner Eltern (auch wenn ich die Inhalte kurz auffrischen musste – die der Schublade). … Nun nach diesem Einblick nun ein Schreibwarenladen. Für Kinder wahrscheinlich immer ein magischer Ort, weil er so sehr mit der Schule verschmolzen ist, ohne die doofen Seiten derselben zu haben. Danke. 🙂

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  7. Diese Schreibwarenläden hatten auch einen ganz eigenen Geruch. Stifte und Papier… vermutlich eher die vielen Bleistifte unterschiedlichster Härtegrade – und wenn ich heute so einen Laden finde, einen, der nicht auf Druckerpatronen umgestiegen ist, einen, der noch langweiligen Bürokram hat, schwarze Kladden und Quittungsblöcke, dann muss ich da rein und schnuppern. Das ist für mich so einen Harry-Potter-Welt. Magisch.

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  8. was für eine schöne erinnerung!! ich habe auch so einen papierladen, das schöne ist, es gibt ihn heute noch, auch, wenn er nun jemand anderem gehört. es war so ein verstecktes kleines geschäft, mit treppe hinunter und alles war bunt und magisch.

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  9. Wie schön, bei jeder Geschichte die man aus der Sammlung bei Jules liest findet sich was wieder, so auch bei Dir. Die Stifte mit den bunten Mienen waren mir doch glatt entfallen.Und das Knie von Frau Grüners wird mir in Erinnerung bleiben. 🙂

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