Randnotiz – Netflix

Seit meinem letzten Aufenthalt in Verona muss ich mir eingestehen, dass mein Italienisch nicht mehr fließend, sondern nur noch ganz gut ist. Das gefällt mir nicht.

Bis zur Fertigstellung des zweiten Buches sind Männer und Netflix für mich tabu, sagt außerdem christophrox. Weil er womöglich recht hat, wo er nicht recht haben darf, schaue ich seit jetzt Serien und Filme auf Netflix auf italienisch an.

Seit gestern erinnere mich nun wieder an die Worte für „Axt“, „Massenselbstmord“ und „Scheintod“ und beherrsche sämtliche Konjunktionen der Verben „erwürgen“, „ersticken“, „zerteilen“ und „abschlachten“. Zudem sind mir wieder alle Praktiken des Beischlafs und die gängigen Flüche vertraut.

Und bevor Sie sich fragen, was ich mir da angesehen habe….FSK 12, Teenagerdrama. Zum Ausgleich nur noch Dokus über Tierbabys und die Geschichte der Emanzipation.

Buona domenica.

 

 

Friederike vs Bergwald

Man sagt, dass bei uns in Bayern die Uhren anders ticken. Das ist natürlich Blödsinn. Hier, kurz nach München, ist es jetzt genauso spät wie in Hannover oder Wien. Trotzdem legen wir Bayern sehr viel Wert auf Individualismus. Besonders wir Münchner, die wir den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Während gestern Deutschlandweit grosse Teile des Schienenverkehrs dank des Sturmweibs Friederike lahm gelegt waren, kamen wir – ordentlich durchgeschüttelt und mit verwehtem Haar, aber sonst unbeschadet – fast störungsfrei durch den Tag. Wenn aber die halbe Nation ächzt und schimpft, dann wollen wir das auch. Verspätet nehmen nun auch wir, die Münchner S-Bahn-Fahrgäste, am Chaos teil. Nicht alle. Eigentlich nur die Fahrgäste der S7. Das man gerade uns ausgewählt hat, verwundert nicht. Von allen Linien sind wir mit Abstand die erprobtesten, wenn es sich um Störungen und Verspätungen handelt. Wir, die S7 und ihre Fahrgäste bewegen uns auf unserer Strecke nämlich noch überwiegend eingleisig und sind damit extrem anfällig für Störungen jeder Art. Wir lächeln nur müde, wenn die Bahnen im Herbst regelmäßig im gesamten Streckennetz ausfallen, weil feuchtes Laub auf den Schienen liegt. Kein Nutzer der S7 fragt sich, ob man die Bremsleistung der neuen Bahnen nicht vielleicht doch so hätte konstruieren können, dass sie mit dem in Deutschland doch ab und zu fallenden Laub fertig werden. Auch wundern wir uns nicht über Schneefall bedingte Verspätungen im Winter. Mit reichlich Flocken kann man in Bayern schließlich nicht rechen und bei uns an der S7 kommt es darauf eh schon nicht mehr an. Wir sind nämlich die mit Abstand schwierigste Strecke. Die schönste und die schwierigste. Weiterlesen

Weil ich dich mag

Es ist so schön, dich wieder zu sehen, sagst du. Es ist so schön, hier in der Stadt unserer Jugend eine Konstante zu haben, auf die man sich verlassen kann. Ich nicke und hoffe, dass du mich nicht fragst, ob ich dich in den letzten zehn Jahren vermisst habe. Ich habe es nicht. Zum Glück fragst du mich nicht, denn dann müsste ich ehrlich sein, dann müsste ich dir sagen, dass ich überrascht war, dass du dich überhaupt wieder gemeldet hast. Die alten Freundschaften, erklärst du sentimental und mit einem Lächeln auf den Lippen, sein am Ende doch die besten und jene auf die man sich verlassen kann. Jetzt wieder hier zu sein, war nicht deine freie Entscheidung, aber jetzt wo du mich siehst spürst du ein Stück Heimat. Betreten kaue ich auf dem Keks, den man uns zu dem Kaffee gereicht hat, und sage nichts. Heimat ist für mich vieles, du bist es nie gewesen. Zu meiner Heimat hast du nie gehört, aber wie könnte ich dir das sagen, während du auf dem Weg zu den Toiletten kurz meine Schulter streifst und mich anlächelst. Weiterlesen

Das ist jetzt blöd…

Ich schreibe hier dauernd über Italien. Das ist doch so, oder? Hier geht es doch ständig um den mutigsten meiner Freund, mein Herzensland und die Erlebnisse die ich dort hatte. Das empfinden Sie doch auch so, nicht wahr? Sie  wissen doch alles über mein Leben dort unten, meinen Job und meine Freunde. Selbst vom Bürohund in Verona habe ich Ihnen schon berichten.

Soll ich Ihnen etwas verraten? Dieser Eindruck ist komplett falsch. Hier geht es anscheinend überhaupt nicht um Italien. Maximal eine kurze Randnotiz ist mir die Information, dass ich jahrelang in diesem Land gelebt habe, wert gewesen. Fünfzehn Randnotizen, um genau zu sein. Fünfzehn kleine Erzählungen, von denen eine nur halb so lang wie der Durchschnitt ist. Sagen Sie mir jetzt bitte nicht, dass diese Zahl doch egal ist, weil ich es anscheinend auch mit nur fünfzehn kleinen Texten geschafft habe eine ganze Unterseite dieses Blogs zu füllen. Eigentlich haben Sie, wenn Sie das anmerken wollten, recht und es ist völlig egal. Ist es aber nicht. Um genau zu sein, ist das jetzt richtig blöd. Saublöd sogar, weil ich ganz bequem so vierzig oder fünfzig Italienerzählungen aus den Tiefen dieser Seite auswählen und veröffentlich wollte.
Das war letztes Jahr unheimlich praktisch. Man darf´s ja keinem erzählen, aber ein Buch schreibt sich schon deutlich leichter, wenn man die Texte dazu schon fertig hat und unter etwa hundert Stück kritisch und gut durchdacht wählen kann.

Jetzt hab ich fünfzehn Erzählungen und drei davon haben eigentlich nicht viel mit Italien zu tun. Verstehen Sie wie blöd das ist? Ich will ein Buch veröffentlichen und merke jetzt, dass ich es erst noch schreiben muss. Grad im Moment kommt mir das äußerst ungelegen. Ich hab ja auch noch Sie hier und einen Job in dem man erwartet, dass ich anwesend bin.

Der einzige Vorteil ist, dass ich dann kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich es Ihnen im Sommer ans Herz lege. Diesmal kennen Sie den Inhalt dann noch nicht. Aber trotzdem…..ich muss das jetzt alles schreiben ohne das Sie mir vorher in den Kommentaren den Hinweis geben, ob´s gut ist.

Hilft ja nichts, aber blöd ist das schon.

Ab nach Haar!

Haben Sie schon einmal versucht, mit einem Kaninchen einen vernünftigen Dialog zu führen? Nein? Dann lassen Sie es. Es wird nicht funktionieren. Nicht, wenn Sie – was ich unterstelle – halbwegs bei Verstand sind. Eigentlich sollte einen ja schon die Konstellation misstrauisch machen. Ein erwachsener Mensch und ein Karnickel führen ein Gespräch. In einem Roman mag hieraus ein charmantes und vielleicht sogar philosophisches Gespräch entstehen. Man muss nur an Alice im Wunderland und das weiße Kaninchen denken. Ganz anders ist es, wenn Sie sich in der realen Welt mit einem Kaninchen auf einen Kaffee verabreden wollen. Dann stoßen Sie schnell an Ihre Grenzen und zweifeln am Verstand. Nicht an Ihrem, an dem des Kaninchens. Weiterlesen

U-Bahn Gedanken. Alfred ist tot. Sein Bruder auch.

Alfred ist letzten Sommer gestorben, sagt die Frau im Bus neben mir. Sie sagt es recht fröhlich und ganz ohne Trauer in der Stimme. Das alleine ist kein Grund zur Verwunderung. Der letzte Sommer ist nun auch schon eine Weile her und jemand namens Alfred war wahrscheinlich doch schon etwas älter. Der Name ist nicht mehr modern. Wobei…so genau weiß man das ja nie. Mein Neffe heißt Albert und ist, auch wenn er widersprechen würde, noch ein Kind. Mein Albert ist so frisch, modern und voller Leben, dass er dem alten Namen neuen Schwung einhaucht. Alfred aber war sicher kein Kind, denn egal wie viele Sommer es her ist, über den Tod eines Kinder spricht man in der Regel nicht fröhlich lachend. Weiterlesen

Gespült aber nicht geschleudert

Frauen, die sich einen deutlich jüngeren Liebhaber zulegen, verstehe ich nicht. Zum einen käme ich mir mit so einem älter vor als ich bin, zum anderen bin ich mir sehr sicher, dass ein Mann ein gewisses Alter erreicht haben muss, bevor er erkennt, wann es besser ist, den Mund zu halten. Mein Nachbar Paul hat ein gewisses Alter erreicht. Ohne zu wissen, wie alt genau er ist, erkenne ich das gewisse Alter heute an seinem Schweigen. Er grüßt mich im Waschkeller nur mit einem Kopfnicken und schließt seinen Mund, nachdem er mir in die Augen gesehen hat, sofort und fest. Paul ist ein kluger Mann. Nur ein Wort, egal welches, und ich hätte zu schreien begonnen. Ihn an, das Haus zusammen undüberhaupt. Nur ein Wort und ich hätte geschrien. Weiterlesen

Leerer Platz – U-Bahn Gedanken

Fast jeden Freitag sehe ich das alte Ehepaar in der Bahn sitzen. Wenn ich nach Hause fahre, machen sie sich auf den Weg in die Stadt. Einholen gehen sie. Das weiß ich, weil er es immer murmelt, wenn er sich etwas schwerfällig in den Sitz am Fenster fallen lässt. Seine Schwerfälligkeit ist dem Alter geschuldet und scheint ihn selbst zu überraschen. Jedes Mal sortiert er schmunzelnd seine Arme und Beine, klemmt den Gehstock umständlich zwischen Sitz und Abfallkasten und atmet dann einmal tief durch, bevor er auf das Polster neben sich klopft und seiner Frau die Hand reicht, damit auch sie sich setzen kann ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Sie sind ein eingespieltes Team. Beide sicher in ihren Neunzigern und doch noch immer mit hellwachem Blick. Ich freue mich, wenn ich sie sehe. Mag ihre leisen, angenehmen Stimmen und höre ihnen gerne ein paar Stationen lang zu. Fast immer ist die Innenstadt ihr Ziel. Auch wenn der Weg aus einem Münchner Vorort längst beschwerlich geworden ist, fahren sie jeden Freitag mitten in die Menschenmassen um dort ihre Besorgungen zu erledigen. Draußen vor der Stadt scheint es ihnen manchmal zu still und zu ruhig zu werden. Weiterlesen

Carpe… bloß nichts

Letzter Tag, höre ich dich leise fragen und nicke fröstelnd. Du weißt, dass ich keine letzten Tage mag. Sie sind mir zuwider, weil sie Erwartungen wecken, die selten erfüllt werden. Einen letzten Tag hat man gefälligst zu etwas Besonderem zu machen und das Jahresende muss ordentlich mit Konfetti beworfen werden, damit man auf Instagram und Facebook mit den entsprechenden Bildern glänzen kann. Ich glänze nie. Ich bin die, die sich um Mitternacht das Seidentop mit einer zu eng am Körper gehaltenen Wunderkerze versaut, sich genau vor dem Silvesterkuss ein Stück Lachs in den Mund schiebt oder gerade in der Kloschlange steht, wenn die letzten Sekunden runter gezählt werden. Abschiede sind mir verhasst. Selbst die von einem Jahr, das mit 365 Akten nun wirklich seine Schuldigkeit getan hat. Ich hasse es, nicht zu wissen was kommt.
Ob das nicht Teil des Deals sei, erkundigst du dich und ich schüttle den Kopf. Nein, ich möchte wissen, was kommt. Haarklein, detailliert und mit der Garantie auf ein Happy End. Fast schon wütend sehe ich dich den Kopf schütteln. Ich hätte noch immer nicht gelernt, mit meinen Wünschen vorsichtiger zu sein. Eine Garantie auf ein Happy End, sei der unverschämteste und auch dümmste Wunsch, von dem du je gehört hast. Wie naiv ich noch immer sei. Man dürfe auf keinen Fall wissen, was kommt. Weiterlesen