Polyamo…was? II

Draußen schneit es und ein kalter Wind weht. Hier drinnen ist es warm und es gefällt mir, das muntere Treiben der Flocken zu beobachten während ich meine Hände einer großen Tasse Milchkaffee aufwärmen kann. Heute und hier braucht es etwas warmes, weil mich die Gespräche am Tisch kalt lassen. Es fällt mir schwer, die Begeisterung dieses Paares, das ich nicht kenne, zu teilen und schon jetzt nach nur einer halben Stunde, wäre ich lieber zu Hause geblieben. Drinnen bei mir, auf dem Sofa, eine Tasse Milchkaffee in der Hand und das Treiben der Schneeflocken beobachtend. Ich mag es, dass man in dem Dorf München, beim Frühstücken überdurchschnittlich oft Bekannte und Freunde trifft, weil wir doch immer die gleichen Orte aufsuchen. Es ist schön, sich mit Menschen zu unterhalten von denen man zuvor noch nichts wusste und die man jetzt nur kennen lernt, weil sie die Begleitung von jemanden sind, den man kennt. Es birgt das Risiko, sein Frühstück mit Menschen einzunehmen, die man nicht versteht und nach dem letzten Bissen seines Müslis auch gar nicht unbedingt verstehen möchte. Sitzt man erst einmal gemeinsam am Tisch, ist es schwierig diesen wieder zu verlassen ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Weiterlesen →

Und doch…

Gestern hatte Robbie Williams Geburtstag. Am 13.2. hat er das immer. Schon so oft, dass es nichts besonderes mehr ist. Für mich. Für ihn ist es das vermutlich noch immer. Auch heute, am 14.02. gratuliere ich nicht nachträglich. Robbie und ich haben uns auseinander gelebt.

Heute hat eine frühere Kollegin Geburtstag. Wir haben keinen Kontakt mehr und nur XING erinnert mich daran. Jedes Jahr, ohne dass ich mich zu einer Handlung verpflichtet fühlen würde, tut es das. Genauso wenig wie das ergoogelte Wissen, dass am 14.02.1349 während der Pest-Pandemie in Europa bei einem Pogrom mehr als 2.000 jüdische Bürger der Stadt Straßburg getötet wurden. Hier aber, frage ich mich kurz, ob wohl noch Nachfahren leben, die sich nach all der Zeit an einen oder mehrere Namen zur puren Zahl gehörend erinnern können. Weiterlesen →

Gefundene Sätze #44

„Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen.“

Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett 12/1994

Böser, alter Mann. Viele seiner Aussagen gefielen mir nicht. Die literarische Kritiker-Keule die er schwang, war mir oft zu garstig. Seine Meinung zu oft zur Doktrin erhoben. Und doch….ich mag ihn. Auch für Sätze wie diesen.

Brüste und Kaschmir

Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass ich mich einem guten Glas Wein selten verweigere, überwiegen die Abende an denen ich kein gefülltes Glas in der Hand halte. Ich trinke selten. Noch seltener kommt es vor, dass ich die Flasche Rotwein, die ich als Gastgeschenk zu überreichen gedachte, gar nicht erst aus den Händen gebe, sondern mich nach Bussi rechts und Bussi links, direkt in eine fremde Küche schleiche um dort selbst nach dem Korkenzieher zu suchen, weil es mir zu lange dauert, bis die Gastgeberin meinen Mantel aufgehängt hat. So etwas kommt wirklich nur dann vor, wenn man mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einem Treffen unter Freunden lockt und mir, wenn ich schon in der U-Bahn sitze, mitteilt, dass man gedenke sich – ganz wie in alten Zeiten – gemeinsam den Staffelauftakt von Germanys next Topmodel anzusehen. Wenn man mir so etwas an einem Donnerstagabend um halb acht mitteilt, dann muss man damit rechnen, dass ich a) bereue, mich nach über zehn Jahren wieder mit einer alten Freundin zu treffen; mich b) frage von welcher alten Zeit sie um Himmels Willen spricht und c) beschließe, dass dies einer der wenigen Abende sein wird, die ich nüchtern sicher nicht bestreiten werde. Weiterlesen →

Du Depp, Sie Depp, die Deppen

Herr Mu und ich sind jetzt per Du. In Bayern geht das manchmal ganz schnell und ohne, dass es einer dem anderen anbietet. Auf dem Berg zum Beispiel. Oder beim zufälligen Feststellen gleicher Interessen oder spontaner Sympathie. Noch häufiger auch bei ausgeprägter Antipathie. So ist eine Betitelung von „Sie Rindvieh“ selten und das „ess (3. Person Plural) Deppen“ weit geläufiger. Bei Herrn Mu und mir war es ähnlich.
Seit heute Nachmittag erleben wir hier in München einen, für die Jahreszeit nicht ungewöhnlichen Wintereinbruch mit dicken Flocken und einer auf den Gehwegen geschlossenen Schneedecke. Auf einer solchen rutschte eben Herr Mu aus. Ihm hat´s richtig die Füße weggezogen und ich hätte mir Sorgen gemacht, wenn sein Schimpfen nicht augenblicklich eingesetzt und reichlich derb erklungen hätte. Der Inhalt seiner Einkaufstaschen verteilte sich auf der weißen Pracht und ich dachte mir: „Du alter Depp!“ Ich dachte diese unfreundliche Formulierung, weil ich sah, dass er Birkenstock Schlappen trug und weil ich natürlich doch erschrocken bin und mir um den alten Herren Sorgen machte.

Erst als Herr Mu: „Du, gäh! Vorsicht! I gib da glei an oiden Deppen!“ rief, bemerkte ich, dass ich wohl laut gedacht hatte. Weil Herr Mu aber grinste, grinste ich auch und schimpfte ihn, seine Einkäufe einsammelnd, noch ein bisschen weiter aus, bevor ich ihm meinen Arm hinhielt und darauf bestand ihn nach Hause zu bringen. Mit den Schuhen im Schnee….recht intelligent sei das nicht, murmelte ich und schlenderte mit ihm gemeinsam zu seiner Wohnung. Dass Herr Mu, fast genau mir gegenüber wohnte, war mir neu und wir unterhielten uns so nett, dass ich nicht mehr auf den Schnee achtete und kurz vor seiner Haustür, fast der Länge nach hinfiel. Nur fast, denn Herr Mu, der sich bei mir untergehakt hatte, riss mich gerade noch nach oben. Jetzt war er mit dem Schimpfen an der Reihe. Er hätte nicht viel Ahnung von Schuhen, teilte er mir mit, aber dass das da an meinen Füßen nicht für Schnee geeignet war, würde auch er erkennen. „Aber sie g´falln da, oder?“ zog er mich feixend auf und bestand darauf, mich nun seinerseits, über die Straße bis zu meiner Wohnung zu begleiten, was ich rigoros ablehnte, indem ich mehrfach auf seine windigen Schlappen deutete.

Mein etwa achtzig Jähriger Nachbar, Herr Meier, kam vom Einkaufen und blieb neben uns stehen. Er sah uns kurz von oben bis unten an, blieb mit den Blick an unseren Schuhen hängen und murmelte: „Oana bläda wia da andere.“* Herr Meier geht die „Du“ oder „Sie“ Frage übrigens fast immer, indem er die Menschen einfach gar nicht direkt anspricht, sondern – direkt neben ihnen stehend – über sie spricht. Auch das ist in Bayern sehr beliebt.

*Einer dümmer als der andere

U-Bahn Gedanken – Tragödie oder Komödie

Im Bus sitze ich immer ganz hinten. Damit ich hinten einen Platz finde, steige ich immer schon eine Station früher ein. Besonders in der Linie 54 muss man hinten sitzen. Während man vorne ordentlich in Zweiersitzen Platz nimmt und brav nach geradeaus blickt, sitzt man im hinteren Viertel etwas erhöht und sich zu viert gegenüber. Die letzte Reihe, die wichtigste, ist einem dabei ganz nah. Dort in der letzten Reihe spielen sich die zwischenmenschlichen Dramen ab. Eigentlich nur eines. Aber dieses spitzt sich seit Mitte August zu und sorgt dafür, dass vorne kaum noch einer sitzen möchte. Niemand möchte verpassen, mit wem Lilly am Vorabend geschlafen hat. Weiterlesen →

Sr. Gundelindis wusste es schon immer

Über lange Jahre unterrichtete Schwester (Sr.) Gundelindis an meiner Schule Deutsch. Andere Klassen wechselten die Lehrkraft, nur wir behielten in Deutsch immer Sr. Gundelindis. Vermutlich, weil kein anderer die Nerven hatte, meine Aufsätze und Erörterungen zu lesen. Sie waren nicht schlecht aber sie waren, Zitat Sr. Gundelindis: So schlampig und ungepflegt wie meine tintenverschmierten Finger.

Gute Noten bekam ich trotzdem. Eine meiner liebsten Schwestern der Schule, drückte beide Augen zu, wenn es um meine Flüchtigkeitsfehler ging. So wie Sie. An dieser Stelle eine große Entschuldigung für all die Tippfehler, die fehlenden Buchstaben, Satzzeichen, grammatikalisch nicht existente Zeitformen und Buchstaben, die in Wörter nicht hineingehören, weil sie den Sinn verändern.

Meist habe ich hierfür eine Person die mich auf Twitter verfolgt und meine Tippfehler großzügig thematisiert. Nun scheint aber auch sie aufgegeben zu haben und ich muss eine andere Lösung suchen. Et voila!
Um Sie zu entlasten und damit Sr. Gundelindis nicht recht behält – sie bat mich nie einen Beruf zu wählen, in dem ich viel schreiben müsse – habe ich den Besten meiner Freunde als Lektor engagiert. Er weiß es noch nicht, aber er hat gestern Nacht die Arbeit aufgenommen und das werte ich als Vertragsunterzeichnung. Das Entgelt hat er schließlich auch schon festgelegt. 5 Minuten Lachen pro Korrekturschleife.  

Ab jetzt wird alles besser.

 

Paul und ich wären fast im Lift gestorben

Paul und ich stehen im Lift. Da Paul die Tür blockiert, um auf seine neue Freundin zu warten, wird sich die Weiterfahrt  verzögern. Drei bis vier Minuten schätze ich, da sie eine vollgestopfte IKEA Tüte hinter sich hergezogen hat und ich vermute, dass es etwas Zeit in Anspruch nehmen wird, bis sie die Flaschen, das Plastik, den Papier-, den Bio- und den Restmüll aussortiert und in die entsprechenden Tonnen geworfen hat. „Du merkst selbst wie unangebracht das ist, oder?“ frage ich Paul und lehne mich an die Wand des Aufzugs. Als das Licht im Treppenhaus ausgeht und zugleich weiter oben jemand zu schimpfen beginnt, tritt Paul aus der Tür und wir fahren eineinhalb Stockwerke nach oben. Dann bleibt der Lift stecken und ich beginne komische Geräusche zu machen, weil ich immer, wenn ein Aufzug stecken bleibt, für einen kurzen Moment davon überzeugt bin, in diesem kleinen Raum zu sterben. Ersticken, verhungern oder abstürzen. Ich quietsche und Paul lehnt sich an die Wand mir gegen über. „So schlimm?“, fragt er und ich nicke. Beides. Paul vorhin und der Lift der sich jetzt nicht mehr bewegt. Weiterlesen →

Ein bisschen begraben

Zwölf Monate mit dir. Ich mache das letzte Foto und setze mich trotz des Nieselregens unter den Nussbaum. Es regnet, höre ich dich leise sagen und schüttele den Kopf, obwohl ich bereits nass und durchgefroren bin. In letzter Zeit höre ich dich seltener und dieses letzte Foto im Rosengarten fühlt sich wie ein Abschied an, für den ich noch nicht bereit bin. Ich sehe dich durch die Beete streifen. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und die Schultern im Wind und Regen leicht nach oben gezogen. So stehst du immer, wenn dir kalt ist oder du dich nicht wohl fühlst. Standest, korrigierst du mich. So stand ich, wenn mir kalt war. Benutze endlich die richtige Zeitform, bittest du mich und weiter, mich doch bitte korrekt zu erinnern, dass du meist so im Regen oder Schnee standest, weil ich deinen Pullover oder deine Jacke in Besitz genommen hatte. Mir ist zu kalt um zu streiten und ich wiederhole brav, dass er so stand und streite doch, indem ich dich nicht mehr anspreche, sondern in der dritten Person von dir erzähle. Es gefällt dir nicht und doch nickst du, um dir nicht selbst zu widersprechen. Weiterlesen →