Ziellos

Er sagt man müsse sich entscheiden. In unserem Alter ist es verlorene Zeit, sich immer und immer wieder auf ein Glas Wein zu treffen, Ausstellungen zu besuchen oder an der Isar spazieren zu gehen. Irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, haben wir die Mitte unseres Lebens erreicht, d.h. Halbzeit, d.h. sich nun zu beeilen. In unserem Alter, da verbringt man nicht mehr einen Abend in der Bar, nur weil es dort den besten Gin Tonic der Stadt gibt. Den kann man sich auch zu Hause machen, während man sich über seine Zukunft Gedanken macht und sich vielleicht, wie in meinem Fall auch einmal fragt, warum man denn alleine wohnen würde. Meinen Einwurf, dass alleine wohnen unter Umständen nicht eine Frage der Verzweiflung, sondern eine ganz bewusste Wahl und ein ganz besonderes Vergnügen ist, wischt er mit einer Handbewegung zur Seite. Während er ohne sichtlichen Genuss seinen Gin Tonic trinkt, unterstellt er mir eine große Traurigkeit, die man in meinen Augen sehen würde. Auf der Toilette habe ich meine traurigen Augen überprüft, und vermute dass ich die Kontaktlinsen schon etwas zu lange in den Augen habe, weil ich es nicht für nötig hielt für ein Glas Gin Tonic zuerst nach Hause zu gehen. Make up vom morgen, lässt mich also traurig aussehen, denke ich und lege nach. Ein Vorteil der nahen Lebensmitte – in meiner Tasche ist immer das was ich brauche und ich sehe keine Notwendigkeit darin für einen Bekannten, den ich schätze, dem ich aber nicht hoffnungslos verfallen bin, zwischen Arbeit und Bar nach Hause zu rennen, um das Make up des morgens ab zu wischen und neues aufzutragen. Mit dem Mascara in der Hand frage ich eine fremde Frau, die neben mir am Waschbecken steht ob ich traurig aussehe. Ne, sagt sie, aber müde gequatscht. Sie sitzt mit ihrer Freundin seit einer Stunde am Tisch, neben dem unseren. Passt schon, sagt sie noch und ich stecke Wimpertusche und Rouge wieder weg. Müde gequatscht aber ansonsten befinde ich mein Aussehen als annehmbar. Kann allerdings auch an der schummrigen Beleuchtung der Toilette, die ich sehr schätze, liegen.

Das zweite Glas das er bestellt, bestellt er, so vermute ich, weil ein Abend mit nur einem Glas keinen Sinn macht, man hat sich ja schließlich schon aus dem Haus bewegt und alles was man in unserem Alter macht sollte Sinn ergeben. Ich ergebe für ihn keinen Sinn, das verstehe ich schnell. Oder nein, ich verstehe es an diesem Abend schnell habe es zuvor aber nicht verstanden und dachte es ist eine schöne Sache ohne einen Plan oder ein Ziel zu verfolgen, einfach Zeit miteinander zu verbringen. Wie er mir aber den ganzen Abend über schon zu verstehen gibt, ist das in seinen Augen zur Zeitverschwendung geworden. Noch sind wir in dem Alter in dem wir es schaffen könnten eine langjährige Beziehung zu führen eine Familie zu gründen und einen Plan, ein Ziel zu haben. Das Ziel von dem er spricht liegt klar auf dem Tisch zwischen uns. Er und ich? Ja oder nein? Das müsste man nun doch wirklich einmal klären. Mir wird das zu blöd und ich beantworte seine Fragen, ohne dass er sie gestellt hat. Nein und Nein. Wenn ich mich mit jemanden treffe, dann tue ich das auch kurz vor meiner Lebensmitte, manchmal ganz ohne einen Plan oder ein Ziel zu verfolgen. Das sage ich ihm nicht, es wäre sinnlos. Er ist auf der Pirsch und jeder Frau, die sich nicht sofort erledigen lässt, unterstellt der Traurigkeit oder Frustration. Und wenn ich ehrlich bin, unter stelle ich ihm genau das gleiche. Mit Bedauern, denn ich kenne wenige Leute die so wunderschön über Sartre, so pointiert über die Sackgasse der SPD und so klug und mitfühlend über die Folgen des Klimawandels sprechen können.

Wir werden diese Gespräche eine lange Zeit oder vielleicht auch nie wieder führen können. Er verfolgt jetzt einen Plan, hat ein Ziel und keine Zeit, sich mit Banalitäten aufzuhalten.

Ein anderer steht mit dem Rücken zu mir  am Fenster und sieht hinaus, wie er es oft tut, wenn er nachdenkt. Was ist unser Plan, frage ich ihn und lehne meine Stirn gegen seinen Rücken, wie ich es oft tue, weil seine Haut an dieser Stelle auch im Winter nach Sommer riecht. Brauchen wir einen, höre ich ihn fragen und schüttle den Kopf. Dafür habe ihn gern. Dafür und für den Wein, mit dem er vor der Türe steht und immer etwas planlos schaut, wenn ich ihm öffne.

39 Gedanken zu “Ziellos

      1. PS: Nur falls Sie das argwöhnen: Ich verfolge in der Konversation mit Ihnen keinerlei weiterführenden Pläne! Was allerdings eine Äußerung ist, die in die Kategorie ‚Manchmal hält man lieber den Mund‘ fällt. Ich sage es aber trotzdem, Kategorie ‚Souveränität des Alters‘ 🙂

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      2. Sagen Sie es ruhig. Ich argwöhnte nichts und empfinde es als schön Ihnen hier planlos zu begegnen.

        Souveränität des Alters…gefällt mir. Heben wir uns aber vielleicht noch für später auf. So alt wie es klingt, sind wir noch nicht. Souverän aber schon jetzt.

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  1. Manchmal ist es wunderbar, wenn man einmal keinen Plan haben muss. Und manchmal regelrecht erleichternd, wenn man einen Plan gefasst hat. Eigentlich macht es immer die Mischung aus. Und wenn sich das Gefühl im Bauch gut anfühlt, dann wird es wohl schon so passen.

    Es ist ja nicht gesagt, wenn du einen Plan fasst, dass der Entschluss dann gefällt. Womöglich wäre dem einen beim zweiten Bier dann lieber, du wärest auch weiterhin so ohne Ziel.

    Ach was, auch ich bin müde, da quatscht es sich schon mal sinnlos dahin …

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    1. Ne, gar nicht sinnlos. Getippt wie gedacht…das versteht man schon. Also ich. Und ja…du hast recht. Den einen oder anderen Plan gefasst zu haben, erleichtert ganz ungemein. Nur wenn einer plötzlich plant und man selbst sich eigentlich gar nicht als Teil dieses Planes sieht, dann ist man überrascht und es wird anstrengend.
      Liebe Grüße

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  2. Liebe Mitzi,
    wenn Sie die Gedanken der Männer lesen könnten, würden Sie unabhängig von den Erlebnissen, Begegnungen, Taten, Zielen und Plänen erfahren, dass der Plan eines Ziellosen und das Ziel eines Planlosen gar nicht so grundverschieden sind.
    Manch einer spricht aus, was ein anderer nur denkt, und das macht für Sie dann den Unterschied, wie angenehm der Umgang für Sie ist.
    Als Frau haben Sie aber den grandiosen Vorteil, jederzeit die Spielregeln zu bestimmen.
    Im nächsten Leben werde ich auch Frau – auch mit dem Nachteil, beruflich immer benachteiligt zu werden. Beruf ist nicht alles. 😉
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, ich weiß nicht ob wir Frauen immer die Spielregeln bestimmen können. Vermute fast, dass wir das nicht können oder uns womöglich zu blöd anstellen. Jenseits beruflicher Nachteile und trotzdem und weil es einfach fein ist…ich bin gerne eine Frau.
      Die Gedanken der Männer lese ich besser nicht. Eigentlich mag ich es ja, nicht alles zu wissen. Das ist anstrengend, aber so bleibt man wenigstens im Gespräch. Der Gedanke, dass der Plan eines Ziellosen und das Ziel des Planloses ähnlich sind gefällt mir.
      Herzliche Grüße

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  3. Mitzi, du schreibst: „In unserem Alter ist es verlorene Zeit, sich immer und immer wieder auf ein Glas Wein zu treffen, Ausstellungen zu besuchen oder an der Isar spazieren zu gehen.“ Das bedeutet dann im Umkehrschluss, dass ich mich in meinem Alter nur noch zu einem Fass Wein verabreden darf, damit es nicht rausgeschmissene Zeit ist. 🙂

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  4. es sind die stunden ohne ziel und plan, die wirklich lebenswert und in erinnerung bleiben. ich gebe zu, ich habe auch eine zeitlang optionen abgeklärt, aber wenn ich jemals aufhören würde, mich um der gemeinsamen zeit willen zu treffen, dann kann man mich wohl auch gleich begraben.

    ich musste jetzt ganz stark an dieses wunderbare lied denken, das titelgebend für meinen sehr verschlafenen musicblog ist: https://www.youtube.com/watch?v=c21SfaAwBw0 ich spoilere jetzt mal die letzte strophe:
    After all the loving and the losing,
    For the heroes and the pioneers,
    The only thing that’s left to do
    Is get another round in at the bar.

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    1. Danke für den Link – ich kannte es nicht, das Lied – und bin froh es dank dir gehört zu haben. Ein guter Text!!!
      Optionen abzuklären ist nicht falsch. Wahrscheinlich sogar wichtig. Ich hatte und habe oft genug Ziele. Aber, wie du schreibst, viele schöne Erinnerungen liegen am Weg zum Ziel oder in den ziel- und planlosen Momenten.
      Liebe Grüße

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  5. Ziel oder hier in deiner gar wunderschönen Szene „Lebensziel“ liegt das nicht immer am Ende einer Wanderung, eines Lebens? Wer bei einer Wanderung nur das ferne Ziel im Blick hat, sieht gar nicht, was da Schönes links und rechts des Weges liegt, mein vorläufiges Fazit, liebe Mitzi. Wie immer ganz an deiner Seite,
    Jules

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    1. Ein besonders schöner Vergleich, lieber Jules. Ein Ziel zu haben ist nicht schlecht. Oft sogar sehr wichtig. Ab dem Moment wo es verbissen wird und man, wie du so richtig anmerkst, das Schöne links und rechts des Weges nicht mehr sieht, verfehlt man womöglich all die Zwischenziele an die man gar nicht dachte.

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  6. Ist es nicht viel eher verlorene Zeit, wenn wir, anstatt zu tun, was wir wirklich wollen und was uns glücklich macht, Plänen hinterherlaufen, die wir nur gefasst haben, um irgendeine „Norm“ zu erfüllen oder den Vorstellungen anderer gerecht zu werden?
    Ich glaube, du es hast es gut erkannt und liegst mit deiner Unterstellung, dass vielleicht gerade er traurig und frustriert ist, gar nicht so falsch.
    Und ich glaube auch nicht, dass das Alter hierbei eine wichtige Rolle spielt. Auch meine Lebensmitte kommt ja langsam aber sicher in greifbare Nähe und trotzdem fehlt mir durch meine Ziellosigkeit nichts. Unsere Zeit gehört uns allein und nur wir selbst entscheiden, wie wir sie nutzen und was wir als „verloren“ bezeichnen.

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    1. Schön geschrieben. Ich sehe es ganz ähnlich. Ein paar Ziele im Leben sind fein und der eine oder andere Plan nicht ganz unwichtig um nicht ungewollt und unzufrieden haltlos durch das Leben zu torkeln. Wenn es aber überhand nimmt und letztendlich nur der Erfüllung von Normen oder Vorstellungen entspricht, dann wird es nur anstrengend.
      Liebe Grüße

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