U-Bahn Gedanken. Alfred ist tot. Sein Bruder auch.

Alfred ist letzten Sommer gestorben, sagt die Frau im Bus neben mir. Sie sagt es recht fröhlich und ganz ohne Trauer in der Stimme. Das alleine ist kein Grund zur Verwunderung. Der letzte Sommer ist nun auch schon eine Weile her und jemand namens Alfred war wahrscheinlich doch schon etwas älter. Der Name ist nicht mehr modern. Wobei…so genau weiß man das ja nie. Mein Neffe heißt Albert und ist, auch wenn er widersprechen würde, noch ein Kind. Mein Albert ist so frisch, modern und voller Leben, dass er dem alten Namen neuen Schwung einhaucht. Alfred aber war sicher kein Kind, denn egal wie viele Sommer es her ist, über den Tod eines Kinder spricht man in der Regel nicht fröhlich lachend. Acht Jahre war er, sagt die Frau neben mir und ich drehe ganz automatisch den Kopf in ihre Richtung. Acht Jahre! Ach, du meine Güte. Alleine der Gedanke, dass so junges Leben vergeht, macht einen doch traurig. Vielleicht litt er recht, der arme Alfred und es war eine Erlösung. Das kommt im Leben, auch im ganz jungen, ja gar nicht so selten vor. Aber nein. Alfred ist in ein Auto gerannt. Der Depp, berichtet die Dame neben mir und ich empfinde ihre Wortwahl als doch recht ungewöhnlich. Ein Kind ist oft ein Depp. Gerade in Bayern, ist das ja fast schon ein Kosewort. Aber ob ich jetzt ein, bei einem Autounfall verunglücktes, Kind als Depp bezeichnen würde, bezweifle ich stark. Die, die der Erzählenden gegenüber sitzt, zuckt mit den Schultern. Das sei ja nicht ungewöhnlich. Grad in Deisenhofen, wo die Straße ohne Geschwindigkeitsbegrenzung mitten durch den Ort geht, muss man mit so was ja rechnen. Man fragt mich nicht, aber ich würde, falls man mich doch noch fragt, vehement widersprechen. Nein, mit so was rechnet man nicht. Mit so was rechnet man doch im Leben nicht. Selbst wenn das Kind ein richtiges Depperl war und den Kopf den ganzen Tag mehr in den Wolken als auf der Straße hatte. Die Frau widerspricht mir ohne das ich etwas gesagt habe und bekräftigt die andere. Ja, freilich, man muss damit rechnen. Auch wenn es natürlich schwer fällt, weil man sich doch arg aneinander gewöhnt hat. Na, wenigstens das, denke ich mir und überlege ob sie alt genug ist, eine Nachkriegsgeschichte zum besten zu geben. Da war man womöglich so abgestumpft und traumatisiert, dass man….aber nein, es war ja der letzte Sommer, als der Alfred zam g´fahrn worden ist.

Sein Bruder sei auch tot, höre ich und werde aus meinen Gedanken gerissen. Der Hansi, wird nachgefragt und ich sehe aus dem Augenwinkel ein Nicken. Ja, der Hansi. So ein schöner Kerl war es. Aus dem gleichen Wurf und grad erst hatte man ihm eine Wurmkur verpasst.

Schad um den Hansi, denk ich mir, bevor ich mich wieder auf mein Buch konzentriere. Aber mit so was muss man rechnen. Grad in Deisenhofen, wo die Straße ohne Geschwindigkeitsbegrenzung mitten durch den Ort geht.

9 Gedanken zu “U-Bahn Gedanken. Alfred ist tot. Sein Bruder auch.

  1. Liebe Mitzi,
    sie haben durch den Anfang dieses Artikels bei mir Erinnerungen geweckt, was Vornamen angeht.
    Ich wundere mich schon seit langer Zeit, wie Eltern schon bei der Geburt eines Kindes wissen können, welchen Charakter dieses Kind mal als Erwachsener seiner Umwelt präsentiert.
    Alle Menschen, die mir begegnen und den gleichen Vornamen haben „ähneln“ sich. Jedenfalls, wenn sie durch meinen „Statistikfilter“ „geformt“ wurden. ;).
    Alfreds kenne ich nur 2 – Ekel Alfred aus dem Fernsehen und einen Alfred hier im Dorf, der nicht ganz so ekelig ist, aber die absolut gleiche Statur wie der TV-Alfred hat.
    Ich will jetzt keine weiteren Beispiele aufzählen, was z.B. alle Ingrids gemeinsam haben, oder Thomas, Uwe, Susanne usw. das könnte bei LeserInnen Unmut verursachen.
    Ihr Neffe Albert ist sicher hoch intelligent! Hoffentlich achtet er mal auf seine Frisur und begegnet nicht so vielen Alfreds. Davor hat auch schon der andere Albert gewarnt. 😉

    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, auch ich frage mich manchmal ob ein Name nicht auch ein bisschen „Schuld“ an der Entwicklung oder den Lebensweg eines Kindes sein kann. Ich hoffe nicht, den wäre es so, täte mir ein jeder Kevin leid. Was der nicht alles über seinen angeblichen Charakter lesen muss.
      Lustig, dass Sie berichten wie ähnlich Namensfetter in ihrem Bekanntenkreis sind. Es muss etwas daran sein. Zur Belustigung meines Freundeskreises habe ich meine drei langen Beziehungen in diesem Leben mit Männern geführt, den alle drei den gleichen Vornamen tragen.

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  2. Hallo – schon in den ersten Zeilen vermutete ich hinter „Alfred“ einen Hund und war gespannt, ob es so am Ende kommt. Meine Verwandtschaft hatte vor Jahren einen Alfred, der war stark, kräftig, schwarz und ein wenig gefährlich.
    Durch den „gleichen Wurf“ wurde meine Theorie bestätigt, aber es könnten auch zwei Katerbrüder sein.
    Egal ob Hund oder Kater – zu Herzen geht einem doch so etwas auf alle Fälle, so dass jegliches Grinsen aus dem Gesicht gewischt werden müsste.
    Verkehrsmittel fahren findet Geschichten, nicht?????

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    1. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann waren es wohl Kater.
      Es geht einem zu Herzen. Wenn man sich allerdings erst einmal wundert, was die beiden da so unsensibel sprechen, dann rutscht einem spätestens beim „wurf“ und der „Wurmkur“ doch ein Grinsen raus.
      Und ja – genau an diesem Ort findet man die besten Geschichten.
      Liebe Grüße

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  3. Geniale Kurve! Danke Dir, liebe Mitzi für diese … was soll ich da jetzt schreiben? ,,Gut“oder ,,schön“ passt ja eher nicht, nicht? Naja, jedenfalls hat mich dein Erzählstil wie immer Deine Geschichte in einem Rutsch durchlesen lassen und das Ende hat mir … nein , natürlich nicht ,,gefallen“, aber doch etwas beruhigt… Es war einfach eine gute Darstelung der meschlichen Reaktion auf bestimmte ,,Codewörter“! Alles Liebe , Nessy
    www,salutarystyle.com

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    1. Das freut mich, Nessy.
      Es gefällt einem zwar nicht, wenn ein Tierchen stirbt, aber ich glaube man darf darüber schon ein bisschen schmunzeln, wenn man erleichtert erkennt, dass es kein Kind war.
      Das mit den Codewörtern ist faszinierend. Wie schnell wir (abseits meiner Erzählung) nur ein oder zwei Worte hören und meinen zu wissen, worum es geht.

      Herzliche Grüße
      Mitzi

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