Schönes, schönes Leben

An manchen Tagen ist mir die Welt zu groß und zu unübersichtlich um sie zu verstehen. Es ist leichter, sich auf den Mikrokosmos zu konzentrieren, der das direkte Umfeld bildet. Er unterscheidet sich nicht viel vom großen. Auch in meinem Haus ist all das zu finden, komprimiert und übersichtlich, das die komplette Stadt repräsentiert und wahrscheinlich noch mehr. An manchen Tagen überfordert mich auch das.
Neben mir zerbricht eine Welt, während über mir ein neues Leben eingezogen ist. Unten stirbt einer und einer, der ihn vermisst, bleibt übrig, während im Hinterhaus so heftig gestritten wird, dass man den Laubengang meidet und sein Paket lieber auf der Post abholt. Rechts neben mir hoffen sie, während sie ganz oben längst damit aufgehört haben.
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Geht immer

Ob ich diese Jacke wirklich tragen möchte, fragt mich der Mann, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, und wirft einen kritischen Blick auf das kleine, fast unsichtbare Brandloch am Kragen. Ja, sage ich und ziehe mir das Band aus den Haaren, während ich mich wundere, dass ihm so kleine Löcher auffallen, wo er doch sonst das Offensichtliche so oft nicht bemerkt. Meine Haare fallen über den Kragen und er nickt, nun sei es besser. Weiterlesen →

Freinacht

Heute Nacht dürfen wir die Briefkästen nicht in die Luft jagen, sage ich zu meinem Nachbarn Paul, als wir beide im Treppenhaus auf den Lift warten. Schade, sagt er und fragt mich ob das endgültig sei. Ich nicke und deutet auf das weiße Brett gegenüber der Briefkästen, deren Sprengung uns heute Nacht verboten wurde – dort hat unser Hausmeister eine Liste angebracht welche detailliert aufzählt, was heute Nacht alles verboten ist.

In der heutigen Freinacht ist Ihnen folgendes nicht erlaubt, liest Paul vor und ich stelle mich neben ihn weil es nie schaden kann, zu wissen was man darf und was nicht.  

  • Das Beschmieren von Autos mit Mehl, Rasierschaum oder Ketchup.
    Mach ich eh nicht. Wenn ich etwas zu sagen habe, verwende ich Lippenstift.

  • Das Werfen von rohen Eiern an Hauswände oder Autos.
    Das Eierwerfen nun auch schon verboten ist, wundert mich.

  • Das Ausleeren von Mülltonnen oder Altglas-Containern.
    Hier sehe ich Paul schmunzeln und frage nicht weiter nach.

  • Das Einwerfen von Fenstern.
    Ich bezweifle, dass dieses Verbot nur für die Freinacht gilt.

  • Das Anbringen von Fallen (Schnüre, Wäscheleinen oder Drähte, die auf Kopfhöhe über eine Straße oder einen Weg gespannt werden). Sie könnten hier versehentlich jemanden töten!!!!
    Paul und ich sehen uns nach diesem Punkt eine Weile schweigend an und denken das Gleiche. Unser Hausmeister kommt aus der Ukraine und dort scheint die Freinacht um einiges Härter als in Bayern zu sein.

  • Das Sprengen von Briefkästen oder das Anzünden von Mülltonnen.
    Hätten wir eh nicht gemacht. Erstens sind Paul und ich zu alt für die Freinacht und zweitens macht das auch sonst keiner, weil beides noch gebraucht wird.

Wie gut, dass wir an die bevorstehende Freinacht erinnert wurden. Paul und ich gehen noch einmal nach draußen. Er um sein Auto in die Garage zu fahren und ich um mein Rad heute lieber in den Keller zu bringen. Weiterlesen →

Verdrehn´S jetzt bitte nicht die Augen

Zwischen den Münchner Stadtgeschichten, Bally Prell, Stadtteilführern und König Ludwig zu liegen, ist nicht das Schlechteste. Im Gegenteil – da liegt es sich hervorragend.

Wenn Sie aus München kommen, dann schaun Sie unbedingt auf der Dult vorbei. Hosenträger, Zuckerwatte, neue Pfannen, eine Fischsemmel, Lederreiniger, Bier, Bücher, Mieder und ein neues Sonntagsgeschirr können Sie im vorbei gehen kaufen. Schauen Sie nur, dass Sie am Ende noch eine Hand frei haben (kluge Frauen haben einen Träger dabei und gescheite Männer einen großen Rucksack).
Weil ganz zum Schluss, da sollten Sie noch unbedingt am Standl „München in Büchern“ von der Frau Kurth vorbei schauen und sich mit Lesestoff eindecken. Grad so viel, dass mein Büchlein auch noch in Ihre Tasche passt (verdrehn`S jetzt nicht die Augen – a bisserl Werbung muss sein). Sie finden den Stand in der Ahorngasse 20b und verlaufen können Sie sich nicht. Die Gassen der Dult haben sinnvolle Namen und eine Allee von Ahornbäumen, erkennen Sie sicher. Grad jetzt wo die Blätter so schön hellgrün sind.

Und (immer noch kein Augenverdrehen bitte) wenn Sie nicht in München wohnen, dann können Sie mich auch im Buchhandel stationär und auch bei Amazon kaufen. Und jetzt viel Spaß auf der Dult, in einem Biergarten oder an Nord- und Ostsee – was für Sie am besten gelegen ist.

Herzlichst Ihre
Mitzi

Xxx

Giesing? Um Gottes Willen!

Ob ich nicht ein bisschen freundlicher lächeln möchte, fragt mich Herr Meier mit einem boshaften Grinsen im Treppenhaus und ich schüttle den Kopf. Nein, will ich nicht. Mir ist gerade nach einem neutralen Gesichtsausdruck und den werde ich bestimmt nicht durch ein Kieferschmerzendes, erzwungenes Lächeln ersetzen. Muss ich auch nicht. Herr Meier kennt mich, weiß dass ich ihn mag und erwartet kein künstliches Lächeln. Bis in den Januar hinein lächelten wir grundsätzlich nur spontan, wenn uns danach war. Aber damit ist es jetzt vorbei. Seit Anfang Februar lächeln wir immer, wenn uns jemand im Hausflur oder in der Einfahrt begegnet. Ein etwas verkrampftes Lächeln, das wir aufsetzen, seit man uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass wir ein reichlich unfreundlicher Haufen sind. Eigentlich ist uns so etwas egal. Aber wenn man so deutlich unter die Nase gerieben bekommt, dass man unfreundlich ist, dann strengt man sich doch ein bisschen an. Alle samt würden wir im Treppenhaus mit muffligem Gesicht herum laufen und im Aufzug sei es kaum auszuhalten, weil ein jeder, den man da antrifft, mit verbissenem Gesicht und hängenden Mundwinkeln in der Ecke steht und vor sich hin starrt. Schlimm sei das Haus Nr. 42. So schlimm, dass die Verfasserin dieses harten Urteils viel lieber in der Nummer 44 wohnen würde. Von dort hört man nur gutes. Leider sind dort aber aktuell keine Wohnungen zu mieten und so würde sie, die Wertende, weiter im Hinterhaus der Nr. 42 sitzen und sich grämen müssen. Die Zeit vertreibt sie sich im Internet, auf einem noch recht neuen Portal, das es ermöglicht seine Nachbarn, die Straße in dem man wohnt und auch gleich das ganze Viertel zu bewerten. Sie tut das mit Hingabe. Hat sich die Kassiererin im Supermarkt bei der Rückgabe des Wechselgeldes verzählt, findet sich am nächsten Tag auf dem Portal eine Bewertung von Frau A. , in welchem sie Betrug unterstellt. Ist das Treppenhaus aufgrund von tagelangem Schneematsch dreckiger als sonst, bekommt unser Hausmeister öffentliche Minuspunkte und lächelt ein Nachbar nicht freundlich genug, wird ihm Desinteresse an der Hausgemeinschaft unterstellt. Weiterlesen →

Frühlingslachsfarbener Nagellack

Die feinen Härchen an meinen Unterarmen sind so hellblond, dass sie fast weiß sind. Eine Woche Frühlingssommersonne reicht um sie zu bleichen. Das passt ganz wunderbar zu der schon leicht braunen Haut. Auch dafür reicht eine Woche, was für eine Blondine erstaunlich ist und mir wahrscheinlich von meinem Vater vererbt wurde. Der Lack an meinen Zehennägeln ist Frühlingslachsfarben. Ich wies Paul eben im Lift darauf hin. Nicht das es ihn interessiert hätte, aber ich wollte es aussprechen. Wenn ich Frühlingslachsfarbenen Nagellack trage, dann ist Sommer im Frühling. Solche Tage sind selten und machen glücklich. Paul blickte so grummelig, dass ich empfahl unbedingt die Schuhe auszuziehen. Das erste mal Barfuß zu laufen, hilft gegen schlechte Laune. Grillkäse auch, sagt er und lädt sich selbst zum Grillen in unseren Laubengang ein.

Müsste ich nicht die Kohle anheizen, hätte ich ihnen vom Frühling im Vorderhaus erzählt. So aber hoffe ich, dass Sie eh keine Zeit zum Lesen haben.

Ein Schatz

Meine Großmütter haben mir in meiner Kindheit viel erzählt. Geschichten um Geschichten aus dem Fundus ihrer Erinnerungen. Keine von beiden dachte sich je etwas aus oder las mir ein Märchen vor.  Die Erzählungen meiner Großmütter bestanden ausschließlich aus ihren Erinnerungen. Beide berichteten am liebsten von ihren großen Lieben. So weiß ich, dass der Martl, der Martin, die erste große Liebe meiner Großmutter mütterlicherseits war. Sie hat uns Kinder oft von ihm erzählt. Ich kann mich an ihre leuchtenden Augen und das warme Lächeln erinnern, wenn sie von ihm berichtete und erzählte wie schwer es mit einem ledigen Kind war. Er ist ihr weggestorben noch bevor sie ihn heiraten konnte, auch das wusste ich, und dass sie ihn nie vergessen konnte, war mir leicht zu verstehen. Die erste Liebe bleibt immer eine ganz besondere. Sie hat uns so oft von ihm erzählt und doch nicht alles. Oder ich kann mich nicht mehr richtig erinnern. Seltsamer Weise verschwinden die Details bei Erzählungen, die man besonders oft hört, am leichtesten. Gestern Abend hat sie es mir noch einmal erzählt. Ganz in Ruhe und ganz ausführlich. Hat erzählt und sich erinnert: Weiterlesen →

Iljana, schau! So schön.

Mit dem alten Säufer geht es abwärts. Seit einigen Tagen schiebt er den Einkaufswagen nicht nur, um die Plastiktüten seiner Besitztümer zu transportieren, sondern auch, um sich am Wagen festzuhalten. Bis vor kurzem schien er noch eine Bleibe zu haben, aber jetzt sieht man ihm an, dass er auf der Straße wohnt. Das wenige Geld, das ihm bleibt investiert er in kleine Flaschen, deren Inhalt seinen Verfall beschleunigt. Es ist traurig zu sehen, wie schnell es nach unten geht, wenn der letzte Halt fehlt. Der alte Säufer hielt sich lange an seinem Hund fest. Der ist jetzt tot und man sieht ihn nur noch alleine auf den Bänken und Mäuerchen am Straßenrand sitzen. Iljana, die mazedonische Aushilfe des vietnamesischen Schönheitssalons, lächelt jetzt immer traurig wenn sie ihn sieht. Letztes Jahr noch lachte sie fröhlich und erlaubte ihm, wenn keine Kunden zu bedienen waren, den Schnaps im Türrahmen des Ladens zu trinken. Denn darauf legte er Wert. Getrunken wurde nur, wenn einer in der Nähe war, der ihm beim Reden zuhörte und dem er beim Trinken zuprosten konnte. Gestimmt hat das wahrscheinlich nicht, aber er sagte es, wenn er denn einmal etwas zu einem anderen sagte. Meistens sah man ihn in Gedanken versunken in der Sonne sitzen und nur einzelne Sätze rufen. Wenn ihm etwas wichtiges durch den Kopf schoss, dann musste er es laut sagen und manchmal auch rufen. In letzter Zeit sind seine impulsiven Aufschreie einem beständigen und leisem Murmeln gewichen und er lungert nur noch selten bei Iljana vor dem Schönheitssalon herum. Seit einer Woche aber jeden Morgen. Weiterlesen →

Chick lit

Einmal davon abgesehen, dass der Begriff Frauenliteratur an sich schon ganz häufig Schwachsinn und eine völlig unnötige Eingrenzung ist, gibt es hier ein Subgenre, dessen Begrifflichkeit mir jedes Mal Brechreiz verursacht: Chick lit. Schon mal gehört?
Neben Liebesgeschichten, Romantic Crime, historischen Frauenromanen (am Rande…kennen Sie historischen Männerromanen?) gibt es seit einigen Jahren Chick lit.  Bis vor einigen Jahren gerne freche Frauenliteratur genannt. Auch nicht unbedingt pauschal treffend, aber wenigstens wurde die Protagonistin noch als Frau wahrgenommen und nicht als Chick. Ein Chick ist ein Hühnchen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Diese Romane haben durchaus ihre Berechtigung. Mondscheintarif – selten so gelacht. Bridget Jones – unfassbar lustig. Es ist völlig legitim, wenn sich ein Buch einzig damit beschäftigt, dass die Protagonistin ihren chaotischen Alltag bewältigt und als einziges Lebensziel eine glückliche, gerne oberflächliche Beziehung mit einem im besten Fall super reichen, mindestens aber gut situierten und zwingend umwerfend aussehenden Mann anstrebt. Wenn es gut geschrieben ist, meinetwegen. Es gibt Momente, da will man genau in eine solche Geschichte abtauchen. Es mag im Leben einer Frau sogar Momente geben, in denen man genau das als Lebensziel definiert. Über Tagträume und Situationen geistiger Umnachtung sollte man nicht urteilen. Aber Chick lit? Hühnchen Literatur? Und glauben Sie nicht, dass die wörtliche Übersetzung nicht angebracht ist. Sie ist besser als die gängigen Umschreibungen. Anspruchslose oder seichte Literatur für Frauen.  Weiterlesen →

Schön gedacht

Eine Hummel brummt. So dicht neben meinem Ohr, klingt sie wie ein kleiner, dumpfer, nicht müde werdender Motor. Ein Geräusch, das nach Sommer klingt obwohl es erst Anfang April ist. Das vergesse ich leicht, weil Beine und Arme das erste Mal in diesem Jahr ohne Kleidung in der Sonne liegen und mir so warm ist, dass ich den Gedanken an ein Aufstehen schon seit über einer Stunde immer wieder verschiebe. Es schläft sich so leicht, hier in der Sonne. Es schläft sich so schön oberflächlich unter all den Geräuschen, die neben der Sonne wie eine zweite, ebenso schöne Decke sind. Eingehüllt in Wärme und Geräusche liege ich besonders gerne vor der Hausbank unserer Hütte im Wald. Im nahen Wald raschelt etwas, aber das ist keine Grund die Augen zu öffnen. In der Stille ist selbst ein Vogel oder eine Maus, die durch das Laub laufen so laut, dass man oft versucht ist an einen Menschen, der auf die Lichtung tritt, zu glauben. In all den Jahren kam noch nie ein Mensch durch den Wald zu unserer Hütte. Die kommen den Weg herauf und klingen ganz anders. Und doch glaubt man es jedes Jahr wieder: Da kommt einer durch den Wald. Kein Grund die Augen zu öffnen. Wenn einer kommt, dann wird er sich schon bemerkbar machen und nach dem Weg oder einen Schluck Wasser fragen. Die Bank auf der ich liege ist hart und das Holz drückt unangenehm an mein Schulterblatt. Kein Grund aufzustehen. Es ist zu warm und das Brummen der Hummeln dicht am Ohr, lädt ein, noch ein wenig zu schlafen und zu dämmern. Weiterlesen →