Giesing? Um Gottes Willen!

Ob ich nicht ein bisschen freundlicher lächeln möchte, fragt mich Herr Meier mit einem boshaften Grinsen im Treppenhaus und ich schüttle den Kopf. Nein, will ich nicht. Mir ist gerade nach einem neutralen Gesichtsausdruck und den werde ich bestimmt nicht durch ein Kieferschmerzendes, erzwungenes Lächeln ersetzen. Muss ich auch nicht. Herr Meier kennt mich, weiß dass ich ihn mag und erwartet kein künstliches Lächeln. Bis in den Januar hinein lächelten wir grundsätzlich nur spontan, wenn uns danach war. Aber damit ist es jetzt vorbei. Seit Anfang Februar lächeln wir immer, wenn uns jemand im Hausflur oder in der Einfahrt begegnet. Ein etwas verkrampftes Lächeln, das wir aufsetzen, seit man uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass wir ein reichlich unfreundlicher Haufen sind. Eigentlich ist uns so etwas egal. Aber wenn man so deutlich unter die Nase gerieben bekommt, dass man unfreundlich ist, dann strengt man sich doch ein bisschen an. Alle samt würden wir im Treppenhaus mit muffligem Gesicht herum laufen und im Aufzug sei es kaum auszuhalten, weil ein jeder, den man da antrifft, mit verbissenem Gesicht und hängenden Mundwinkeln in der Ecke steht und vor sich hin starrt. Schlimm sei das Haus Nr. 42. So schlimm, dass die Verfasserin dieses harten Urteils viel lieber in der Nummer 44 wohnen würde. Von dort hört man nur gutes. Leider sind dort aber aktuell keine Wohnungen zu mieten und so würde sie, die Wertende, weiter im Hinterhaus der Nr. 42 sitzen und sich grämen müssen. Die Zeit vertreibt sie sich im Internet, auf einem noch recht neuen Portal, das es ermöglicht seine Nachbarn, die Straße in dem man wohnt und auch gleich das ganze Viertel zu bewerten. Sie tut das mit Hingabe. Hat sich die Kassiererin im Supermarkt bei der Rückgabe des Wechselgeldes verzählt, findet sich am nächsten Tag auf dem Portal eine Bewertung von Frau A. , in welchem sie Betrug unterstellt. Ist das Treppenhaus aufgrund von tagelangem Schneematsch dreckiger als sonst, bekommt unser Hausmeister öffentliche Minuspunkte und lächelt ein Nachbar nicht freundlich genug, wird ihm Desinteresse an der Hausgemeinschaft unterstellt.

Wie schlecht die Bewohner des Hauses Nr. 42 bewertet wurden erfuhren wir durch einen Ausdruck, der Anfang des Jahres am schwarzen Brett im Hausflur hing. Zuvor wussten wir überhaupt nicht, dass unser Viertel über eine eigene Homepage und sogar über eine App verfügt. Dank dem Aushang wissen wir es nun. Auch, dass das Haus Nr. 44 eine Ausnahme darstellt. Unter „wirhabenunsgern.de“ findet sich nach Eingabe unserer Postleitzahl alles was wir bisher über unser Haus und unser Viertel noch nicht wussten. Zum Beispiel, dass die Mülltonnen in unserer Straße dreckiger sind als in anderen. Außen – nicht innen. Belegt durch Fotos des direkten Vergleichs. Auch sind unsere Briefkästen nicht gegen schmale Kinderhände gesichert und trotz der am schwarzen Brett aushängenden Hausordnung, würde es immer wieder rücksichtslose Nachbarn geben, die am Sonntag die Waschmaschine anstellten oder ihre Wohnung zwischen elf und dreizehn Uhr saugten.  Am schlimmsten aber sei unser Umgangston. Der im Haus Nr. 42 und im Viertel allgemein. Ruppig, unfreundlich und dazu noch unverständlich, weil in Giesing mehr gemurmelt, als gesprochen wird. Unser Viertel erreicht nur vier von möglichen zehn Punkten.

Weil der Lift, wie so oft in letzter Zeit kurz stecken bleibt, kann ich mich mit meinen Nachbarn kurz ungestört und vor allem unbelauscht unterhalten. Ob man schon wissen würde, wer den Schmarrn über unser Viertel verbreiten würde, erkundigt sich Herr Meier. Paul und ich schütteln den Kopf. Aus Recherchegründen haben wir uns beide bei „wirhabenunsgern.de“ angemeldet. Wir scannten unser Ausweise ein, um nachzuweisen, dass unser Wohnsitz die richtige Postleitzahl hat und stimmten neben den AGB´s auch den umfangreichen Verhaltensregeln des Portals zu und luden Fotos unserer lächelnden Gesichter hoch. Wirklich freundlich lächeln wir nicht – eher angriffslustig unserer Stimmung entsprechende. Zu neugierig waren wir, wer unser wunderbares Viertel als so unfreundlich und wenig lebenswert empfand. Als der Lift wieder fährt und Herr Meier ausgestiegen ist, halten Paul und ich ihn ganz bewusst an. Wir wissen, wer uns so schlecht bewertet. Es ist Frau Anstetten aus dem Hinterhaus. Die kommt aus Schwabing, hat sich gleich drei Eigentumswohnungen im Viertel gekauft und ist enttäuscht, dass Giesing sich weit weniger hipp und cool präsentiert als ihr der Makler versprochen hat. Von wegen aufsteigendes Viertel, beschwert sie sich online, im Gegensatz zu Haidhausen und dem Lehel, hätte Giesing noch sehr viel Nachholbedarf. In fast keinem der kleinen Cafes sei zum Beispiel Platz für einen Kinderwagen und einen schönen Sojalatta würde man überhaupt nirgends bekommen. Anstatt eines Coffee to go würde man ihr hier tatsächlich noch eine Porzellantasse in die Hand drücken und erwarten, dass sie diese im oder vor dem Laden trinken würde. Unmöglich, sie hätte ihre Zeit doch nicht gestohlen. Und die Neugier der Menschen. Es ist ja kaum möglich sich eine Zeitung zu holen ohne dass man vom Verkäufer auf die Schlagzeilen angesprochen wird. Und diese winzigen Läden. Charme ja, aber man bekommt halt doch nicht alles. Zum Glück sei man binnen weniger Minuten in den wirklich schönen Vierteln. Aber günstig ist es halt noch.

Paul und ich fragen uns, was Frau Anstetten wohl unter günstig versteht. Die Mieten steigen und schon lange ist Giesing kein Geheimtipp mehr. Im Gegenteil. Hier wird groß investiert. Nur eben nicht für die Giesinger, sondern für betuchtes Klientel, das auf der Suche nach dem ursprünglichen und typischen München ist und fest daran glaubt, dass dieser Stadtteil ein unterschätztes, aufstrebendes Viertel ist. Das glauben wir übrigens auch. Das Giesing unterschätzt ist. Im Gegensatz zu den Maklern, wissen wir aber, dass es ganz sicher nicht aufstrebend ist. Wir freuen uns über die neuen Restaurants und Bars der letzten Jahre. Besonders, weil sie überwiegend von Bewohnern eröffnet wurden und nur selten die großen Ketten ihren Weg zu uns finden. Gleichzeitig hängen wir aber an unserem ruppigen Charme, dem unperfekten und manchmal auch an dem hässlichen. Das darf gerne so bleiben. Und deshalb, schimpfen wir gemeinsam mit Frau Anstetten, was das Zeug hält über die unfreundlichen Giesinger, die den Mund nicht aufbekommen und doch tatsächlich noch immer dem 1860igern die Treue halten. Nicht, weil wir ihre Meinung teilen. Nein, eher weil es uns ganz recht ist, wenn nicht noch mehr wohlhabende Münchner sich nach Giesing verirren und es in die Moderne führen wollen.

Übrigens…wie wir wirklich sind, das können Sie sich hier ansehen. (DeWer sich die Mühe macht, etwas genauer hinzusehen und einen schönen Ort zum Leben sucht, der ist in Giesing immer herzlich willkommen. Nur wenn die eh schon steigenden Mieten dank Luxussanierungen zum unbezahlbaren Irrsinn mutieren, dann freut sich der Giesinger wenn ihm der Ruf des „Glasscherbenviertels“ weiter anhaftet und wird diesen Eindruck sicher nicht korrigieren. Warum auch? Ganz im Gegenteil. Paul und ich rekrutieren derzeit fleißig weitere „Miesmacher“ unseres Viertels. Wir Giesinger sind muffelig, mundfaul und etwas sperrig, aber blöd, blöd sind wir nicht.

Herzlichst Mitzi, die Ihnen dringend davon abrät Wohneigentum in Giesing zu erwerben.

22 Gedanken zu “Giesing? Um Gottes Willen!

  1. Das Gemeine an der Sache ist, dass solche Leute, die Gift versprühen, sehr viel „Arbeit“ investieren um alles mies zu machen. Da kommt man als jemand, der etwas loben möchte, gar nicht gegen an. Wie bei den Amazon 1-Sterne Rezensenten, die ein Buch mit einem Stern bewerten, weil sie keine Krimis mögen, sich aber einen Krimi gekauft haben und nicht gemerkt haben, dass es keine Seifenoper ist.
    Da die Dummheit der Menschen scheinbar immer größer wird, oder durch Medien wie das Internet gänzlich ans Tageslicht kommt, wird das immer schlimmer. Jeder will nun seine „Meinung“ mit aller Gewalt in die Welt blasen.
    Früher wurde nur eine Minderheit durch die Boulevardpresse verdummt – heute schafft das Internet es milliardenfach! und alle – nein fast alle – machen mit! 😉

    Gefällt 3 Personen

    1. Leider kann ich Ihnen nicht widersprechen und ursprünglich war dieser Text anders geplant und genau wegen solcher Beobachtungen entstanden. Die Bewertungskultur (wobei Kultur ein schlechter Witz ist) im Internet ist unter aller Sau. Objektiv ist kaum etwas. Im Gegenteil, dort wird mit dem Holzhammer alles nieder gemacht, was nicht dem entspricht was man sich vorstellt. Was es manchmal gar nicht kann. Oder es ist ein Ventil seine schlechte Laune zu verbreiten. Besonders traurig finde ich das auch bei den Buchbewertungen, die Sie angesprochen haben. Den meisten Autoren unterstelle ich, dass sie ihr Buch mit viel Herzblut geschrieben haben. Einen oder auch zwei Sterne verdient kaum ein Buch – ob schlecht oder nicht.

      Gefällt 2 Personen

    1. Ach ja…die kleben an viel zu vielen Stellen. Das ist eine der negativen Seiten Giesings oder einer Handvoll Menschen, die diese, ihre Meinung durch Schmierereien und Aufkleber kund tun wollen.
      Leider kenn ich keinen um nach Subjekt und Objekt zu fragen 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Was für ein schockierender Science-Fiction (hoffe ich). Da warte ich noch drauf, dass die Nachbarin von ganz oben unserer Mülltonne bewertet oder Sternchen für meine Blumenkästen vergibt.
    Bewertungen für Mietshäuser, wie von Hotels bereits bekannt, das wäre ein Traum für Mieter.

    Gefällt 2 Personen

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