Artenschutz im Müllhäuschen

Man kann von meinem Nachbarn Paul halten was man will, mangelnde Hilfsbereitschaft kann man ihm nicht vorwerfen. Er gehört zu jenen Nachbarn, die man gerne um Unterstützung bietet. Neben seiner oft überraschenden Warmherzigkeit liegt das in erster Linie an seinen körperlichen Voraussetzungen. Frau Eder aus dem Hinterhaus zum Beispiel, fängt ihn einmal im Jahr vor dem Supermarkt ab und klagt über das dreckige Glas ihres Badfensters. Obwohl er das Gesicht verzieht, steht Paul dann einige Tage später in Frau Eders Badewanne und säubert die winzige Fensterlucke, die man nur erreicht, wenn man mindestens 1,85 m groß ist. Unser Hausmeister läutet grundsätzlich bei Paul, wenn es darum geht eine Leiter fest zu halten, weil er sich bei Paul darauf verlassen kann, dass dieser kräftig genug ist, eine wackelnde Leiter auch wirklich fest zu halten. Paul verzieht das Gesicht, wenn er darum gebeten wird, aber er tut es. Besonders seit er vor zwei Jahren mit ansehen musste, wie Herr Iwanow die Leiter unseres Hausmeisters hielt. Mit nur einer Hand und sich nebenbei eine seiner stinkenden Zigarren anzündend. Eigentlich lehnte Herr Iwanow gemütlich an der Leiter auf der unser Hausmeister stand. Und auch ich nehme Pauls Hilfe gern in Anspruch. In meinem Fall immer dann, wenn es um Dinge geht, bei denen der Helfende recht ins Schwitzen kommt. Denn, ganz ehrlich, wenn man schon einen schwitzenden und keuchenden Kerl in seiner Wohnung hat, zu dem man keine erotische Beziehung pflegt, dann sollte es doch wenigstens ein halbwegs attraktives Exemplar sein. Natürlich sage ich ihm das nicht. Seine Attraktivität würde durch das blöde Grinsen, das diese Information auslösen würde, zunichte gemacht werden.

Gestern musste ich Paul auch um Hilfe bitten und gestern hätte ich jeden gefragt, der größer als ich ist. Also so ziemlich jeden, aber Paul kam gerade vorbei. Er musste ein Stofftier aus der Mülltonne retten. Natürlich tat er es. Nicht ohne zuvor das Gesicht zu verziehen, beugte er sich in die stinkende Tonne und murmelte, dass ich Glück hatte, der Stofftiger wäre auf einem geschlossenen Sack gelandet und damit nicht völlig kontaminiert. Mit einem Schmunzeln wedelte er mit dem Tierchen vor meinem Gesicht und erkundigte sich ob ich es doch nicht über das Herz gebracht hätte, meinen Kindheitsfreund wegzuwerfen. Ich zupfte Paul eine Zwiebelschale und von der Schulter und schüttelte den Kopf. Das Stofftier gehörte nicht mir und ich hatte es zufällig gesehen als ich den Müll wegbrachte. Noch ehe ich ihn davon abhalten konnte, warf Paul den Tiger zurück in die Tonne und schlug sie zu. Ob ich völlig verrückt sei, man wisse doch überhaupt nicht wem dieses Vieh gehörte und es hätte sicher seinen Grund, dass man ihn entsorgte. Er murmelte etwas von widerlich und schüttelte sich bei jedem einzelnen Wort vor Abscheu.

Paul musste sich ein zweites Mal in die Tonne lehnen. Ich bestand darauf und erst als ich den ramponierten Tiger in Händen hielt, ließ ich Paul gehen. Am Nachmittag, als ich das nach drei Waschgängen besser aussehende Vieh zum Trocknen in die Sonne legte und mich selbst mit einem Buch daneben setzte, kam Paul vorbei. Warum, erkundigte er sich und deutete auf das klatschnasse Stofftier. Drei Schluck Milchkaffee lang überlegte ich, ob ich ihn einweihen sollte und entschied mich dann, ihm nicht die Wahrheit zu sagen. Des Nachts werden Stofftiere lebendig. Davon war ich als Kind überzeugt. Heut nicht mehr. Nicht mehr ganz. Ein kleines bisschen aber, glaube ich noch immer daran und kann es nicht sehen, wenn ein so hübscher, kuschliger Freund einfach weggeworfen wird. Gerade die ramponierten und abgeliebten Tiere. Wenn man sie ansieht, dann ahnt man doch wie viel Kinderliebe darin gespeichert ist. Oder man ahnt es nicht und ist ein ungehobelter Klotz wie Paul. Der sieht mich nur lange an und attestiert mir nach einigen Sekunden des Schweigens, dass ich eine sehr, sehr verschrobene alte Frau werden würde. Damit kann ich leben. Natürlich werde ich eine alte Frau werden und warum sollte mein altes ich, weniger verschroben als mein junges ich sein.

Der Tiger trocknet dank des schlechten Wetters jetzt auf der Heizung weiter. Die Tochter es klügsten meiner Freunde hat jetzt WhatsApp. Ich halte sie über die Genesung des Tieres mittels Fotos auf dem Laufenden. Sie ist sehr interessiert und wir sind uns beide einig, dass Paul zwar hilfsbereit aber doch sehr schwer von Begriff ist.

 

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45 Gedanken zu “Artenschutz im Müllhäuschen

      1. Alles klar, bei näherem hinsehen hab ich sie auch entdeckt. Aber ich würde sie austauschen, einmal rein platzmäßig und wohl auch materiell. Weil er dann ganz „meiner“ wäre. Aber es ist ja (jetzt) deiner.

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  1. Awwwww ist der süß ❤ . Hab grad die Lieblingstochter gefragt, ob "Leo" (hat Flecken, ist klar ne) noch "lebt" . "Ja" , kam die kurze Antwort. Ob das der Einäugige war, bohrte ich weiter (ihr Bruder hat das identische Modell). Sie weiss es nicht.
    Ich glaube, ich muss mal wieder auf Safari gehen, in die Bettschublade der Tochter. Aber nur wenn sie mit kommt. Wer weiss, was mir da sonst noch so begegnet 😉 …sicher nicht der Osterhase
    Liebe Ostergrüsse aus dem grauen Norden ❤

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  2. Ach Mensch, Tiger sind eh schon so selten, zum Glück hast du ihn gerettet! 😉
    Wir haben ja einen Kuschelleoparden, der des öfteren mit der asiatischen Großkatze verwechselt wird:
    TIERÄRZTIN zu meiner Tochter: Und wie heißt dein Tiger?
    Tochter: „Leopard“
    🙂

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  3. Liebe Mitzi!

    Das ist wirklich zauberhaft von Ihnen, dass Sie sich so um die Rettung des Tigers bemüht und den begriffsstutzigen Paul zum in-die-Tonne-lehnen überredet haben. Solch einen lieben Kerl darf man wirklich nicht im Müll entschwinden lassen. Schon gar nicht an Ostern. Ich glaube, der wunderschöne Tonnenbär wird uns noch zahlreiche Geschichten erzählen. Dank Ihrer Rettungsaktion sieht er ja schon wieder äußerst fidel aus 🙂

    Herzliche Grüße und weiterhin gute Trocknung dem Bären und natürlich frohe Ostern
    Mallybeau

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  4. Da wir mir gleich warm ums Herz! Vor Jahren, als wir in unser ehemalige Haus zögen, habe wir um Gebüsch beim roden einen alten, ramponierten Teddybär gefunden. Wir nannten ihn „le sans-papier“, den Papielosen und adoptierten ihn. Vor 6 Monaten zogen wir auf ein Hausboot um und wir mussten unsere Habe auf ein Minimum reduzieren. Le sans-papier kam mit und fand ein Plätzchen auf dem Boot. Nie hätten wir ihn weggegeben! Wir waren stets überzeugt, dass er früher wohl ganz arg von einem Kind vermisst wurde, nachdem er im Garten auf Nimmerwiedersehen verloren ging.

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  5. Liebe Mitzi,
    ich bin ganz sicher, dass das Tigerbärchen sowieso auf dem Weg zu Ihnen war. Auf seiner gefährliche Reise hat es noch viel gefährlichere Orte als einen Müllcontainer überstanden. Dort ist es sicher nur gelandet, weil es von Wegelagerern überfallen wurde, oder sich vor streunenden Hunden verstecken musste!
    Es war sich aber sicher, dass Sie es mit feinem Gespür entdecken würden!
    Da ist ja noch einmal alles gut gegangen! Ich freue mich für Sie beide – für Sie 3 – Gruß an Paul!
    Gruß Heinrich

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    1. Ach lieber Heinrich, wie schön Sie die Geschichte vom Tiger erzählen. Ja, ich bin sicher, dass es genau so gewesen ist. Wäre ich noch einen Tacken verschrobener würde ich dem Tiger Ihren Kommentar vorlesen. Ich tue es nicht….obwohl ;).
      Herzliche Grüße
      Mitzi

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  6. Mitzi, bevor ich zu Ende gelesen habe, musste ich ganz schnell einen Artikel von 2010 raussuchen, der gefällt dir ganz bestimmt, vor allem mit den lustigen Fotos:
    https://chh150845.wordpress.com/2011/09/03/der-adoptivhund-in-der-waschmaschine-oder/
    und jetzt sage ich was zu deinem Tier.
    Als ich so las, was Paul so von sich gab an Lebensweisheiten, musste ich bei einer heftigst mit dem Kopf nicken, denn ich bin schon einen gewaltigen Schritt weiter als du: Ich bin schon eine VERSCHROBENE ALTE FRAU – und ich kann sehr gut damit leben.
    Manche Tiere sind auch von Erwachsenenliebe abgeliebt, denn ich hatte als Kind so gut wie überhaupt kein Kuscheltier – entweder kein Geld dafür oder es gab keine. Das war der einzige: Ein ganz kleiner Teddybär. Als Ausgleich habe ich heute ein ganzes Regalfach voll.

    Wie gut, dass du ihn gerettet hast.
    Lieben Gruß von der Hunderetterin Clara

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    1. Clara, das ist ja ganz wunderbar! Und du hast gemacht, was ich versäumt habe – das Foto direkt beim Fund geschossen. Eine wunderbare Geschichte. Darf ich sie auf meinem Blog verlinken? Ganz liebe Grüße

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  7. Einsame und verlassene Kuscheltiere machen mich immer traurig. Dreiviertel meiner kuscheligen Freunde habe ich an den Kindergarten un die Ecke gespendet. Die Kinder haben sich tierisch gefreut und ich wusste meine Stofffreunde sind in guten Händen. Das letzte Viertel besitze ich noch heute und sie sitzen alle in meinem Bett. Die werden von dort auch nicht so schnell verschwinden…

    Ps: Machen die Münchener Müllmänner dass auch, dass sie weggeworfene Kuscheltiere an ihr Müllauto binden? Teilweise sieht das schon ein wenig gruselig aus…

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  8. Liebe Mitzi,

    Kuscheltiere in Mülltonnen kann ich nicht leiden. Du hast das ganz richtig gemacht.

    Was für ein Glück, dass du einen glorreichen Ritter zur Seite hast, der – obwohl er offensichtlich seine Mimik nicht unter Kontrolle hat – ein guter Mensch ist und die Wünsche seiner Mitbewohner nicht abschlagen kann. Ob da jetzt etwas läuft oder nicht, bleibt wohl verborgen. Aber gab es nicht unzählige Ritter, die einst die Hohe Minne pflegten, in unerwiderter Liebe zu ihrer Dame? Ob auch das so sein könnte? Wer weiß. So wie ich Paul aufgrund deiner Erzählungen einschätze, würde er diese Möglichkeit vehement abstreiten. Aber vielleicht zaubert der Gedanke an diese Möglichkeit ja ein Mona Lisa-eskes Lächeln auf dein Gesicht, wenn er wieder einmal ein Kuscheltier für dich aus der Tonne retten muss …

    Liebe Grüße,
    Veronika

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  9. Ich verstehe nicht, warum so viele Hintergedanken dabei haben, wenn ein Mann einfach freundlich und hilfsbereit ist. Offensichtlich verhält er sich bei den meisten Menschen so, also gehe ich erstmal davon aus das er einfach ein netter Typ ist. Sonst wäre die Welt kein schöner Ort für unattraktive Menschen. Ansonsten muss man das von Fall zu Fall entscheiden. Wenn wir uns nur helfen weil wir etwas erwarten ist das auf Dauer echt enttäuschend, oder? Ich würde mal sagen, das sollte normaler sein.

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  10. Wie Veronika sagt: Kuscheltiere gehören nicht in Mülltonnen. Der Friedhof der Kuscheltiere ist woanders. 😉
    Apropos Friedhof, ich bin auch froh, dass Carlos Ruiz Zafón den Friedhof der vergessenen Bücher entdeckt hat.
    Irgendjemand muss sich kümmern – prima, dass wir unsere Mitzi haben! 🙂

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  11. Liebe Mitzi,
    das war eine richtig gute Tat!
    So etwas Schlimmes, in eine Mülltonne geworfen zu werden, hat kein Kuscheltier verdient.
    Das gehört angeprangert – bis ganz nach oben, an den …. ähhh, nanu… also…ich meine, an …. Nanu? GIbt es keine weltweite Schutzorganisation für Kuscheltiere?
    Na sowas!!!
    Oder fällt das jetzt in das ressort des neuen Heimatministers?
    Egal!
    Du hast das Richtige getan, und den Tiger gerettet.
    Wir könnten ihn ja alle gemeinsam adopTIEREn.

    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

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