Iljana, schau! So schön.

Mit dem alten Säufer geht es abwärts. Seit einigen Tagen schiebt er den Einkaufswagen nicht nur, um die Plastiktüten seiner Besitztümer zu transportieren, sondern auch, um sich am Wagen festzuhalten. Bis vor kurzem schien er noch eine Bleibe zu haben, aber jetzt sieht man ihm an, dass er auf der Straße wohnt. Das wenige Geld, das ihm bleibt investiert er in kleine Flaschen, deren Inhalt seinen Verfall beschleunigt. Es ist traurig zu sehen, wie schnell es nach unten geht, wenn der letzte Halt fehlt. Der alte Säufer hielt sich lange an seinem Hund fest. Der ist jetzt tot und man sieht ihn nur noch alleine auf den Bänken und Mäuerchen am Straßenrand sitzen. Iljana, die mazedonische Aushilfe des vietnamesischen Schönheitssalons, lächelt jetzt immer traurig wenn sie ihn sieht. Letztes Jahr noch lachte sie fröhlich und erlaubte ihm, wenn keine Kunden zu bedienen waren, den Schnaps im Türrahmen des Ladens zu trinken. Denn darauf legte er Wert. Getrunken wurde nur, wenn einer in der Nähe war, der ihm beim Reden zuhörte und dem er beim Trinken zuprosten konnte. Gestimmt hat das wahrscheinlich nicht, aber er sagte es, wenn er denn einmal etwas zu einem anderen sagte. Meistens sah man ihn in Gedanken versunken in der Sonne sitzen und nur einzelne Sätze rufen. Wenn ihm etwas wichtiges durch den Kopf schoss, dann musste er es laut sagen und manchmal auch rufen. In letzter Zeit sind seine impulsiven Aufschreie einem beständigen und leisem Murmeln gewichen und er lungert nur noch selten bei Iljana vor dem Schönheitssalon herum. Seit einer Woche aber jeden Morgen.Jeden Tag um kurz vor halb sieben habe ich ihn auf dem Mäuerchen neben der Tiefgarageneinfahrt sitzen gesehen und hörte ihn rufen. „Iljana, komm! Es ist so schön.“ Iljana beginnt erst um zehn Uhr zu arbeiten und an zwei Tagen ließ ich mich von ihm für ein paar Sekunden auf das Mäuerchen ziehen. Da saß er neben mir, stank erbärmlich, nannte mich Iljana und murmelte, wie schön es doch sei. Ich nickte, weil es sicher an jedem Morgen irgendetwas schönes gibt und es vielleicht auch gar nicht wichtig ist, was es denn sei. Man kann ihn morgens nicht mehr fragen. Da steckt ihm die Nacht und der Kater noch in den Knochen und er braucht erst noch ein paar tiefe Schlucke bevor er die Betriebstemperatur für den Tag erreicht. Gestern früh war er an der Bushaltestelle und saß neben Herrn Mu. Unser Säufer heißt Benedikt. Das weiß ich, weil Herr Mu ihn so ansprach, als er ihm eine Butterbreze in den Schoß legte und ihm fünf Minuten lang immer und immer wieder aufforderte noch einen Bissen zu nehmen. Auch ordentlich zu Kauen ermahnte er ihn und reichte ihm aus seinem Jutebeutel eine Flasche Saft. Kurz bevor mein Bus kam, erlebte ich Herrn Mu das erste Mal ärgerlich. Gereizt aber noch immer geduldig versuchte er dem Säufer den Schnaps aus der Hand zu nehmen, sich dessen Umarmung zu erwehren und die Konzentration wieder auf das Frühstück aus Saft und Breze zu lenken.  So schön sei es, war das letzte was ich vom Säufer namens Benedikt hörte, bevor sich die Türen des Busses schlossen.

Als ich heute heim kam, lag der alte Mann neben den Fahrradständern am Boden und rief laut, wie schön es sei. Dabei lächelte er so glücklich, wie Menschen sonst nur an Weihnachten kurz vor der Bescherung lächeln. So schön, dass einem das Herz zerspringen möchte, rief er und die Nachbarskinder gingen neben ihm in die Hocke. Sie legten den Kopf in den Nacken, folgten seine Blick und Mia, die Kleine aus dem vierten Stock lachte als der Säufer etwas flüsterte. Jetzt habe ich es endlich verstanden. Es ist der Frühling, der den alten Mann so glücklich macht. Vielleicht ist er im Suff getaumelt und gestürzt. Vielleicht hat er sich aber auch ganz bewusst auf den Boden gelegt. In beiden Fällen hat er sich einen wunderbaren Platz zum Liegen ausgesucht. Unter dem wilden Kirschbaum, in der Sonne, kann man nicht anders, man muss es sagen. Er hat ja Recht. Es ist so schön. Die zartrosa Blüten, der hellblaue Himmel und die warme Sonne. Daneben die gelben Blüten der Forsythien und das helle Grün der ausschlagenden Bäume. Die Wäsche aufhängend, höre ich ihn auch später rufen. Und auch, dass er noch etwas später mit schwerem Schritt die Straße entlang läuft. Er hat Iljana heute wohl noch nicht gesagt, wie schön es ist und Sorge, dass sie es womöglich übersieht.

Einen solchen Menschen brauchen wir, sagt Herr Mu. Eine jedes Viertel braucht einen, der es auf die Schönheit des Alltäglichen aufmerksam macht. Um ehrlich zu sein, ist das meine Übersetzung. Wörtlich murmelte Herr Mu: „Denn bring ich schon durch, den alten Deppen.“

27 Gedanken zu “Iljana, schau! So schön.

  1. Vielleicht sind solche Menschen glücklich – vielleicht sogar glücklicher als wir, die immer nach etwas streben und arbeiten und schaffen wollen. Aber ich könnte mich nie auf dieses „vielleicht“ verlassen, weil ich nicht so leben wollte udn könnte.
    Liebe Grüße zu dir

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    1. Ich glaube, dass man mit wenig Besitz sehr glücklich sein kann. Vielleicht, wenn man zu den wenigen Menschen gehört, die den Blick für das Wesentliche haben, auch um einiges glücklicher. So am Rande des Abgrunds aber, ist es für mich ein kleines Wunder, diesen Mann doch immer wieder so lachen zu hören und zu sehen, dass er mit einem so wachen Blick die Dinge sieht. Dennoch fürchte ich, dass er todunglücklich ist und bin froh um unsere Straße, die Menschen hat, die mit ihm sprechen oder wie mein liebster, Herr Mu,, sich noch mehr um ihn kümmern.
      Liebe Grüße zu dir

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  2. Ein wunderschöner, ein sonderbar leichter, ein tieftrauriger, ein sehr liebevoller Text über ein Leben am Rande der Gesellschaft, ein Leben, das beschädigt ist, eingeschränkt, abgeschieden, und doch mehr erkennen kann als die meisten, angeblich normalen Lebewesen. Danke dafür!

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  3. Benedikt? Doch wohl nicht der Sechzehnte.
    Ich weiß nicht, wie es mit der staatlichen Unterstützung aussieht, wenn man seinen Job bewusst und fahrlässig hinschmeißt. Dass er aber in seinem Alter nichts adäquates mehr findet, hätte ihm klar sein müssen. Nun gut. Jetzt ist er bei Ihnen gelandet. Wie mir scheint, tut ihm die neue Umgebung gut. Er fasst wieder Mut und überträgt die gute Laune auf sein Umfeld. Was will man mehr? 😉

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  4. Die meisten angeschlagenen Menschen sterben im Herbst oder Winter, wenn sie es nochmal bis in den Frühling schaffen halten Sie meist noch länger durch! Hab ich mal irgendwo gelesen. Macht auch irgendwie Sinn.

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  5. Liebe Mitzi! Schön, wie Du direkt in die Herzen der Menschen siehst und uns ihre Gedanke präzise vermittelst, ohne wesentlich mehr zu tun, als sie zu beschreiben ….aber das in einer Art, die einen das Herz aufgehen läßt und bei der man genau zu wissen gleubt, was Du meinst … danke Dur dafür! Alles Lieben, Nessy!

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    1. Danke dir, Nessy. Ich freue mich, wenn mein Beobachten und Aufschreiben, das vermitteln kann, was ich sehe. Den Kommentaren nach, ist es mir gelungen. Diesmal war es mir besonders wichtig, weil mir dieser Mann am Herzen liegt. Liebe Grüße

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