Kaum verändert

Ich gehöre zu den Menschen, die andere googeln. Asche auf mein Haupt. So etwas macht man nicht. Man springt nicht wie ein Stalker durch das Internet. Neben dem moralischen fragwürdigem Zeitvertreib, ist es auch ein recht sinnloses Verhalten. Es ist auch reichlich dämlich, was man weiß, weil man sich von einem Menschen kein vollständiges Bild machen kann, den man nicht von Angesicht zu Angesicht erlebt hat. Ich mache es trotzdem und ersparen Ihnen die Ausflüchte, mit denen ich mein latent schlechtes Gewissen zu beruhigen versuche. Zugleich bin ich wirklich sehr, sehr froh, meine ersten Beziehungen zu einer Zeit erlebt zu haben, in denen man das noch nicht machen konnte. Das Googeln.Natürlich hätten wir es getan. Jeder von uns. Aber es gab Google eben noch nicht oder vielleicht gab es Google bereits, aber wir benutzten es nicht, weil es zu neu und zu ungewohnt war. Ich gehöre noch zu der Generation, die panisch den Raum verlassen hat, nachdem sie die erste Frage bei Yahoo eintippte und dieses unheimliche Monstrum tatsächlich eine Antwort ausgespuckt hat. Das war mir zu spooky. Mehr über meine künftigen Geliebten und potentiellen Ehemänner wollte ich natürlich trotzdem erfahren. Heute würde man sagen ich hab sie ebenfalls gestalkt. Weil das Wort aber so hässlich und übergriffig klingt habe ich das natürlich nicht getan. Ich habe nur reges Interesse gezeigt, indem ich, ganz harmlos, meinen Schulweg in andere Stadtteile verlegte, 30 Minuten an einer Bushaltestelle herum lungerte, nur um in den einen Bus zu steigen, in dem jedes 24. Mal der Typ saß, den ich gerne hatte.  Im Grunde unterschied sich mein Verhalten kaum von dem der heutigen Teenager. Ich hockte stundenlang an Bushaltestellen, während die Tochter einer Arbeitskollegin ganz Nachmittag auf ihr Handy starrt um zu sehen, wann ihr Schwarm online ist. Hat der meine, meine Verfolgung bemerkt, war mir das so peinlich, dass ich mir eine andere potentielle Liebschaft suchte, die ich anhimmelnd konnte. In der Zeit zwischen zwölf und 14 hatte ich auch deshalb keine Beziehung. Sie haben alle gemerkt dass ich im Bus hinter ihnen saß, bevor ich mit meinem Charme punkten konnte. Die Tochter meiner Kollegin hat auch noch keinen Freund. Die Jungs fühlen sich von ihr online beobachtet.

Einer, der sich perfekt als erster Freund geeignet hätte, fuhr immer mit der Vespa zur Schule. Nicht zu meiner, ich war auf einer Mädchenschule aber unser Pausenhof grenzte an den seinen. (Wenn man übrigens als Mutter möchte, dass seine Tochter nur noch Jungs im Kopf hat, dann sollte man sie unbedingt auf eine reine Mädchenschule schicken. Vorzugsweise von Nonnen geführt und an ein Kloster angrenzend.) Weil ich mehr wissen wollte, aber mit dem Fahrrad nicht hinter ihm her kam, muss ich mir eine andere Quelle suchen und hatte großes Glück. Das Glück meines ganzen Jahrganges bestand darin, dass die beiden Teenager Zeitschriften „Girl“ und  „Mädchen“  ihre Redaktionen wohl in München hatten. Jedenfalls war die Chance, dass man ein bekanntes Gesicht in diesen Zeitschriften erkennen konnte, in meiner Jugend  relativ hoch. Der, den ich so mochte, machte bei der Wahl des „Boy des Jahres“ mit. Da gab es Interviews und massig Fotos an denen ich nicht satt sehen konnte. Ganz ohne Google. Er war danach noch einmal für eine Modestrecke abgebildet und einmal in einem „Liebes- Interview“ mit seiner damaligen Freundin. Das habe ich aber nicht gelesen. Oder nur einmal aber trotz übersprudelnder Fantasie ist es mir nicht gelungen, mich an ihre Stelle zu denken. Diese Zeitschrift habe ich weggeschmissen. Die anderen habe ich aufgehoben und rückwirkend war das fast so gut, wie das durchstöbern von Instagram- und Facebook Accounts. Das findet auch die Tochter meine Kollegin, die immer wieder versehentlich etwas liked und damit unfreiwillig beim Betrachten fremder Fotos erwischt wird. Das konnte einem mit einer Zeitschrift nicht passieren.

Getroffen habe ich den Jungen mit der Vespa später auch persönlich auf einer Geburtstagsfeier von Freunden. Auf diese Feier habe ich mich über eine Woche lang vorbereitet. Ich stellte das Essen ein, damit ich in die zu kleine, aber perfekt zerfetzte Jeans passte; legte mich ausufernd lange in die Sonne, weil mir im Jahr zu vor einer gesagt hatte, dass meine grünen Augen noch schöner funkeln, wenn ich braun bin; färbte mir selbst die Haare; ließ den Schaden von einem Frisör beheben und besprühte mich bei Douglas mit einem Duft, den ich mir nicht leisten konnte. Ich war bereit. Und nervös. Als ich auf ihn zusteuerte, schüttete ich ihm stolpernd meine Cola aufs Hemd und er nannte mich eine blöde Kuh. Es war der Höhepunkt dieser nicht existenten aber sehr sehr schönen Beziehung. Rückblickend kann ich feststellen, dass es bei weitem nicht meine schlechteste Beziehung war.

49 Gedanken zu “Kaum verändert

  1. Liebe Mitzi,
    das Googeln ist ja noch harmlos.
    In nicht mehr ferner Zeit werden die Menschen ALLE Daten der Person, die gerade den Weg kreuzt, in die Datenbrille einblenden können.
    Auch können 2 Menschen, die sich begegnen SOFORT den Sympathiefaktor ablesen und das Profil dementsprechen liken oder auch gleich zur Tat schreiten.
    Ist es nicht tragisch, dass früher ein Mädchen an einer Bushaltestelle saß und ein Junge gar nicht GEMERKT hat, dass sie ihn verehrte. Und ER hätte sich nie getraut, sie anzusprechen.
    Welche dieser Szenarien die „schöneren“ sind, weiß ich nicht, oder will mich auch gar nicht festlegen. Dazu gäbe es mehr zu sagen, als ein Kommentar fassen kiann.
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, obwohl eine solche Brille unheimlich praktisch wäre und uns so manches Leid und Drama ersparen könnte, würde sie uns auch schrecklich viel wegnehmen.
      Ich glaube, dass ich ganz froh bin, dass es noch nicht soweit ist.
      Wenn die Brillen eingeführt werden, dann verlasse ich mich ganz auf Sie. Sie werden mir und Ihren Lesern behutsam darauf vorbereiten, da bin ich sicher.
      Herzliche Grüße

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  2. Ich habe vor vielen Jahren einen Facebook-Account eingerichtet … und ihn vor sich hin dämmern lassen. Vor kurzem, als ich Facebook öffnete, merkte ich, dass mir Freunde schon vor Jahren zum Geburtstag gratulierten und ich mich, weil ständig abwesend, nicht bedankt hatte.
    Das sollte mir nicht mehr passieren. Deshalb googelte ich und googelte und googelte und googelte. Schon erstaunlich (oder nicht) auf wen man bei so einer Googelei – unvermutet oder nicht – stößt … 🙂

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  3. Ein so erfrischender Text der alte Erinnerungen weckt! Ich habe jahrzehntelang nicht mehr an diese schwärmerischen Zeiten gedacht. Offensichtlich haben wir alle ähnliche „Beziehungen“ gehabt und irgendwann vergessen. Danke für diesen Erinnerungskick!

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  4. ich stand pausenlang am eck unserer garderobe, hinter der fundkiste, weil man dort vermeintlich unauffällig in den gang der kellerklassen (auch bekannt als „der coole gang“) schauen und vielleicht einen blick auf das objekt der begierde erhaschen konnte. wie zufällig drückten wir uns auch an dem nachmittag, an dem die 5c (bei uns beginnt man ja im gymnasium neu zu zählen) nachmittagsturnen hatte, auf der tribüne des sportplatzes herum. als mir eine spinne aus dem alten holz des geländers auf die beine fiel, hat uns mein gekreische schnell verraten. meine freundin hält mir das heute noch vor.

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      1. Das mit der verkorksten Farbe habe ich noch halbwegs gut überstanden. Aber viel viel schlimmer war es, als ich mir eine Dauerwelle habe machen lassen, und das zur Konfirmation meines Sohnes. Ich hätte in den Erdboden versinken können

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      2. Ich habe diese Frisur Veränderung sicher in einem Zustand der geistigen Umnachtung mir machen lassen. Aber wirklich, das gab es nur einmal und wird es nie mehr wieder geben. Ich bin so froh, dass ich glatte Haare habe

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  5. Ach Mitzi, was hast du mich wieder zum Lachen gebracht – das war auch schon viele Jahre vor dir so ähnlich, nur diese Girli-Zeitschriften gab es bei uns nicht. Dafür mussten mir alle Westverwandten Postkarten von Schauspielern mitbringen – einige habe ich dann zu Westzeiten tatsächlich in Originalfilmen spielen sehen. Von O.W.Fischer war ich auch später noch begeistert.
    Aber bei deinem Post fiel mir besonders das auf: “ … färbte mir selbst die Haare; ließ den Schaden von einem Frisör beheben“ – ich weiß noch, das mich alle entsetzt fragten: „Wolltest du so aussehen“ – und sich dann schnell genug in Sicherheit bringen mussten.
    Und wie Meermond schreibt: Meine waren auch beim ersten Färbeversuch orange – das ist wohl eine allgemeine Haar-Trotz-Reaktion.
    Und tschüss!

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    1. Danke, Clara. Das freut mich. Lachen ist ein ganz besonders feines Kompliment.
      „Wolltest du so aussehen“…entschuldige, aber jetzt bin ich am Lachen. Natürlich wollte man das nicht. Man wollte ganz anders aussehen, aber die Haare machen was sie wollen. Orange hatte ich nicht, aber Aubergine bei einer Hellblonden wird herrlich lila. Das hätte dir gefallen 😉

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      1. Mitzi, wenn du es nicht weiter sagst, gestehe ich dir, dass der Ausspruch „Wollten Sie so aussehen“ zu einem anderen Anlass von meinem ungeliebtesten Chef aller Zeiten kam. Mein Zahnarzt hatte solche Pfuscharbeit geleistet, dass ich fast als Pferd hätte auftreten können 🙂

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  6. „(…) schüttete ich ihm stolpernd meine Cola aufs Hemd und er nannte mich eine blöde Kuh. Es war der Höhepunkt dieser nicht existenten aber sehr sehr schönen Beziehung. Rückblickend kann ich feststellen, dass es bei weitem nicht meine schlechteste Beziehung war.“ Das ist herrlich, liebe Mitzi. Ich hoffe, ja, bin sogar sicher, dass du mit dem letzten Satz übertreibst. Was tut man nicht alles für eine gute Pointe ;).

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  7. Wen ich schon alles gegoogelt habe, einfach nur aus vorsicht oder aus Interesse. Manchmal kamen dabei recht lustige Dinge heraus. Ich meine Chef*innen googeln ihre Bewerber doch auch? Oder ist das nur ein Gerücht, ich denke nicht… unter uns, welcher Teenager hat nicht zu seiner Hochzeit irgendjemanden gestalkt oder es zumindest versucht?

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