Bei leisem Schnurren gibt es nur eine richtige Antwort

Meine Nachbarin Judith kann Paul nicht ausstehen. Das weiß ich, weil sie es mir gesagt hat. Das ist kein großes Unglück, denn mein Nachbar Paul kann mit Judith auch recht wenig anfangen. Das wiederum weiß ich, weil er wenn sie am Lift steht, grundsätzlich die Treppen benutzt nur um nicht mit ihr sprechen zu müssen. Bei jeder Treppenbenutzung Pauls steigt Judiths Abneigung. Aktuell befindet sie sich auf dem Level eines missbilligen Schnaufens, wenn er an ihr vorbei läuft. Mitte des Jahres wird sie ihr Schnaufen durch ein Schnalzen der Zunge ersetzten. Dann fehlt nicht mehr viel und nächstes Jahr läuft Paul Gefahr, dass sie ihm im Vorbei gehen ein Bein stellt. Judith ist nachtragend. Seit sie mit Paul vor zwei Jahren anlässlich unseres Hinterhof Flohmarktes einen Kaffee getrunken hat und er sie fragte wann das Kleine den kommen würde, spricht sie nicht mehr mit ihm. Das Kleine war zu diesem Zeitpunkt bereits vier Monate alt und lag schlafend im Kinderwagen neben ihr.

Noch heute echauffiert sie sich an schlechten Tagen im Waschkeller, dass er ihr die Frage mit purer Absicht gestellt habe um sie auf die Schwangerschaftspfunde aufmerksam zu machen. Ich versuchte sie zu beruhigen. Paul war nicht unverschämt, sondern nur abgelenkt. Abgelenkt von einer hübschen Brünetten, die einen Stapel Bücher durchsah und genau in sein Beuteschema passte. Ein recht anspruchsloses Schema, wie Judith nicht müde wird zu betonen. Alles was weiblich, hübsch und zwischen 20 und 50 Jahre alt ist, würde von unserem Nachbarn gnadenlos taxiert werden, schimpfte sie über Wochen. Erst als ich in einem Nebensatz erwähnte, dass sie – wüsste ich es nicht besser – fast ein wenig eifersüchtig klingen würde, verebbte das Geschimpfe und wich dem missbilligenden Schnaufen.

Dieses ertönte auch vor einigen Tagen, als wir uns vor dem Lift trafen. Diesmal konnte Paul nicht ins Treppenhaus flüchten. An seiner Hand befand sich eine humpelnde Frau. Weiblich, hübsch und zwischen 20 und 50 Jahren alt. Manchmal reicht ein freundliches Kopfnicken zur Begrüßung. Besonders dann wenn eine humpelnde unbekannte Frau sich wie ein Kätzchen an den Arm des Nachbarn schmiegt und dieser angesichts der zur Schau getragenen Zuneigung peinlich berührt auf seine Schuhspitzen starrt. Judith reichte es nicht. Sie scheint schnurrende Frauen nicht besonders zu mögen und blickte unverhohlen zu dem Paar hinter uns. Kennen Sie den Ausdruck im Gesicht eines Menschen, wenn dieser unverhofft die lang ersehnte Gelegenheit bekommt einem anderen verbal eine Ohrfeige zu verpassen? Dann zuckt es in den Mundwinkeln und die Augen blitzen auf, bevor sich die Gesichtszüge entspannen und ein vor Freundlichkeit triefendes Lächeln die Lippen umspielt. Und kennen sie den flehenden Ausdruck im Gesicht eines Mannes, wenn dieser mit einem Blick darum bittet, man möge den Moment einfach ruhig vorbei ziehen lassen? Judith kannte ihn. Vielleicht hätte sie die Gelegenheit auch ungenutzt verstreichen lassen, wenn Pauls Mimik nicht im letzten Moment aus der Rolle gefallen wäre. Sein Blick flehte nicht, sondern warnte sie mit einem kurzen Aufblitzen, dass sie doch bitte einfach den Mund halten solle. Bei Gelegenheit werde ich ihm den feinen aber wichtigen Unterschied erklären. In diesem Moment war es zu spät. Judith atmete ein und fragte: „Deine Freundin?“ Hat man eine sich anschmiegende Frau am Arm, gibt es für einen Mann nur eine richtige Antwort. Ein klares und sofortiges „Ja!“. Paul zögerte und noch bevor sich die Türen des Aufzugs öffneten, änderte sich auf der Blick seiner Begleitung. Dass er sie zwischen den Stockwerken als „Katja“ vorstellt und den Arm um ihre Schultern legte, wird ihn nicht mehr gerettet haben. Mit einem zufriedenen Lächeln stieg Judith im zweiten Stock aus. Ich vermute, dass ihr Seelenfrieden Paul betreffend, nun wieder hergestellt ist.

Gestern Abend fuhr Paul direkt vor mir in die Garage. Ich schmiegte ich mich verfroren an den Rücken des Mannes, der dazu bestimmt ist die größte Herausforderung für mein emotionales Gleichgewicht zu sein. Müde beobachtete ich das langsame Senken der Duplexvorrichtung und hätte geschnurrt, wenn es mir nicht zu blöd gewesen wäre. Pauls Duplexgarage fährt schneller nach unten als die meine und er hielt uns geduldig die Tür zum Treppenhaus auf. Dein Freund, erkundigte er sich süffisant grinsend als wir zu dritt auf den Lift warteten. Der Mann, dessen Rücken ich so schätze, war nicht angesprochen. Dennoch antwortete er ohne zu zögern mit einem klaren „ja“. Ohne Ausrufezeichen. Er gehört zu den Männern, die alles was sie sagen ruhig und gelassen aussprechen. Nur wenn sie gar nichts sagen, dann tanzen Ausrufezeichen in der Luft. So wie im Lift. Da waren sie zwischen uns bis Paul noch immer grinsend ausstieg und mich mit einem „bis bald“ verabschiedete. Dein Freund? Die Frage hörte ich gestern am späten Abend noch einmal. Ruhig und gelassen gestellt und diesmal auf Paul bezogen. Ich wischte die in der Luft hängenden Ausrufezeichen mit einer Handbewegung vom schönen Rücken vor mir . Alles im grünen Bereich. Leise schnurrend erzählte ich vom Hinterhof Flohmarkt und vermeintlichen Schwangerschaftspfunden. Kurz bevor ich einschlief hörte ich ihn noch fragen ob meine Nachbarin Judith die Rothaarige ist? Er hätte ihr letztens fast gratuliert.

 

 

 

 

 

23 Gedanken zu “Bei leisem Schnurren gibt es nur eine richtige Antwort

  1. Ich weiss, wie Judith sich fühlte 😉 Als ich in Frankreich lebte und nur einen unachtsamen Moment meinen Bauch sich entspannen liess, wurde ich lächelnd gefragt, ob das nächste Baby unterwegs sei 😉

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  2. und wieder einmal entwickelte sich ein schmunzeln im text zu einem breiten grinsen. wie schön! und: oh ja. wo du immer diese geschichten hernimmst. übrigens: könntest du uns mal ein Organigramm oder eine schematische Zeichnung deines Hauses zur Verfügung stellen, ich komme mit den Namen durcheinander 😉

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      1. Im vorgegebenen Themenfeld würde ich in einem verminten Gelände wie dem vorgegebenen den Begriff TORTENDiagramm niemals verwenden – oder dabei zumindest peinlichst genau auf meinen Tonfall, meinen Gesichtsausdruck und auf wo ich hinschaue oder nicht hinschaue achten, vor allem wenn ich in Gesellschaft von Damen (mögen sie noch so harmlos ausschauen) vor Aufzügen stünde!

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  3. Ein Text wie die Episode einer Soap, liebe Mitzi. Du schilderst die Sozialbeziehungen in deinem Haus so anschaulich, dass man glaubt, dabei zu sein. Ich wollte es aber nicht wirklich, denn da ist vermintes Gelände, Judith, die sich verschmäht fühlt und deshalb rachsüchtig ist, und Paul, dessen Persönlichkeitsstruktrur man lieber nicht haben möchte. Du wandelst unbehelligt durch das Minenfeld wie das göttliche Kind, hast bei dir den passenden Mann, dem auch eine giftspritzender Paul nichts anhaben kann.

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    1. Beim durchschreiten eines zwischenmenschlichen Minenfeldes kann man nur schmunzeln, wenn es einen selbst gerade nicht trifft. Giftspritzenden Männer und Frauen gehe ich tunlichst aus dem Weg. Ich freue mich, dass du diese Soap begleitest, lieber Jules. Ich kann dir versichern, dass es aus der Ferne bedeutend amüsanter und weniger anstrengende ist. Liebe Grüße

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  4. Gut ich als lebender Lauch werde wohl ewig auf die Schwangerschaftspfunde warte müssen, weshalb ich von Natur aus eher Pauls Part übernehme, allerdings absichtlich und nicht ausversehen. Direktheit hat noch keinem geschadet…. zumindest hatte ich noch nie ein blauen Auge 😉

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