This is your captain speaking

Richard ist für neuen Monate in Los Angeles, teilte mir meine Freundin Bine Mitte der Neunziger Jahre mit. Denn könne man doch mal besuchen. Ja, das könnte man, brüllte ich um die laute Technomusik zu übertönen und fand, dass August ein guter Monat sei, mal raus aus Europa zu kommen. Ok, schrie auch Bine und die Planung war abgeschlossen.

Da spontane Ideen die besten sind, buchten Bine und ich direkt am nächsten Tag einen Flug. Getrennt voneinander stürmten wir ins Reisebüro und buchten einen Flug nach L.A, wie wir es in der Nacht zuvor besprochen hatten. Rückwirkend war es ein großes Glück, dass wir uns noch an den geplanten Urlaubsstart richtig erinnern konnten. Die Uhrzeit hatten wir nämlich unterschiedlich in Erinnerung und landeten in zwei verschiedenen Maschinen. Ebenfalls rückwirkend, war die Buchung der Flüge noch das organisierteste an dieser Reise. Das wirkliche Chaos begann fünf Wochen später, als ich das erste Mal alleine verreiste und in den Bus einstieg, der mich vom Flughafen London Heathrow zum Flughafen London Gatwick (oder zwei andere…ich weiß es nicht mehr) bringen sollte und bemerkte, dass ich meinen Reisepass nicht mehr in der Hand hielt. Ich hatte ihn in Heathrow (oder Stansted….auf so einer Reise verschwimmen die Zwischenstops) auf dem Klorollenhalter der Toilette liegen gelassen. Wie sehr wünsche ich mir heute die tiefe Entspanntheit meiner frühen Zwanziger zurück. Heute würde ich in Panik geraten. Damals schnalzte ich mit der Zunge, murmelte ein leises „Scheiße“ und stürmte aus dem Bus. Das Universum sorgt für planlose junge Frauen und mein Pass lag noch immer auf dem Klorollenhalter. Ich schaffte sogar noch meinen Anschlussflug und ließ mich zwei Stunden später verschwitzt aber glücklich in den Sitz der zweiten Maschine des Tages fallen. Zwei Flüge an einem Tag und als Ziel die USA – große Welt ich komme. Ich ahnte nicht, dass das Universum ab diesem Zeitpunkt schon wieder genug von jungen planlosen Frauen hatte und boshaft beschloss uns eine Lektion zu erteilen.

Seit diesem Tag mag ich es gar nicht mehr, wenn im Flugzeug die Durchsage „This is your captain speaking“ ertönt. Das erste mal hörte ich die Worte als das Flugzeug eine Haarnadelkurve flog und ein überraschtes Raunen aus vielen Kehlen ertönte. Wenn Sie glauben, dass ein Flugzeug so eine Kurve nicht fliegen kann….doch, kann es und es fühlt sich nicht gut an. This is your captain speaking, we have some problems. Einen Satz wie diesen sollte man nicht ohne weitere Erklärung stehen lassen. Unser Pilot tat es und hüllte sich erst einmal in Schweigen. Vielleicht um das Manöver der Haarnadelkurve selbst noch zu verdauen. Ein paar Minuten später teilte er uns mit, dass ein paar der Warnsysteme nicht richtig funktionierten. Da hatte er sich wohl schon wieder erholt, denn er ergänzte fröhlich, dass diese auch nur in seltenen Fällen benötigt würde, man aber dennoch lieber nicht nach L:A. sondern zurück nach London fliegen würde. Unser Captain war ein Witzbold. Nach zehn Minuten meldete er sich wieder. This is your captain speaking. If you see any kind of fire on the right side, don´t hesitate to tell us. Ich saß rechts und nahm meine Aufgabe sehr erst, vermutete ich doch, dass eben dieses Überhitzungswarnsystem jenes war, das ausgefallen war. Ich starrte so konzentriert auf die Tragfläche vor dem Fenster, dass ich noch Tage danach Nackenschmerzen hatte. Nichts überhitzte und nach einer Stunde landeten wir wieder in London. Tiefenentspannte Jugend hin oder her, dass ich danach einen indischen Handwerker mit einem Schraubenschlüssel auf der Tragfläche herumklettern sah, erhöhte mein Vertrauen in die Sicherheit dieses Flugzeuges nicht wirklich. Man repariert Flugzeuge doch nicht mit einem Schraubenschlüssel! Der Inder tat es und nach einer weiteren Stunde hoben wir das zweite Mal ab. Mittlerweile war auch Bine in ihrem Flieger in München gestartet. Noch hatte ich einen Vorsprung. Der war auch nötig, denn langsam wurde mir bewusst, dass wir Richard zwar mitgeteilt hatten, wann wir ankommen würden, von ihm aber nie eine Bestätigung bekommen hatten, dass er uns abholen würde. Geschweige denn, ob er mit dem Besuch überhaupt einverstanden war.

Der Vorsprung verringerte sich, als wir in ein Unwetter gerieten und an der Ostküste zwischen landen mussten. This your captain speaking….. ja, ja ich spürte ja selbst wie es ruckelte und wackelte. Klatschen nach der Ladung und Ernüchterung als man uns mitteilte, dass wir nicht aussteigen durften und es eh gleich weiter gehen würde. Gleich ist ein dehnbarer Begriff. Wir standen stundenlang auf dem Rollfeld und ich fragte mich wie lange Richard wohl auf uns warten würde, bevor er annehmen musste, dass das Fax nur ein Witz sein sollte und wir nie losgeflogen waren. Irgendwann ging es weiter. Allerdings nicht sehr lange. This is your captain speaking….ach, hab mich doch gern! Unsere Crew war zu lange auf den Beinen und wir landeten ein zweites Mal irgendwo in den USA. Ich war zu müde mich zu fragen ob man nicht schon vor dem Start gewusst hat, dass man es nicht mehr bis L.A. schaffen würde. Zu müde und zu nervös. Mittlerweile hatte ich sechs Stunden Verspätung und versuchte mich panisch daran zu erinnern, mit welcher Fluggesellschaft Bine unterwegs war. Als wir wieder abhoben, war die Verspätung auf neun Stunden angewachsen und Bine seit mehreren Stunden gelandet. Sollte sie nicht mehr am Flughafen stehen, würde ich ohne eine Adresse, ohne eine Telefonnummer und mutterseelen alleine in den USA stehen und hätte mir nicht mal einen Mietwagen nehmen können. Den bekam man erst mit 21.

Das Universum hatte Erbarmen oder die Nase voll von mir. Nachdem man mich an der Zollkontrolle noch angesehen hatte, als wäre ich geistig zurück geblieben – keine Zieladresse auf dem Zettel, ein Schulterzucken auf die Frage wer mich abholt und Tränen bei der Erkundigung wo ich um 02:30 nachts mit meiner Reisetasche hinwolle – sah ich sie am Ausgang stehen. Strahlend alle beide. Hätte doch ganz gut geklappt, meinte Bine. Sie hätte schon ihren ersten Burger gegessen und sich mit Richard bekannt gemacht. Jetzt erinnerte sie sich auch wieder. Richard, der Typ aus der Berufsschule. Sie hatte ihn mit Reinhard verwechselt. Einem flüchtigen Bekannten, bei dem sie sich den ganzen Flug über gefragt hatte, woher ich ihn eigentlich kenne. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

33 Gedanken zu “This is your captain speaking

  1. mein erster US Flug mit 19 war ähnlich chaotisch 😉 sogar ausgeraubt wurde ich…und der Flug nach NY hatte von Düsseldorf seine erste ungeplante Zwischenlandung bereits in Köln……ich frag mich, ob sowas Karma ist;-) ……..PS: nur könnte ich nie alles so genial beschreiben wie Du!!!

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  2. Coole Geschichte! So exakt stellt man sich Mitzi mit 20 vor! …. oder beinahe 😉

    Da ich ungerne erzähle, wie und warum überhaupt ich die 20er überlebt habe, möchte ich nur erzählen, wie sehr mich der Titel an Captain Pfeiffer erinnert hat. Ich bin beruflich sehr oft nach Frankfurt und Stuttgart geflogen. 2 Jahre lang fast jede Woche. Da lernt man sämtlich Flugkapitäne, Co-Piloten und FlugbegleiterInnen der Lufthansa kennen.
    Ich habe mir aber nur Captain Pfeiffer gemerkt, weil ich mit ihm die härteste Landung meines Leben erlebt habe. Es muss eine mächtige Windböe das Flugzeug kurz vor dem Aufsetzen erwischt haben. Bei so einem „Strömungsabriss“ fällt der Flieger dann die letzten Meter einfach runter – mal salopp ausgedrückt. Als ich mich von dem Durchrüttelschüttelschock erholt hatte, meinte Captain Pfeiffer mit seiner ruhigen, sympathischen Stimme nur: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wie Ihnen sicher nicht entgangen ist, sind wir eben in Hannover aufgeschlagen!“

    Ein paar Flüge später wurden wir vom Captain nach Erreichen der Reiseflughöhe freundlich begrüßt. Als er seinen Namen nannte, „Pfeiffer“ haben doch tatsächlich ein paar Fluggäste und ich wie aus einem Munde „OH NEIN!“ gerufen. 😉

    Gruß Heinrich

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    1. Captain Pfeiffer hat Humor. Für den einen oder anderen Passagier womöglich etwas zu viel Humor. Nach einer sicheren Landung weiß man ihn sicher mehr zu schätzen ;). Ich bin froh, dass Herr Pfeiffer Sie immer wohlbehalten zurück gebracht hat und ich bei Ihrer Geschichte Schmunzeln durfte.

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    1. So jetzt sind Sie endlich wieder hier.
      Ich habe Sie schon ganz verzweifelt gesucht….musste Sie nicht nur aus dem Spam Ordner befreien sondern auch noch mal Ihre Kommentare genehmigen. Nu aber.
      Die Tochter liest sicher nicht hier. Speedhiking Junior wäre mir aufgefallen ;).

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    1. Danke, lieber Jules. Ich hatte einen schönen Nachmittag vor einer Fotokiste und habe die alten Bilder dieser Reise durchgesehen. So lange ist es noch gar nicht her und doch fällt mir die Vorstellung, wie unbedarft und chaotisch ich damals um die halbe Welt geflogen bin recht schwer.

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  3. Das ruft mit jetzt doch mit ziemlicher Deutlichkeit meine ältere Tochter ins Bewusstsein (die das hoffentlich nicht liest) und macht mich froh, dass bis jetzt alles gut gegangen ist. Na ja, ist ja auch schon mehr so Mitte 20 🙂

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  4. ein glück, dass diese geschichten meist ein gutes ende nehmen – und dadurch zu guten geschichten werden 🙂 ich hatte diese entspanntheit übrigens nie – auch nicht mit anfang 20. ich glaube, in den teenagerjahren hätte ich sie gehabt, aber da hatte ich keine gelegenheit, sie auszuleben >.<

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  5. Argh! Gutes Ende. Aber bei Beiträgen mit dem Thema fliegen und andere Katastrophen, kriege ich schon beim Lesen Schweißausbrüche. Kennst du B.A. vom A-Team? Das bin ich! Es braucht langen Atem und/oder Gewalt und sedierende Medikamente, um mich in ein Flugzeug zu bekommen.

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