Blöde Kuh, denkt Paul

Er geht nicht, sagt Paul und deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung des Lifts. Er ging gestern schon nicht, informiere ich ihn und sortiere die Werbung aus meinem Briefkasten. Das Sortieren dauert ein wenig, da mir immer besonders viel Werbung geliefert wird, seit ich einen Aufkleber angebracht habe, der darum bittet auf den Einwurf dieses Blödsinns zu verzichten. Ich klappe jedes einzelne Faltblatt auf. Es könnte ja sein, dass sich eine Karte oder ein Brief dazwischen geschmuggelt hat. Als ich fertig bin, steht Paul noch immer vor dem Lift und starrt auf die geschlossene Tür. Ich kann nur vermute, dass es sich bei diesem sturen Stehenbleiben um eine Art Armmuskel Training handelt, da er vor seinem nicht vorhandenen Bauch einen Kasten verschiedener Säfte festhält. KirschMango ist mir zu süß, informiere ich ihn und bleibe aus Solidarität ein wenig neben ihm stehen. Die Flasche sei ja auch nicht für mich, lässt er mich wissen und wir starren wie zwei Großstadtkälber auf die  Türen unseres Aufzugs.

Ich hab Zeit und denke ein bisschen nach. Pauls aktuelle Freundin sieht aus, als würde sie KirschMango Saft trinken. Pur und nicht als Schorle. Ich schätze sie auf Anfang zwanzig und gerade raus aus dem PinaColada Alter. Für GinTonic oder einen guten Wein ist sie noch zu jung. Für Kakao zum Frühstück zu alt. Sie ist KirschMango Saft alt. Was wir so blöd hier rumstehen, fragt Herr Meier und geht ohne eine Antwort abzuwarten an uns vorbei. Unter seinem Arm eine altrosa Einkaufstasche, die Paul grinsen lässt. Meier spürt ein Grinsen auch im Rücken und dreht sich um. Für die Alte von oben, raunzt er und bleibt in der Tür stehen. Kümmert sich ja sonst keiner um sie. Um die Alte. Auch ich muss grinsen, weil es seltsam klingt, wenn alte Menschen andere als alt bezeichnen. Deppen, werden wir verabschiedet und bekommen neue Gesellschaft. Frau Hinteranger schiebt sich an Herrn Meier  vorbei und stellt sich schnaubend zwischen uns und vor den Lift. Er geht nicht, informiert sie Paul. Frau Hinteranger nickt und stellt ihre Einkaufstüten ab. Sie müsse nur kurz verschnaufen, bevor sie in den dritten Stock kraxeln würde. Ich sehe Paul von der Seite an und deute mit einer Kopfbewegung auf die Tüten. Er verzieht das Gesicht und ich erinnere ihn an seine hilfsbereite Seite indem ich der Hinteranger anbiete, dass er ihre Einkäufe hochschleppt. Das sei kein Problem, sie wohnen ja nebeneinander. Selbstverständlich hätte ich mich selbst angeboten, aber Männer mögen es ja Frauen zu helfen. Während Paul mich unfreundlich ansieht und ich versuche seinem Blick auszuweichen hat sich Frau Hinteranger schon an den Aufstieg gemacht. Am ersten Treppenabsatz bleibt sie stehen und kommt noch einmal zu uns runter. Sie selbst komme gut in den dritten Stock. Sie sei ja gerade erst achtzig geworden, aber Frau Eder, die im Rollstuhl sitzt…Sie lässt den Satz in der Luft hängen und ich strahle sie an, weil ich weiß, dass Pauls Karmakonto gleich ins unermessliche steigen wird. Ich sage es ihm und sein Blick wird im gleichen Maße misstrauisch, wie der von Frau Hinteranger freudig zu flackern beginnt.

Eine Stunde später steht Paul vor meiner Tür. Ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte, will er wissen und das Misstrauen in seinen Augen ist verschwunden. Dort wo es vorhin noch aufkeimte, ist jetzt blankes Entsetzten, Unverständnis und Wut zu erkennen. Der positive Effekt eines guten Karmas hat den Weg zu Pauls Befinden noch nicht gefunden und ich muss seufzen. Seufzen, weil Paul eigentlich nur vor meiner Tür steht, wenn er ein Päckchen abholen möchte oder sich über mich beschwert. Wie schade das ist, sage ich ihm heute besser nicht. Es täte mir leid, sage ich stattdessen und nehme es gleich darauf wieder zurück. Jetzt werde auch ich wütend. Frau Eder kann nicht viel wiegen und jeder im Haus weiß, dass ihr der Kirchgang am Sonntag wichtig ist. In Heidi, der Zeichentrickserie meiner Kindheit, hat der Großvater die gelähmte Klara auf den Berg geschleppt und mein Bruder hat meine Oma auch schon die Treppen herunter getragen. Und überhaupt. Herr Meier hat doch Recht. Keine kümmert sich heute noch um den anderen. Hätte Paul sich selbst angeboten, dann hätte ich ihn gar nicht in diese Situation bringen müssen. Ich bin gerade richtig in Fahrt, als Herr Iwanow von nebenan den Laubengang vor meiner Wohnung betritt. Er hätte jetzt Zeit für eine kleine Probe. Nur ein Stockwerk fürs erste und morgen dann ganz nach unten. Ob sie die zarte Frau Ender ernsthaft zu zweit nach unten schleppen, erkundige ich mich und Paul  sieht mich so böse an, dass ich entgegen meiner Natur den Mund halte.

Womöglich steigt Pauls Karma Punkte Konto. Meines sinkt. Ich habe Frau Eder mit Frau Lukaseder verwechselt. Beide wohnen im vierten Stock und sind nicht mehr die jüngsten. Damit enden die Gemeinsamkeiten. Während Frau Eder ein zierliches, winziges Weibchen ist, handelt es sich bei Frau Lukasende um einen mächtigen und übergewichtigen Brocken von Frau. Dieser Brocken wird gerade von Paul und Herrn Iwanow ein Stockwerk nach unten getragen. Ich trau mich nicht nachzusehen, aber Judith hat mir über den Balkon zugerufen, dass man es mit einer alten Gartenliege als Trage versuche. Sie musste mehrfach ansetzen um vor Lachen einen ganzen Satz heraus zu bringen. Wie geht es Paul, frage ich und sie zuckt die Schultern. Solange er sich noch lautstark fragen könne, ob seine Versicherung zahlt, wenn er Frau Lukaseder fallen lässt, ist wohl alles in Ordnung.

 

 

 

34 Gedanken zu “Blöde Kuh, denkt Paul

  1. Der Kern dieser wie immer lesenswerten Schilderung scheint mir folgender Passus zu sein: „indem ich der Hinteranger anbiete, dass er ihre Einkäufe hochschleppt.“ Man beachte die sorgsam gewählte Pronominalkonstruktion (mit „er“) im hinteren Teilsatz. Oft wird nach „anbieten“ ja gedankenloserweise der Infinitiv gewählt („indem ich der Hinteranger anbiete ihre Einkäufe hochzuschleppen.“) Diese Kontruktion hat freilich den praktischen Nachteil, dass man es selber machen muss. Geschickt formuliert, also! Man muss sich vor Ihnen in Acht nehmen!

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  2. Liebe Mitzi!
    Dass Männer den Damen gerne helfen ist mir ehrlich gesagt neu. Wenn ich mir so mein Umfeld betrachte, habe ich den Eindruck, dass es überwiegend die Frauen sind, die mal wieder den Laden zusammenhalten und alles richten müssen. Schön zu hören, dass Paul ganz von sich aus seine Hilfe angeboten hat, das lässt hoffen 🙂
    Herzliche Grüße
    Mallybeau … muh

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    1. Liebe Mallybeau,
      wir Frauen halten den Laden sehr oft zusammen. Es gibt aber doch gar nicht so wenige männliche Exemplare die uns gerne unterstützen. Man muss sie vielleicht ein wenig anstupsen und ein bisschen stur sind sie auch. Siehe Paul….aber dann packen sie an. Ich kann verkündigen, dass in unserem Treppenhaus dieses Wochenende bisher keine Frau zu schaden kam und fallen gelassen wurde.´
      Herzliche Grüße
      Mitzi

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      1. Keine Sorge. Ich würde mir ja ins eigene Fleisch schneiden, wenn ich Sie verraten würde. Dann stünden wir alle trostlos ohne Ihre zauberhaften Hausgeschichten da. Und darauf will wirklich niemand verzichten!
        Ihnen auch einen schönen Sonntag Abend 🙂 und herzliche Grüße aus dem Kuhstall.

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  3. Liebe Mitzi,
    ich kenne mich mit dem Karmapunktesystem überhaupt nicht aus! Ich bin allerdings bei Ihnen völlig sicher, dass Sie einen Idealpunktestand erreichen werden, der auf diesem Planeten einmalig ist und der die Gemeinschaft der alten und jungen Seelen in Erstaunen versetzt und aufmischt.

    Liebe Mallybeau Mauswohn,
    Sie müssen noch sehr, sehr jung sein, dass Sie es so selten erlebt haben, dass Männer den Damen gerne helfen. Es sei denn, Sie haben in Ihrer Statistik die Hilfsangebote gestrichen, die mir leichten „Hintergedanken“ angeboten wurden.
    Ich kenne das von mir. Wenn ich einer Dame helfe, dann auch nur, um ein Lächeln zu ernten! Naja, manchmal mache ich es auch „nur so“.

    Gruß Heinrich

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    1. Was sind Sie doch für ein Charmeur lieber Heinrich.
      Der Realismus zwingt mich zu Schmunzeln und Ihnen zu versichern, dass ich womöglich die eine oder andere Seele in Erstaunen versetze und auch aufmische aber sehr, sehr weit von einem Idealzustand entfernt bleibe. Eigentlich auch schöner, finden Sie nicht? Dann ist der Anspruch nicht so hoch.
      Hilfsbereite Männer gibt es viele. Sehr viele. Mit Hintergedanken und ohne. Da muss auch ich Frau Mallybeau widersprechen. Wir sollten Ihr jemanden auf die Alm schicken ;).
      Herzliche Grüße
      Mitzi

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      1. Liebe Mitzi,
        nun haben Sie es tatsächlich geschafft, dass ich Ihnen widersprechen muss! Und das gleich 2 Mal!
        Erstens bin ich kein Charmeur, sondern nur ein leicht subjektiv angehauchter Beobachter, der den Damen gerne hilft, ihre wahre Schönheit, Güte und Liebenswertigkeit zu erkennen und Ihren Vorschlag „jemanden“ auf die Alm zu „schicken“, wird Ihnen Mallybeau Mauswohn vermutlich als gute Blogfreundin nicht übel nehmen (Frauen dürfen so etwas vermutlich untereinander sagen?)
        Aber ich schätze Mallybeau ebenso wie Sie so ein, dass sie beide zu den bezaubernd selbstbewussten Frauen gehören, die sich nichts „schicken lassen“, sondern je nach Gefühl und Bedürfnis sich Dinge in dieser Welt auswählen, die sie für das Wohlfühlen brauchen. Und glücklich sind die, auf die diese Wahl fällt!
        Gruß Heinrich

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      2. Lieber Heinrich, nun habe ich es tatsächlich geschafft, einen richtigen Blödsinn zu schreiben. Nachdem ich Charmeur mit einem komischen Bauchgefühl googelte, habe ich mir auf die Finger gebissen. Die Synonyme sind ja grausam und völlig unpassend. Eigentlich wollte ich damit sagen, dass ich mich jedes mal sehr über Ihre lieben Worte freue und sie mir jedes Mal ein glückliches und freudiges Lächeln auf die Lippen zaubern. Charme haben Sie, ein Charmeur….entschuldigen Sie bitte.
        Auch möchte ich Frau Mallybeau natürlich nicht wahllos einen Mann schicken. Wie Sie sagen, vermute auch ich, dass sie das sehr gut selbst kann. Es ging mir nur um den ersten Satz.
        Ich bin froh, dass Sie mir widersprochen haben, dann kann ich unglücklich formuliertes ein wenig gerade biegen.
        Herzliche Grüße

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      3. Liebe Mitzi,
        gerade das finde ich so wunderbar, dass wir uns über alles unterhalten können, gleicher, unterschiedlicher oder meiner Meinung sein können! *hihi* 😉

        Nein, Spaß beiseite. Für mein Empfinden hat es noch nie Anlass zum „echten“ Widerspruch gegeben, wenn Menschen sich nicht nur gut verstehen, sondern auch zwischen den Zeilen lesen können!

        Gruß Heinrich

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      1. Ihre Nachbarn haben vermutlich ein sehr einfaches Gemüt. Es zeugt von Ihrer Engelsgleichheit, dass Sie in so einer Umgebung leben können und diesen Leuten eine „lebendige“ Nachbarschft bereiten. 😉

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  4. Also im Prinzip bin ich ja auch hilfsbereit, man muss es nur rechtzeitig ankündigen, damit ich mir dann frei nehmen kann. Wenn ich dann zurück bin, ist allerdings meistens alles schon passiert. Ganze Umzüge habe ich so schon verpasst. Aber für liebe Freunde und alte Bekannte wäre ich bereit, noch ganz andere Dinge zu verpassen.

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