Eine Leiche im Hinterhaus

Mit unserem Haus ist es ein wenig so wie mit Italien. Oder um die Himmelsrichtungen korrekt wieder zu geben, unser Haus ist wie Deutschland kurz nach der Wende. Es gibt den Osten, das Vorderhaus, und den Westen, das Hinterhaus. Man kennt sich, man mag sich, aber für die Probleme des anderen fühlt man sich nicht unbedingt zuständig. So ignoriere ich seit Wochen die immer dringlichen Hilferufe einer mir unbekannten Dame aus dem Hinterhaus. Dank der vielen Zettel im Aufzug bin ich bestens darüber informiert, dass einer aus dem zweiten Stock  in seinem Badezimmer Tauben füttert. Aber ganz ehrlich….es ist mir egal. Das spielt sich im Hinterhaus ab und ich wohne im Vorderhaus. Den Westen unseres Hauses betrete ich nur, wenn ich muss.  Heute musste ich. In meinem Flur liegt seit Tagen ein Paket für meinen Nachbarn Paul und ich ahne, dass sich der DHL Bote die Benachrichtigungskarte wieder einmal gespart hat. Mit dem Paket unter dem Arm betrete ich das Hinterhaus und fühle mich darin bestätigt, dass der vordere Teil doch viel schöner ist. Das sehen die meisten aus dem Vorderhaus so und deshalb wundert es mich, direkt neben Pauls Wohnung eine buntgemischte Ansammlung aus beiden Teilen des Hauses anzutreffen. Herr Meier steht in der Mitte und ich sehe meine direkte Nachbarin Judith fragend an. Die haben eine Leiche, informiert sie mich. Ich verschiebe die Paketabgabe und bleibe neugierig stehen. Weiterlesen

Blöde Kuh, denkt Paul

Er geht nicht, sagt Paul und deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung des Lifts. Er ging gestern schon nicht, informiere ich ihn und sortiere die Werbung aus meinem Briefkasten. Das Sortieren dauert ein wenig, da mir immer besonders viel Werbung geliefert wird, seit ich einen Aufkleber angebracht habe, der darum bittet auf den Einwurf dieses Blödsinns zu verzichten. Ich klappe jedes einzelne Faltblatt auf. Es könnte ja sein, dass sich eine Karte oder ein Brief dazwischen geschmuggelt hat. Als ich fertig bin, steht Paul noch immer vor dem Lift und starrt auf die geschlossene Tür. Ich kann nur vermute, dass es sich bei diesem sturen Stehenbleiben um eine Art Armmuskel Training handelt, da er vor seinem nicht vorhandenen Bauch einen Kasten verschiedener Säfte festhält. KirschMango ist mir zu süß, informiere ich ihn und bleibe aus Solidarität ein wenig neben ihm stehen. Die Flasche sei ja auch nicht für mich, lässt er mich wissen und wir starren wie zwei Großstadtkälber auf die  Türen unseres Aufzugs. Weiterlesen