Kloß-Tag

Aufwachen mit einem Kloß im Hals. Vollmond, Neumond, PMS, Weltschmerz oder einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden. Auch solche Tage müssen durchlebt werden, weil es an Alternativen fehlt. Lästig sind solche Tage. Stets nur eine Haaresbreite vom Losheulen entfernt und sich bloß nichts fragen lassen. An Kloß-Tagen geht man anderen besser aus dem Weg. Sie sind selten, aber wenn sie da sind, dann kann ich nicht schlucken und muss mir die Decke über den Kopf ziehen. Wenn das nicht geht, wird es schwierig und ich bin untragbar. Für mein männliches Umfeld. Frauen scheinen sich mit Klößen auch jenseits der Küche besser auszukennen. Ein Buchhalter mit dem ich einmal zusammen arbeitete, ist nie darüber hinweggekommen. Über meinen Kloß-Tag.

Buchhalter: „Da haben Sie Mist gemacht, Frau Irsaj.“
Ich: „Oh…“


Buchhalter: „Weinen Sie?“ (Sehr, sehr irritiert)
Ich: „Ja. Können Sie es ignorieren?“
Buchhalter: „Ehrlich gesagt, nein. So schlimm ist es nicht. Wir müssen nur..“
Ich: „Ist nicht wegen Ihrer Buchung.“
Buchhalter: „Die ist aber zum heulen.“
Ich: „Ja, vermutlich. Können wir das morgen besprechen?“
Buchhalter: „Nein. Ultimo.“
Ich: „In Ordnung. Aber Sie müssen das Heulen ignorieren. Ich bin heute nicht zurechnungsfähig, wie Sie sehen.“
Buchhalter: „Das waren Sie bei dem Mist, den Sie da fabriziert haben wohl auch nicht.“
Ich: „Heute ist nicht der Tag für Witze. Ich habe einen Kloß im Hals und bitte Sie das zu respektieren.“

Der Buchhalter quälte sich mit mir durch meinen Kloß-Tag und falsche Buchungen. Schweigend reichte er mir ein Taschentuch nach dem anderen und bewies große Tapferkeit. Ich im übrigen auch. Buchhaltung ist mir ein Graus. Zum Heulen ist die.

Heute bin ich klüger als vor ein paar Jahren noch. Für Kloß-Tage habe ich immer einen halben Urlaubstag in petto. Heute Nachmittag hatte ich frei. Im Bus nach Hause starrte ich aus dem Fenster. Beim Anblick eines Hundewelpen hätte ich losgeheult und ich hatte keine Taschentücher dabei. Ein Mann setzte sich mir gegenüber und lächelte. Ob er mir einen Witz erzählen dürfe. Er durfte und tat es. Es war ein Witz den ich nicht verstand und den ich mir nicht merkt. Ein Witz über den er selbst so herzhaft lachte, dass auch ich lachen musste. Und ein bisschen innerlich heulen. Falls Sie Kloß-Tage nicht kennen…für das Heulen gibt es keinen Grund. Auch keinen unterbewussten. Lachen und heulen widerspricht sich an solchen Tagen nicht. Als er ausstieg bedankte er sich für mein Lächeln. Danke, für ihr Lächeln. Ist das nicht ein wunderschöner Satz? Ich dankte für den Witz, verschwieg, dass ich nicht verstand und schluckte meinen Kloß hinunter. Schokolade, Rotwein und Pasta habe ich trotzdem gekauft. Weibliches losheulen ohne Grund ist so klischeehaft, dass es das Gegenmittel auch sein darf.

49 Gedanken zu “Kloß-Tag

  1. … univerale Klostage, die gibt es… du bekommst den Beerdigungstermin deiner Mutter mitgeteilt… es regnet Hunde und Katzen… der gestrige Glühwein war doch zu süß … und die Bank denen Vertrauens hat den Legastheniker in dir abgestraft mit der Nachricht, an ihrem Iban wird Zahlentanzraum nicht geschätzt… Frau sein halt… ;-)))

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  2. Als Mann eine Frau versehentlich an einem solchen Tag zu begleiten ist eine extreme Herausforderung, ich habe es schon erlebt – nein, besser: Überlebt. Man kann gar nichts richtig machen: Redet man, ist man ein Schwätzer, schweigt man, ist man herzlos. Geht man nach links, ist man ein Egoist, nach rechts: Erstrecht! – bleibt man stehen, ein Feigling. Und so weiter. Nach einer halb schlaflosen Nacht, in der man sich gefragt hat, was man bloß falsch gemacht hat, gibt es telefonische eine Entschuldigung und man solle alles vergessen. Nichts leichter als das – ich bin nicht nachtragend und froh, daß nichts Schlimmes war. Außer Kloßtag – der als Phänomen jetzt durch Dich diesen Namen bekommen hat. Danke!:-)

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    1. Du hast recht. Als Mann ist das eine schier nicht lösbare Herausforderung. Um dich zu beruhigen….wir wissen das und es tut uns leid ;).
      Nicht nachtragend zu sein, ist in diesem Fall (und auch sonst) eine der besten Eigenschaften, die Männer in unserem Umfeld haben können.

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  3. Oh Mitzi, als hätte ich das geschrieben. Ich sag dann zu meinem Mann, ich sei tränenduselig oder unrund. Er weiß, das geht vorüber.
    Wehe dem, der miterleben muss, wenn ich so richtig losheule und keine Ahnung hat. Einmal angestartet muss das alles raus. Dann ist es leichter. Nicht das Kopfweh oder die verschwollenen Augen. Aber meiner Seele ist leichter.
    Liebe Grüße, Frau Vro

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  4. Wenn es „nur“ diese „Kloßtage“ wären, daran hatte ich mich nach den Jahrzehnten schon gewöhnt…
    Ich dachte nicht, dass es eine so eingreifende Steigerung geben könnte,
    wie ich sie seit einiger Zeit erlebe. 😦

    Mit Agnus Castus’schen Grüßen,
    Silbia

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  5. liebe Mitziiiiiii, Sie haben ein e vergessen (@merkt…e)….. aber bitte schimpfen Sie mich nicht „Buchhalterin“….. Ihr Text ist so dermaßen fabelhaft :-)….
    und vor allem…. die Klostage gehen vorbei, irgendwann. Aber dann ist Superklostag, weil die Klostage und Hormönchen weniger werden.
    Das ist auch nicht lustig…. oder doch, eigentlich schon.
    Merci für Ihren liebreizenden Text!

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    1. Oh…ich mache mich gleich auf die Suche. Und bitte…immer her mit den fehlenden Buchstaben. Ich bin so schludrig.
      Ich fürchte, ich ahne was der Superklostag ist und hoffe auf noch ein wenig Schonzeit bevor ich mich damit befassen muss ;).

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  6. Wow … Kloß-Tage sind dann wirklich Kloß-T.A.G.E? Das kenne ich sie (leider/gottseidank?) nicht…. hmm… ich habe Kloß-Minuten oder Kloß-Stunden, ab und zu… aber nie einen kompletten Kloß-Tag (der sich für mich im Übrigen echt anstrengend anhört)…..

    Aber vielleicht sind diese Tage, an denen die Alternativen fehlen, gar nicht so schlecht, um angestaute gefühllose Gefühle rauszulassen. Gefühllose Gefühle deshalb… weil…ICH diese Kloß-Momente zumindest nie wirklich als Gefühl beschreiben könnte.
    Einfach losheulen und sich irgendwie schlecht’fühlen‘ (oder so) ohne Grund.

    Hm.

    Dein Buchhalter ist mir irgendwie sympathisch. Und auch der Mann im Bus.

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  7. Verflixt, ich bin zu spät, aber hoffe, dass von gestern kein Kloß übrig ist. Gehts dir wieder gut, liebe Mitzti? Dass du aber an einem „Kloßtag“ so wunderbar über den Zustand schreiben kannst, adelt sogar den. Oder anders: Nichts ist so schlimm, als dass Mitzi nicht daraus Literatur machen könnte.

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    1. Nichts übrig, lieber Jules. Ein solcher Tag ist kein Weltuntergang. Man könnte es auch einfach „einen schlechten Tag habe“ nennen. Bevor ich mich zu sehr darin suhle, tipp ich ein bisschen, erinnere mich an den armen Buchhalter und muss schmunzeln.
      Dein letzter Satz ist schön. Danke dafür (auch für die anderen).

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  8. Bei mir heißen Kloßtage ‚ich hab das arme Tier‘.
    Muß man sich phonetisch im Rheinland vorstellen, weil da kommt die Formulierung her, ungefähr ‚isch_hab_et ärme Dier‘.
    Mir das selbst mit breitem ä und weichem d laut zu sagen, tröstet mich fast schon so wie das Dreigestirn Pasta, Rotwein, Schocki.
    Feiner Text, toller Blog!

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  9. ich habe keine regelmäßigen kloßtage, dafür sehr unregelmäßige kloß-wochen und manchmal auch kloß-monate. das ist immer ziemlich anstrengend, für mich, alle beteiligten und die meist eh schon engen jeans. aber ich hatte eine weile lang kloß-freie zeit. da hab ich aber sonst auch nicht viel empfunden und unterm strich war das nicht besser. jetzt begrüße ich kloßtage mit einer warmen melancholie, weil ich zwar ständig wässrige augen hab, aber immerhin bin ich dazu in der lage. für kloß-tage ist „das schicksal ist ein mieser verräter“ übrigens genau das richtige. da kann man alles rausheulen, was in einem drin ist. wenn träume fliegen lernen geht auch gut.

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    1. Kloß-Monate klingen sehr, sehr anstrengend. Nicht viel zu empfinden ist aber eine Alternative, die wohl auf Dauer noch sehr viel unschöner ist. Schön wie du den Umgang mit den Tagen beschreibst. Man findet wohl eine „Lösung“ für sich.
      Den Film muss ich mir einmal ansehen – der Titel hat mir schon immer gefallen.

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      1. ja, irgendwie muss es gehen und man gewöhnt sich irgendwann dran und lernt, einen weg dafür zu finden. es gibt aber zeiten, in denen man das gefühl hat, dass die kloß-momente nie wieder aufhören und das ist besonders anstrengend. zum glück haben sie das bisher immer, manchmal auch mit unterstützung.

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  10. Also erstein mal ein hoch auf den Buchhalter… So viel Humor hätte ich auch gerne.

    Unser Lehrer ist mittlerweile dazu übergegangen so ähnlich zu agieren… Er lässt uns heulen und wenn wir dies ganz leise tun entschuldigt er uns für die Unterrichtsstunden, da wir meist so unzurechnungsfähig sind dass melden quasi unmöglich ist

    Gefällt 1 Person

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