Sommer mit Filter

Kennen Sie den Sommer Filter, der sich an manchen Tagen im Juli über die Welt legt? Wenn Sie jetzt im App Store nachsehen müssen, dann kennen Sie ihn nicht. Es ist kein Gadget für Ihre Kamera, sondern etwas ausgesprochen hübsches, dass Sie ganz umsonst bekommen. Achten Sie mal drauf, der Filter legt sich auch über Ihre Stadt. Falls Sie ihn nicht gleich erkennen und ein Kind im Haushalt haben, fragen Sie es!

An Sommerfilter-Tagen spüren Sie es schon beim Aufwachen. Am schönsten ist es, wenn es nachts ein Gewitter gegeben hat. An solchen Hochsommertagen atmet es sich um halb sieben in der Früh am besten. Es riecht nach Sommer und hier in München, riecht es wie in Italien. Italien morgens um sieben riecht wie eine Mischung aus Kaffee, süßem Gebäck, frischem Gras und Meer. Selbst wenn in italienischen Städten kein Gras wächst, riecht es morgens so. Genauso wie es in München kein Meer gibt und die Kaffee-Gebäck-Duft Mischung trotzdem ein wenig salzig riecht. Ein herrlicher Geruch. Herr Meier in meinem Haus meint, der süßliche Geruch käme aus dem Müllhäuschen, wo sich die vollen Tonnen stapeln. Meier hat keine Ahnung – das ist der Geruch des Sommers. An solchen Tagen fahre ich nicht mit der U-Bahn, sondern mit dem Bus. Sommer-Filter Luft am Morgen ist zu kostbar, als das ich mich unter die Erde begeben würde. Im Bus ändert sich der Filter ein bisschen. Es riecht nach dem weichen Teer, in den man manchmal im Urlaub am Strand tritt. Dann sind die Füße dreckig, aber das macht nichts – auch das gehört zum Sommer. Der Bus fährt nicht weiter und wir müssen aussteigen. Angeblich sind die Bremsen kaputt. Man hätte es gerochen, sagen die Fahrgäste und ich schüttle ungläubig den Kopf, weil sie den schönen Sommer-Filter-Teer-Geruch mit heißgefahrenen Bremsbelägen verwechseln.

An der S-Bahn Station spürt man die Hitze des Tages schon langsam ansteigen. Noch stellt man sich in die Sonne, weil die nackten Beine die Wärme noch gut vertragen. Noch ist es früh und noch meidet man den Schatten, so wie man Mittags vor der Sonne flüchtet. Wissen Sie wovon ich spreche, wenn ich Sie auf das besondere Licht eines Hochsommertages hinweise? Es ist wunderschön. Es blendet, murmelt meine verkaterte Freundin, die an der selben Station wie ich steht. Es blendet und die Kinder plärren zu laut. Sie zieht sich die Sonnenbrille auf und ich stöhne leise. Es funkelt und schimmert unter dem Sommer Filter und die Kinderstimmen sind doch nur ein angenehmes Hintergrundgeräusch.
Im Büro ist es angenehm. Alles ist schön, wenn vor dem Fenster die Welt in den Sommer Filter getaucht ist. Unangenehm schwül wäre es, schimpft die Kollegin und lässt die Rollläden nach unten. Auch das ist in Ordnung, so ist es am Schreibtisch angenehm kühl. Kühl, fragt mein Gegenüber und schüttelt den Kopf. Dampfig und muffig ist es. Es würden einem die nackten Unterarme am Schreibtisch festkleben, so schwitzig ist dieser Tag. Ich bitte sie, sich das für die Wechseljahre aufzuheben und etwas fröhlicher zu sein.

An einem gefilterten Tag, kann man nach der Arbeit nicht nach Hause gehen. Ich treffe mich mit einer Freundin. Es ist so heiß, dass ein jedes Café eine willkommene Abkühlung bietet. In den Schuppen würde ich sie nicht hineinbekommen, meint meine Freundin und deutet auf den grenzdebil grinsenden Kellner der schwitzend unter dem Sonnenschirm lehnt. Ich sehen niemanden grenzdebil grinsen. Sehe nur ein freundliches Lächeln, darf mich aber nicht setzen und laufe ihr hinterher. Ihre Schuhe drücken und das was ich als ausgesprochen hübsches Bistro entdecke, wird von ihr als Notlösung bezeichnet. Sie hat keine Ahnung. Das leise Summen der Bienen klingt nach Sommer und die Stadt vibriert so lebendig, wie sie es nur im Sommer tun kann. Die verdammten Wespen würden ihren Kuchen auffressen, beschwert sich meine Freundin und der Presslufthammer von der Baustelle mache sie wahnsinnig. Sommer! Verdammt noch mal es ist Sommer, keife ich sie an und sie zieht mir die Sonnenbrille von der Nase. Es dauert ein paar Minuten, dann beginnt sie zu lächeln. Wie ich mit einer Brille, über deren Gläser sich ein leichter Film Sonnencreme gelegt hat, eigentlich sehen könne, will sie wissen. Bestellt sich einen Eiskaffee und will plötzlich nicht mehr gehen. Endlich sieht auch sie den Sommer Filter.

An der Brille liegt es nicht. Die ist ganz normal und hat saubere Gläser. Es liegt wahrscheinlich an mir. Ich lasse mir den Sommer nämlich nur ungerne verderben und lege eine penetrant gute Laune an den Tag. Man sagt ich sei ein wenig zu gut gelaunt. Der mutigste meiner Freunde bezeichnete die Fröhlichkeit einmal als meinen Sommer Filter. Der sei mitunter noch anstrengender als der Weihnachtsfilter (falls Sie sich fragen ob ich mich bei diesem Text noch entscheiden werde ob ich Filter als einzelnes Wort oder zusammengesetzt verwenden werde….nein).

Rufen Sie mich an, wenn Sie im Urlaub in einem wirklich üblen Hotel landen. Ich besuche Sie und verspreche Ihnen, dass ich Sie solange und so penetrant auf das Schöne hinweise, bis Sie es selbst sehen. Was ist schon Schimmel in den Fugen gegen das Gefühl von Sand zwischen den Zehen. Passen Sie halt ein bisschen auf, wenn da Glasscherben rumliegen.

 

 

 

 

 

 

37 Gedanken zu “Sommer mit Filter

  1. Was für ein wahnsinnig cooler Text! Du hast so ein Talent dafür, einen Sommertag wie diesen so greifbar zu beschreiben, so nah, und dabei so humorvoll und augenzwinkernd. Bin geflasht, wirklich klasse!
    Und bitte bleib dabei, sehe das Schöne in diesen Tagen und halte dich von denen fern, die selbst im Sommer überall etwas auszusetzen haben, und so werde ich es tun, denn dein Beitrag fühlt sich fast wie ein Appell an 🙂

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  2. Lebensfreude pur 🙂 Wie schön!!! Ich bin auch ein wenig grummelig, muss ich gestehen, weil mir diese ewigen Gewitter und der Regen die Laune verhageln. Aber dann lese ich deinen Text und bin wieder fröhlicher. Lauer Regen an heißen Tagen ist nämlich tatsächlich wunderbar 🙂

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    1. Du hättest mich am Montag sehen sollen – so patschnass war ich lange nicht mehr. Und dann musste ich so auch noch zum Arzt ein Rezept abholen :). Als ich es hatte, konnte ich wieder grinsen. Über mich und die Luft, der der Regen gut getan hat.

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  3. Liebe Mitzi!
    Ihre Gedanken sind sehr schön gefiltert und bebildert!
    Ich wollte zunächst schreiben, dass ich einen Tagesfilter habe, der sich stets aufs Neue ändert. Doch dann habe ich gemerkt, dass ich keinerlei Filter vor mir hertrage und jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde meines Lebens ungefiltert und ungeschminkt betrachte und zu genießen versuche und jeder Moment ein einziger Filter ist.
    So kann auch der Schimmel in den Fugen zu einem Pferd in einem Musikstück werden. Zugegeben, vielleicht ist das der Filter der Fantasie …
    Ich habe jedenfalls festgestellt, dass eine Kuh ungefiltert hervorragend durchs Leben trotten kann!
    Ich wünsche Ihnen eine mit Sommerfiltern durchzogene Woche 🙂
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau M.

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    1. Um Ihren Filter, liebe Mallybeau, mache ich mir keine Sorgen. Um welchen auch immer es sich situationsbedingt handeln mag und wie er auch genannt wird, sie sind ein Lebewesen, dass zu genießen weiß.
      Behalten Sie sich diese Gemüt bei.
      Herzliche Grüße
      Mitzi

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  4. Es ist wunderbar wie sehr du dich am Sommer erfreuen kannst. Durch deine Geschichte lässt man sich mitreißen und auch deine positive Stimmung steckt an. Dankeschön für deine tolle Sicht der Dinge. Das war wie ein super Kauknochen. Frauchen hat sich auch sehr beim Lesen gefreut. Ich wünsche dir noch einen langen schönen Sommer. GLG dein Odie

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      1. Ich hoffe dass es bald aufwärts geht. Im Moment hat Frauchen viele Sorgen. Aber dein Blog hat ihr ein Lächeln abgeluchst. Wieso das Luchs heißt weiß ich aber nicht. Für Hund wie mich nicht nachvollziehbar. GLG dein Odie

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  5. Sommer hat überhaupt viele Vorteile gegenüber den anderen Jahreszeiten – heute habe ich Kirschen gekauft und mußte an Dich denken, bzw. an Deine Kirschengeschichte, nämlich, daß man eventuell ein paar Promille weniger geliebt oder gemocht wird, wenn man nicht anders kann und sie anderen wegfrißt. Das Risiko kann man umgehen, wenn man sie ganz schnell in sich hineinstopft, bevor sie jemand sieht, und die Kerne tief in der Mülltonne vergräbt.;-)

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    1. Jetzt habe ich ein hübsches Bild vor Augen. Videbitis sitzt auf den Treppenstufen und verschlingt die Kirschen bevor ein anderer Ansprüche stellt. Nicht, dass mir das nicht bekannt vor käme ;).
      Mittlerweile kaufe ich einfach ein Pfund mehr.

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  6. Offenbar hast du dir ein Stück der kindlichen Freude über den Sommer bewahren können, das du dann mit der Hartnäckigkeit der Erwachsenen gegen den Rest der Welt verteidigst – und hätte der auch Recht. Kann er aber nicht haben, schließlich ist Sommer – und wenn der es nicht wert wäre, verteidigt zu werden, was dann? Okay, Weihnachten. Und Frühling. Der Herbst vielleicht auch noch.

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  7. ich weiß genau was du meinst. obwohl ich sagen muss, seit ich arbeite und mir die sommerferien abhanden gekommen sind, fällt es mir weit schwerer, den sommerfilter wahrzunehmen, da gehöre ich leider oft eher zur meckernden garde. hin und wieder lässt er sich aber noch in meiner wahrnehmung blicken, der sommerfilter. dann erfüllt er mein herz mit freude, wehmut und sehnsucht nach den zeiten, an denen er sich zum ersten mal im juni gezeigt und erst im september wieder verabschiedet hat.

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    1. Als Kind mit einem schier unendlichen Vorrat an freier Sommerzeit ist man gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass es einen Filter gibt, der die Tage in schönes Licht taucht – es war einfach so. Diese sechs Wochen hätte ich auch gerne noch einmal.

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  8. Wunderbar, wie der Filter die grantige Freundin dann doch sofort weichspült! 🙂
    Im Moment mag ich es auch nur genießen und erfreue mich sogar unter lauten Menschen in der Stadt an dem Gefühl. Es geht so schnell vorbei und lange mussten wir darauf warten, jetzt halten wir es mal schön bei uns… 🙂

    Sonnige Grüße,
    Silbia

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  9. Aiii, diesen Text hätte ich vor zwei, drei Wochen gebraucht. Als ich mir durch sowas wie Liebeskummer die erste Hälfte meines Sommerurlaubs vermiesen ließ. Selbst schuld, wenn man das zulässt – naja. Zum Glück dauert der Sommer ja noch ein Weilchen und ist auch wunderbar, wenn die Arbeit wieder losgeht. (Erinnere mich an diesen Satz, wenn ich dann wieder an meinem Schreibtisch – an dem ich mit den Unterarmen festklebe – darüber schimpfe, wie schlimm der Sommer ist. Ich glaube, ich habe eine Filter-Brille, bei der man zu schnell zwischen den einzelnen Filtern hin- und herswitchen kann ;))

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