Im Juli harmlos

 

Sind Sie schon im August? Ich noch gar nicht. Heute ist der 1. August behaupten die Kalender denen ich begegne. Sie alle sind sich einig, dass der Juli 2016 unwiederbringlich der Vergangenheit angehört. Die Kalender haben keine Ahnung. Ich bin nämlich noch nicht im August gelandet. Ich hänge noch im Juli fest und brauche noch ein paar Stunden, bis ich im August lande. Das hat nichts mit unterschiedlichen Zeitzonen zu tun, sondern nur mit meiner Sturheit. Ich lasse mich ungerne in einen neuen Monat schubsen, wenn ich mit dem alten noch nicht abgeschlossen habe.

Eigentlich hätte mich der Übergang vom Juli in den August nicht vor ein Problem stellen dürfen. Beginnen Monate mit einem Montag, sind sie mir sympathisch und ich gleite geordnet und ruhig ein Kalenderblatt nach vorne. Das Feststecken im Juli ist selbstverschuldet, weil ich partout nicht ins Bett wollte, gestern Abend nicht aus den Bergen nach Hause gefahren bin und heute Morgen viel zu holprig in den Tag gekullert bin.
Ich mag es an dem Ort aufzuwachen, an dem ich auch eingeschlafen bin. Ausnahmen mache ich nur im Flugzeug. Wenn ich auf unserer Hütte einschlafe, erwarte ich auch dort wieder aufzuwachen. Heute Morgen hat es nicht geklappt. Zwar bin ich kurz aufgewacht, als um 05:00 Uhr der Wecker klingelte und ich bin im Halbschlaf den Berg hinunter getaumelt bin um mich um 06:10 Uhr in den Zug fallen zu lassen. Dort bin ich aber sofort wieder eingeschlafen und erst am Münchner Ostbahnhof wieder aufgewacht. Die Bahnhofsuhr zeigte 07:04 Uhr und die Kalender bekundeten, dass der August begonnen hatte. Überall – nur nicht bei mir. Ich bin eindeutig noch im Juli und eigentlich auch noch gar nicht richtig in München. Mein Pullover riecht nach österreichischem Wald. Da war ich im August noch gar nicht. Im Profil meiner Schuhe klebte ein kleines Stück Kohle und im August habe ich sicher noch nicht gegrillt. Auch meine Haut riecht nach Juli-Duschgel und ich bin noch satt vom Juli-Hütten-Abendessen. So schnell kann der August nicht gekommen sein. Vielleicht in München, aber sicher nicht in den Bergen, in denen sich ein Großteil von mir noch befindet. Auch wenn ich es nicht beweisen kann, bin ich mir sehr sicher, dass auf meiner Hütte noch Juli ist. Das alte Holzhaus ist mindestens so stur wie ich und vor dem nächsten Wetterumschwung, hat der August keine Chance. Dort oben ist er nämlich nicht nur ein Kalendermonat, sondern eine ganz besondere Zeit. Es ist der einzige Monate im Jahr, der dem Hochsommer zuzurechnen ist, unglaublich heiß ist, aber vom ersten Tag an schon nach Herbst riecht. Heute Morgen roch es noch nicht nach Herbst. Es roch nach Regen, feuchter Grillkohle, nassen Schuhen und nach Juli. Über dem Wald lag Juli-Feuchtigkeit und ganz hinten, am Schuppenrand, da konnte ich sogar noch etwas Juni erahnen. Ein Holzpflock strömt den Geruch aus. Er hatte ihn wohl gespeichert, als ich im Juni eine Woche lang auf ihm saß und gelesen habe.

Das Monats-Chaos habe ich Luzieke zu verdanken. Ohne sie wäre ich gar nicht in die Berge gefahren. Sie wollte unbedingt ein Foto vom Schrank auf der Hütte haben. Bitte sehr, hier ist es. IMG_1693-0Ich habe den Schrank übrigens geöffnet und er beinhaltet nur alte Decken und Kissen. Natürlich ist dem Schrank nicht zu trauen. Nur weil er einmal seinen harmlosen Inhalt offenbarte, heißt das nicht, dass im Verborgenen nicht noch ganz andere Dinge lauern. Im August zum Beispiel würde ich diesen Schrank niemals öffnen. Was im Juni noch harmlose Kissen waren, können im August bereits….ich will es mir lieber nicht vorstellen. Kommen Sie gut in den August. Falls Sie noch im Juli festhängen oder schon im September sind, lassen Sie sich nicht verrückt machen. Man sollte den Kalendern nicht zu viel Macht einräumen.

 

53 Gedanken zu “Im Juli harmlos

  1. Als ich das Foto gesehen habe, habe ich sofort gewusst,das ist ER!Ganz wibbelich habe ich deinen Eintrag gelesen.Gedanklich darauf gewartet das du IHN aufmachst.Siehst du, auch der Schrank hat ein Sommer Filter und er versteckt wohlweislich alle seine Gespenster unter der Treppe.
    Danke Mietzie….höhö.

    Mea Culpa, mea maxima Culpa.

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  2. Liebe Juli-Mitzi!
    Hätten Sie den letzten Satz nicht geschrieben, hätte ich wohl so oder so ähnlich angefangen. Ich als Kuh räume Kalendern nicht die geringste Macht ein. Es sind ja nur Zahlen auf einem Papier oder einem Computer oder sonst einem Gerät. Hätten Sie mich nicht daran erinnert, dass der August in den Startlöchern steht, ich hätte es vermutlich erst im September gemerkt. Von nun an, habe ich beschlossen, sind Sie mein Kalender. Da erhält man neben einer langweiligen Zahl noch eine schöne Geschichte als Geschenk. Vielen Dank! 🙂
    Herzliche Grüße von der zeitlosen Kuh
    Mallybeau M.

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    1. Im August hoffentlich noch nicht ;)….die Lebkuchen.
      Mir geht es eigentlich das ganze Jahr so, dass die Monate nur so rennen. Nur mit kurzen Fluchten aus dem Alltag habe ich das Gefühl, dass sie weniger schnell verstreichen. Aber die sind nicht so leicht zu erreichen, die Fluchten.

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  3. Wir haben August? Ich staune und wundere mich, war ich doch fest davon ausgegangen, dass wir uns den Rest von 20 16 sparen und mit dem Januar 2017 weitermachen. Den Alternativplan, nochmals in den Januar 2016 zu springen, habe ich verworfen. Ich fühle mich nun hin- und hergerissen. Zwischen Tagen, Monaten und Jahren. Vielleicht … Vielleicht sollten wir einen Schaltmonat einplanen. Oder ein -jahr. Dann klappt es mit dem Übergang in den August 2016 vielleicht doch.

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    1. Angesichts der Nachrichten mag ich lieber nicht zurück in den Januar springen. Lieber hoffe ich auf ein ruhiges zweites Halbjahr.
      Ein flexibler Schaltmonat, den man ganz nach belieben und individuell einschiebe kann….das würde mir gefallen 😉

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  4. Das ist eine originelle Idee, daß die Kalenderzeit schneller ist als die, in der man sich gefühlsmäßig noch befindet. Wenn ich es recht überlege, geht es mir jeden Montag so.;-)

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  5. Also, wenn man direkt auf einer Zeitachse wohnt, geht ein Monatswechsel nie unbemerkt an einem vorüber. Das rumpelt und pumpelt… Allerdings ist die Zeitachse hier zudem so steil wie die Mausefalle. Da ist man der Zeit weit voraus (und ich kann auch nicht sehr ausführlich kommentieren, da jeden Augenblick der Nikolaus kommen kann).
    Aber die Sache mit dem Schrank ist ja der Hammer. Nur alte Decken und Kissen…
    Hahaha.
    In Wirklichkeit…
    Hahahahahahahaha.
    Also, in W…
    Hahahahahahahahahahahaha…
    [Sorry, ich muss mich erst mal sattlachen] 😉

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      1. Okay, ich sehe schon – du willst das Geheimnis selber ergründen. 😉 Dann kann ich ja in Ruhe (?) weiter lachen. 😀 😀 😀
        Danke. In den nächsten Tagen muss ich vor allem aufpassen, dass ich nicht mit dem Christkind kollidiere. Das ist immer ein Kreuz mit Kindern auf einer so steilen Zeitachse.

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      2. Inzwischen habe ich mich ja mehr als satt gelacht. Ich habe sogar einen ausgewachsenen Zwerchfellkater. 😉
        Das mit der Unterstützung geht klar. Das Christkind ist sicher mit von der Partie (glaube ich jetzt einfach mal). Und nötigenfalls kann ich noch ein paar Nikoläuse und eine Rentierherde auftreiben. 🙂

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  6. Das kann ich sooo gut nachvollziehen, liebe Mitzi. Zwar war ich nicht für eine Weile aus der Welt, aber mir geht immer alles zu schnell. Ich war noch gar nicht richtig im Juli angekommen, schon atmets überall August – mit seinem ersten Hauch von Herbst. Du hast sehr schön geschildert, wie noch etwas von dir in der Hütte in den Bergen verharrt, während ein Zug dich nach München zerrte. Ich finde toll, dass du noch spürst, dass der Mensch gar nicht für rasche Ortsveränderungen gemacht ist, sondern eigentlich für die allmähliche wie beim Reisen zu Fuß. Da kann er sich überall eingewöhnen. Das Foto vom geheimnisvollen Schrank ist ein schönes Mitbringsel. Klar, tarnt er sich, wenn man reinguckt. Aber wenn mans nicht macht, ist eben alles Gruselige möglich.

    Lieben Gruß,
    Jules

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    1. Ich bin ganz bei dir, lieber Jules. So schön es ist, heute problemlos von Ort zu Ort reisen zu können – an manchen Tage geht es einem einfach zu schnell. Das Gewusel am Bahnhof hat mir keinen Spaß gemacht.
      Heute morgen hat es schlagartig abgekühlt und ich musste mit Pullover aus dem Haus. Warten wir ab, was der August schönes für uns bereit hält.
      Liebe Grüße

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  7. … und es ist Sommer…und den mag ich auch noch nicht hergeben, bitte schön. Leider nimmt der August, mit der nun täglich spürbar sich entfernenden Sonne jede Illusion.
    Gäbe es nicht den Kalender, dann würde mir die Sonne eine Ahnung davon geben welcher Monat ist, wenn sie gegenüber meinem Fenster untergeht. Das macht sie nun deutlich südlicher bis zum 21.12., dann geht sie wieder Richtung Norden… aber das weiß der August ja noch nicht… und wir merken, in gefühlt ein paar Tagen, dass es plötzlich schon Herbst ist und eben war doch noch Sommer…

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    1. Schön beschrieben, Silbia. Wenn das Licht schwindet, dann empfinde ich es immer als tröstlich, dass ab Weihnachten die Tage wieder länger werden.
      Heute bin ich nun im August angekommen und werde mich auch mit ihm anfreunden. Noch gibt es die Sommerwärme und der Herbstgeruch am Morgen ist eigentlich auch ganz schön. Ich bin ein hoffnungsloser Optimist ;).
      Liebe Grüße

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  8. Noch im Juli? Ich bin schon im September. Zwangsweise. Oder was ist das da draußen, was beständig aus den tief hängenden grauen Wolken strieselt und die Temperaturen stetig nach unten gegen 10° drückt, so dass ich mir heut Morgen eine Jacke aus dem Klamotten-Überwinterungs-Schrank holen musste und zur Mittagszeit mit Licht im Latexladen herumsitze.

    Nur mal so zur Begriffsklärung: Das ist doch der September? Oder ist es doch schon Oktober? 😦

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  9. Die Natur und noch mehr der Berg lassen sich von einem Kalender nicht vorschreiben, in welchem Monat sie sich gerade zu befinden haben. Bloß die Menschen sagen oft: zu warm, zu kalt, zu viel Regen oder viel zu viel Schnee für einen Monat August und projizieren Erwartungen in ein gewisses Datum hinein, welches das Wetter und die Jahreszeiten so nie unterschrieben haben …

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  10. Liebe Mitzi, ja, ich hänge eigentlich noch im Juni fest… Aber dafür springe ich dann, nein halt, Mitte August schaue ich doch noch schnell in diesen Monat hinein, da geht´s nämlich in den Urlaub, aber dann direkt weiter in den September… Danke, dass Du mich wieder so toll unterhalten hast, alles Liebe, Nessy

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  11. Wir erleben Zeit ja ohnehin als Kontinuum, da ist ja nicht eine Sekunde um und wir spüren das, bei der Minute auch nicht, okay, Tag und Nacht machen da eine Ausnahme, die Jahreszeiten auch, aber ob wir 31 – 1 zählen oder 31, 32… den Unterschied spüren wir nicht. Also darf es auch der 34. Juli sein, wenn es dann weniger schmerzt.

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  12. Ich konnte es kaum erwarten dass es August wird, dies ist mein Monat, da bin ich geboren, da fühle ich mich stark und sauge jeden Tag die Sommerluft sehr bewußt ein. Aber ich kenne das nicht Ankommenwollen auch, gerade nach einem Urlaub, da fühle ich noch den Wind in den Haaren, das Salz auf der Haut oder höre das Rauschen der Bäume und habe den Geruch von Latschenkiefern in der Nase. So ist es eben, den besonders schönen Stunden weint man immer ein wenig hinterher 🙂

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    1. Schön beschrieben und genau so habe ich es empfunden :). Den August, in dem ich jetzt auch angekommen bin, mag ich auch. Geburtstagsmonate mag man immer besonders – behalte dir das Gefühl stark zu sein! Am besten für die restlichen elf Monate.
      Liebe Grüße

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