Ninis Painting

Er sagt, dass man mit mir man in keine Ausstellung gehen könne. Es sei verlorene Liebesmüh und gänzlich sinnlos zu versuchen, mir auch nur eines dieser Kunstwerke näher zu bringen. Meine Arroganz sei unerträglich und meine abweisende Körperhaltung eine Beleidigung für jeden, der mir etwas beibringen möchte und….. bla, bla, bla. Ich denke es. Sage es nicht laut, weil ich weiß, dass dies nur weitere Worte, aus einem mich langweilenden Mund, zur Folge hätte. Zwanzig. Zwanzig Worte noch, darf er sagen, dann stecke ich mir die Finger in die Ohren. Oder lege mir die Hände vor die Augen. Spiele ihm pantomimisch die drei Affen vor, die nichts hören, nichts sehen und nichts sagen wollen. Wenn er aber die zwanzig Worte, dieses allerletzte Kontingent, das ich ihm gewähre, überschreitet, dann werde ich etwas sagen. Dann werde ich ihn anflehen, doch bitte, bitte, endlich den Mund zu halten. Oder, durchaus im Bereich des Möglichen, ihn kommentarlos niederschlagen.

Kreative Menschen, die mag er und mich mag er, weil ich schreibe. Ich mag ihn auch. Ich mag ihn, obwohl er schreibt. Dinge, die nicht zu mir durch dringen. Gedichte, die mich nicht berühren und Worte die mir austauschbar erscheinen. Banaler Schwachsinn, sagte ich zu einem, der mich gut genug kennt, um mich nicht zu verraten und weiß, dass mein Urteil erst im Laufe der Jahre so hart geworden ist. Monatlich erhielt ich die fünfunddreißig Zeilen des aktuellen Werkes und wurde gezwungen mich zu äußern. Egal wie oft ich sagte, dass Lyrik mir fremd ist. Mich befremdet, überfordert und in seinem Fall verständnislos zurück lässt. Irgendwann sagte ich gar nichts mehr. Das war besser. Stille Zustimmung, wortloses Lob, meinte er; endlich Ruhe, dachte ich und war dumm genug, mit ihm ins Museum zu gehen. Den Lepanto Zyklus von Twombly hat er mir so gründlich versaut, dass ich ganze zwei Wochen kein Wort mehr mit ihm gesprochen habe. Zwölf Bilder in einem eigens für sie konzipierten Raum die so wunderbar sind, dass das Herz bei der Vorstellung sich eines nach dem anderen in Ruhe anzusehen, freudig zu klopfen beginnt. Es klopft, bis einer anfängt zu erklären und schildert was genau da zu sehen ist. Ja, ich habe die blutige Seeschlacht von Lepanto im ersten Moment für eine pittoreske Hafen Stimmung im Sonnenuntergang gehalten. Na und? Ist etwas, das vermeintlich wunderschön ist, nicht noch viel grausamer, wenn sich seine Brutalität sich erst auf den zweiten Blick offenbart? Und könnte es nicht sein, dass die schöne Stille, die erst dann laut wird, wenn man versteht, womöglich gewollt ist? Er meint nein und erklärt mir warum ich mich täusche. Halt die Klappe, murmle ich und imitiere in Gedanken drei Affen.

Ich sei das Schaf, das mit verschränkten Armen vor Bildern steht und nichts versteht. Sagt er. Ich höre ihm nicht zu, weil ich ja ein Schaf bin und Schafe Menschen in den seltensten Fällen Gehör schenken. Ein Schaf kann sich verlaufen. Verläuft sich in ein anderes Stockwerk. Läuft davon und wartet Schafdoof 30 Minuten auf dem Klo, bis es sich in Sicherheit wiegt. Dann steht es mit verschränkten Armen  vor seinem Lieblingsbild und genießt die Stille. Das Schaf war zu doof und erinnerte sich nicht daran, dass er, der alles besser weiß, es gut genug kennt um gewartet zu haben. Ich bin wieder ich und atme tief durch als er sich neben mich stellt. Kein Wort, sage ich und korrigiere mich. Ein Wort und ich rede nie wieder mit dir. Das ist mein Bild und ich erlaube dir nicht, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Mit verschränkten Armen zieht er sich zurück. Und weil er, der mich in den Wahnsinn treibt, auch einer meiner engsten Freunde ist, sitzt er später mit mir in der Sonne und fragt erst nach einer Stunde ob er wieder sprechen darf. Er darf. Nur nicht über „Ninis Painting“ von Cy Twombly. Kreide oder Bleistift, ich weiß es nicht und es ist mir egal, bedecken die Leinwand mit schwungvollen Schlaufen, die durch ihre Zeilenartige Anordnung an sich überschneidende Worte erinnern. Mal etwas dichter, mal etwas lockerer. Man kann nichts lesen und nichts erkennen. Ich habe es über viele Stunden versucht, bis ich zu verstehen glaubte, dass es darauf auch nicht ankommt. Ich las, dass es der plötzlich verstorbenen Frau des italienischen Galeristen Twoblys gewidmet ist. Und auch die Interpretation die ich im Internet (Journal21.ch Urs Meier) fand. „Was schreibt man in einer Totengabe? Es muss die Preisung des Lebens dieser Verstorbenen sein. Ein Nachruf, verschlüsselt in einer Manifestation reiner Schönheit.“ Eine einzigartige Erinnerung an ein zu Ende gegangenes Leben. 

Es gab eine Zeit in der ich vor diesem Bild stand und darin einen Namen suchte. So verbissen und so ausdauernd und so sicher, dass es der von dem sein musste, den ich nicht mehr an meiner Seite hatte, dass es mein Bild wurde. Eines das mich davon abgehalten hat, mit selbst die Finger wund zu schreiben. Wissend, dass es nichts bringen würde. Stundenlang vor einem Bild zu stehen und darin einen Namen zu suchen, das hilft. Weißt du, sag ich dem, der neben mir sitzt, man kann ja nicht einfach losbrüllen, wenn die Welt zusammen bricht. Er nickt und sagt noch immer nichts. Deswegen mag ich ihn. Und weil er mich alleine noch mal ein bisschen nach einem Namen suchen lässt.

Konstant blöd glotzend

Neun. Neun Jahre sind es, sage ich dem mutigsten meiner Freunde und zeige ihm das älteste der „Wir vor dem Christbaum-Fotos“ auf dem Display meines Telefons. Warum wir keine Bilder von den Jahren davor haben, erkundige ich mich und er sieht mich schmunzelnd an, bis ich verstehe, dass die Handykameras davor noch viel zu schlecht waren und wir meist keine Kamera mit uns herum schleppten. Es sind mehr als neun Weihnachten, die wir gemeinsam verbracht haben und an jedes einzelne kann ich mich erinnern. An manche ein wenig verschwommen, an die meisten aber so klar und deutlich als lägen sie erst wenige Tage zurück. Wenn ich ehrlich bin, dann vermische ich die Jahre und das was heraus kommt, ist ein großes Erinnerungsknäul mit einem Faden, der die Jahre verbindet, der aber kaum noch zu entwirren ist. Weiterlesen

Büro Baum

Mit meinen Lieblingsmenschen bin ich geizig. Ich teile sie nur ungern, wenn die Zeit, die ich mit ihnen verbringen kann, knapp bemessen ist. Ungern teile ich den mutigsten meiner Freunde, weil wir uns zu selten sehen und die Zeit für das Kennenlernen einer dritten Person viel zu knapp ist. Meine Kollegin Bine aber, die habe ich sofort mitten in unser Wiedersehen geschmissen. Nicht erst seit heute, aber heute ganz besonders, weiß ich warum. Weil sie ein Schatz ist. Einer, der einen anderen Schatz heute neben meinen Schreibtisch gestellt hat. Weiterlesen

Gedankenleser gesucht

Nie würde ich mir von einem Mann den Mund verbieten lassen. Völlig ausgeschlossen, dass ich es tolerieren oder akzeptieren würde, dass mich ein Mann bittet den Mund zu halten. Trotzdem, und das ist erstaunlich, bin ich in vielen Momenten sehr, sehr froh wenn mir einer, und nur dieser eine, mit einem Blick signalisiert dass ich genau das bitte tun soll. Den Mund halten.

Würde ich die obigen Sätze nicht für Sie aufschreiben, sondern im Kreis meiner engsten Freunde laut aussprechen, dann würden sich drei Männer ansehen und sich fragen, bei wem bitte, ich schon jemals aufgrund eines Blickes verstummt wäre. Nicht bei ihnen, da wären sie sich sicher. Ganz im Gegenteil, wenn man gerade hofft, dass ich nichts mehr sagen werde und sich entspannt zurück lehnt, dann schieße ich gerne noch einmal nach und man kann sich sicher sein, dass Menschen die mich nicht kennen, spätestens dann davon überzeugt sind, eine komplette Idiotin vor sich sitzen zu haben. Meine engsten Freunde, befinden sie sich in einem Raum, beginnen dann gerne Anekdoten von mir zu erzählen. Die sind für alle, außer für mich, auch lustig. Besonders lustig, weil Bekannte und weniger enge Freunde, nicht wirklich ernst nehmen, was sie hören und deshalb hemmungslos lachen. Man hat mir geraten, das besser nicht richtig zu stellen und einfach mit zu lachen. Weiterlesen

Paul parkt draußen

Googel sagt, dass die Liebe zum Auto bei Männern wie eine Kombination aus Sex und Drogen wirken kann. Wenn das stimmt, dann möchte ich nicht wissen, auf welchem Trip sich der Besitzer dieses Autos vor einigen Jahren befunden hat. Obwohl es mich nicht interessiert, muss ich darüber nachdenken. Warum um alles in der Welt, fährt man eine Mausefalle im Kofferraum durch die Gegend. Ich frage nicht nach, weil ich weiß, dass die Liebesbeziehung eines Mannes zu seinem Auto, den zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen häufig sehr ähnlich ist. Meine Freundin erkundigt sich ebenfalls nicht weiter, sondern lächelt nur. Es wäre sicher eine schöne Geschichte, überlegt sie und ich nicke. Ja, eine jener Geschichten, die man besser nicht weiter erzählt. Obwohl….ein Mann der gleich acht statt der vier vorgeschriebenen Rettungswesten im Kofferraum transportiert, für den Notfall zwei Abschleppseile und zwei Startkabel im Fußraum liegen hat, der muss ein sehr fürsorglicher Mann sein. Einer der mitdenkt und praktisch veranlagt ist. Doch, ich muss mich korrigieren, die Geschichte der Mausefalle im Kofferraum würde mich sehr interessieren. Ganz ohne Zweifel kann so eine Geschichte nur zu einem Mann gehören, den ich mögen würde. So wie ich sein Auto schon jetzt mag. Es ist solide und ohne Schnickschnack. Ein bisschen wie ich. Tief im Inneren versteckt sich etwas großartiges. Etwas, das man erst erkennt, wenn man ganz genau hinsieht. Auf den ersten Blick sind das Auto und ich unscheinbar. Mehr noch, wir sind schrecklich schlicht und einfach. Den Zugang zu uns, den muss man erst einmal finden.   Weiterlesen

Grüezi vom Bernhard

Ich bin dem mutigsten meiner Freunde für viele Dinge dankbar, besonders aber dafür, dass er manchmal keine Fragen stellt. So sagte er zum Beispiel vor einigen Wochen, nur „schön“, als ich ihm mitteilte dass ich ihn für genau 6 Stunden an einem Schweizer Ort in der Nähe zu Italien besuchen würde und leider nicht mehr Zeit hätte, weil ich mich einer Reisegruppe besteht aus 50 Rentnern (inklusive meiner Eltern) angeschlossen habe und Tags darauf das Jungfraujoch zwischen Mönch und Eiger besichtigen würde. Mit keinem Wort fragte er mich, ob es nicht sinnvoller sei, ihn für etwas mehr als 6 Stunden dann eben einfach einige Tage später zu besuchen. Die Frage wäre durchaus berechtigt gewesen. Selbst für ein Organisationstalent wie mich, handelt es sich bei 48 Rentnern (exklusive meiner Eltern) um unbekannte Variablen, die einen gut durchdachten Plan binnen kürzester Zeit zunichte machen können. Weiterlesen

Ein VW Pritschenwagen T3 in Orange

Es war ein VW Pritschenwagen T3 in Orange, sage ich und einer meiner ältesten Freunde sieht mich irritiert an. Ein Blick der nicht nötig ist, denn er könnte wissen, dass es nur ein T3 gewesen sein konnte. Der wurde von 1979 bis 1992 produziert, also genau in den Jahren als wir auf ihm spielten. Das Vorgängermodel aus dem Jahr 1968 konnte es nicht sein – das sah man sofort und der völlig neu konstruierte Nachfolger kam erst 1990 auf den Markt und damit zu spät. Kein Grund mich misstrauisch anzusehen. Selbst wenn ich von Autos keine Ahnung habe, weiß ich, dass es ein VW Pritschenwagen T3 in Orange war. Und außerdem weiß ich, dass er mir noch 3,84 Mark schuldet, die ich ihm kurz vor seinem elften Geburtstag geliehen habe und die er mir nie zurück gegeben hat. Die 1,96 Euro hätte ich gerne wieder. Nicht weil ich sie brauche, sondern einfach nur so, damit keine alten Schulden zwischen uns stehen. Weiterlesen

Thukydides und ein Loch in der Wand

Vor 23 Jahren raunte mir ein Mann mit herrlich grünen Augen leise ins Ohr, dass ich ohne Abitur seine Gedanken zu Platon womöglich nicht verstehen würde. Die grünen Augen funkelten, als er anfügte, dass er dies als großes Unglück empfinde, da er sich überaus gerne mit mir unterhalten würde. Von Platon wusste ich mit 17 nichts. Außer, dass eine Skulptur von ihm vor der Staatsbibliothek stand und zu den vier Weisen gehörte, auf die mich mein Vater als kleines Kind immer aufmerksam machte wenn wir im Auto daran vorbei fuhren. Der einzige Anreiz Abitur zu machen bestand für mich lange Zeit darin, dann sagen zu können, dass ich gerade aus der Stabi komme. So abgekürzt klang das sehr schick in meinen Ohren. „Ich kann heute Nachmittag nicht, ich bin in der Stabi für die Uni lernen.“ Das hatte schon etwas. Es klang herrlich erwachsen. Und erwachsen wollte ich unbedingt sein. In erster Linie um dem Mann mit den grünen Augen näher zu sein. In meinem Lehrjahr gab es zwei Gruppen – die meist minderjährigen Realschüler und die volljährigen Abiturienten. Zwei Teile eines Lehrjahres, die sich zwar immer wieder trafen, in der Berufsschule und während dem Durchlaufen der einzelnen Abteilungen aber meist getrennt waren. Zwei Gruppen die sich kaum mischten. Mit einer Ausnahme – mich. Vom ersten Tag an fand ich die erwachsene Gruppe deutlich interessanter und beschloss, dass sie viel besser für mich geeignet war. Ich hängte mich mit der Hemmungslosigkeit eines Hundewelpens und dem Starrsinn eines Ochsen an diese Gruppe und wich ihnen nicht von der Seite. Sie gewöhnten sich an mich und wenn wir abends ausgingen musste mehr als einmal einer von ihnen um Mitternacht die Diskothek verlassen, um mich pünktlich zu Hause abzuliefern. Meistens war es der Mann mit den grünen Augen. Mit großem Vergnügen flirtete er mit mir und hatte doch immer eine Freundin. In den kurzen Pausen zwischen Freundin A und Freundin B stahl ich mir regelmäßig einen Kuss und erfuhr wenige Tage später, dass es schon wieder eine Nachfolgerin gab und es nicht ich war. Seine Augen waren schön, aber er war dumm. So dumm, mich zu übersehen und ich war überzeugt, dass es am fehlenden Abitur lag.

Ach je, das wird ein langer Weg zum Mordversuch…ich hoffe Sie haben etwas Zeit. Ich werde mich beeilen und mich kurz fassen. Die Schwärmerei eines Teenagers muss ich Ihnen nicht beschreiben. Sie erinnern sich sicher noch gut. Schön, nicht wahr? Und grausam, wenn man gegen Wände rennt und selbst in diesen Moment die Hoffnung nicht aufgeben kann. Hoffend und gegen Wände rennend zog ich von zu Hause aus als ich nach der Lehre übernommen wurde schrieben sich die Abiturienten an der Universität ein. Längst waren wir eine große Clique geworden, die auch nach der Lehrzeit bestand hatte und noch immer neckten sie mich liebevoll damit, dass ich kein Abitur hatte. Kein Abitur, aber eine eigene Wohnung. In die zog der Mann mit den grünen Augen dann kurze Zeit später ebenfalls ein. Er hatte zwar Abitur, aber ich war klüger. Das was er für eine Wohngemeinschaft hielt, war der Beginn einer langjährigen Beziehung. Ich wusste das von Anfang an. Er hat ein wenig gebraucht. Bereut hat er es nicht, das weiß ich. Ich weiß aber auch, dass er seine Scherze über mein fehlendes Abitur ab dem Tag verfluchte, an dem ich begann es nachzuholen.

Ich klatschte ihm 15 Kilo Lehrbücher auf das Bett und verkündete, dass ich Mathe, Physik, Biologie und Chemie nicht verstehen würde. Noch nie verstanden habe und er es mir bitte beibringen müsse. Zu den Unterrichtsstunden würde ich nicht gehen, sagte ich ihm. In den Räumen säßen nur Hausfrauen, die sich mit Mann und Kind unterfordert fühlten und es doch netter wäre, wenn er mir das Wesentliche näher bringen würde. Deutsch und Englisch würde ich alleine hinbekommen – der Rest sei sein Job. Bitte mit möglichst wenig Aufwand und in zwei Jahren, denn länger würde ich mich damit nicht aufhalten können, da ich gerne Literaturgeschichte studieren würde und endlich den Job in der Bank kündigen wollte. Vielleicht jeden Tag ein Stündchen, mehr wäre nicht drin, ich würde ja von Montag bis Freitag Bausparverträge verkaufen und hätte auch gerne noch ein bisschen Privatleben. Die Wochenenden bitte unbedingt ohne Schulkram, ich bin jung und möchte auch etwas von dieser Jugend haben. Er, den ich heute den klügsten meiner Freunde nenne, zuckte mit den Schultern und nickte. Klar, kein Problem, das bekommen wir hin.

Wir bekamen es nicht hin und vertagten das Problem etwa zwei Jahre lang. Das Lernen begann erst zwei Monate vor den Abiturterminen. Zu diesem Zeitpunkt stieg der klügste meiner Freunde ein und begann mir Mathematik beizubringen. Und Physik. Auch Chemie und Biologie. Es waren für uns beide schlimme Wochen. Die grünen Augen sahen mich fassungslos an, als er feststellte, dass ich mich noch immer auf dem Niveau der Mittleren Reife befand. Fassungslos aber auch vom Ehrgeiz gepackt, mich durch die Prüfungen zu prügeln. Verbal natürlich. Er schrie, ich heulte. Er tröstet, ich sperrte mich im Bad ein. Er holte ein Pfund Eis als Nervennahrung von der Tankstelle, ich übergab mich nachdem ich es in einer Viertel Stunde aufgegessen hatte. Und dazwischen lernten wir. Tag für Tag verstand ich mehr und irgendwann fielen die Groschen. Langsam aber stetig. Er schrie nicht mehr und ich heulte weniger. Ich sperrte im Bad nicht mehr ab und er erklärte durch die angelehnte Tür physikalische Zusammenhänge. Es ging stetig bergauf.

Bis zum Vorabend der Abiturprüfung in Mathematik. Mit einem halben Becher Eis im Bauch blätterte ich lustlos durch die Formelsammlung und spielte nervös mit dem Zirkel.  Vektorenrechnung, stand da und ich rief in sein Zimmer, was das den sei und warum ich davon noch nichts gehört hätte. Er setzte sich neben mich und murmelte etwas von Endspurt. Verstehen Sie, dass man verzweifelt, wenn man 12 Stunden vor der Prüfung das erste Mal von Vektoren hört? Ich weiß noch heute wie sich der kalte Schweiß auf meinem Rücken anfühlte. Ich weiß auch noch, dass der klügste meiner Freunde mir den Zirkel aus der Hand genommen hat und beruhigend auf mich einsprach. Und dann weiß ich noch sehr genau, dass er lachte, als er aufstand. In der Tür stehend lachte er schallend und meinte, dass es ein Wunder sei, mich so weit gebracht zu haben. Ein Wunder an das er selbst nicht geglaubt hatte. Der Rest sei nun Mut zu Lücke. Ich weiß nicht mehr, wie die Fernbedienung des Fernsehers in meine Hand gelangte und noch weniger, dass ich sie tatsächlich in Richtung Tür geschleudert habe. Ich muss es aber getan haben, denn dicht – sehr dicht – neben dem Kopf meines Freundes war ein Loch in der Wand. Er sagte nichts. Er ging einfach und dort wo er gestanden hatte lag Putz auf dem Parkett. Den Zirkel hatte er mitgenommen.

Heute lacht er, wenn er erzählt, dass ich ihn vor Jahren fast einmal umgebracht hätte. Er lacht und nennt es Mordversuch. Dann stupst er mich an, legt den Arm um meine Schultern und erzählt die Geschichte, die längst zur Anekdote in unserem Freundeskreis geworden ist. Schmunzelnd erzählt er dann, dass ich das Ding mit einer solchen Wucht geschleudert habe, die ihn noch heute erstaunt. Wenn ich ihn aber beim erzählen ansehe, dann weiß ich, dass ich ihn nie vorher und nie nachher so entsetzt habe, wie an diesem Abend. Stunden später kam er wieder. Setzte sich wortlos neben mich, schlug die Bücher auf und herrschte mich an den Mund zu halten. Monoton erklärte er mir weniges, das aber so klar und deutlich, dass einiges hängen blieb. Meine Entschuldigung nahm er an diesem Abend nicht an. Ich habe das Abi geschafft und mich an der FH eingeschrieben. Das Studium schaffte ich gut alleine. Nur die Diplomarbeit, die hätte ich ohne ihn nicht geschafft. Wenn er schrie und ich heulte, dann deutete er zu dem Loch in der Wand und wir beruhigten uns. Es ist eine Ankdote – aber es war verdammt knapp.

Vor der Bayerischen Staatsbibliothek in München steht übrigens keine Skulptur Platons. Bei den vier Weisen handelt es sich um Thukydides, Homer, Aristoteles und Hippokrates. Der klügste meiner Freunde klärte mich auf, als wir neulich daran vorbei fuhren. Ob ich das nicht wisse, ich hätte doch Abitur. Er lachte und ich bin mir sicher, dass er für einen kurzen Moment an das Loch in der Wand dachte.

 

Falls Ihnen diese Erzählung bekannt vor kommt….letztes Jahr im März hatte ich sie veröffentlicht. Warum sie danach im Nirwana von WP verschwand weiß ich nicht. Sie sollte aber hier sein.

 

 

 

 

 

Weil ich dich mag

Es ist so schön, dich wieder zu sehen, sagst du. Es ist so schön, hier in der Stadt unserer Jugend eine Konstante zu haben, auf die man sich verlassen kann. Ich nicke und hoffe, dass du mich nicht fragst, ob ich dich in den letzten zehn Jahren vermisst habe. Ich habe es nicht. Zum Glück fragst du mich nicht, denn dann müsste ich ehrlich sein, dann müsste ich dir sagen, dass ich überrascht war, dass du dich überhaupt wieder gemeldet hast. Die alten Freundschaften, erklärst du sentimental und mit einem Lächeln auf den Lippen, sein am Ende doch die besten und jene auf die man sich verlassen kann. Jetzt wieder hier zu sein, war nicht deine freie Entscheidung, aber jetzt wo du mich siehst spürst du ein Stück Heimat. Betreten kaue ich auf dem Keks, den man uns zu dem Kaffee gereicht hat, und sage nichts. Heimat ist für mich vieles, du bist es nie gewesen. Zu meiner Heimat hast du nie gehört, aber wie könnte ich dir das sagen, während du auf dem Weg zu den Toiletten kurz meine Schulter streifst und mich anlächelst. Weiterlesen

Carpe… bloß nichts

Letzter Tag, höre ich dich leise fragen und nicke fröstelnd. Du weißt, dass ich keine letzten Tage mag. Sie sind mir zuwider, weil sie Erwartungen wecken, die selten erfüllt werden. Einen letzten Tag hat man gefälligst zu etwas Besonderem zu machen und das Jahresende muss ordentlich mit Konfetti beworfen werden, damit man auf Instagram und Facebook mit den entsprechenden Bildern glänzen kann. Ich glänze nie. Ich bin die, die sich um Mitternacht das Seidentop mit einer zu eng am Körper gehaltenen Wunderkerze versaut, sich genau vor dem Silvesterkuss ein Stück Lachs in den Mund schiebt oder gerade in der Kloschlange steht, wenn die letzten Sekunden runter gezählt werden. Abschiede sind mir verhasst. Selbst die von einem Jahr, das mit 365 Akten nun wirklich seine Schuldigkeit getan hat. Ich hasse es, nicht zu wissen was kommt.
Ob das nicht Teil des Deals sei, erkundigst du dich und ich schüttle den Kopf. Nein, ich möchte wissen, was kommt. Haarklein, detailliert und mit der Garantie auf ein Happy End. Fast schon wütend sehe ich dich den Kopf schütteln. Ich hätte noch immer nicht gelernt, mit meinen Wünschen vorsichtiger zu sein. Eine Garantie auf ein Happy End, sei der unverschämteste und auch dümmste Wunsch, von dem du je gehört hast. Wie naiv ich noch immer sei. Man dürfe auf keinen Fall wissen, was kommt. Weiterlesen