Tschuko

Ich liege unter dem Tisch. Nicht die ganze Zeit. Aber ab und zu. Denn das ist Tschukos aktueller Lieblingsplatz. Auf meinem Laminat rutschen ihm die Pfoten weg und dort ist einer der wenigen Plätze mit einem Teppich. Warm muss er es nicht haben. Als Husky ist er mir dankbar, dass ich die Heizung nicht ganz aufdrehe. Weil ich aber nicht frieren will, lege ich mich unter den Tisch, zu Tschuko. Er legt sich dicht vor mich, während ich lese und ich bin ganz froh, alleine zu wohnen. In meinem Alter ist es komisch, sich zum Lesen unter den Tisch zu legen. Tschuko und ich finden das völlig normal. Ab und zu leckt er mir über das Gesicht, wenn ich mich nicht schnell genug wegdrehe. Er weiß, dass ich das nicht mag und grinst mich dann an. Doch! Hunde können grinsen.

Nachts liegen wir nicht unter dem Tisch. Da gehe ich dann doch lieber in mein Bett und er liegt davor. Es wäre äußerst gemütlich, wenn er ebenfalls in meinem Bett liegen würde, aber ein Hund bleibt ein Hund und für mich gehören sie nicht ins Bett. Punkt. Aber davor. Die tiefen Atemzüge eines großen Hundes sind nämlich äußerst meditativ und mit einer solchen Fellkugel vor dem Bett, weiß man, dass einem nichts passieren kann. Weder Chucky die Mörderpuppe, noch die irren Nachbarn oder ein Großbrand können einen im Schlaf überraschen. Ob es stimmt? Unwichtig, wenn man mit der Gewissheit einschläft. Weiterlesen →

S´Wuggerl

„Schau, des Wuggerl do“, hat mich mein Nachbar Herr Meier eben auf dem Heimweg aufgehalten und mit einer Kopfbewegung auf ein kleines Kind gedeutet. Schaut lieb aus, sage ich und werfe einen Blick über meine Schulter zu dem Wuggerl, dem kleinen Mädchen, das mitten auf dem Gehweg sitzt und in seinem rosa Schneeanzug und der Bommelmütze fast verschwindet. Ich nicke Herrn Meier, der neben Herrn Mu an der Bushaltestelle in der Sonne sitzt zu und wende mich ab um nach Hause zu gehen. Herr Meier hält mich zurück. Ich soll nicht nur blöd schauen, sondern mich um das Kind kümmern, blufft er mich an und Herr Mu nickt. Ja, das wäre angebracht. Ich sei schon die fünfte die an dem Mädchen einfach vorbei geht und es ignoriert.  Heute Nachmittag habe ich frei und viel zu erledigen. Im Gegensatz zu meinen Nachbarn sind Nachmittag ohne Büro für mich ein Luxus, der genutzt werden möchte. Ich frage die alten Herren, warum sie selbst denn nur blöd schauen würden, aber in der Sonne hocken blieben. Der alte Meier holt Luft, aber Herr Mu kommt ihm zu vor. Mit einer Strenge, die ich an ihm noch nicht gekannt habe, schickt auch er mich zu dem Kind. Genervt mache ich kehrt und gehe die zwanzig Meter bis zum rosa Wuggerl zurück. Weiterlesen →

Ich kann das!

Ich bin die Tochter eines Handwerkers. Das erkennen Sie, wenn Sie einen Blick in meine Werkzeug-Blechkiste werfen, sofort. Nur die Tochter eines Handwerkers hat gleich drei Wasserwaagen und nur bei der Tochter eines Handwerkers sind diese sechseckigen, L-förmigen Geräte in acht Größen vorhanden. Sie wissen schon, diese Dinger, die man für etwas braucht, das mir gerade nicht einfällt. Die, die in jedem guten Werkzeugkasten zu finden sind und die immer in so einen Stofffetzen eingeschlagen sind. Sie wissen schon. Obwohl es sich um einen Lumpen handelt und das Päckchen mit einem schäbigen Gummiband zusammen gehalten wird, schnalzen die Männer meines Freundeskreises immer mit der Zunge wenn sie es sehen und sind erstaunt, dass ich diese sechseckigen Dinger in allen Größen besitze. Als Tochter meines Vaters weiß ich natürlich auch was eine Hilti ist. Nicht weil ich eine besitze, sondern weil einer mal ein Auto hatte, von dem es hieß, es wäre Hilti-rot. Ich habe den Farbton damals nachgeschlagen. Richtig scharfe Teppichmesser besitze ich auch. Weil ich keinen Teppich in der Wohnung habe, schneide ich damit Chillischoten. Überhaupt bin ich der Meinung, dass man sein Werkzeug regelmäßig benutzen sollte. Zumindest das, von dem man weiß, wozu es nötig ist. Mit dem kleinen Beil, das mir der beste Freund meines Vater überließ um den Stamm des Christbaumes zurecht zu schnitzen, zerhacke ich zum Beispiel besonders gerne Hokaidokürbisse und mit einem meiner vier Hammer hacke ich die Walnüsse von Herrn Meier. Den Stamm des Christbaums habe ich damit natürlich auch zerhackt und weiß seit dem, dass man da leicht abrutschen kann und ein handelsüblicher Laminatboden wirklich nichts verzeiht. So gefährliche Arbeiten verrichte ich seit dem auf dem Balkon. Dort hört und sieht man mich und die Nachbarn können notfalls den Krankenwagen rufen. Weiterlesen →

peinlICH

Ich bin peinlich, wurde mir letztes Jahr von einem attestiert, dem ich peinlich war. Ich war peinlich berührt, weil ich an achtundzwanzig von dreißig  Tagen versuche eben nicht peinlich aufzufallen. An achtundzwanzig gelingt es mir, an einem kann ich nun wirklich nichts dafür und an einem ist es mir scheissegal. 
Ja, ich habe „vom Winde verweht“ umgeschrieben, mir ein alternatives Ende für Rhett und Scarlett ausgedacht und die 106 Seiten ausgedruckt in einer Schublade liegen. In einer privaten, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Schublade. Es ist nicht meine Schuld wenn das einer auf der Suche nach der Bedienungsanleitung für den Rauchmelder findet und auch noch liest.  Weiterlesen →

Träume U-Bahn Gedanken

„Das ist mir das Leben schuldig, verstehst du?“, erklärt die Frau schräg neben mir, ihrer Arbeitskollegin. Seit es  kühler geworden ist und öfter regnet, begleitet mich ihre Stimme auf dem Weg zur Arbeit. Sie und ich steigen morgens an der gleichen Haltestelle ein und sitzen uns häufig gegenüber. Ich mag ihre klare und dunkle Stimme, verstehe aber auch nach zwei Wochen noch immer nicht, warum ihr das Leben etwas schulden sollte. Der Pakt, den sie bei ihrer Geburt mit dem ganzen großen Universum geschlossen zu haben glaubt, steht für mein Empfinden auf einem doch recht wackligem Fundament.  Sie ist jetzt fünfundvierzig, höre ich sie sagen, da stehe es ihr doch zu, sich einen anständigen Urlaub leisten zu können und nicht mehr an einem mittelklassigen spanischem Strand zwischen lauter Großfamilien liegen zu müssen. Sie sagt es nicht zu mir. Wir kennen uns nicht. Wir sitzen nur zufällig nebeneinander. Und weil wir uns fremd sind, kann ich sie nicht fragen, wie sie denn auf die irrwitzige Idee kommt, dass ihr das Leben etwas schulden sollte. Schließlich hat sie selbst weder zu ihrer eigenen Geburt noch zum Erreichen des fünfundvierzigsten Lebensjahres etwas nennenswertes beigetragen. Sie, die mir in der U-Bahn gegenüber sitzt, hat viele Träume. Einen Teil davon habe ich in den letzten Tagen mitbekommen. Eine Wohnung mit einem anständigen Balkon, das würde ihr nach all den Jahren mit einem Wohnzimmer Richtung Norden zustehen. Auch ein besser bezahlter Job. Der aber nur für die nächsten Jahre, denn mit Fünfzig hätte sie keine Lust mehr täglich in die Arbeit zu fahren. Dann würde sie sich gerne im Süden niederlassen und dort ab und an ein paar Yogastunden geben und ansonsten als Lebensberaterin tätig sein. Natürlich auch ein Mann, der ihren Ansprüchen gerecht wird und eigentlich wäre sie schon lange an der Reihe um endlich einmal den Lotto Jackpot zu gewinnen. Weiterlesen →

Randnotiz – Geschlachteter Nikolaus

08:00 Uhr
Wie schön es doch ist, wenn man morgens im Büro einen Nikolaus vorfindet. Diesmal schlachte ich ihn nicht. Ich muss an meinem Ruf arbeiten. Ganz liebevoll werde ich ihn durch den Advent auf meinem Schreibtisch stehen haben. Er wird mich ermahnen, es ruhig und gelassen angehen zu lassen. Einen Kerl, der so lieb lächelt, schlachtet man nicht einfach.

08:10 Uhr
Ich hätte etwas frühstücken sollen. Mein Magen knurrt und ich rieche die Schokolade durch das Papier. Wenn ich ihn vorsichtig am Rücken öffne, dann kann ich ihm eine kleine Rippe entnehmen. Ganz vorsichtig. Und dann wieder einpacken, damit er den ganzen Advent neben dem Bildschirm steht und lächelt.

08:25 Uhr
Ich habe ihm den Kopf abgerissen. Den ganzen Rumpf abgetrennt. Bin ja kein Chirurg und weiß nicht wo Nikoläuse die Rippen haben, die man entfernen kann. Es war ein Versehen und weil mir das sonst keiner glaubt, fotografiere ich den sterbenden Nikolaus. Zu lange lasse ich ihn aber nicht leiden. Das hat er nicht verdient. Er lächelte so lieb.

09:00 Uhr
Welcher Depp schenkt mir einen Nikolaus? Es muss einer sein, der mich nicht mag. Einer der weiß, dass ich jetzt über ein schlechtes Gewissen habe, weil alle meine Kollegen die ihren jetzt bis Weihnachten auf dem Tisch stehen haben und ich, die kleine Blonde aus dem hintersten Zimmer, erbarmungslos zugeschlagen hat. Wüsste ich es nicht besser, würde ich vermuten er kommt aus Norddeutschland. Irgendwo bei Hamburg.

Aufgeblüht

Hier werden wir glücklich werden, sagte er mir und ließ den ersten Karton, von vielen auf den Boden fallen. Hier beginnt der Rest unseres gemeinsamen Lebens, behauptete er, als wir in die Nähe seiner Eltern und den Ort seiner Kindheit zogen. Du wirst dich hier wohlfühlen, war er überzeugt und überließ es mir, dafür zu sorgen, dass es so sein würde. Mit einigen Jahren Italien im Nacken, dem Diplom in der Tasche und einer erschreckenden Planlosigkeit was den Rest des Lebens betraf, war es gut, dass mir einer sagte, dass ich nun angekommen sei. Hätte er es nicht so überzeugend behauptet, ich hätte es womöglich hinterfragt.

Was zum Teufel ich hier eigentlich mache, erkundigte sich vor vielen Jahren, der klügste meiner Freunde, als er mir kurz vor Weihnachten. Er war mir in die Küche, in der ich den Rest meines Lebens begonnen hatte, gefolgt. Ich lebe jetzt hier mit ihm, teilte ich dem Klügsten mit und er leerte eine halbe Flasche Bier, bevor er mich aufstoßend beglückwünschte und mir kopfschüttelnd gegen die Stirn tippte. Mehr sagte er nicht. Es wäre sinnlos gewesen, mir damals mehr zu sagen. Hundert Quadratmeter, Kinderzimmer, zwei sichere Jobs und ein Blick auf den Wald. Perfekt. Der klügste meiner Freunde sah es in meinen Augen, schüttelte resigniert den Kopf und raunte mir beim Abschied zu, dass dieses Kartenhaus ein Witz sei. Ein schlechter. Die nächsten fünf Jahre hielt er den Mund. Weiterlesen →

Bummel über den Teestübchen-Weihnachtsmarkt

Wenn es Ihnen draußen zu kalt und ungemütlich ist – auch hier können Sie bummeln. Ich kenne da einen hübschen, kleinen Basar.

Schauen Sie hier ist er, der Teestübchen Weihnachtsbasar. Es findet sich dort ganz besondere Bücher. Nein, nicht das meine. Auch, aber das kenne Sie ja schon. Aber vielleicht kennen Sie weder Jules van der Ley noch Malte Schiefer. Beide finden Sie im Basar vertreten. Die Bücher von Jules kann ich Ihnen von Herzen empfehlen. Malte Schiefer kenne ich noch nicht, aber Cover und Rezension haben mich sofort angesprochen. Ein Besuch lohnt sich.

Meine Lieben Damen und Herren, über Nacht hat es auch im Norden geschneit, und beinah ebenso über Nacht ist der Teestübchen-Weihnachtsmarkt eröffnet worden. Es findet sich dort ein prächtiges Buchangebot von einer Autorin und zwei Autoren. Ich lade Sie und euch herzlich zum literarischen Bummel ein, ganz bequem vom heimischen Rechner aus, vielleicht bei einem […]

über Bummel über den Teestübchen-Weihnachtsmarkt —

Stade Zeit

Es schneit. Als ich vorgestern morgen aus dem Fenster sah, war die ganze Stadt fein mit Schnee bestäubt. Das ist schön. Mit dem Kaffeebecher in der Hand habe ich mich aufs Fensterbrett im Schlafzimmer gesetzt und fünfzig Minuten nach draußen geschaut. Ich kam zu spät ins Büro, aber ich bin sicher, dass meine Kollegen gerne mein Meeting übernommen haben. Wer mich kennt, weiß, dass ich den ersten Schnee liebe und sehnsüchtig erwarte. Sie hatten Verständnis und ihr Gemotze war sicher nicht ernst gemeint. Wer kann bei Schnee schon schlechte Laune haben. Die weiße Pracht läutet den Advent ein und der ist mir eine meiner sechs liebsten Jahreszeiten. Jedes Jahr, kurz nach dem Oktoberfest, behaupte ich deshalb an kühlen Tagen schon, dass es bereits nach Schnee riechen würde und stimme mein Umfeld auf den anstehenden Advent ein. Wenn meine Kolleginnen die Halloween Kostüme für ihre Kinder nähen, lege ich in der Büroküche die ersten Lebkuchen aus und setzte im Wasserkocher den Punsch an. Obwohl das ganze Stockwerk über den penetranten Geruch motzt, bin ich sicher, dass sie ihn eigentlich mögen. An Allerheiligen überprüfe ich heimlich, ob die Lichterkette, die zwölf Monate unbeachtet im Schrank meiner Kollegin lag, noch funktioniert und stelle eine Schachtel Christbaumkugeln dazu. Die ist etwas sperrig, aber die Kollegin kann ihre Ordner ja auch auf den Tisch stellen. Ich kontrolliere den Urlaubsplan der Abteilung, suche passende Tage für einen Glühweinumtrunk heraus und überlege mir ein Motto für das diesjährige Wichteln. Beides mit Hilfe diverser Doodle Umfragen, mit denen ich die E-Mail Accounts der Abteilung zuspame. Ich mache das alles nicht, weil ich schon in Weihnachtsstimmung bin – im Oktober, Gott bewahre. Selbst im November empfinde ich den Geruch von Lebkuchen und Stollen als Zumutung. Ich mache all das, weil ich eine ausgesprochen fürsorgliche und vorausschauende Kollegin bin. Ich mache es, damit die Leute nicht wieder vom Advent überrollt werden. Weiterlesen →

Randnotiz #3

„Entspannen!“, befiehlt Gihan und präzisiert seine Abweisung, indem er sich über mich beugt und mit der Hand vor meinem Gesicht herumfuchtelt, bis ich brav die Augen schließe.

„Wasser ok?“, fragt er und ich schüttle den Kopf. Es ist zu heiß, sage ich und meine Abwehrkräfte werden mit kaltem Wasser gestärkt. Ich schreie auf. Er soll sich zusammen reißen, herrscht ihn seine Kollegin, am Waschbecken neben uns, an und Gihan jault beleidigt auf. Er schimpft. Das missfällt der Kollegin. Bei mir dürfe er, sagt er und ich schüttle mir Wassertropfen von der Nasenspitze.

Bei mir darf Gihan wirklich fast alles. Wahrscheinlich weil ich immer den letzten Termin habe und wir uns, während die Farbe in meinem Haar einwirkt, immer eine Portion Falaffel im Hinterzimmer teilen.

Als Nachspeise gibt es eine Kopfmassage, die ich nicht bezahlen muss. Gihan ist eine Diva, aber das kann er und macht er mit Hingabe. Ich verliebe mich dann kurz in ihn. Ich entliebe mich, wenn er mir die Kopfhaut ein zweites Mal verbrüht und mir meine letzte Milchschnitte abschwatzt.

Ich hasse Frisörbesuche. Aber Gihan mag ich.