Winterproblem

Jedes Jahr, wenn der warme, goldene Herbst, zum grauen, kalten Herbst wird, bin ich heilfroh, kein Auto zu besitzen. Gestresste Kollegen, die verzweifelt versuchen, beim ersten Schneefall auf die Schnelle einen Werkstatttermin zum Reifenwechseln zu bekommen, schaue ich mitleidig an. Auch jene, die es versäumt haben, sich für den Winter einen Tiefgaragenstellplatz zu besorgen, dürfen sich bei mir im Büro ausweinen. Gerne schenke ich beruhigenden Kamillentee aus und stelle denen, die morgens die Windschutzscheibe abkratzen mussten, Handcreme auf den Schreibtisch. Bei all der Jammerei bin ich sehr geduldig und habe ein offenes Ohr. Der Winter kommt, wie jedes Jahr überraschend. Man könnte meinen, dass man in Bayern im Laufe der Jahre ein Gefühl dafür bekommen hätte, dass er meistens direkt nach dem Herbst kommt, stellt aber fest, dass Frost und Schnee einen immer wieder aufs Neue überraschen. Nicht auszudenken, wenn man sich auf die Kälte zu früh vorbereitet und dann wie ein Depp mit Handschuhen morgens vor einem Auto mit Winterreifen stehen würde. So weit lassen wir es nicht kommen. Die Bayern stehen am ersten richtig kalten Tag grundsätzlich mit leichter Jacke vor ihrem Auto und fragen sich wie der Winter so schnell, fast über Nacht, kommen konnte. Und dann, erst dann, kümmert man sich um Werkstatttermine und Tiefgaragenstellplätze. Oder, wie meine Nachbarn und ich, um Balkon und Heizung.

Jedes Jahr gibt es diesen einen Tag, an dem der Winter plötzlich vor der Tür steht. Zufälliger Weise immer Ende Oktober. Da man sich auf Zufälle aber nicht verlassen kann, weht es pünktlich kurz vor Allerheiligen überraschend die Inhalte der Blumenkästen im Herbststurm von den Balkonen. Ich vermute weil das Gestrüpp, das im Sommer noch regelmäßig gegossen und beschnitten wurde, jetzt eine Höhe von 1,2 Meter erreicht hat und in den staubtrockenen Kästen keinen Halt mehr findet. Das bei mir nichts davon geflogen ist, habe ich meine Nachbarin Frau Obst zu verdanken. Die hat sich schon Ende September gefährlich weit über das Geländer gebeugt und von ihrem Balkon aus mit einer Heckenschere auf meinem Balkon die – wie sie sagt, toten – Gewächse abgeschnitten. Das war sehr fürsorglich, aber auch schade, weil es sich um hübsche, mehrjährige Wandelröschen handelte. Tote, auf ihre Seite ragende Wandelröschen, wie Frau Obst stur weiter behauptet und vorsichtshalber meine Balkon auch sonst im Blick behält. Die Auflagen der Liege müssen rein, steht auf einem Zettel von ihr, der in meinem Briefkasten lag. Und geputzt werden muss auch mal wieder, auf einem anderen zwei Tage später. Zettel verteilt auch der Hausmeister, für den jetzt im späten Herbst die schlimmste Jahreszeit beginnt. Verzweifelt versucht er den Mietern zu erklären, dass 1,50 m große Buchsbäumchen im 120 Kilo Terrakottatopf nicht im Treppenhaus überwintern dürfen und dass der Fahrradkeller nicht als Aufbewahrungsort für Balkonmöbel genutzt werden darf. Ich glaube er würde die Klapptische und Sonnenschirme gerne einfach rausschmeißen, kann es aber nicht, weil sie mit Schlössern an Fahrräder angekettet sind. Frau Obst gibt hier hilfreiche Tipps und hängt an die Holzlatten der Kellerabteile, die ihr zu voll erscheinen, Zettel welche die Worte „Saustall, wegschaffen und Gerümpel“ enthalten. Ein Scherzkeks hat zwei der Zettel abgenommen und an den Rollatoren von Frau Lukaseder und Frau Angermeier befestigt.

Unser Hausmeister hat aufgegeben und ignoriert den Zustand des Fahrradkellers. Er hat auch keine Zeit, weil jeder Mieter ihn mindestens einmal anruft und um den Austausch der Ventile an einem oder mehreren Heizkörpern bittet. Unser Haus ist alt. Die Ventile sind es auch und es ist jedes Jahr spannend festzustellen, wie viele diesmal den Geist aufgegeben haben. Der Hausmeister bittet jedes Jahr schon im September darum die Heizkörper zu testen und ihn bei nicht funktionieren zu informieren. Dann würde er eine Sammelbestellung von Ventilen machen und sie – gegen eine kleine Gebühr – austauschen. Niemand testet und niemand informiert ihn im September, alle erst an dem ersten, richtig kalten Tag. Der Stress sei ihm vergönnt. Von meinem Vater weiß ich nämlich, dass die Ventile gar nicht kaputt sind. Man muss sie nur abnehmen, mit einem Hammer leicht und mit ganz viel Fingerspitzengefühl auf den kleinen Stift schlagen und fertig. Das Schlitzohr von Hausmeister macht das auch, nur dass er dann ganz unnötig auch das Ventil austauscht und sich so sein Feierabendbier dazu verdient. An mir verdient er nichts mehr. Am ersten kalten Tag, habe ich den Hammer geholt und das Ventil abgenommen. Ich wollte es abnehmen. Man muss eine Schraube lösen, bevor man das Ventil abziehen kann. Eine winzige, kaum zu erkennende Schraube. Macht man das nicht, dann schnalzt das blöde Ding zurück und ist im Eimer. So wie in meinem Bad, da habe ich letztes Jahr die Schraube vergessen. Und so wie seit vorgestern in meinem Wohnzimmer.

Wissen Sie was diese uralten Ventile bei Ebay kosten? Gebraucht 35 Euro?!? Das sind noch mal fünf Euro mehr, als der Hausmeister verlangt. Der kann die Preise aber auch leicht unterbieten – er bringt ja keine neues an, sondern rotiert nur mit den Ventilen aus dem ganzen Haus. Aber ernsthaft? 70 Euro nur wegen so einer blöden, winzigen Schraube?  Ernsthaft, fragte mich vorhin auch mein Nachbar Paul, als er mich dabei erwischte, wie ich am Ventil der Heizung im Waschkeller eine kleine Schraube löste. Bei dem im Treppenhaus stand er dann Schmiere. Er brauchte es für seine Küche. Wir hoffen sehr, dass unser Hausmeister die Ventile schnell ersetzt. Zwei fehlen uns noch und völlig überraschend, ist es jetzt richtig kalt geworden.

31 Gedanken zu “Winterproblem

  1. Liebe Mitzi,
    „irgendwann“ kommt eine Zeit, wo der Winter einfach ausbleibt.
    Vielleicht werden wir ihn dann vermissen, denn uns Menschen kann man es nicht „recht machen“.

    Das Problem mit den Heizungsventilen können wir dann vielleicht durch lärmende Ventilatorpropeller ersetzen?!

    Ich finde, Sie sind sehr pfiffig, was die Hammerwartung der Ventile angeht. Wenn Sie sich dann schon bis zu dem kleinen Stift vorgearbeitet haben, würde ich da noch einen Tropfen Silikonspray o.ä. dranmachen, dann flutscht der vielleicht auch 2 Jahre – wie geschmiert – oder länger?!?

    Gruß Heinrich

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  2. Mitzi, du kleines Schlitzohr, du bist ja noch einen Zahn schärfer als ich. Das mit dem Stift lockern, das kenne ich, auch, dass man eine Schraube lockern muss. Aber dass ich Schrauben aus dem Treppenhaus von den dort befindlichen Ventilen bekommen könnte, das war mir irgendwie noch nicht klar. – Aber jetzt habe ich hier überall neue Ventile – also kann ich wohl diese gute Idee ad acta leben. Aber man kann es ja auch umwandeln.
    Wollen wir uns zum Mini-Gauner-Duo ausbilden lassen? 🙂
    Mit spitz(büb)mädischen Grüßen von Clara

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  3. Liebe Mitzi! Toll, wie Du Dich mit Heizungen auskennst … damit hat Dein Hausmeister natürlich nicht gerechnet! Danke für die lustige, entspannte Zeit des Lesens😉!
    Alles Liebe und eine funktionierende Heizung den ganzen Herbst und Winter wünscht Dir
    Nessy
    von http://www.salutarystyle.com – und mein neuestes Baby ist übrigens http://www.gesundheitsmagazin-online.com (nur für den Fall, dass die Heizung nicht funktioniert und die Erkältung 🤧 doch packt – übrigens mein nächstes Thema, wie ich gerade beschlossen habe  🤔)
     

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    1. Liebe Nessy, das Baby habe ich schon bewundert. Es ist sehr gelungen und ich werde ganz sicher oft bei dir vorbei schauen. Erkältungen sind gerade jetzt ein dankbares Thema.
      Liebe Grüße aus dem Warmen 🙂

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  4. ❤ ich bin eine von den seltsam vorbereiteten, die dieses spektakel immer leicht kopfschüttelnd betrachtet 😉 da ich außerdem noch einen nachtspeicherofen aus dem vorigen jahrtausend besitze, habe ich mit heizungsventilen kein problem 😀

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