Loslassen – buon viaggio, Mutiger.

Als ich eben die Tür aufsperrte, roch es nach Italien. Ein feiner Hauch nur, aber ganz eindeutig, hing der Duft des Landes, in dem ein Teil meines Herzens für immer wohnen bleibt, in der Luft. Im Bad ganz besonders. Da hängt ein noch feuchtes Handtuch zum Trocknen über der Türe und verströmt den ganz eigenen Geruch einer kleinen Mittelmeerinsel. Sie, die Insel, riecht ein wenig nach einem Boss After Shave, aber ich erkenne darin ganz eindeutig Italien. Auch am Duft des Sofa- und Kopfkissen erahne ich mein Sehnsuchtsland. Das Sofakissen verströmt Mailand, im Schlafzimmer riecht es nach Verona. Ich spinne, würde mir der mutigste meiner Freunde vermutlich attestieren und hat trotzdem nur kurz gegrinst als ich ihm mit dem Kissen im Arm nachlief und ihn bat, mir etwas von Italien da zu lassen. Jetzt hängt es hier zwischen den Nadeln meines Christbaums und flackert zwischen den Flammen des Adventkranzes. Am 25.12 eines jeden Jahres macht mich Italien ein wenig traurig, weil es mich an den Abschied erinnerte. Einen, den wir jedes Jahr haben und von dem man meinen könnte, dass man sich längst an ihn gewöhnt haben müsste. Wir verabschieden uns, seit wir uns kennen, ein halbes Leben lang, und müssten uns längst daran gewöhnt haben. Mir fällt es schwer und ich habe mich mehr als einmal gefragt, ob der Preis in Form beständiger Abschiede nicht ein wenig zu hoch ist.

Gewöhnt haben wir uns an eine Begrüßung, die den Atem nimmt. Mir – ihm nicht. Er ist viel größer als ich und umarmt mich immer so fest, dass ich Sekundenlang keine Luft bekomme. Die brauche ich aber auch nicht. Mir würde sie vor lauter Freude, ihn zu sehen, eh weg bleiben. Und während ich mich noch freue, fängt er schon an zu reden. Also…. Babbo Natale sei nun wirklich mein kleinstes Problem, ob ich das Fenster gegenüber im Erdgeschoss gesehen hätte. Er schiebt mich ein Stück von sich und sieht mir ins Gesicht. Da hätte einer eine Lebensgroße Alienfigur ins Fenster gestellt und beleuchte sie mit wechselndem grünem, lila und rotem Licht. Ohne eine Pause zu machen wendet er sich an meine Eltern und fragt die statt mir, warum ihre Tochter immer zwischen so seltsamen Menschen wohnen würde. Umarmt, begrüßt und sitzt am Tisch bei einem Glas Wein. Wie jedes Jahr spült er 365 Tage einfach weg und ist da, als wäre er nie weg gewesen. Später, weit nach Mitternacht, laufen wir durch die Straßen meines Viertels und suchen uns die Wohnungen mit den hässlichsten Weihnachtsdekorationen. Der beste meiner Freunde, schenkte mir einen Selfiestick. So ein Ding nehme ich nicht her, verkündet ich und packte es später doch vor einem unglaublich bunten und blinkenden Balkon aus. Platzierte den Mutigsten und mich davor und testete umständlich die Funktion dieses Gerätes. Ob ich wissen würde, dass der Besitzer der blinkenden Lichterketten seit einiger Zeit am Fenster stehen würde, raunte mein Freund mir zu und wir liefen lachend weiter durch die Nacht. Jetzt müssen wir heim, sagte ich. Der viele Wein, der Tee und überhaupt. Ich muss auf die Toilette. Auch das hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht geändert. Ich weiß nicht ob er sich an unseren Streit erinnerte, als er mir kurz vor Neapel den Vesuv im Abendlicht zeigen wollte und ich ihn anschrie, dass mir der Vulkan schnuppe sei und ich aufs Klo müsse. Jetzt! Es braucht eine besonders stabile Freundschaft, wenn man auf einer Küstenstraße im Stau steht, eine hysterisch nach einer Toilette verlangt und einer gerade einen der wenigen romantischen Momente seines Lebens hat. Eine solche Freundschaft braucht es auch, wenn man Jahr für Jahr auf einem Balkon steht, einem Auto hinterher blickt und sich darauf verlassen muss, dass Kilometer, Wochen und Monate nichts an der Vertrautheit ändern. Man muss sich gut kennen, um sich Jahr für Jahr am ersten Weihnachtsfeiertag kurz anzuraunzen um verschlafen darüber zu diskutieren, wer den ersten Kaffee macht und dabei festzustellen, dass es immer schwerer wird sich nach nur drei bis vier Stunden Schlaf aus dem Bett zu quälen. Es dürfen auch nur wenige Freunde vor meinem Wohnzimmerfenster stehen, in die Sonne blinzeln und mich fragen, wann ich das letzte Mal die Fenster geputzt habe und wann ich gedenke das Schlachtfeld in der Küche zu beseitigen. Wenn du weg bist, sage ich un umarme ihn ganz fest. Wir werden noch mit Siebzig, so hoffe ich, am Weihnachtsmorgen schrecklich müde sein, weil wir am Abend zuvor nicht ins Bett gehen konnten und uns noch so vieles erzählen mussten.

Diese Freundschaft ist den Preis der Abschiede wert. Jede einzelne Umarmung gleicht das Winken zum Abschied duzendfach aus. Er, der Mutigste, ist mein Herzensmensch. Dass er das bleiben wird, ist mir seit einigen Jahren bewusst. Seit ich es weiß, fällt mir das Loslassen leichter. 365 Tage. In dieser Freundschaft ist das ein Wimpernschlag.

10 Gedanken zu “Loslassen – buon viaggio, Mutiger.

  1. Schnuff Schnief Schnauf – liegt es am Alter, dass ich ein wenig rührselig werde, oder liegt es an Italien, liebe Mitzi? Italien ist in meine Familie eingezogen. Der Enkel ist jetzt für ein Jahr zum Schüleraustausch in Milano, Es ist ja höchstmusikalisch. Früher wollte er immer was Technisches werden und seine Musik als Hobby betreiben. Jetzt denkt er wirklich daran, Pianist zu werden. Vielleicht hat er für das Jahr einen Dozenten von der Mailänder Skala?
    Und dieses T-Shirt ist in meinen Schrank gezogen. Er wollte es nicht, weil er meinte, Florenz und Mailand sind nicht die besten Freunde, was ich nicht beurteilen kann.

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    1. Es liegt sicher an Italien, Clara. Diese Land hat etwas, dass einen ganz bestimmten Nerv anrührt.
      Milano ist eine herrliche Stadt. Ich lebte dort zwei Monate und obwohl sie mir eigentlich zu groß und zu modern und schick war, konnte ich mich ihrer Pracht nicht entziehen. ich wünsche deinem Enkel eine ganz fantastische Zeit und alles Glück um diesen Beruf zu verwirklichen.
      Liebe Grüße

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  2. die verbindung zu manchen menschen besteht und kann gar nicht reißen, als wäre es ein seil aus 10tausendfachem spinnfaden. ganz egal, wie lang man sich nicht gesehen hat, beim nächsten treffen ist es, als wäre das letzte gerade erst gestern gewesen.

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