Mustis Schatz

Mustafa, der Inhaber des kleinen Kiosk an der Kreuzung, grüßt mich heute morgen mit einem „Guten Morgen“. Das ist ein Wort mehr als sonst, aber deutlich weniger Herzlichkeit, die sonst in seiner Begrüßung mitschwingt. Normalerweise werde ich mit einem „Schatzi“ und drei Ausrufezeichen begrüßt. Bei Mustafa sind alle Frauen zwischen 15 und 75 Schatzi. Besucherinnen die dieses Alter deutlich sichtbar überschritten haben, sind Omi. Die Kundenansprache in Form von Koseworten ist ein kluger Schachzug. Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich begriffen habe, dass ich nicht das einzige Schatzi bin und Mustafa vermutlich einfach keine Ahnung von meinem wirklichen Namen hat. Mir ist es egal. Wenn mich einer morgens so freundlich anstrahlt, dann darf er mich auch gerne Schatzi nennen. Dass ich es heute nach zwei Jahren, das erste Mal nicht bin, fällt daher auf. Ich frage ihn ob er schöne Weihnachten hatte und ernte ein Stirnrunzeln. Nein, hatte er nicht. Wie mir sicher aufgefallen sei, ist er Türke, klärt er mich auf. Um seinen Hals baumelt kein Kreuz und ich könne daraus schließen, dass er Muslime ist und Weihnachten etwas sei, das ihn weder interessierte noch betreffe.
Alles gut, Musti, frage ich ihn und verkneife mir den Hinweis, dass um meinen Hals auch kein Kreuz baumeln würde und er die letzten vier Wochen fast täglich betonte, dass er sich dieses Jahr ganz besonders auf Weihnachten freuen würde, weil er es das erste Mal in seinem Leben feiern würde. So richtig. In einer christlichen Familie. Als Muslime in Bayern könne man den Advent und Weihnachten eh feiern, verkündete er. Nicht unbedingt wegen Christi Geburt, eher wegen der schönen Lichterketten, dem Baum und der heimeligen Stimmung – ganz so wie auch 75 % der getauften, aber längst gleichgültigen Katholiken. Er hatte sich darauf gefreut, das weiß ich.  Musti? Ich schaue ihn lange an und gebe den Geldschein für meine Zeitung nicht aus der Hand, bis er sich auf den Tresen lehnt und mit der Sprache rausrückt.

Das dann auch mit Nachdruck. Ersten sei sein Name Mustafa und nicht Musti. Und zweitens würde er Weihnachten ab sofort aus seinem Wort- und Gedankenschatz verbannen. Die drei Feiertage hätten ihn um zehn Jahre altern lassen und in dieses Minenfeld würde er sich nie wieder begeben. Die spinnen doch, die Christen. Er nimmt mir den Schein aus der Hand und streicht ihn glatt. Nicht alle Christen, korrigiert er sich, um mich nicht ungewollt zu beleidigen, aber die in der Familie seiner Freundin. Die würden wirklich spinnen. Weil Musti, den ich heute Mustafa nennen muss, so in Fahrt ist, nehme ich den Pappbecher den er mir reicht, ohne ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ich weder die Filterkaffee noch den Müll in Form von Pappbechern sonderlich mag. Manchmal muss man den Mund halten. Dann, wenn einem einer vordergründig wütend, etwas sehr trauriges erzählt. Musti erzählt, dass er sich auf alles eingelassen hatte. Sogar in die Christmette war er mitgegangen und hatte gefallen daran gefunden, weil das was Religionen verbindet am Ende mehr zählt als das was sie trennt. Und musste feststellen, dass Eltern und Großeltern seiner Freundin dort nur hingingen, damit die Nachbarn sich nicht das Maul zerrissen. Beim Essen nannte er die Neunzigjährige Großmutter „Omi“ und erntete entsetzte Blicke, die nur von denen übertroffen wurden, als er die Schwester der Freundin „Schatzi“ nannte. Wer Musti kennt, weiß, dass er sich keine Namen merken kann und wer sich ein bisschen Zeit nimmt, sieht an seinem warmen und herzlichen Lächeln, dass er alle seine Omis und Schatzis sehr wohl auseinander halten kann. Nur eben nicht namentlich. Besinnlich sei außer den Kerzen am Tisch nichts gewesen. Die Kinder wollten nur Geschenke und bekamen so viele, dass sie kaum Zeit hatten sich darüber zu freuen. Gestritten hatten sich seine Gastgeber schon bei der Vorspeise und noch vor dem Dessert musste er mit seiner Freundin die Wohnung der Eltern verlassen, weil die Generationen sich so in die Haare bekamen, dass eine Versöhnung an diesem Abend ausgeschlossen war.

Noch immer streicht er meinen Geldschein glatt. Als er ihn endlich in die Kasse schiebt, lacht er leise und schüttelt dann traurig den Kopf. All das gäbe es in seiner Familie auch. Man tappt in Fettnäpfchen, benimmt sich daneben, streitet und versöhnt sich oder versöhnt sich auch nicht. Die Familie macht es einem manchmal nicht leicht, aber von seiner Freundin, von der ist er sehr enttäuscht. Das von ihm überreichte Geschenk hat ihr nicht gefallen. Er sah es an ihrem Blick, als sie das Papier und die Schleifen löste und bekam die Bestätigung, als sie ihn am nächsten Morgen um den Kassenzettel bat, um es umzutauschen. So ist das, sagt er und lächelt tapfer. Geschenke müssen ja gefallen und es ist gut, dass sie so ehrlich war. Und jetzt raus mit mir, er müsse weiter arbeiten.

Draußen trinke ich den scheußlichen Kaffee. Nein, es ist nicht gut, dass sie ehrlich war. Ich und viele andere Schatzis haben in den letzten Wochen das zarte, filigrane Goldkettchen gesehen, dass er für sie schon im November gekauft hat und es aufgeregt wie ein kleines Kind den Stammkunden zeigte. Es ist wunderschön. Und selbst wenn man es nicht wunderschön findet. Wenn Mustis Augen nur halb so sehr geleuchtet haben, wie an dem Tag als er es mir zeigte, dann verstehe ich nicht, wie man sich nicht darüber gefreut haben kann. Es gibt Geschenke, die lieblos und herzlos ausgesucht werden. Ob man sie umtauschen darf, will ich gar nicht beurteilen. Etwas, das aber mit so viel Liebe ausgesucht wurde, das darf man nie, nie, nie einfach umtauschen. Selbst wenn man es scheußlich findet. Und nie, nie, nie, darf man einem Schatz wie Musi so vor den Kopf stoßen.

21 Gedanken zu “Mustis Schatz

  1. Ich kann Mustafas oder Mustis Traurigkeit sofort verstehen – und ich an seiner Stelle würde der Freundin auch nichts mehr schenken – und Weihnachten würde ich schon gleich gar nicht mehr in dieser Familie feiern gehen.
    Die „Christen“ machen es den „Nichtchristen“ nicht unbedingt leicht, denn SIE sind ja das von Gott auserwählte Volk – denken sie.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich glaube in der Familie hat Weihnachten wenig mit Religion zu tun. Enttäuschend ist es für einen, der sich im Vorfeld extra damit beschäftigt und dem ganzen eine echte Chance gibt. Er hat mir sehr leid getan und ich hoffe, dass er heut schon wieder über die doofe Nuss lachen kann.

      Gefällt 3 Personen

  2. Liebe Mitzi,
    danke für die Geschichte und religionspädagogische Intervention. Das Wort „Kassenzettel“ steht nicht in der biblischen Konkordanz und schätzungsweise nicht in der koranischen. Dem gereizten und reizenden Paar wünsche ich eine neue Chance.
    Dir an dieser Stelle herzlichen Dank für Deine anteilnehmenden und gebenden Geschichten in diesem Jahr, die vielen Leser*innen und mir so reizvollen Lesestoff und Denkstoff geben.
    Guten Rutsch und beste Grüße, Bernd

    Gefällt 3 Personen

  3. Tja, die lieben Menschen. So sind sie. Nicht alle, aber ZU viele!

    Bei Lo habe ich eben gelesen, was Karl Valentin gesagt hat:
    Wenn die stille Zeit vorbei ist, wird es wieder ruhiger.

    Ich drücke Mustafa die Daumen, dass auch er seine innere Ruhe wiederfindet!

    Gruß Heinrich

    Gefällt 1 Person

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